Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

„… dass die Person nicht ganz ‘dicht’ ist…” – Der Joker hat zugeschlagen

Hadmut
22.2.2020 13:58

Ein Leser fragt, ob das nicht als Ursache des Hanau-Attentats in Frage käme.

Mir kommt dazu ein Gedanke.

Der Leser verweist auf diesen Tagesschau-Artikel.

Darin heißt es:

Der mutmaßliche Attentäter von Hanau hat wesentliche Teile seines “Manifests” offenbar bereits spätestens Anfang November 2019 verfasst. Das geht aus einem dem SWR vorliegenden E-Mail-Verkehr von Tobias R. mit dem Leiter eines “Instituts” vor, das sich mit sogenannter “Fernwahrnehmung” beschäftigt.

Der mutmaßliche Attentäter hatte sich nach Angaben des Leiters des “Instituts” am 13. Dezember per E-Mail an ihn gewandt. Er wollte Hilfe von ihm, weil er sich beobachtet und bespitzelt gefühlt habe. Tobias R. übersandte dabei auch eine von ihm erstellte “Strafanzeige gegen eine unbekannte geheimdienstliche Organisation” an die Bundesanwaltschaft. Diese trägt das Datum 06. November 2019. Ob diese auch bei der Behörde eingegangen ist, ist noch unklar. […]

Der Leiter des “Instituts” teilte dem SWR schriftlich mit: “Mir war von Anfang an klar, dass die Person nicht ganz ‘dicht’ ist, daher habe ich versucht, sämtlichen Kontakt zu meiden.” Auf diverse E-Mails habe er nicht geantwortet.

Auch die Bundesanwaltschaft hatte nicht auf die „Strafanzeige” des Mannes reagiert.

Der Leser fragt, ob es nicht als Ursache in Betracht käme, dass der Mann überall ignoriert wurde, sich ausgegrenzt gefühlt habe.

Weiß ich nicht. Kann ich nicht beantworten. Weder bin ich Psychiater, noch kenne ich den Täter, noch weiß ich, was da eigentlich passiert ist. Und mit der Hellseherei habe ich es nicht so, ich arbeite ja nicht bei Presse oder Fernsehen.

Allerdings muss ich sagen, dass es auf mich wesentlich plausibler wirkt als alles, was uns Presse und Fernsehen bisher so auftischen. Seit Tagen kommt da nur Dauergeprassel „die AfD ist Schuld”, ohne jemals zu sagen, wo und an welcher Stelle da der konkrete Zusammenhang besteht.

Ich find es zwar sehr kurios, wenn ausgerechnet ein Leiter eines “Instituts”, das sich mit sogenannter “Fernwahrnehmung” beschäftigt andere für nicht ganz dicht erklärt. Telemetrie und Elektrotechnik wird wohl nicht deren Thema sein – obwohl, wenn man es genau betrachtet, „Fernsehen” im wörtlichen Sinne, die Tagesschau ja auch ein „Institut” ist, das sich mit sogenannter „Fernwahrnehmung” beschäftigt. Vielleicht meinen sie ja sich selbst und wollen es nicht zugeben.

Aber: Es ist wenigstens mal ein konkreter Anhaltspunkt. Es ist mal ein konkreter Vorgang, nicht irgendwelche Beschuldigungen rein aus Prinzip.

Der Leser fragt, ob das alles hätte vermieden werden können, wenn dem man mal irgendwer zugehört und sich mit ihm befasst hätte. Vermutlich. Vermutlich wäre das nicht übergekocht, wenn der seine Last im Hirn mal irgendwo hätte abladen können (mal unter der bisher nicht öffentlich belegten Prämisse, dass er überhaupt der Täter war (beispielsweise die WELT schrieb gestern noch durchgehend von „mutmaßlich”, also sind die sich auch nicht sicher, ob der das wirklich war). Wenn dem mal jemand zugehört hätte.

Gelegentlich, sehr selten, aber doch hin und wieder kommt es vor, dass mich als Blogger mit gewisser Bekanntheit Leute anschreiben oder anrufen und durchgeknallte Ideen vortragen. Es hat bisher aber immer gut funktioniert, da ein, zwei wesentliche Punkte rauszugreifen und den Leuten sachlich und trocken zu erwiedern „Nein, weil …”, schauen Sie sich dies mal an, oder sonst wäre ja …” Man kann das meistens, eigentlich fast immer mit einleuchtenden, sachlichen, einfachen Argumenten „erden”, indem man die Leute dazu bringt, selbst zu denken oder zu beobachten. Vielen kann man aus ihrer Schnapsidee heraushelfen, indem man sagt, ja, ich hab’s mir angesehen und drüber nachgedacht, ich habe es geprüft, aber nein, es ist nicht so, aus folgenden Gründen, und die kann man selbst überprüfen. Erst wenn einer insistiert, höflich nicht mehr loszuwerden ist und immer wieder kommt, sage ich auch mal, dass meine Zeit kostbar und nicht nur für ihn alleine da ist, und er es dann halt auch mal für 50 Cent der Parkuhr erzählen soll.

Wenn aber einer von Hinz zu Kunz rennt und was loswerden will, und wirklich gar niemand hört ihm zu, und jeder ihm das Gefühl, dass man ihn nicht ernst nimmt, dann bleibt eigentlich gar nichts anderes übrig, als dass der sich einigelt und das dann intern hochkocht, bis es knallt.

Und wenn dann da steht

In dem Schreiben schrieb der mutmaßliche Attentäter von einer “ständigen Ausländerkriminalität” und “Hochverrat” an Deutschen.

(Wohlgemerkt: Auch die Tagesschau schreibt am 20.2. noch „mutmaßlich”.)

dann ist einem sofort klar, dass der nirgends, wirklich nirgends noch an irgendeiner öffentlichen Stelle, Presse, sonstwo Gehör finden konnte.

Ich will es mal provokativ sagen: Wenn die AfD das ist, als was sie in Politik und Medien hingestellt wird, nämlich als die zentrale Anlauf- und Sammelstelle für Fremdenfeinde und Nationalisten mit Verschwörungstheorien, dann wäre ein Kontakt des Täters zur AfD vermutlich das einzige gewesen, was ihn vom Attentat noch abgehalten hätte, weil er dann dort Gehör und Gleichdenkende gefunden hätte und er Gesprächspartner gefunden hätte. Dann hätte man ihn sogar dorthin schicken müssen, damit er sich mal in einer Herde aufgenommen und nicht permanent ausgegrenzt und ignoriert fühlt. Damit der mal ein „Zuhause” hat.

Das mag jetzt frappierend klingen, aber wenn ich so drüber nachdenke, liest sich das alles für mich so, als ob der „Kampf gegen rechts” die indirekte Ursache war, nämlich der allgemeine politische Druck, sich mit Leuten, die so ein Thema haben, nicht zu befassen, gar nicht erst zu kommunizieren. Keine Plattform bieten und sowas. Wenn der dann noch psychisch neben der Spur läuft und Waffen hat, führt das eigentlich direkt und fast unweigerlich in die Ausfluchthandlung.

Mir fällt da gerade der Film „Joker” ein. Ich hatte ja eine Rezension und noch zwei Folgekommentare (hier und hier) dazu geschrieben.

Wie gesagt, man weiß noch fast nichts über den Fall in Hanau, aber nach dem, was sich da so abzeichnet und andeutet, wirkt das auf mich frappierend wie diese Situation, die in Film Joker beschrieben wird: White Male Trash, ausgespuckt von einer Gesellschaft, die sich nur noch um Farbige, Frauen, Transen, Behinderte, Minorities, Migranten kümmert und weiße heterosexuelle Mittelstandsmänner der unteren Bildungsschichten einfach als Müll ausspuckt, ausgrenzt und dann ignoriert.

Es ist wohl kein Zufall, dass auch der Joker im Film noch bei und mit seiner Mutter lebte und sie umgebracht hat.

Der Joker im Film war ein Versager, ein Spinner, dessen Fähigkeiten noch zum Überleben im unteren Gesellschaftsbereich gereicht hätten, wenn nicht auch noch die Ausgrenzung dazugekommen wäre. Wenn nicht auch noch Behörden auf ihm herumgetrampelt und ihm die letzte Person wegrationalisiert hätten, die ihm noch zugehört hatte.

Auch der Joker im Film war psychisch krank, verlor jede Hilfe.

Auch der Joker im Film kam dann an eine Pistole und das Morden nahm seinen Lauf.

Mir drängt sich der Gedanke auf, dass das hier enorme Ähnlichkeit zum Plot des Films Joker hat, fast identisch ist.

Mich würde interessieren, ob der – mutmaßliche – Attentäter von Hanau den Film Joker gesehen hat.