Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Die Schule der Zukunft

Hadmut
3.9.2019 23:40

Eine Blinde entwickelt die Farben neu oder so ähnlich.

In Dresden wollen sie die Schule der Zukunft bauen, entwickelt von einer Bildungsforscherin, also der Kategorie Geisteswissenschaftler, die es mit Bildung nicht so haben und darauf dann ihre Vorstellungen stützen. Mir fiele jetzt kein einziger Fall ein, in dem Bildungsforscher etwas auch nur gleich gut mit dem gemacht haben, wie es ohne Bildungsforscher war.

Anke Langner: Zum Hintergrund muss man vielleicht wissen, dass ich Professorin für inklusive Bildung bin, also immer sehr stark dafür argumentiert habe, dass wir eine Schule aufbauen, die individualisierte Lernwege ermöglicht. In dem Wissen, dass wir eine öffentliche Schule sind und nicht mehr Lehrerinnen und Lehrer bekommen werden, haben wir überlegt, wer oder was uns dabei helfen könnte, Schule funktionaler für die individuellen Lernwege zu machen.

„Inkklusiv”. Alles klar.

Im Prinzip steht da, dass die Schule gerade zusammenbricht, weil sie nicht mehr die Lehrer finden, die sie für die neuen Kinder – quantitativ und qualitativ gemeint – bräuchten. Schule für Unbeschulbare und das ohne die Lehrer, die eine Beschulung versuchen würden – passt irgendwie gut zusammen, hat nur nichts mehr mit „Schule” zu tun.

Es kam die Idee, dass uns digitale Werkzeuge helfen könnten, bestimmte Dinge effizienter und effektiver zu gestalten. Um also individualisierte Lernwege in einem kooperativen Lernprozess zu ermöglichen, haben wir geschaut, was wir uns aus dem Bereich der Digitalisierung holen können, was uns neue Wege eröffnet.

Der Computer soll’s richten. Schaut Euch Youtube-Videos an.

Ich kann mich noch erinnern, dass ich an der Uni mal eine Datenschutzvorlesung gehört habe, und dann doch ziemlich verdutzt war, als der Assistent reinkam und erklärte, dass Herr Professor geruhen an zwei Universitäten zu weilen und natürlich die juristische vorziehe, aber keine Lust habe, die Vorlesung zweimal zu halten. Deshalb wurde die Vorlesung auf Video aufgenommen (Billig-Videokamera, Stand 90er Jahre) und im Hörsaal von der Kamera an einem Monitor abgespielt. Immerhin ließ man sich dann dazu bewegen, die Videos auf einen Webserver zu packen, so dass man sie von zuhause aus sehen konnte und erst gar nicht mehr hin musste.

Wird dann auch im Klassensaal so.

Könnte einiges erleichtern. In Duisburg soll ein 14-Jähriger den Schuldirektor ins Krankenhaus geprügelt haben, was zwar wohl etwas übertrieben war, irgendwo stand, er sei nur wegen einer dicken Augenbraue kurz behandelt worden, aber es zeigt das Problem, und es wäre vorteilig, wenn die sich nur an einem Bildschirm auslassen können.

Langner: Die klassische Methode für die Umsetzung ist die Projektmethode. Das heißt, die Lehrkraft greift einen Impuls der Kinder auf und unterstützt sie dann darin zu planen, wie sie sich ihre Fragen erklären können. Eltern beschreibe ich es wie folgt: Wenn sich ein Kind fragt, warum das Flugzeug in der Luft bleibt, können davon ausgehend ganz viele weitergehende Fragen gestellt werden. Als geschickte Lehrerin kann ich eigentlich an so einer Frage den kompletten Lehrplan bearbeiten lassen. Das ist die Idee unserer Schule zu sagen: Schüler kommen mit Fragen und an diesen Fragen etablieren sie Projekte, begleitet durch die Lehrerinnen und Lehrer.

Jo. Und wenn sie sich nicht fragen, warum ein Flugzeug in der Luft bleibt, wird es nie erörtert werden. Oder viel schlimmer: Wenn sie glauben, die Antwort schon zu wissen. Dann kommt dann sowas raus: Warum die Wolken oben bleiben und nicht herunterfallen. Christlich-Theologisch: Weil die Schwerkraft nicht so hoch reicht. Deshalb seilen sich Bergsteiger auch an, damit sie nicht ins Weltall davonfliegen, weil’s da oben ja keine Schwerkraft mehr gibt. Oder die neotheologische Variante: Weil Allah das so will. Nur noch Begleiter bei der Suche nach Antworten auf Fragen zu sein, quasi so eine Art Google-Helfer, ist eine Null-Leistung.

In der Regel arbeiten fünf bis sechs Schülerinnen und Schüler in einem solchen Projekt zusammen. Die Gruppen sind altersheterogen und wir setzen an dieser Stelle sehr bewusst auch auf eine starke Heterogenität und die Möglichkeiten des Peer Learning.

Die Älteren bestimmen und die Jüngeren bekommen auf’s Maul.

Man beachte: heterogen, nicht divers.

Langner: Lehrer werden zu Lernbegleitern, die das Lernumfeld entsprechend für die Schülerinnen und Schüler gestalten. Damit verändert sich die Rolle des Lehrers zentral: Es geht nicht mehr um die Wissensvermittlung, die an eine Person gebunden ist. Um den Lernprozess gut begleiten zu können, müssen die Lehrerinnen und Lehrer die individuellen Lernwege der Schülerinnen und Schüler genau beschreiben und dokumentieren. Hier unterstützt uns eine eigens dafür entwickelte Software, in der die Kinder ihre Projekte planen und in Form eines E-Portfolios auch hinterlegen – dies bedeutet nicht, dass alles elektronisch im Lernprozess erfolgt, sondern dass es lediglich so abgelegt wird. Die Dokumentation erfasst auch die bereits bearbeiteten Themen des Curriculums und die erreichten Kompetenzen.

Ich bekomme immer Furunkel am A…nderen Ende, wenn ich irgendwen von diesem dämlichen „Kompetenzen” schwätzen höre. Ich habe noch nie erlebt, dass eine dieser „Kompetenzen” auf Befähigung, Sachkunde, Wissen hinauslief, immer nur auf Ausflüchte, Erklärungen, Beschimpfungen, warum und aus welchen Gründen man das jetzt gerade nicht erwarten oder verlangen darf. Gender-Professorinnen zum Beispiel. Die wissen nichts, können nichts, kommen aber sofort mit „Kompetenzen” daher. Reine Tarnung für „kann nix”.

Und deshalb ist das auch so wichtig, dass sich „die Rolle des Lehrers zentral verändert”: Wenn man keine Lehrer mehr findet, die den Job machen und noch irgendwas wissen, was sie vermitteln könnten, braucht man solche Notfallkonzepte. Wenn man in Läden wie IKEA oder Decathlon einkauft, dann stehen da Selbstbedienungskassen, und ständig kommt irgendein Billiglohn-Dödel vorbei und fragt, ob man klarkommt oder ein Problem habe. Genau darauf läuft’s mit den Lehrern dann hinaus: Das Wissen wird vom Computer präsentiert und der Lehrer kann vielleicht gerade noch sagen, welchen Button man drücken oder dass das Tablet ans Ladegerät muss.

Langner: Ja. Die Schülerinnen und Schüler entwickeln etwas miteinander und trotzdem haben sie unterschiedliche Aufgaben innerhalb des Projekts – aber nur dadurch, dass alle ihre Aufgaben erledigen, ist das Projekt auch als Ganzes denkbar. Ein Beispiel: Stellen wir uns vor, wir wollen ein Floß bauen, mit dem wir über die Elbe fahren können. Dann bearbeiten die Schülerinnen und Schüler ganz unterschiedliche Aspekte und am Ende kann auch das jeweilige Ergebnis für jeden unterschiedlich sein. Der eine kalkuliert vielleicht, wie viel Holz wir brauchen, damit das Floß schwimmt, ein anderer fragt nach der geschichtlichen Bedeutung des Floßbaus und so weiter.

Dann weiß am Ende höchstens einer, wie man darauf kommt, wieviel Holz man braucht. Und wenn’s nicht stimmt, dann weiß es gar keiner.

Das läuft darauf hinaus, dass es Leute geben wird, die niemals etwas ausrechnen werden, sondern das immer anderen überlassen. Die Verallgemeinerung der Frauenquote in die Schule. Wenn man will, dass die Leute was lernen, dann muss eben jeder einzelne die Aufgaben rechnen und nicht einer pro Gruppe. Zumal ich trotz Meeresspiegelanstieg gewisse Zweifel habe, ob uns ein Floßbau als Schulprojekt wirklich weiterbringt.

Langner: Es soll wirklich ganz frei sein und darin liegt am Anfang die Herausforderung für die Lehrkräfte. Sie müssen mit ihrer Fachkompetenz versuchen, Projektumfelder zu gestalten, die vieles möglich machen. Was können sie einem Kind anbieten, wenn es sich mit einer bestimmten Frage auseinandersetzt, was kann es in Mathe oder im Sachunterricht dazu noch bearbeiten? Noch ein Beispiel: Wenn ein Kind direkt eine sehr komplexe Frage stellt, wie „Warum kann eine Rakete zum Mond fliegen?“, ist die Beantwortung der Frage nicht der einzige Erkenntnisprozess. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass es sich Wissen aneignen und planen muss, wie es vorgeht.

Und was ist mit denen, die keine Frage stellen?

Schule so reduziert und verblödet, dass sie nur noch die als Regel ansieht, die keine Schule brauchen, und deshalb gar keinen Nutzen mehr haben kann?

News4teachers: Das heißt, am Anfang sollte die Erkenntnis stehen, warum soll ich lernen, warum will ich lernen?

Langner: Ja, und die eigene Einsicht, warum ich überhaupt Lesen, Schreiben und Rechnen brauche. Und das kann man sehr spielerisch machen: Kinder wollen wissen, wie alt und wie groß sie sind.

Quatsch.

Ich hatte mal vor langer Zeit ein Kind so als Babysitter öfters in der Obhut und war mit dem unterwegs. Das Kind (spätes Kindergartenalter) hatte partout keine Lust, Lesen zu lernen. War fest überzeugt, dass man das nicht brauche und das Zeitverschwendung sei, sich damit abzugeben. Überflüssiger Quatsch, nicht zu überreden. Ich war dann mit dem Kind in einem Restaurant essen und es musste dann mal. Man kam durch eine erste Tür in den Vorraum und dort gab es dann mehrere Türen mit Aufschrift „Herren”, „Damen”, „Küche”,„Privat” und sowas. Ich hab’s gnadenlos durchgezogen und gefragt „Willst Du etwa in die Küche pinkeln?”, auch die nasse Hose (zu der es dann doch nicht kam) in Kauf genommen, und dann dort mühsam, Buchstabe für Buchstabe, jedes Schild entziffert, das richtige natürlich zu allerletzt. Bis es vom Verkneifen schmerzte. An diesem Tag hat das Kind verstanden, warum man lesen können muss. Wenn man lesen kann, weiß man sofort, wo man pinkeln gehen kann. Nicht aus eigenem Antrieb, sondern durch Zwang des Älteren. Nicht lange später hat das Kind die Harry-Potter-Bücher gelesen – als erstes seiner Klasse. Von selbst wäre das Kind lange bei seiner Überzeugung geblieben.

Welchen Lernantrieb könnte ein Kind haben, dem man eingetrichtert hat, dass im Koran schon alles stehe und es ohnehin nur darum gehe, sich auf das Leben im Paradies vorzubereiten und den Ungläubigen zu misstrauen?

Außerdem wollen Kinder nicht wissen, wie alt genau sie sind. Wir haben jede Menge erwachsener Migranten, die das nicht wissen und auch nicht wissen wollen. Wir haben Leute, die seit 40 Jahren hier leben und kein Wort Deutsch sprechen.

Würden die dann auch die Fahrschule so gestalten, dass man in Projektarbeit nur die Themen erforscht und sich selbst herleitet, die einen mal so interessieren?

Oder die Ausbildung zum Chirurgen?

Vor dem Zusammenbruch

Ich habe es oben schon angesprochen:

Ich glaube, das ist die Verzweiflungstat vor dem Zusammenbruch. Die merken, dass die Schule schlicht am Ende ist und ein Unterricht mangels Lehrer (nicht genug und die wollen auch nicht mehr) nicht mehr angeboten werden kann, und versuchen nun, den Krisenzustand als Lernwissenschaftliches Überraschungsei zu verkaufen.