Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Genderismus ist behindertenausgrenzend

Hadmut
9.4.2013 23:13

Wow! Ein sehbehinderter Leser hat mich gerade auf etwas gebracht, woran ich selbst noch gar nicht gedacht habe und worauf ich auch nicht ohne weiteres selbst gekommen wäre:

Ziemlich viele Leute lesen im Internet und anderswo Texte mit Braillegeräten (Tablets, Zeilen und was es alles gibt). Er sagt, dass dieser ganze Schnickschnack mit _ und I und * und was nicht alles (und ich vermute auch all die anderen Verkomplizierungen mit der ständigen Verdoppelung und anderen Sprach- und Grammatikexperimenten) für ihn eine Barriere darstellen und ihm das Lesen erschweren. Und ich könnte mir gut vorstellen, dass es das Lesen auch für solche Leute erheblich erschwert, die diese optischen Vergrößerungsgeräte (Kamera mit Bildschirm) zum Lesen verwenden. Auch die ganzen künstlich aufgeblähten und verkomplizierten Gesetzestexte und so weiter erschweren da das Lesen sicherlich erheblich.

Das ist hart.

Denn Feminismus-Genderismus-Queer nimmt ja immer für sich in Anspruch, den Rest der Welt gegen den weißen, gesunden, nichtbehinderten, heterosexuellen Mitteleuropäer zu verteidigen, und gibt sich insbesondere auch als Beschützer der Behinderten aus.

Faktisch aber bauen sie Barrieren gegen Behinderte auf und grenzen sie aus. Künstliche Stolperfallen. So ähnlich, als würde man künstliche Treppenstufen gegen Rollstuhlfahrer aufbauen, damit die auch nicht mehr überall reinkommen.

Ironischerweise gibt es ja auch das ebenfalls linke Ansinnen der „leichten Sprache”, die schon auf arg niedrigem Niveau liegt. Anscheinend sollen Blinde auch auf solche Primitivsprache ausweichen, Gesetzestexte, Prüfungsordnungen und dergleichen brauchen Blinde ja nicht mehr zu lesen, die müssen ja nicht barrierefrei zu sein.

Ein Hoch auf die Gleichstellung durch den Feminimus. Ganz toll.

Danke für den Hinweis.


14 Kommentare (RSS-Feed)

Igo
10.4.2013 2:50
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Ist vielleicht nicht ganz das Thema, aber hier mein Erlebnis mit einem blinden Mädchen. Sie war etwa 18 und in den 80er Jahren Telefonistin bei einer größeren Gemeindeverwaltung. Als Hilfe hatte sie eine Braillezeile mit etwa 20 Zeichen. Diese Zeile funktionierte aber meistens nicht. Weil von den zuständigen Technikern niemand den Fehler finden konnte, war ich und ein anderer „Reaparaturchaot“ von auswärts dorthin beordert. Den Fehler haben wir schließlich auch gefunden, hat einen langen Tag gedauert. Aber darum geht es nicht, sondern, wie nimmt ein Blinder die Welt war. Und da habe ich viel gelernt

Das Mädchen fuhr einmal mit dem Finge über die Braillezeile, geschätzt 0,2 Sekunden, und hatte alle Zeichen gelesen. Bei der Fehlersuche fragte ich sie welche Stifte für einen bestimmten Buchstaben herausstehen müssen, sie konnte es nicht sagen. Sie musste über die Zeile fahren um zu sagen was da steht. Selbst einzelne Zeichen musste sie bewusst ertasten. Welche Stifte das sind, wußte sie nicht. Sie sagte was es für ein Zeichen es ist und ich konnte dann schauen, welche Stifte herausstehen. Und hier ging es weniger um Begriffe, als um Zahlen (Telefonnummern).

Wenn die Braillezeile nicht funktionierte, arbeitete sie trotzdem weiter. Wo die Tasten waren wusste sie und welche leuchteten erspürte sie an der Wärmestrahlung der Birnchen. Nach ihrer Auskunft funktionierte die Braillezeile in der Regel nur 5 Minuten, nachdem der Techniker das Haus verlassen hat. Sie traute sich schon nicht mehr anzurufen.

Unabhängig von der Braillezeile bekam ich einiges mit, was Blinde so können.

Da die Mitarbeiter nicht selbst ins öffentliche Netz wählen konnten, mussten alle Gespräche angemeldet werden. Schätzungsweise 10 bis 15 Aufträge konnte das Mädchen annehmen und sich die Externnummer mit gewünschtem Gesprächspartner und die Internnummer merken. Ich war einfach nur noch platt wie das funktionierte.

Die Krönung aber war, sie protokollierte alle Gespräche, nach dem die Gebührenmeldung gekommen war, tabellarisch auf einer normalen Schreibmaschine. Bei Stress brach sie auch mitten im Tippen ab, um dann, wenn wieder Zeit war die Zeile fertigzuschreiben (und eventuelle weitere Zeilen zu schreiben).

Eines habe ich an dem Tag auch noch gelernt. Wenn man mit einem Blinden in einem Raum ist, kann man nichts vor ihm verbergen. Bei Sehenden klappt das schon eher.

Ich bin zwar etwas vom Thema abgeschweift aber es war einfach mein Bedürfnis dies mitzuteilen, denn das Erlebte hat mich im weiteren Lebensweg sicher beeinflusst.


Georg
10.4.2013 3:24
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Sehr guter Einwand gegen diesen Unsinn. Danke fUr den 2. Link, verstehe jetzt den Bundestag.


Heinz
10.4.2013 5:16
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> die ganzen künstlich aufgeblähten und verkomplizierten Gesetzestexte

hier trifft es sogar alle

Wenn jemand das Problem hat könnte ich
https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/binnen-i-be-gone/
empfehlen, hoffentlich funktioniert es, zusammen mit dem Ausgabegerät für Blindenschrift.


rb
10.4.2013 7:45
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Daß Sehbehinderte Probleme mit gendergerecht manipuliertem Schriftgut haben, ist ein Aspekt, auf den ich von alleine nicht gekommen wäre, zumal ich den einschlägigen Erfahrungshintergrund persönlich als Nurzumautofahrenbrillenträger nicht habe. Dieses Beispiel stützt aber eine Vermutung, die ich schon länger hege: Daß nämlich der Genderismus, insbesondere in der hier und heute virulenten Form, nichts weiter als ein mit dümmlicher Ideologie aufgeblasener kollektiver Egoismus einer abgegrenzten Gruppe ist. _Und_ daß dieser Egoismus mit einer Lautstärke in der Öffentlichkeit herumbrüllt, die alle anderen Problemlagen etwa von Sehbehinderten übertönt.

Da wird alles, was einem persönlich nicht in den Kram paßt, zu einer gesamtgesellschaftlichen Angelegenheit aufgeblasen, und alle sollen sich ohne Rücksicht auf ihre eigenen Bedürfnisse um nichts anderes als die jeweiligen idiosynkratischen Befindlichkeiten von Angehörigen des “benachteiligten Geschlechts” kümmern. Die zugrundeliegende Pseudotheorie kann flexibel an die jeweils gefühlten Bedürfnisse angepaßt werden (ähnlich wie die “Theorie” der katholischen Kirche: Möchte man Anweisungen geben, dann beansprucht man göttliche Autorität, gilt es, Fehler zu kaschieren, beansprucht man menschliche Fehlbarkeit, sollen Widersprüche der Ideologie übertüncht werden, lassen sich die menschliche Vernunft übersteigende göttliche Geheimnisse ins Spiel bringen. In jeder Situation gibt es eine passende Ideologiekomponente). Die Gender”theorie” ist genau so inkonsistent und schwammig, wie sie sein muß, um als Vehikel zur Geltendmachung beliebiger Ansprüche fungieren zu können. Das bedeutet auch, daß durch entsprechende Selbstimmunisierungskomponenten die Wahrnehmung oder gar Diskussion der Defekte der “Theorie” unmöglich wird. Es entsteht eine selbstbezügliche Schwafelstruktur (Struktur lustigerweise durchaus im Sinne des philosophischen Strukturalismus) mit solipsistischem Eigenleben und autonomer Erzeugung von “Sinn”, welcher für Außenstehende unzugänglich ist.
Die Stimme schallt in merkwürdiger Klangfarbe aus dem Mikrofon – ja, in der Selbstwahrnehmung klingt die eigene Stimme anders als in der Wahrnehmung durch Fremde bzw. über eine Mikrofonanlage, und dieser Unterschied kann sich unangenehm anfühlen. Das ist mir auch mal so gegangen, und ich mußte mich damit abfinden. Genderistinnen müssen das nicht, die brüten eine Story über angeblich manipulierte Mikrofone aus, und die Allgemeinheit habe das gefälligst abzustellen.

Und ein anderes Beispiel steht am Beginn des absurden aufschrei-Gedöns: Da soll nämlich diese Journalistin Himmelreich den Brüderle erst einmal wegen seines vorgerückten Alters angemacht haben. Daß etwa Journalistenbübchen Leute entsprechenden Alters in der plump-dämlichen Manier von Zeitungsüberschriften wie “Darf Opa noch ans Steuer?” anmachen dürfen, ist in dieser Gesellschaft weitgehend diskussions- und auf jeden Fall aufschrei-frei akzeptierte Praxis. In einer Gesellschaft also, die erst ihre Infrastruktur so einrichtet, daß viele auf ein Auto angewiesen sind, etwa schon um auf dem Lande vielerorts sich noch etwas zu Essen besorgen zu können, und die dann anfängt, vermeintlichen Problemgruppen die Benützung von Autos einzuschränken. So, und nach diesem Einstieg war die Journalistin Himmelreich damit überfordert, sich auf die zweifelsfrei abgeschmackte Bemerkung von Brüderle eine eigentlich auf der Hand liegende Erwiderung, etwa in der Richtung “Was können Sie denn so ausfüllen?” einfallen zu lassen; und diese Belanglosigkeit wird dann wochenlang durch die öffentlich-rechtliche Talkshowmaschinerie gedreht. Das ist irrenhausreif.

Und natürlich Frauenquoten: Von denen profitieren nämlich nur ganz bestimmte Alterskohorten von Frauen, nämlich die, die gerade dann auf die entsprechenden Stellen kommen, wenn die Quote aufgebaut wird, in der Phase also, in der männliche Bewerber durch die Quote benachteiligt oder gar ausgeschlossen werden. Für die Frauen, die nach Erreichen der Quote kommen, sieht die Situation wieder anders aus, es sei denn, die Quote wird dann mitgezogen, letztendlich bis zum mathematisch möglichen Maximum. Frauenquoten sind somit auch nichts anderes als ein ideologisch verbrämter Gruppenegoismus, wobei die Gruppe mitnichten durch Geschlechtszugehörigkeit bestimmt ist.


michael
10.4.2013 10:56
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@Igo: Hier sind technisch interessierte Leute anwesend… wo lag denn das Problem der Braillezeile?


Masi
10.4.2013 12:26
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Ganz unabhängig, ob man blind ist, sind diese “ich will es jedem Geschlecht Recht machen”-Wortkonstrukte unmöglich. Bin selbst Jugendleiter und habe bei einem Seminar ein Handbuch für Jugendleiter-Innen in die Hand gedrückt bekommen, wo überall diese Erweiterung mit Bindestrich und großem I verwendet wird. Nach etwa einem Kapitel habe ich das Lesen entnervt aufgegeben. Es ist auch für einen Sehenden unmöglich zu lesen. Und es lag bestimmt nicht am Inhalt, der war eigentlich recht informativ. Schade dass durch diese Verunglimpfung der Sprache interessante Informationen quasi unzugänglich gemacht werden. Vorallem die Variante Bindestrich mit großem I danach sorgt bei mir dafür, dass ich jedesmal gedanklich anhalten muss, weil für mich nach dem “sinnfreien” Bindestrich ein eingeschobener Satz oder so etwas kommen müsste, aber nicht kommt. Man fühlt sich beim Lesen eines solchen Textes tatsächlich behindert (wenn ich das jetzt in dem Kontext so sagen darf).


Pete
10.4.2013 16:40
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@Masi,
an die Jugendleiter-Innen und Jugendleiter-Aussen…
Du hast vollkommen Recht, nicht nur fuer die Blinden ist es eine Quaelerei, sich durch diesen Unsinn zu bemuehen, fuer jeden anderen mit normal entwickeltem Sprachgefuehl ist es genauso. Einfach grauenhaft.


Lohengrin
10.4.2013 20:28
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Vor ein paar Wochen war ich auf einer Konferenz, wo jemand die neue Version einer amtlichen Vorschrift vorgelesen hat. Es war für mich anstrengend, den Text zu entgendern. Der Vorleser hat sich auch mehrmals verheddert.
Nach mehreren Minuten war das Blabla zuende. Der Inhalt hatte auch nach der Entgenderung wenig mit der Realität zu tun. Es geht also weiter wie bisher.


ein anderer Stefan
10.4.2013 20:56
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Für wen ist denn diese “leichte Sprache” gedacht? Für geistig Behinderte, die nur ein geringes intellektuelles Verständnis haben?


Igo
10.4.2013 21:05
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@michael
Das Flachbandkabel von der Braillezeile zur Steuerplatine hatte Kurzschluss. Verursacht durch schlechte Leitungsführung an einer scharfen Blechkante. Dadurch sind immer die Treiber-IC gestorben. Wir haben die Treiber-IC durch eine Batterie Leistungstransistoren (3N3055) ersetzt und konnten den Fehler beim Auftreten dann “optisch” registrieren (eine dickere Stromversorgung war ebenfalls eingesetzt).

Blindentische waren, da Einzelanfertigung, immer eine riesige Bastelei.


Nicolai
12.4.2013 11:28
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Klar erschweren die Gender-_, -* und -I das Lesen. Es wird ja auch mehr Inhalt transportiert, den es zu denken gilt.
Aber _ und * existieren sogar schon in 6-Punkt-Euro-Braille, dafür braucht es nicht mal eine 8-Punkt-Zeile: ? und ?
Eine besondere Diskriminierung Braillenutzender erkenne ich da nicht. Vielleicht klärt ihr mich da einfach mal auf?


Sven
12.4.2013 20:57
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Vermute es ist, weil blinde nur eine Begrenzte anzahl Zeichen auf einmal haben. Die können auf Zeilen immer nur z.B. 30 Zeichen haben. Bei einem in wie Pirat*innen fügt man 5 Zeichen hinzu, ohne dass es notwendig wäre. Das wäre bei 30 Zeichen 1/6 unnötige Textverlängerung. Im falle von Screenreadern kann ich mir vorstellen, dass der Reader (VoiceOver, Orca) über so Zeug stolpert. So wird aus Pirat*innen “Pirat sternchen innen” und aus Pirat_innen “Pirat unterstrichin” (Zumindest bei Google Translate). Mir würde das bei einem Text von einer Seite, die ich mir vorlesen lasse nervig vorkommen, immer diese Konstrukte zu hören.


rb
12.4.2013 21:02
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Es wird eben nicht mehr Inhalt dadurch transportiert, daß bei jeder Gelegenheit mitgeteilt wird, daß es zwei Geschlechter gibt. Das ist nur zusätzliche, und zwar störende, Redundanz, die es zur Aufnahme des eigentlichen Inhalts wegzudenken gilt.
Das Lesen mit so einer Braillezeile läuft über einen anderen Wahrnehmungskanal und mag sich insofern vom visuellen Lesen ähnlich stark unterscheiden wie letzteres vom Hören. Wie die Gender-_, -* und -I beim Sprechen wiedergegeben werden sollen, scheint für die Protagonisten “gendergerechter” Sprachverhunzung überhaupt kein Thema zu sein; insofern ist die Situation auf der Braillezeile noch ein bißchen besser, wenn es da Repräsentationen der betreffenden Zeichen gibt. Lesen ist aber wesentlich mehr als nur die Identifizierung der Zeichen.


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