Mensa.
Schrecklich.
Als vor ein paar Tagen die Meldung herumging, dass man das Hauptgebäude der TU Berlin wegen chronischer Marodität schließen musste und es dazu hieß, dass es den anderen Gebäuden drumherum, auch der Mensa, auch nicht viel besser ginge, und wäre die Universität ein Lebewesen, ihr das multiple Organversagen drohe, fiel mir auf, dass ich zwar an meinen Wohnorten Dresden und München die Mensa getestet hatte, obwohl ich da viel kürzer wohnte als in Berlin, während ich in Berlin noch nicht in der Mensa war.
Und wenn da die Universitäten jetzt nicht nur akademisch-wissenschaftlich, sondern auch physisch einstürzen – hin, solange es noch geht.
Meine Erinnerungen an die Mensa in Karlsruhe
Während meines Studiums war die Mensa der Uni Karlsruhe ein finsterer, düsterer Ort, ein schmuckloser Beton-Zweckbau im Stil der 60er oder 70er, viel zu eng, bis es dann einen frischeren Erweiterungsbau und auch eine Ausdehnung in die andere Richtung gab. Aus Platz- und Geldmangel gab es damals „Stammgericht 1“, „Stammgericht 2“ und „Kleingericht“. Nichts mit Auswahl oder Zubehör. Zwei Fließbänder, die massenhaft dasselbe Gericht wie am Fließband ausspuckten, und man sich, so man vorne an der Schlange angekommen war, das nahm, was vom Fließband kam, während man es beim Kleingericht schon persönlich hingestellt bekam.
Teller … gab’s nicht. Auch keine Tabletts. Nur so schäbige Bleche mit Vertiefungen, die Tablett mit mehreren Tellern und Schüsseln in einem Stück darstellten. Fühlten sich an wie Gefängnisfraß. Billige Massenkantine. Dazu Besteck, das magnetisch war und Messer, die alle in dieselbe Richtung verbogen waren, weil die Spülanlage das Besteck per Magnet von den Blechen hob und dabei alle gleich verbog.
Das Essen einfachster Massenkantinenfraß, weil sie – zumindest bis zum Neubau, wo es dann besser wurde – mit ihren Zubereitungsmöglichkeiten auch völlig überlastet waren, die Uni war für viel weniger Studenten gebaut.
Als es zu Protesten wegen der lausigen Auswahl kam, fing an man zuerst auf einem Band und dann neben dem Kleingericht stets und täglich das allseits beliebte „Schniposa“ auszugeben. Die halbe Uni aß Schniposa. Fast jeden Tag Schniposa. (Schniposa = Schnitzel, Pommes, Salat).
Sehr gerne aß ich auch den Grießbrei, den es manchmal als Kleingericht gab. Obwohl ich es wegen dessen nahezu tödlicher Wirkung jedesmal bereut habe. Der Grießbrei schmeckte nämlich wirklich gut und war obendrein billig. Man bekam in in einer echten Schüssel (Hurra, echtes Geschirr! Essen wie ein Mensch), dazu immer noch eine Schöpfkelle von irgendeinem süßen Obst mit entsprechender Flüssigkeit (Pfirsich, Zwetschge oder so etwas) und zum Selbstbedienen stand da noch eine große Schüssel mit einer Mischung aus Zucker und Zimt. Das war echt lecker.
Aber, ach.
Man hatte da nur große Schüsseln und es auch gut gemeint, und so bekam man beim Grießbrei stets eine übergroße Portion, damit der bettelarme Student auch billig richtig satt wird.
Der Haken daran war die Physik. Im Gegensatz zu Schniposa und denn auf besagten Kühlblechen ausgegebenen Stammgerichten hat eine große Schüssel Grießbrei eine enorme Wärmekapazität, auch wenn man das beim Essen gar nicht so merkt, weil einem das so heiß nicht vorkommt. Und der lutscht sich gut. Wenn man also, vielleicht noch bei einem guten Gespräch, so eine Schüssel von diesem Grießbrei gegessen hatte, der ja auch nun wirklich sehr lecker schmeckte, trat hinterher etwas ein, was sich fast wie der Tod anfühlte. Man überhitze so innerlich, als hätte man eine Wärmequelle im Bauch, weil man genau das ja auch hatte. Das Zeug gab im Magen mehr Wärme ab, als der Körper ableiten konnte. Seither esse ich Grießbrei zwar gern, aber entweder kalt oder nur in beschränktem Umfang.
Die Mensa war der Ort, an dem sogar wir Informatiker ins Philosophieren kamen.
Unvergessen die Diskussionen mit meinem Kumpel Norbert über die wichtigen existenziellen Fragen. Eine der wichtigsten und meistdiskutierten, wiederkehrenden Fragen war: Heißt es eigentlich „Essenmarke“ oder „Essensmarke“?
Während ich der Auffassung war, dass „Essensmarke“ mit einem s dazwischen richtig sei, weil Genitiv und Fügungs-S, und sich das besser spricht, und Grammatik immer auch der flüssigen Aussprache dient, und es ja schließlich auch „Aufwandspauschale“ heißt, außerdem auch Hundemarke und nicht Hundmarke, obwohl man sie ja auch immer nur einem Hund umhängen kann und der Plural deshalb völlig unangemessen und verfehlt sei, vertrat Norbert eine entgegengesetzte Auffassung, nämlich dass es „Essenmarke“ heiße, und er verfolgte dabei Argumentationslinien, wie dass es erstens schon bei der Bundeswehr Essenmarke geheißen habe, das habe der Feldwebel so befohlen, und zweitens, weil es ja auch nicht „Bratskartoffel“ heiße.
Dem hielt ich eine sprachliche Inkonsequenz und Selbstwidersprüchlichkeit entgegen, denn wer Bratkartoffel als Argument herbeiführe, zwangsläufig auf Essmarke plädieren müsse, weil es ja auch Essbesteck heiße. Davon abgesehen hätte ich mich von der Ausdrucksweise der Bundeswehr losgesagt und trüge seit meiner Entlassung aus dem Grundwehrdienst wieder wie früher normale Unterhosen und nicht „Hose, Unter-, Winter-, weiß, lang“.
Norbert war in solchen Sachen völlig schnörkellos und direkt, sparte alles Überflüssige ein. Eines Tages sprach uns zur Mittagszeit am uninahen Eingang zur Kaiserstraße so ein linker Bettler (so „He Alter, haste mal ne Mark…?) an, ob wir nicht ein paar Mark für ihn hätten, er habe Hunger und seit Tagen nichts gegessen. Norbert sagte, dieses Problem sei ohne weiteres lösbar, aber es heiße „Marke“ und nicht „Mark“, „Essenmarke“ um genau zu sein (ich hielt mich da raus), und bot ihm eine Essenmarke samt Unterweisung, wie man den Weg zur Mensa finde, an. Der Linke wurde daraufhin sehr ausfällig und sehr beleidigend, verarschen könne er sich alleine. Norbert war zufrieden damit, wie schnell und einfach selbst schlimmer Hunger heilbar sei, man müsse nur „Mensa“ sagen.
Erst als ich schon Mitarbeiter und nicht mehr Student war, wurde die Mensa auch wegen des Neubaus und Ausbaus in die andere Richtung deutlich besser und bot auch Abendessen und vorrübergehend (aber eher erfolglos) auch Frühstück an, und das mit gewaltig verbesserter Qualität, leider auch gewaltig angehobenen Preisen. Ich glaube mich erinnern zu können, dass zu Anfang meines Studiums das Kleingericht so um die 1,50 D-Mark und Stamm 1 und Stamm 2 so um die 2,30 bis 2,80 kosteten. Was zwar preisgünstig war, aber auch totes Kapital bedeutete, weil man dafür unterschiedliche Marken kaufen musste, die es an einer Kasse zu 5er-Streifen gegen Barzahlung gab, und man immer alle drei Sorten Marken in der Tasche haben sollte. Erst als ich Mitarbeiter war, kamen elektronische Bezahlkarten auf.
Mensa der Humboldt-Universität
Heute war ich also mal in der Mensa der Humboldt-Universität.
Ich hatte mich zunächst gefragt, ob ich alter Sack im dreifachen Alter eines Informatikstudenten mich da überhaupt blicken lassen könne, ohne wie ein Leuchtturm auf dem Damenklo Alarm auszulösen. Es ist aber eine Geisteswissenschaftler-Universität. Dort falle ich gar nicht auf.
Wie an Mensen so üblich gibt es für alles drei Preise. Studenten/Mitarbeiter/Gäste. Also ging ich zur Kasse und fragte, wie man als Gast zahlt. Ich hatte erwartete, dass man seine EC-Karte an die Kasse hält und fertig. Nein, geht gar nicht. Auch als Gast muss man eine Mensa-Karte am Automaten erwerben. Wobei das nicht stimmt, angeblich ist es nur Pfand und der Automat kann sie auch wieder zurücknehmen.
Jedenfalls stehen draußen zwei Automaten. Bei einem kann man die Karten nur aufladen, beim anderen auch neu erwerben. Als ich noch am Lesen war, wie das nun geht – alter Sack halt – bildete sich hinter mir schon eine Warteschlange. Ein paar mehr Automaten wäre schon zuviel verlangt? Zwei Automaten für eine ganze Uni?
Kartenzahlung gibt es nicht. Der Automat will Bargeld. Also zehn Euro reingesteckt, abzüglich Pfand dann 8 Euro irgendwas als Guthaben.
Das Essen: trostlos.
Ich hatte mich für die gebratenen Maultaschen interessiert, aber die waren schon ausverkauft. Ich kam ja Richtung Ende der Öffnungszeiten.
Auch Eierpfannkuchen mit Apfelmus hörte sich gut an, aber auch auf andere, nämlich auch ausverkauft.
Letztlich bekam ich nur ein paar angetrocknete einfache Nudeln mit einer Bohnenpampe. Und Rosmain sollte es laut Angebot noch dazu geben, der offizielle Name lautet „Nudeln mit Getreidebolognese und frischem Rosmarin“. Ich fragte, wo ich denn den Rosmarin fände. Verständnislose Antwort: „Der ist da schon drin!“ Immerhin auf deutsch, denn die Auskunft, dass die Maultaschen ausverkauft sei, bekam ich von einer anderen, die des Deutschen kaum mächtig war und sich eher in Zeichensprache und Gestik mitteilte.
Die Salatbar war auch schon praktisch leer.
Die Getränkeauswahl katastrophal. Eine Zitronenlimonade, die mir sehr gefallen hätte, aber mit Koffein. Was hat Koffein in der Zitronenlimo zu suchen? Pappsüße Cola. Mate. Und stilles Wasser. Ganz grausame Auswahl, ich nahm das stille Wasser.
Was essen die da eigentlich alle, wenn schon alles ausverkauft ist, die aber trotzdem noch alle rumwuseln?
Pommes. Sie holen sich Schüsseln nur mit Pommes und dick Ketchup drüber. Denn Pommes werden endlos nachgeliefert.
Erinnerte mich an Schniposa. Nur dass wir damals Schnitzel und Salat als Beilagen zu den Pommes hatten. Aber Salat war schon alle und Schnitzel geht dort gar nicht, wenn nicht aus Soja.
Die Mensa ist nämlich vegan/vegetarisch. Eierpfannkuchen ist dort schon das Äußerste. Deshalb war in meinen Nudeln „Bolognese“ auch kein Fleisch, sondern „Getreide“. Warum nennt man es dann „Bolognese“?
Schaut Euch mal deren Speisekarte an.
Das ist eine Katastrophe. Alle Gerichte, auch dort an den Ausgaben, sind mit Symbolen versehen, ob sie
- vegan oder vegetarisch
- klimaschädlich, klimanützlich, klimavielleicht
- viel, mittel oder wenig Wasserverbrauch
- und ob die Mensa einem dieses Essen überhaupt empfehlen kann oder man das besser nicht so oft essen sollte, oder zum Ausgleich noch was Grünes dazu essen muss.
Unten am Speiseplan auf die Legende, auf Piktogramme klicken:

Wie es schmeckt, interessiert offenbar niemanden.
Die Nudeln mit Bolognese, die ich da bekommen habe, haben nämlich auch überhaupt nicht geschmeckt. Also so dieser Vollkorn-Einheitsgeschmack, so eine Pampe mit Pappendeckel-Geschmack. Norbert hätte festgestellt, dass das genauso wie die Essenmarke schmeckt.
Das war heute ein richtig schlimmes Erlebnis. Da wollte ich nicht essen müssen.
Kein Wunder, dass die an der Humboldt soviel dummes Zeug reden, bei dem Fraß. Da geht es überhaupt nicht um Geschmack, etwas Gutes zu essen, sondern allein darum, möglichst viele political-correctness-Punkte abzuhaken und regelkonform zu bleiben, egal wie das dann schmeckt.
Im Prinzip werden die da an der Uni schon alle auf Sozialismus abgerichtet und darauf, das zu essen, was einem die Partei sagt, dass man essen soll. Und sich von dem fernzuhalten, was man besser nicht essen sollte (auch wenn es pro Forma angebote wird). Fleisch gibt es gar nicht.
Wie zum Hohn kam ich auf dem Weg zur Mensa durch die Eingangshalle, wo das Marx-Zitat prangt:
„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“
Das hätten sie mal besser den Köchen überlassen.
Mannomann, war das gruselig.
Immerhin habe ich jetzt eine Mensakarte mit geringfügigem Restguthaben. Falls mich also ein Bettler anhaut, ob ich nicht Geld für ihn hätte … Aber die Karte gilt ja für alle Mensen. Und vielleicht komme ich auch noch an der Mensa der TU vorbei, bevor sie einstürzt oder geschlossen werden muss. Denn dort gibt es auch das Essen mit dem roten Warnsymbol, von dessen Verzehr das „Studierendenwerk“ ausdrücklich abrät und davor warnt. Das könnte dann vielleicht sogar schmecken.
Zufrieden bin ich aber damit, dass die linke Humboldt-Universität mit einem hinreichend sozialistischen Fraß gestraft ist. Bedenke, worum Du bittest …