Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Back to the roots

Hadmut
6.9.2019 23:18

Warum der Account Account heißt. Oder: In gewisser Weise das Ende der PC-Ära.

Früher. In der guten alten Zeit. Als Männer noch Männer, Frauen noch Frauen und Integer noch 16 Bit waren, oder eigentlich noch viel früher, so in der Anfangszeit der Computerei, da war das noch so, dass es riesige zentrale Computer gab, manche nannten sie Mainframes oder Großrechner, aber eigentlich noch davor, da war das noch so, dass der Computer in einer Halle stand und irgendetwas rechnete, und die Benutzer dann beim Rechenzentrum ihre Programme als Rechenaufgaben einreichten, einen sogenannten „batch job” (den Begriff gibt es heute noch, aber kaum einer weiß noch so genau, wo er herkommt) beispielsweise als ein Stapel Lochkarten, jede einzelne Zeile eines Fortran- oder Cobol-Programms auf einer Lochkarte, und irgendwann konnte man dann die Programmausgabe als Ausdruck auf Endlospapier abholen. Bevor Bildschirme in Mode kamen, hatten Computer zur Eingabe die Tastatur einer elektrischen Schreibmaschine, und zur Ausgabe einen Drucker mit Endlospapier. Jede einzelne Ausgabe musste gedruckt werden.

Die etwas modernere Variante war, ein Terminal, etwa ein VT-52 oder VT-100, die teils noch gar keinen Mikroprozessor hatten, sonderen deren Logik noch diskret per TTL aufgebaut war, um in den Videospeicher zu schreiben, das eine RS232-Schnittstelle hatte, an die man ein riesiges Modem oder einen Akkustik-Koppler anschloss, um sich mit 75 oder 300 Baud in einem Rechenzentrum über eine Telefonleitung einzuwählen, das Terminal also statt Lochkarten und Drucker als Ein- und Ausgabegerät zu verwenden.

Jahrelang, jahrzehntelang wunderte man sich darüber, warum Computer in Kinofilmen immer so ganz komisch und seltsam dargestellt wurden: Da kam so ganz langsam ein Buchstabe nach dem anderen auf dem Bildschirm und dazu dudelten komische lustige Töne. Genau so war das aber, wenn man ein Terminal mit 75 Baud angeschlossen hatte: Maximal 10 Zeichen pro Sekunde, denen konnte man einzeln zugucken, und dazu dudelte das Modem. Das war wirklich so. Zeichen kamen einzeln auf dem Bildschirm, und es dudelte dazu komisch.

Viele wissen nicht, warum Unix-/Linux-Rechner immer noch eine Console haben und warum sie so heißt. So hieß ursprünglich die Tastatur mit dem Ausgabedrucker, über den man mit dem Rechner kommunziert. Viele wissen auch nicht, warum Unix-/Linux-Rechner noch immer „Terminal” haben, oder graphisch „X-Terminal”. Oder warum die Dinger auf stty oder Escape-Sequenzen reagieren. Weil die im Prinzip und ziemlich genau noch immer die alten Terminal simulieren, mit denen man sich per Uralt-Modem mit dem Rechner verbunden und eingeloggt hat. Auch das Einloggen ist im Prinzip noch immer dasselbe. Es ist erstaunlich, wieviele sich für so ganz modern und digital natives halten und dabei mit einer 50 Jahre alten Technik arbeiten, ohne es zu wissen oder zu merken. Wir galoppieren und galoppieren, was die Technik angeht, wir machen ständig neue Dinge, rasen mit den Moden, cool und hip und neu, und trotzdem sind viele der Techniken rund 50 Jahre alt und im Prinzip unverändert. Auch das Internet.

Wisst Ihr, warum man ein Benutzerkonto auf dem Computer überhaupt „Konto” oder „Account” nennt? Und warum es ein Passwort hat? Wo die Computersicherheit ihre Anfänge genommen hat?

Weil Rechnen früher sehr teuer war. Man hat jede Sekunde, jede Millisekunde Rechenzeit gemessen und dem Auftraggeber in Rechnung gestellt. Und um das buchen und abrechnen zu können, musste jeder Benutzer eben ein Abrechnungskonto haben, einen Account, auf den die Kosten gebucht wurden. Und unter dem ein Prozess dann lief. Und damit kein Mistbock auf anderer Leute Kosten rechnen und deren Account angeben konnte, wurde der mit einem Passwort geschützt.

Es ist erstaunlich, aber so ein bisschen aus dieser Zeit habe ich am Anfang meines Studiums auch noch erlebt. Ich habe noch stapelweise Ausdrucke auf Endlospapier (132 Zeichen breit) im Rechenkeller des Rechenzentrums abgeholt, auf denen ich Ergebnisse von Rechenläufen ausgedruckt hatte. Naja, nicht direkt Rechenläufe, ich habe noch – ging damals nicht anders – Internet ausgedruckt. Web und Webseiten gab es noch nicht, man kommunizierte nur per Mail und Usenet über UUCP, und wichtige News-Artikel habe ich ausgedruckt, mitgenommen und dann im Studentenwohnheim gelesen. Internet-Anschluss oder Modemzugang damals noch undenkbar.

Auch einen Stapel Lochkarten habe ich noch abbekommen, weil Lochkartenleser damals auch noch rumstanden, aber nicht mehr in Gebrauch waren. Man konnte die Lochkarten als Notizzettel mitnehmen.

Die Uni Karlsruhe war damals eine der ersten zwei (oder sogar die erste) am Internet, und ich gehörte damals zu den ersten Studenten am Internet. Man fand es damals nämlich keineswegs zwingend oder auch nur logisch, dass sich ein Informatiker mit dem Internet abzugeben habe, das war eher so ein spezielles Fachgebiet und für die, die es interessierte. Manche Informatik-Professoren hielten gar nichts davon, verstanden es auch nicht. Später waren sie der Meinung, dass das Internet nur mit Macintosh und Apple II und den den damaligen kurios-proprietären Diensten von Apple erträglich sei. Damals ging das noch über VT-220-Terminals, die auf Tischen in den Gängen des Rechenzentrums standen, eins am anderen, und über die man sich auf einer VAX mit VMS einloggte (ich fand VMS übrigens ziemlich grausig) und dort indirekt Internet in Form von eben Mail und News hatte, und irgendwann sogar die Offenbarung, selbst Internet nutzen zu können, was für ein enormes Gefühl, sich per FTP auf einem Server irgendwo in der Welt einzuloggen.

Kurioserweise hing ein Teil meines Streites mit der Universität und dem „Doktorvater”, dem selbsternannten Pseudokryptologen, damit zu sammen, weil der meinte, dass ich den Begriff „Principal” missachtet habe, dem irgendeine wundersame Kryptobedeutung anhänge, die er selbst nicht benennen konnte. Principal ist aber kein (genuiner) Begriff der Kryptographie, sondern der amerikanischen Finanz- und Juristensprache. Principal heißt Hauptschuldner, und es gehört in dieselbe Kategorie wie Account, das ist nämlich der, der für die Rechnung für die Rechenjobs zahlt. Beispielsweise können die Mitarbeiter eines Instituts eigene Accounts haben, aber wenn die Rechnung an den Institutschef geht, dann ist der Hauptschuldner, eben der Principal. Deshalb hat man den Begriff als Analogie ohne nähere Definition auch ein paarmal in der Kryptographie verwendet, ohne dass der eine nähere Bedeutung entwickelt hätte, und als es zum Streit kam, schnippsten die doofen und informatikgeschichtsahnungslosen Professoren nach dem Motto „Herr Schüler, Herr Schüler, ich weiß was!” und riefen laut „Principal” ohne zu wissen, was es bedeutet, triumphierend darüber, dass sie einen Begriff wüssten, der in meiner Dissertation nicht stand.

Es ist frappierend, wie weit vorne dran und zukunftsweisend die Uni Karlsruhe damals war, und wie unwissend und ahnunglos die „Informatikprofessoren” waren. Gemacht hatten es die Mitarbeiter, die unfähigen Professoren haben es dann als ihr Werk ausgegeben. Von wegen „erste Email” und so. Mein „Doktorvater” brüstete sich, er sei der erste, der erkannt habe, dass das alles Mist sei und er, niemand geringeres als er, E-Mail und das Internet (das er von seiner Sekretärin noch ausdrucken ließ, als es längst Webbrowser und anderes Teufelswerk gab) wieder abschaffe. Die einzig wahre Kommunikationsform sei, mit dem Bleistift unleserlich auf Papier zu kritzeln, das an der Hotelrezeption unter ausschweifendem Selbstlob an das eigene Institut faxen und von der persönlichen Sekretärin entziffern, auf edlem Papier mit der Schreibmaschine schreiben und per Post verschicken zu lassen. Als das erste Smartphone Nokia 9000 Communicator rauskam, wollte er es dann doch unbedingt haben, Angeberfaktor, und ich sollte dringend das erste Exemplar in Deutschland beschaffen, was schlechterdings unmöglich war, weil sie schon viele verkauft hatten. Der Einsatz scheiterte, weil ihm nicht klar zu machen war, dass bei E-Mail unter „Address” nicht die Anrede „Sehr geehrter Herr…”, sondern eine E-Mail-Adresse einzutragen war. Er verstand nicht, was eine Adresse oder überhaupt ein Netzwerk und Routing waren. Nicht die geringste Ahnung. Blubberte aber dann gegen mich etwas von Packet Switching, ohne auch nur im geringsten zu verstehen, wovon er redete.

Ungefähr zu der Zeit, als da das Internet zugänglich geworden war (weiß nicht mehr genau, so um 1988 plus minus) wurde ich damals ziemlich krank (1990), eigentlich nicht mehr zu retten, und war damals heilfroh, dass mich der Oberarzt und nicht der Professor und Chefarzt operiert hatte, denn der Oberarzt machte sowas fast jeden Tag und der wusste, wie es geht. Ungefähr wie bei den Informatikern die Mitarbeiter, die wussten, wie Internet geht.

Ich habe seltsame Erinnerungen an diese Zeit.

Einerseits dieses faszinierende moderne Technik, als damals nur einige wenige in die Magie und Hexenkunst Eingeweihte wussten, was Internet ist und was wir da machen, und dass wir auf geheimnisvolle Weise weltweit kommunizieren konnten und niemand sonst außer uns wusste, was wir da tun oder konnte sich das auch nur irgendwie vorstellen. Als wären wir Zauberer unter Muggels. Wir legten da die Grundsteine der gesamten modernen Technik, die heute das ganze Leben bestimmt. Es war so wunderbar. Und standen unbegrenzte Welten offen, und das in 80×25 Zeichen monochrom, wahlweise grau, bernstein oder grün. Also nicht farbig, sondern es gab verschiedene Terminals mit Beschichtungen der Bildröhre in unterschiedlichen Fluoreszenz-Farben. Kam drauf an, an welchem Terminal man saß.

Andererseits diese Professorenschaft der Informatik-Fakultät irgendwo zwischen halbdoof und strunzdumm, von denen die meisten nicht wussten und nicht verstanden, was sie da haben und was sie da tun, die Idioten, mit denen man sich dann herumschlagen musste und gegen die fachliche Argumente nicht wirkten, weil sie sie nicht nur nicht verstanden, sondern weil sie so blechern doof waren, dass sie nicht mal merkten, dass sie sie nicht verstanden. Dunning Kruger auf C4 verbeamtet.

Informatik war so toll. Informatikprofessoren waren so dumm.

Was auch daran lag, dass die wenigsten Informatikprofessoren jemals selbst Informatik studiert hatten. Die Informatik gab es ja noch nicht so lange. Die meisten waren Leute, die sich einfach selbst zum Informatiker erklärt hatten oder in ihrem Fach nicht unterkamen und sich dann auf eine Informatikprofessur eingelassen hatten ohne zu wissen, worum es geht, weil sie da halt die tolle Beamtenstelle auf Lebenszeit bekamen. Die Industriewelt konnte mit Informatikern damals noch nicht viel anfangen.

Aber so rein technisch betrachtet, war es damals eine ganz wunderbare, magische Welt, in der man verstehen konnte, wie das alles entstanden ist.

Und dann kam die Ödniss in Form des Personal Computers, genauer gesagt des IBM-PC und der Macs. Eigentlich stammte der PC schon von 1981, war aber erst mal lange unbrauchbar und viel zu teuer. In der Uni-Bibliothek standen welche rum, die man benutzen konnte, aber viele Informatikprofessoren mochten lieber Apples und Macs. Die waren leichter zu bedienen, mit denen kamen auch zumindest manche der Informatikprofessoren klar. Was damals zu einer Zweiteilung führte: Die Professorenschaft hatte befohlen, dass Mails und Hausmitteilung entweder nur auf Papier verteilt oder (für die andere Hälfte der Professoren, die etwas technikaffiner waren) auf einem seltsamen Mail-System von Apple verteilt werden mussten. Nur die Mitarbeiter und Studenten hatten auf Unix, SMTP und sendmail funktionierendes modernes Mailsystem, das zuverlässig und praktisch immer funktionierte. Das Professoren-Mac-Mailsytem blieb immer wieder stehen. Dann gab es einen Eingeweihten, einen von der Fakultät hochbezahlten Magier, der für mehrere Stunden im Keller verschwand und dann ging es irgendwann wieder. Er blickte erschöpft, die Professoren blickten ehrfürchtig. Als er die Uni verließ, fragte ich ihn mal von Admin zu Admin und im Vertrauen, was er da eigentlich im Keller immer treibt. Eigentlich nichts, sagte er, er macht Pause, liest was, isst was, ruht sich aus. Und das Mailsystem des Mac? Ganz einfach, meinte er. Der Mac war damals nicht als Serversystem gebaut, sondern als Desktop und konnte auch kein Multitasking. Deshalb zeigten das Mailprogramm ab und zu mal irgendeine belanglose rein informative Meldung an, halt so ein Fenster, in dem man auf „OK” klicken musste, und weil das Ding kein Multitasking konnte und auf eine Eingabe wartete, blieb der Rechner und damit das gesamte Professorenmailprogramm einfach stehen, bis jemand mit der Maus auf „OK” klickte. Und damit das nach Magier aussah, verschwand er jedesmal für Stunden im Keller, nur um auf „OK” zu klicken.

Die Professoren fanden, es sei eine Speerspitze der Wissenschaft und das technisch Anspruchsvollste. Alle anderen fanden, dass die Professoren ziemlich doof waren. Und mit solchen Leuten musste man sich dann herumschlagen.

Nein, was dann kam, war keine schöne Zeit. Der PC läutete eine Ära der Murkssoftware ein, Word, Excel und sowas versauten auf Jahrzehnte jegliche Struktur und Ordnung, das Zeitalter des laienhaften Rumgeklickes und des WYSIWYG-Gepfusches hatte begonnen. Bill Gates wurde damit reichster Mann der Welt, wir wurden dadurch dumm. Microsoft war das Prinzip, Laien schlechte Software für teures Geld anzudrehen. Apple ist das Prinzip, nicht ganz so schlechte, vor allem hübsche Software solchen Laien, die sich für tolle Leute halten, mitsamt Hardware für ganz viel Geld anzudrehen. Das heißt, dass sie eigentlich mal ziemlich preisgünstig waren, bis die dahintergekommen sind, dass die Leute, die sich für toll halten, jeden Preis zahlen. Sogar den, einen Mitarbeiter eigens dafür zu bezahlen, ab und zu mal im Keller auf „OK” zu klicken.

Richtige Informatiker hätten selbst mit dem Mac längst einen Weg gefunden, im Keller auf „OK” zu klicken ohne selbst runterzugehen. Irgendetwas aus einem alten Nadeldrucker gebastelt oder ein Software-Hack oder sowas. Das wollte er nicht. Es würde seinen Status gefährden, wenn er das von seinem Büroschreibtisch aus erledigen könnte.

Der große Brüller am PC war, dass man eben nicht mehr jeden Rechenjob einzeln zum RZ tragen, beauftragen, abwarten und dann bezahlen musste. Man kaufe die Kiste, und dann konnte man sie ohne Mehrkosten (außer Strom) in seinem Zimmer und nur für sich selbst knechten und rechenfoltern, soviel mal wollte, jederzeit, sofort, ohne weitere Abrechnung (außer von Microsoft). Deshalb hieß das Ding Personal Computer.

Wie ich jetzt darauf komme?

Weil ich wieder mal das Gefühl habe, dass wir längst wieder auf dem Weg zurück zu den Prinzipien der Anfangszeit sind.

Schon lange ist der Webbrowser im Prinzip nichts anderes als die bunte Version des alten VT-220-Terminals (oder genauer gesagt: Eines Block-Terminals, das immer ganze Seiten zeigt), der uns mit dem Hauptrechner in irgendeinem Rechenzentrum („Cloud”) verbindet und uns hier anzeigt, was dort gerechnet wurde. Also im Prinzip der Schritt zurück zur Technik vor dem Personal Computer: Nur noch ein Anzeigegerät auf dem Tisch, gerechnet wird weit entfernt woanders.

Inzwischen sind wir in fortgeschrittenen Versionen der Cloud, der letzte Schrei heißt nun Kubernetes, und man bastelt da Dienste aus einzelnen Containern zusammen, die einzelne Aufgaben übernehmen sollen, aus denen man das dann alles zusammennagelt. Und, oh Wunder, es wird wieder wie in der Urzeit („Account”) einzeln abgerechnet. Man sieht es nun als Fortschritt und ganz modern an, dass man eben nicht mehr alles mit dem PC auf dem Schreibtisch rechnet, sondern seinen Rechenjob beim Rechenzentrum abgibt und sagt „Mach mal…”. Nur in dem Fall nicht mehr als Lochkartenstapel, sondern als Docker-Image, ist im Prinzip aber das Gleiche: Ein isolierter Haufen von Rechenanweisungen, die man abgibt und die man dann nicht mehr verändern kann, die da eben abgearbeitet werden, irgendwann ist es fertig, und dann rappelt’s an der Kasse.

Alles so modern, so neu, so innovativ, und doch nichts anderes als der nur modern implementierte Neuaufguss der Technik von vor 50 Jahren.

Lest mal „Das Kuckucksei” oder guckt mal „War Games”.