Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Vier Kotzbrocken

Hadmut
12.9.2012 19:49

Meine Filmkritik zu „Der Gott des Gemetzels”

Nachdem mich in den letzten Tagen gar so viele Leute auf den Film „Der Gott des Gemetzels” hingewiesen haben, weil darin angeblich eine Political-Correctness-Tussi zerlegt wird, dachte ich, ich muss mir den Film doch mal ansehen.

In letzter Zeit leide ich an einem medialen Überangebot. Filme, wohin man guckt. Es kommt schon vor, dass ich mit meinem Super-Duper-Kabel-Festplattenrekorder Sendungen aufnehme und sie dann ungesehen wieder lösche, weil’s einfach zuviel ist. Dementsprechend kaufe ich Videos deutlich seltener, auch nicht mehr nach Neuigkeit, sondern selektiv Filme, die mich interessieren (meist sogar eher ziemlich alte Filme) und nur noch in extremen Ausnahmen gebe ich mehr als 10 Euro aus. Im Gegenteil ziele ich – wenn ich überhaupt noch etwas kaufe – eher so auf die Preiskategorie 5-7 Euro ab, die inzwischen breit besetzt ist. Dieser Film nun kostete 15 Euro, als weit mehr, als mir Filme normalerweise wert sind. Bei Amazon gab’s für den gleichen Preis die DVD und die Blu-Ray, weshalb ich mich für die Blu-Ray entschieden habe, was ich sonst ebenfalls nur in Ausnahmefällen mache.

Bis auf eine ganz kurze Anfangsszene und einen kurzen Abschlussblick spielt der gesamte Film in einer New Yorker Wohnung. Zwei Ehepaare, die miteinander eigentlich nichts zu tun haben, treffen aufeinander, weil sich deren Söhne geprügelt haben, und sind nun miteinander konfrontiert. Aus einem zunächst kurzen Zusammentreffen wegen der Klärung der Schadensersatzfrage bezüglich zweier ausgeschlagener Zähne wird über den Umweg des Kuchenessens und Kaffeetrinkens ein seltsam unfreiwilliger längerer Besuch. Es geht nur um diesen Besuch. Ein Raum, ein Nachmittag. Mehr ist es nicht. Vier Personen aus der gehobenen amerikanischen Mittelklasse treffen aufeinander.

Normalerweise haben Kinofilme eine Rollenverteilung nach Gut und Böse. Die Guten kämpfen gegen die Bösen, die Bösen sind fies und gemein, und meistens gewinnen am Schluss die Guten.

In diesem Film gibt es keine Guten und keine Bösen. Es gibt nicht mal eine Handlung. Vier Kotzbrocken treffen aufeinander, zusammengepfercht in eine Wohnung. Zwei Paare, die sich weder gegenseitig noch untereinander und nicht mal sich selbst ausstehen können.

Es fängt mit der typisch aufgesetzen und geheuchelten Freundlichkeit an, das übliche Formelle und gesellschaftliche Gehabe, Höflichkeiten usw. Der Stein kommt ins Rollen, als die Frau des Gäste-Paares mal eben spontan und natürlich vor laufender Kamera quer über und in hohem Bogen auf den Couchtisch kotzt und dabei die wertvollen unersetzlichen Kunstkataloge der Gastgeberin vollreihert. Gut, hab ich so jetzt auch noch nicht gesehen, zumindest nicht im Film. Irgendwas war wohl mit dem angebotenen Kuchen nicht ganz in Ordnung. Ist mal was anderes, und zumindest so offensichtlich, dass es einem nicht entgeht. Es erzeugt Reibung und Verspannungen zwischen den Frauen.

Die Sache schaukelt sich hoch, die Höflichkeiten werden immer aufgesetzter und geheuchelter, immer öfter durchsetzt von Spitzen und fiesen Bemerkungen. Der eine Mann hat ein Problem mit Nagetieren und deshalb den Hamster seiner Tochter ausgesetzt, was natürlich politisch total unkorrekt ist, während der andere ein blasierter Idiot ist, der die anderen nervt, weil er ständig mit dem Handy telefoniert. Das Handy landet irgendwann in der Blumenvase.

Es schaukelt sich halt immer weiter hoch, bis man sich nur noch gegenseitig anschreit, zumal noch Alkohol ins Spiel kommt. Letztlich kotzen sich alle vier (nunmehr im übertragenen Sinne) nur noch aus.

Die schauspielerischen Leistungen sind überzeugend, die hatten auch sicher eine Menge Spaß.

Hat mir der Film gefallen? Nein.

Warum nicht? Aus folgenden Gründen:

  • Ich weiß nicht, warum man anderen Leuten beim Streiten zusehen sollte. Ich finde es nicht unterhaltsam. Es reizt mich nicht. Weil es eine Situation wäre, in der ich nicht dabei bliebe sondern eher sagen „Macht das unter Euch aus” und einfach gehen würde. Da war nichts dabei, was mich an einem Film reizen würde, keine Action, keine Sehenswürdigkeiten, kein Witz, kein Intellekt.

  • Ich habe nach den Ankündigungen eine intellektuelle und pointierte Zerlegung einer Political-Correctness-Ideologin erwartet, aber nicht vorgefunden. Zwar gibt es die Political-Correctness-Rolle in Form der Penelope (Jodie Foster), die das auch ziemlich gut und echt spielt, so Tussis gibt es viele. Aber die Auseinandersetzung findet nicht statt. Also wartet man auf die Pointe und auf einmal ist der Film zu Ende und man weiß nicht, warum. Erinnert mich an das Musical „Cats”. Ich war 1999 in New York am Broadway in Cats, und hatte hinterher das aufdringlich-unlösbare Gefühl, dass mein Englisch miserabel sein müsse, weil ich irgendwie die Handlung nicht geschnallt habe und nicht sagen konnte, worum’s da eigentlich ging. Was dazu führte, dass ich mir später in Deutschland Cats auf DVD gekauft und nochmal gesehen habe, nur um festzustellen, dass Cats einfach keine Handlung hat. Es werden Charaktere vorgeführt und das war’s. Daran musste ich bei diesem Film denken.

  • Man merkt dem Film brutal stark an, dass es eigentlich kein Film, sondern ein Theaterstück für die Bühne ist. Ich kann mir das lebhaft gut vorstellen, wie man ein Wohnzimmer auf der Bühne aufbaut und vier Schauspieler dann dort agieren, und die Heuchelei, das Aufschaukeln und das Anschreien so richtig rausarbeiten. Funktioniert meines Erachtens im Film aber nicht.

  • Die Political Correctness kommt hier überhaupt nicht an. Und den Grund erklärt eigentlich Jodie Foster selbst am besten. Im Bonus-Material sind kurze Interviews mit allen vier Schauspielern. Sie sagt, dass es ursprünglich ein französisches Bühnenstück ist, das man aber sehr spezifisch übersetzen muss. So wären die englische Übersetzung für London und die amerikanische sehr unterschiedlich, weil man die Borniertheit, die Heuchelei, das aufgesetzte Sozialverhalten, die Political Correctness, die Ansichten, die Art des Auftretens immer auf die entsprechende Örtlichkeit ausrichten müsse. Für den Film wurde es für Brooklyn übersetzt.

    Das ist aber genau das Problem. Einen Film muss man praktisch wörtlich ins Deutsche übersetzen und synchronisieren (oder im Original auf Englisch schauen). Brooklyner Political Correctness zieht hier aber nicht. Vieles versteht man nicht, manches nur wenn man schon ein paarmal in den USA war (oder sonst kulturelle Bekanntschaft mit denen gemacht hat). Wie Jodie Foster selbst sagte, müsste man das für Deutschland inhaltlich anpassen und nicht die US-Version übersetzen. Es funktioniert nicht. Mag durchaus in den USA als Brüller wahrgenommen werden, mich hat’s aber nicht erreicht. Christoph Waltz erwähnt in seinem Interview, dass er das Stück zuerst auf Deutsch gesehen hätte. Wäre vermutlich deutlich interessanter als die übersetzte amerikanische Version.

    Ich kann mir lebhaft und vorzüglich vorstellen, dass auch deutsche Eltern sich wegen der Prügeleien ihrer Kinder ganz fürchterlich in die Haare bekommen und sich benehmen wie Sau. Ich habe einige Zeit neben einem Kindergarten gewohnt, und allein schon die wartenden Eltern auf der Straße sind ein Grund, der Gattung die Bezeichnung „Homo Sapiens” abzusprechen. Aber erstens würde es hier anders ablaufen als im Film, und zweitens wüsste ich eben nicht, warum man es verfilmen sollte.

  • Im Ergebnis hatte das Stück für mich einige Längen. Was vielleicht auch etwas damit zusammenhängt, dass ich es im Wohnzimmer und nicht im Kino angesehen habe, da hat man nie diese Intensität und Konzentration. Aber ich fand’s überwiegend langweilig und habe nichts gefunden, was mich jetzt irgendwie angesprochen hätte. Nicht mal wenn jemand über den Couchtisch reihert. Das heißt nicht, dass der Film schlecht wäre. Es heißt, dass mir der Film als sehr spezifisch für Amerikaner geschrieben vorkommt und ich kein Amerikaner bin.

Fazit: Muss man nicht gesehen haben. Kann man mal schauen, wenn es in 2-3 Jahren kostenlos im Fernsehen kommt.

Nachtrag: Siehe auch den Artikel in der ZEIT.

6 Kommentare (RSS-Feed)

Werner
12.9.2012 20:31
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Das erinnert an Loriots “Kosakenzipfel”, wobei der Sketch den Vorteil hat, nur 5 Minuten zu dauern. Loriot kommt auch ohne rumreihern aus, dafür giften sich die vier Figuren gekonnt an.


Hadmut
12.9.2012 20:33
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J-O-D-E-L-S-C-H-N-E-P-F-E !


yasar
12.9.2012 21:45
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Und in Cats geht man nicht wegen der Handlung (da ist keine, wie Du festgesteltl hast), sondern wegen der Musik (oder der Freundin :-)).


User
12.9.2012 23:01
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also ich fand den film sehr witzig… ich hatte aber auch gar keine erwartungen vorher… lediglich wegen den schauspielern bin ich von was anderem ausgegangen. und was soll ich sagen, ich habe glaub ich den ganzen film lang durchgelacht (ok ok bisschen alkohol war auch im spiel). allein der walz mit seiner visage und die foster war auch sensationell, kann ich gar nicht anders sagen. und ich weiß auch nicht, was ich falsch mache, aber so leute kenne ich wirklich. wenn die loslegen, dann lehne ich mich gerne zurück und gucke zu was passiert… und in blogs und foren laufen die einem auch ständig über den weg (netzpolitik.org, ist bis zu einer gewissen schwelle sehr amüsant) wahrscheinlich habe ich zu wenig hobbies 😉

ich hatte danach aber irgendwo so eine kritik von leuten, die sich selbst cineasten nennen würden, gelesen. die haben dann allerlei mist hineininterpretiert. hätte ich es vorher gelesen, wäre es sicher nicht so komisch geworden…


TV
13.9.2012 9:25
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Danke für die gute Filmkritik.


thw
13.9.2012 9:49
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Ich habe das Theaterstück im Berliner Ensemble vor ungefähr 2 Jahren gesehen (wo es meines Wissen wieder oder immer noch aufgeführt wird).
Ich fühlte mich sehr gut unterhalten, habe viel gelacht, die Schauspieler waren fantastisch. Kann ich wärmstens empfehlen.

Vielleicht braucht man einen kleinen Hang zum “gesellschaftlichen Voyeurismus”, für so eine Art von Aufführung, denn es fühlte sich irgendwie an wie ein Blick durchs Wohnzimmerfenster des Nachbarn.

Den Film habe ich nicht gesehen, mitunter wegen der durchwachsenen Kritik, aber im Theater ist mir die Zerlegung einer “Political-Correctness-Tussi” nicht aufgefallen.