Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Realitätsverlust

Hadmut
7.3.2012 1:25

Ein lesenswertes Interview mit dem Unternehmensberater Christoph Dyckerhoff über die Causa Christian Wulff und die nicht enden wollende Kette von Peinlichkeiten ist bei den Tagesthemen zu finden.

Zitat:

Dyckerhoff: Das Problem ist, dass Wulff immer noch nichts begriffen hat, weder im Kleinen noch im Großen. Nach seinem tiefen Fall handelt er weiter irrational und unsensibel. Wie sollte er auch anders? Ihm hat die Sensibilität vorher gefehlt, und sie fehlt ihm heute. Ich befürchte, dass er immer noch nicht erkannt hat, dass er einen ganz, ganz schlechten Job gemacht hat. Wulff hat keinerlei Abstand zu sich selbst. Er weiß nicht, was er angerichtet hat: Diesen riesigen Vertrauensverlust, der das Amt des Bundespräsidenten nachhaltig beschädigt hat. Aber diese Ignoranz zieht sich durch seine Person wie ein roter Faden. Er hat kein Bewusstsein für das, was passiert, für das, was die Menschen wollen, für das, was ein Staatsoberhaupt zu tun und zu lassen hat.
Scheinwelt als Normalität

tagesschau.de: Versucht er krampfhaft, so etwas wie “Normalität” herzustellen?

Dyckerhoff: Er versucht krampfhaft, seine Scheinwelt aufrecht zu erhalten. Er glaubt immer noch, dass ihm Unrecht widerfahren ist und dass die anderen schuld sind. Er glaubt auch immer noch, dass er einen guten Job gemacht hat. Und er versucht zu retten, was zu retten ist, und wenn es nur ein Stück Fassade ist.

Solche Leute gibt es. Weit(est)gehender Realitätsverlust, leben in einer Scheinwelt. An den Universitäten laufen beispielsweise einige Hochstapler rum, die subjektiv nicht mal Hochstapler sind, sondern sich selbst maßlos überschätzen und sich einreden, wie wären geniale Wissenschaftler. Das funktioniert, weil es an Universitäten nichts gibt, was sie davon abhält. Jemandem einfach zu gestatten, in jeder beliebigen Phantasiewelt zu leben ist wie dem Alkoholiker Freibier zu geben.

Nur wie konnte es in der Politik dazu kommen?

Christian Wulff war ja vorher schon jahrelang Ministerpräsident. Was müssen da für Zustände herrschen, wenn einer seinen Realitätsverlust so über die Zeit retten kann ohne da jemals schmerzhaft mit der Realität kollidiert zu sein? Was muß da für eine fragwürdige Umgebung in der Politik herrschen? Ist das am Ende gar die Erklärung dafür, warum in der Politik so viele trübe Lichter unterwegs sind, daß da nämlich einfach keiner ist, der ihnen sagt, daß sie nicht toll sind?

Das Schlimmste daran ist, daß sich das in der Causa Wulff auch nicht mehr ändern wird. Wenn der jetzt lebenslang seinen „Ehrensold” und – wie beantragt und in der Presse ausgebreitet – auch ein schönes Büro mit Sekretärin, Personenschutz, Chauffeur und Dienstwagen bekommt, wie soll denn der dann jemals wieder von seinem Trip runterkommen? Der Mann wird doch lebenslang glauben – und nichts wird ihn davon abbringen – daß er ein toller Bundespräsident war und in aller Würde in die Ahnengalerie aufgestiegen ist.

Es wird Deutschland vermutlich die nächsten 40 Jahre jährlich mindestens eine halbe Million Euro kosten, diesem Mann die Illusion aufrechtzuerhalten, daß er ein toller Präsident wäre. Jeder, der noch halbwegs bei Verstand ist, hätte sich selbst die Peinlichkeit dieses großen Zapfenstreiches erspart. Alle vier Altpräsidenten haben abgesagt. Und bei der Wahl aus drei Wunschliedern hat er sich vier genommen.

Erinnert mich fatal an diese „das steht mir zu”-Mentalität einer Ministerin Ulla Schmidt. Eine Menge Leute unterwegs, deren Weltbild nur darin besteht, sich am Buffet den Teller möglichst voll zu laden. Was auch erklärt, warum Wulff all die peinlichen Schnäppchen gegriffen hat. Es ist dieses Gefühl, sich am wohlgefüllten Buffet das einsammeln zu können, was im Angebot ist. Das einen jedes Maß verlieren läßt.

Und es erklärt dann auch irgendwo, warum die Politik so allergisch gegen das Internet ist. In den etablierten Medien hat die Politik so viel Einfluß, daß sie diese zum Bestandteil ihrer Scheinwelt machen können.

Eigentlich bleibt da nur eine Frage:

Wie konnte das eigentlich passieren, daß jemand wie Wulff eine solche Karriere macht? Nicht der Ehrensold und die Peinlichkeiten sind das Problem, sondern die Tatsache, daß jemand, der so ernsthaft nicht mehr alle Latten am Zaun hat (schlimmer: nie hatte) überhaupt in eine solche Machtposition kommen konnte. Vielleicht hat man als Bundespräsident keine Macht, sondern nur Schadenspotential, aber als Ministerpräsident hat man viel Macht. Und das ist ein viel größeres Problem als der Ehrensold. Seltsamerweise spricht da niemand drüber.

16 Bundesländer haben wir. Und damit jede Menge von Bundes- und Landespolitikern mit sehr viel Macht. Sollte man die nicht generell mal auf Dichtigkeit prüfen?


9 Kommentare (RSS-Feed)

lairsdragon
7.3.2012 7:34
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Ich fordere eine Stresstest für Politiker!

🙂

cheerio


sebingel
7.3.2012 9:19
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Na vielleicht war es ja in diesem Fall einfacher ihn aus dem mächtigen Amt hinaus zu “befördern” als ihn hinaus zu schmeißen.

Vielleicht wurde sein Realitätsverlust und sein Schadenspotential serwohl entdeckt. Bevor er dann als Ministerpräsident wirklich immensen Schaden anrichten konnte wurde er in das Amt des Bundespräsidenten befördert in dem er vordergründig nur sich selber schaden konnte.

Wer weiß wem wir da zu Dank verpflichtet sind 😉


Thomas
7.3.2012 10:06
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“Wie konnte das eigentlich passieren, daß jemand wie Wulff eine solche Karriere macht?”
Ich schätze aus denselben Gründen, aus denen die CDU bei Wahlen doch immer wieder 30 bis 40% der Stimmen erhält 😉


Lurpa
7.3.2012 10:44
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Naja, stell Dir mal vor, wie so ein Ministerpräsident so arbeitet:
Der ist fast den ganzen Tag von einer Art “Hofstaat” umgeben, die per default alles total super finden, was er macht. Die wollen nämlich alle durch ihn Karriere machen, bzw. haben durch ihn Karriere gemacht (die hat er nämlich aus der Partei geholt).

Durch den z.T. hohen Termindruck gibt er immer mehr Dinge in die Hände seiner Referenten und des Vorzimmers. Das erklärt, warum wohl mal tatsächlich bereits Minister irgendwo gestrandet sind, ohne ein paar Euro in der Tasche – die brauchten sie ja bisher nie!

Irgendwann gewöhnt man sich an so etwas und hat den Bezug zu der Realität der “normalen” Leute verloren.

Ich nenne das immer den “Kahn-Komplex”. Dem Oliver Kahn (dem Torwart) hat man auch seinerzeit so oft eingeredet, er wäre ein “Titan” (ein Halbgott!!), dass er das irgendwann selbst geglaubt und gemeint hat, alle würden sich auch für seine Meinung zu politischen Fragestellungen interessieren.

Das selbe gilt auch für Ministerinnen und Minister auf Landes- und Bundesebene.


Anmibe
7.3.2012 11:24
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„Wie konnte das eigentlich passieren, daß jemand wie Wulff eine solche Karriere macht?“

Ganz einfach, er ist in dem Umfeld nicht negativ aufgefallen. Er hat das getan was allgemeiner Usus ist. Das ist auch der Grund, warum er die ganze Aufregung nicht versteht, jetzt nachdem er mit der Realität außerhalb politischer Zirkel konfrontiert worden ist.


dumdidum
7.3.2012 11:45
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Das liegt einfach daran das politiker innerhalb der Parteien von den “Herrschern” dorthin platziert werden, denn die Parteibasis hat gefälligst das zu bestätigen was die “Chefs” wollen.
Wir haben nunmal keine direkte Demokratie und es kommt darauf an woher man kommt und wen man kennt, nicht was man kann und ist.
Er verhält sich genauso wie die aktuell mächtigen Konzernchefs und da wird er mit sicherheit landen, genauso wie ein “brutalstmöglicher Aufklärer” nun voll im Baugeschäft ist, macht Sinn als Volljurist und ehemaliger Ministerpräsident den keiner aus dem Volk dafür gewählt hatte.
Das System ist korrupt, war es immer und wird es solange bleiben wie es keine echte Alternativen gibt.
Das die Selbstbedienmentalität öffentlich gemacht wird liegt wohl eher daran das er sich bei bestimmten “Mächtigen” wohl falsch verhalten hat.
Oder diese “Mächtigen” wollen unser Bundesmerkel mal vorführen …
Egal warum es macht die Sache nicht besser.
Armes “Teutschland” *seufz*


ML
7.3.2012 11:46
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Einen Erklärungsversuch gibt es von Herr Spreng unter http://www.sprengsatz.de/?p=3813

Dieser deckt sich in einigen Punkten mit deinen Erklärungen. Das Schlimmste ist nicht, das Herr Wulf irgendwann in seiner Karriere auf Wolken getragen wurde, sondern das er nicht mehr von Wolke sieben herunterkommt, obwohl er den schlimmsten Absturz eines Politikers seit Jahren durchmacht. Vor Guttenberg sogar.
Welche Katastrophe muss noch geschehen, dass diesen Mann auf den Boden der Tatsachen zurückholt?

Wenn diese Scheinwelt für viele andere Politiker genauso zäh bröckelt, wird es mir persönlich richtig schlecht.


Ich würde da gar nicht so auf Politiker und manche Wissenschafter schimpfen, denn Realitätsverlust gibt es überall, wenn man hinreichend weit nach oben in der Hierarchie schaut. Ist in der Wirtschaft nicht anders. Oder Kirche. Oder sonstwas.

Wenn man weit genug oben in der Hierarchie ist, hat man irgendwann sehr weitreichende Befugnisse und gleichzeitig viele Leute unter sich, die die eigentliche Arbeit machen, sowie einen starken Termindruck. Einerseits kommt man also gar nicht mehr in Kontakt mit den eigentlichen Problemen, andererseits hat man dafür, selbst wenn man wollte, gar keine Zeit mehr. Die Zuständigkeiten sind zu komplex und zu diffus; wenn etwas schief läuft, ist es schwer, einen Schuldigen zu benennen oder auch nur eine konkrete Ursache, und so kommt es, dass man kein brauchbares Feedback mehr darüber bekommt, was man richtig oder falsch gemacht hat. Das eigene Verhalten wird zunehmend daran gemessen, wie es nach außen aussieht, und nicht, was es bewirkt (was sowieso kaum noch nachzuvollziehen ist).

Ein zweiter Grund ist, wie wir unsere “Leistungsträger” aussuchen. Wir wollen nur die Besten haben. Wir stellen irgend eine plausible Metrik auf (einfaches Beispiel: Schulnoten), und suchen die Leute danach aus. Und was bekommen wir? Nicht die, die am besten für das Amt geeignet sind, sondern die, die am besten in die Anforderungen passen. Oft vermeintliche “Wunderkinder”, die bereits in jungen Jahren scheinbar mehr geleistet haben als ein Durchschnittsmensch in seinem ganzen Leben, und dabei nicht die graue Strebermaus sind, sondern glamouröse Hoffnungsträger. Nur hatten sie nie die Zeit, sich die Hände schmutzig zu machen, auf die Nase zu fallen, aus Fehlern zu lernen … und in ihrem Amt haben sie diese noch weniger.

Und das geht doch gerade wieder so los mit dem nächsten Bundespräsidentschaftskandidaten. Gauck ist zwar sicher kein junger Senkrechtstarter, aber er wird anhand von wenigen Interview-Sätzen von vielen Leuten verrissen – was die Leute wollen, ist jemand, der das “Richtige” sagt, aber niemand fragt, ob da Substanz dahinter ist. Niemand scheint zu fragen, ob jemand, der einige durchaus kritikwürdige Sätze gesagt hat und deutlich andere Ansichten hat, vielleicht doch so viel gesunden Menschenverstand besitzt, dass er die Dinge mit Augenmaß sieht und ein guter Präsident sein kann. Wir erschaffen uns laufend Helden, und wenn sie nicht das sind, was sie niemals waren und nicht sein können, prügeln wir auf sie ein.


irgendeiner
8.3.2012 8:18
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Das W. vier Lieder bekommt ist kein Ausdruck seiner Masslosigkeit, sondern vielmehr seiner Brillianz als Schnorrer.