Ansichten eines Informatikers

Griechenland als Staat auflösen

Hadmut
28.2.2012 10:39

Ich habe vor vier Monaten vorgeschlagen, Griechenland weder durchzufüttern noch pleite gehen zu lassen, sondern als geringstes Übel als Staat wegen fehlender (Über-)Lebensfähigkeit aufzulösen und in ein Gesamt-Europa einzugliedern. (Ich habe da vielleicht aufgrund meiner Industrie-Tätigkeit ein eher Management- und Betriebswirtschaftlich orientierte Sichtweise und sehe das mehr so in Richtung des Haltens und Sanierens eines Firmenteils, der selbst nicht mehr kann, den man aber auch nicht fallen lassen kann.)

Inzwischen scheint es in genau diese Richtung zu gehen. Das griechische Finanzsystem soll von deutschen Steuerbeamten auf Trab gebracht werden.

(Wenn ich allerdings daran denke, wie schlecht und langsam sich das Finanzamt München sich in meinen Steuerangelegenheiten anstellt, dann müssen die griechischen Finanzbeamten schon unglaublich schlecht sein, wenn die deutschen das „auf Trab” bringen können. Es ist halt immer alles relativ.)

33 Kommentare (RSS-Feed)

FF
28.2.2012 11:09
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Bin gespannt, wenn wir endlich aus dieser offiziell verordneten Euro-Anästhesie (“scheitert der Euro, dann scheitert Europa”) aufwachen. Mutti legt uns emsig immer neue Sedierungs-Schläuche. Schnarch, grunz, lall.

Es ist zum die Wand hochgehen! Deutsche Steuerbeamte sollen das griechische Finanzsystem “auf Trab bringen” – hallo, ist immer noch niemand wach?

Das ist auf so vielen Ebenen so dämlich, daß sich einem die Fußnägel hochrollen.

1) Es wird nie und nimmer funktionieren. Aus fachlichen, personellen, kulturellen, sprachlichen und historischen Gründen.

Am deutschen Steuerwesen soll also diesmal “die Welt genesen”? Nachdem es mit dem deutschen Kriegswesen zweimal eher, sagen wir, suboptimal hingehauen hat? Super-lol.

2) Es wird uns (noch mehr) den Haß der Griechen (und aller anderen) einbringen. Sie werden natürlich uns Deutschen die Schuld an ihrer Misere geben. Ein besseres Feindbild können die gar nicht kriegen! “Protektorat Griechenland”, “Fremdherrschaft”, “Gauleiter”, “Steuer-SS” usw. – die Schlagzeilen liegen schon parat.

3) Ist das unser Modell für Europa? Deutsche Steuerbeamte nach Griechenland, Spanien, Portugal, Italien, Irland? Frankreich? Die verlotteren Läden “auf Trab bringen”? Zackzack!?

Und selbst wenn das gelänge, was es nie und nimmer wird – wie lange bleiben “wir” dann dort? Zehn Jahre, fünfzehn Jahre – für immer?

Die “Freiheit” wird dann nicht mehr nur am Hindukusch, sondern auch im Finanzamt von Thessaloniki verteidigt. Heia Safari.

Wollen wir das? Sehen wir uns so? Als Steuereintreiber, Kontrolleure, Super-Büttel, Spureinsteller und Pfennigfuchser Europas? Vielleicht mit schmucken neuen Uniformen?

Na, Prost Mahlzeit. Dann werden wir bald nicht mehr mit unseren schönen deutschen Autos in den Urlaub gen Süden fahren können, sondern auf die Schützenpanzer und Splitterschutzwesten der Bundeswehr zurückgreifen müssen… Und uns in restricted areas am Mittelmeer sonnen, umgeben von MG-Türmen.

Aber was ereifere ich mich. Nützt/bringt/hilft eh nichts und interessiert keine alte Sau. Unsere neue Einheitspartei CDUSPDFDPGrüne wird da alles schön einstimmig beschließen (weil “alternativlos”) und unser neuer Pfaffen-Messias in Schluß Bellevue wird ergriffen die Hände falten und seinen Schwafel-Segen dazu geben.


Christian
28.2.2012 12:00
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Ich sehe da eher die Ursache des Problems als eine mögliche Lösung: Eine Währungsunion ohne gemeinsame Regierung hat uns in diese Lage gebracht. Aber aus dem Scheitern der Währung nun die dafür erforderliche Regierung zu erschaffen, halte ich für utopisch.


Hadmut
28.2.2012 12:01
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Mir fällt zu Griechenland bloß aktuell gar nichts mehr ein, was nicht mindestens das Prädikat „utopisch” verdiente.


sc
28.2.2012 12:11
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zum Kommentar von FF
Doch! Mich interessiert ihr Kommentar und ich habe herzlich gelacht 😀
schließlich gibt es derzeit nicht mehr wirklich viel zu Lachen …
Vielen Dank dafür!

Damit ich wenigstens irgendwie außerhalb des Internets meine Meinung kundtun kann, habe ich meine hinteren Autofenster mit “Nein zum ESM” tapeziert 🙂
Nützt/bringt/hilft auch nichts und interessiert auch niemanden, oder doch?


Alex
28.2.2012 12:55
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Wir könnten auch die griechischen Beamten zu uns holen, um unsere Politiker auf Korruption zu überwachen.


Hadmut
28.2.2012 13:06
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Bock zum Gärtner machen?


nullplan
28.2.2012 14:25
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Wenn es überhaupt noch einen Garten gäbe, dann ja.


FF
28.2.2012 15:26
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@sc

Der “Nein zum ESM”-Aufkleber im Autofenster wird Ihnen auch nichts mehr nützen, wenn Sie von erzürnten griechischen Freiheitskämpfern an Ihren Nummernschildern als Vertreter der “Steuereintreiber- und Besatzermacht” erkannt und auf dem Weg in Ihren griechischen Urlaubsort “angesprengt” werden…


thomas
28.2.2012 20:50
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erstmal viel mir gleich der Witz ein: wenn irgend ein Land ein anderes erobern will, schickt es seine Armee.
Wenn Deutschland ein anderes Land erobern will, schickt es seine Beamten.

Die Griechenland-Sache ist unglaublich aufgebauscht und höchst lächerlich. 160% Schulden am BIP sind ein Witz. Japan hat 200% und kein Schwein interessierts! Europa hat insgesamt weniger Schulden als die USA.

Das Problem dieser Union war das “Nationalgestaatle”. Erst versagen alle kolletkiv (reiches Nordeuropa benutzt Suüdeuropa um billig hergestellte Produkte los zu werden) und dann wird der erste Verlierer an die Wand gestellt und soll erschossen werden.

Den griechischen Staat auflösen geht absolut gar nicht Danisch, allein schon wegen der Geschichte Deutschland-Griechenland (da D gerade die Führungsposition in dieser Sache hat, würde es dafür verantwortlich zeichnen). Mal davon abgesehen dass wegen 160%Schuden am BIP auch kein Staat aufgelöst werden muss. Die Kosten und Folgen davon sind überhaupt nicht abzusehen (die Griechen wären dann Staatenmäßig die neuen Juden).

Ein Land kann man nicht wie ein Unternehmen behandeln (zb ist das Streichen nicht profitabler Kosten etwas völlig unterschiedliches: Sozialausbagen sind für den Staat ein Muss, sonst geht jede höhere Form von Industrie und Dienstleistung schlicht den Bach runter, weil die Infrastruktur kaputt ist; in einem Unternehmen sind Sozialausgaben Luxus).

Den Staat da einfach aufzulösen wäre letztlich eine Kriegserklärung. Zudem hätte Europa dann ca. 8 Millionen Staatenlose an der Backe, die im erst besten Land als Staatsbürger anerkannt werden müssten und unglaubliche Kosten verursachen werden. Die Frage wäre auch: wem gehört dann Griechenland und wer will das vohrer alles enteignen? Das gäbe sehr blutige Auseinandersetzungngen.

Ansonsten wird mit der jetzigen Methode auch nicht Griechenland gerettet, sondern diverse Gläubiger werden gebailoutet und es werden Altschulden in Neuschulden verwandelt; ausserdem dürfen sich alle, die ihre Bilanzen auch firsiert haben (=alle anderen) darüber freuen, jetzt wie mit weißer Weste dazustehen und an der Sacht gar niemals nicht mit Schuld gewesen zu sein.
Zusätzlich wird das restliche Land in die Depression gespart, weil man dieses Land wie ein Unternehmen behandelt (Sparen = Proiftsteigerung), was bei einem Staat nicht funktioniert, schon gar nicht, wenn man ihm die öffentliche und soziale Infastruktur unter dem Arsche wegverkauft (Wasserwerke und Elktrizitätswerke sollen privatisiert werden; Krankenhäuser sind inzwischen vor allem Spendendienstleister, da sich kaum noch jemand eine Behandlung leisten kann; Armenküchen schießen aus dem Boden, weil die Supermärkte durch die Lohnkürzungen zu teuer geworden sind; zunehmend mehr Menschen kriegen ihren Strom abgeschaltet, weil sie die Sondersteuer, die mit der Stomrechnung eingezogen wird, nicht bezahlen können – bei all dem braucht man nicht mehr fragen, wieso da gerade nichts wächst). Höherer Kapitalismus funktioniert nur sehr kurz durch martialische Ausbeutung, danach muss die Ausbeutung irgendwie unterfüttert werden (zb Versicherungen, Krankenschutz, Rechtsschutz usw.).

Die Sache wäre mit einer Fiskalunion vom Tisch, wobei man dann nicht so pingelig auf kleine Fehler gucken muss, um anschließend völlig idiotische Rettungsprogamme zu starten, die erst richtig alles in die kaka reiten. In einer Fiskalunio wären die Schulden Griechenlands eine Randnotiz in den Büchern, wichtig wäre anderes, zb China.

Man darf sich aber vor allem nicht so dumm machen lassen, ernsthaft zu glauben, ein Volk von knapp 8 Millionen wäre für eine europäische im Verein mit einer weltweiten Krise verantwortlich. Diese Vorstellung ist ja gerade zu lächerlich, scheint aber häufig auf fruchtbare Gehirne zu treffen.


Fabian
28.2.2012 22:12
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Mit welchem Recht sollen wir das griechische Volk bevormunden? Es gibt ein partikulares Interesse von einigen Gesellschaften, dass ihre Kredite bedient werden, klar. Aber wer Kredite vergibt, der trägt ein Ausfallrisiko – so ist das nun mal.

Wir Deutschen sollten unseren eigenen Laden mal gewaltig aufräumen, dann würden auch nicht mehr deutsches Steuervermögen auf tausend Umwegen ins Ausland gepumpt.

Griechenland ist nicht unser Siedlungsgebiet, es sind nicht unsere direkten Nachbarn, es ist entfernt, in einem abstrakten Sinne, unsere europäische Kultur, alles in allem haben wir da keine Aktien den Diktator, den Manager oder den Sanierer zu spielen. Das Konzept nennt sich Volkssouveränität.


Hadmut
28.2.2012 22:18
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@Fabian: Und wieviel Geld sollen wir dann jetzt unkontrolliert rausschmeißen?

Wenn Du das so siehst und gerne zahlst – bitte, darst Du.

Ich sehe das anders. Mir geht meine Steuerbelastung ziemlich auf den Wecker. Und dem deutschen Häuslebauer erläßt auch niemand die Schulden.


Fabian
28.2.2012 22:43
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Wir sollten den Griechen überhaupt kein Geld reinschieben! Das wir Politiker haben die das in den jetzigen Größenordung ist ein Riesenproblem. Aber das haben wir Deutschen, die wir diese Merkel-hörigen Durchwinkverein von einem Parlament wählen.

Der deutsche Häuslebauer der zahlungsunfähig wird ist für seine Bank genau dasselbe Problem wie ein griechischer Staat, der seine Anleihen nicht mehr bedient. Und vorallem: das unternehmerische Risiko der Finanzwirtschaft. Das die Lobbyisten es geschafft haben der Öffentlichkeit einzureden Griechenland würde gerettet ist ein Meisterwerk der Nachkriegspropaganda.


Hanz Moser
28.2.2012 23:16
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Ich finde die Idee toll!
Wir schaffen also Arbeitsplätze für Deutsche und wenn man es richtig macht, kann man Unsummen dafür aus den Rettungsfonds verlangen, weil die hochqualifizierten Deutschen Steuerhanseln natürlich zu marktüblichen Konditionen arbeiten müssen – plus Zulagen fürs Ausland und für notwendige Zusatzqualifikationen!

Da kann man sich doch auf Kosten aller noch selbst ganz gut sanieren. Machen!


FF
28.2.2012 23:34
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@Fabian, “Durchwinkverein”:

Am besten macht das die “S”PD, Steinmeierbrück. Ordentlich die Backen aufblasen, die Merkel stundenlang in Grund und Boden kritisieren, alles Murks, verantwortungslos, pipapo.

Und am Schluß – stimmen die “Spezialdemokraten” dann allesamt der Regierung zu. Sowas gefällt mir! Das hat Stil. 😉


c.k.
29.2.2012 12:32
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Es wurde alles schon gesagt, aber nicht von mir.

Griechenland hat eine Tradition linken Terrors als auch rechten Staatsterrors.
Die Bewegung 17. Juni ist erst seit knapp 10 Jahren aufgelöst. Mich würde es nicht überraschen, wenn sich neue oder ehemalige Befürworter und Unterstützer zum Handeln veranlasst sehen, wenn “die Deutschen” kommen. Nicht ganz zu unrecht. Man muss sich das auch mal andersrum vorstellen. Eine IWF Hunderschaft fliegt in Deutschland ein, beaufsichtigt Beamte und Politker und führt Hartz V ein, damit amerikanische Banken keine Verluste hinnehmen müssen. Was wäre hier los? Und das auch zurecht. Denn so funktioniert Politik nicht: “wir haben euch das Geld aber gegeben.” Die Kategorien “Wir” und “Ihr” sind künstlich. “Mir habt ihr nix gegeben”.
Wenn wir diese dumme Währungsunion nicht hätten, wäre Griechenland zwar nicht so weit wie Island, die einfach gegenüber England die default Option gewählt hätten, aber sie wären nicht unser Problem. Eine tiefere politische Union (sprich Finanzunion) als Antwort auf die momentane Misere wird den Hass in Europa vermehren. Dann wars das mit “Europa heißt Frieden”. Fucking Tragedy.


Hadmut
29.2.2012 12:56
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@c.k.: Ein sehr schlechter Vergleich.

Stell Dir vor, wir hätten uns aufgrund schierer Inkompetenz, einen Staat zu führen, und extremer Korruption in die Pleite gefahren. Weil wir es alle so lustig finden, den Staat hinten und vorne zu bescheißen. Und dann in der Pleite gehen wir zum IWF und sagen, wir hätten gerne, daß uns irgendein anderes Land auf dessen eigene Kosten mal eben rettet und unseren Mist dessen eigenen Bürgern aufbürdet. Dann sagt dieses andere Land „ja, machen wir. aber nur unter der und der Bedingung, wenn Ihr dies und jenes in Ordnung bringt!”

Stellt Dir weiter vor, wir würden diese Bedingungen einfach nicht erfüllen, keinen Bock, inkompetent. Trotzdem wollen wir weiter gerettet werden.

Nun sagt das andere Land: „OK, wir sind immer noch bereit, Euch zu retten, aber immer noch unter diesen Bedingungen. Und wenn Ihr die nicht erfüllen könnt, dann müssen die eben von unseren eigenen Leuten erfüllt werden. Nehmt’s oder laßt’s bleiben!”

Dann sieht die Sache schon völlig anders aus als Du sie beschreibst.

Richtig ist, daß die Finanzunion der Fehler war. Der Euro ging aber nicht von den Deutschen aus, sondern von den Franzosen. Die machten den zur Vorbedingung für die Wiedervereinigung.


c.k.
29.2.2012 13:14
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Hadmut, du hast in der Beschreibung der Sachlage völlig recht. Aber ich in der Wahrnehmung der Situation der Betroffenen. Was ich meine: Egal was vorher lief, wer welchen Fehler gemacht hat, manche Konsequenzen sind einfach nicht mehr vermittelbar.
Vor allem wenn der Zweck nicht ist, dem Land zu helfen seinen Staat effizient zu organisieren, sondern das lediglich ein Mittel um das eigene Geld zurück zu bekommen. Das ist nciht vermittelbar. Auch wenn du recht hast. Aber das zählt ab einem gewissen Punkt nicht mehr wenn es um Politik geht. Das sollte das Beispiel verdeutlichen. Ich glaube in Deutschland unterbewerten wir das Gefühl für staatliche Souveränität und ihre Wichtigkeit im “gesunden Volksempfinden” systematisch. Warum? Weil wir ein großer Staat sind, dessen Souveränität relativ selten gefährdet ist. Das haben wir in eine Ideologie der abnhemenden Wichtigkeit des nationalstaatlichen verwandelt. Aber das stimmt nicht. Wir haben unsere Macht transfomiert in einen EU-Nationalstaatshybriden. Aber in diesewm Gebilde haben wir im Notfall das Sagen. Wir können nicht gegen alle anderen entscheiden, aber alle anderen können auch nicht gegen uns entscheiden. Eine komfortable Position um das Ende des Nationlstaats zu postulieren. Und eine Nebelkerze. Kleiner Länder empfinden das anders.


der andere Andreas
29.2.2012 13:33
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wie schon beim letzten beitrag geschrieben ist die situation so, dass ohne unterstützung die griechen ihre schulden nicht bezahlen können und damit unsere forderungen genauso futsch sind.

mittlerweile dürften fast alle privaten anleger ihre griechenland-anleihen bei der EZB deponiert haben und die sache wäre weniger schmerzlich für das europäische finanzsystem. aber wohl auch einige dt. banken müssten danach immer noch gerettet werden – dann fleßen die mrd. halt woanders hin…

aber mittlerweile hab ichs aufgegeben sachliche diskussionen zu dem thema zu erwarten.


Hadmut
29.2.2012 13:38
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@Andreas: Ja klar, die alte Leier, alle sind schuld und verantwortlich außer den Griechen selbst. Die sind die einzigen, die nichts dafür können.

Hört sich nach Polemik an, ist aber die Argumentationsweise vieler Leute.


c.k.
29.2.2012 13:37
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Oh Gott sind da viele Schreib- und Tippfehler drin. Ich schäme mich massiv.


FF
29.2.2012 13:38
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@Hadmut

“Die Franzosen machen den Euro zur Vorbedingung für die Wiedervereinigung”.

Das richtig – und auch wieder nicht. Natürlich taten sie das, aber sie hätten den fahrenden Zug nie und nimmer aufhalten können – DM hin, Euro her. Paris konnte schlicht keine Bedingungen diktieren. Zu klein, zu schwach, zu unwichtig. Und: die Amerikaner wollten den Zug unbedingt ankommen sehen.

Richtig ist: sie wußten das sogar, spielten diese Karte aber trotzdem und hofften, mit ihrem kleinen Bluff die Westdeutschen zu beeindrucken oder wenigstens den Preis hochzutreiben.

Und jetzt der entscheidende Punkt: unser großer Historiker aus Oggersheim (und der Mann mit den Ohren) haben sich ins Bockshorn lassen. Hätten die gesagt: nee, vorerst nicht, zu schwierig, übermorgen vielleicht – was bedeutet hätte: nie – das Thema wäre weg gewesen. Wiedervorlage: St.-Nimmerleins-Tag.

Aber wir wissen ja: scheitert der Euro, dann scheitert Europa. Dann überfallen und massakrieren wir uns sofort wieder gegenseitig… (Als ob Europa jemals an einer lächerlichen Währung gehangen hätte.)

Am besten, jeder schreibt das für sich jeden Tag fünftausendmal und liest dabei laut mit. “Scheitert der Euro, dann scheitert…”


thomas
29.2.2012 13:43
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Danisch, mit dem Umstand, dass man Bedingungen eines Gläubigers erfüllen muss, haben Sie Recht. Wenn diese Bedingungen aber langfristig schädlich sind, dann haben die Schuldner -insbesondere wenn es ein Staat ist – das Recht, diese Bedinungen gemessen am Ziel (Schulden zurück bezahlen) zu kritisieren oder zurückzuweisen. Wenn die Bedingungen potentiell zu einer höheren Verschuldung führen, dann hat ein Staat sogar die Pflicht, das nicht vorbehaltlos anzunehmen, weil er sein Volk sonst noch mehr in Schulden stürtzt, was er ja nicht soll. Es gibt keinen ökonomisch logischen Beweis dafür, dass Lohnkürzungen und Beschneidung des Arbeitsrechtes sich positiv auf eine Volkswirtschaft auswirken. Dasselbe gilt für Privatisierungen. Oder für das Kürzen von Krankenkassenleistungen. Oder die Reduktion öffentlicher Dienstleistungen. Das alles ist aber an eine Reform des Steuerrechts geknüpft.

In Griechenland spielt man gerade: “ruiniere dich, dann rette ich dich. Sonst nicht.”
Auf internationaler Ebene “take it or leave it” zu spielen ist aber sehr gefährlich und im übrigen latent kolonialistisch. Der IWF wurde gegründet, um zu verhindern, dass das, was nach 1929 passierte, noch einmal passiert. Im Moment scheint es aber eher darauf hinauszulaufen, solche depressiven Zustände wieder zu erzeugen, indem man Menschen in die Prekarität zwingt.

Take it or leave it ist auch deswegen nicht klug, weil die Folgen, die daraus erwachsen, nicht nur Griechenland betreffen werden. Einen Staat kann man nicht wie ein Privatunternehmen oder wie eine Privatperson behandeln.

Griechenland ist mit an seiner Misere schuld, das wird nicht mal von denen selbst in Frage gestellt. Aber es ist nicht nur ihre Schuld, was allerdings allerorten suggeriert wird (“über die Verhältnisse gelebt” tut so, als ob diverse Finanzmarktdisaster nichts damit zu tun hätten und als ob die Deregulierung der Finanzgeschäfte ganz unabhängig von zb. Staatsschulden wären)


Hadmut
29.2.2012 13:49
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@thomas: Bla Bla Bla … und was sollen/wollen die Griechen dann tun?

Man sieht immer nur, was sie nicht wollen/sollen. Schreien, Streiken, Fordern. Da sind sie gut. Aber dazu, wie es weitergehen soll, habe ich weder von denen, noch von den Schreihälsen hier etwas gehört.

Das, was die im Moment machen, nämlich gar nichts ändern, keine Strategie, nur kontinuierlich Geld reinfließen lassen, ist doch letztlich nur parasitär.

Was soll denn der „richtige” Weg sein? Oder kannste auch nur moppern, daß alles falsch ist?


lothar
29.2.2012 14:28
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In den USA koennen Gemeinden pleite gehen, die Verwaltung wird von der naechst hoeheren Administration uebernommen:
“Occasionally small towns disincorporate, which may happen if they become fiscally insolvent, and services become the responsibility of a higher administration. An example is Cabazon, California, which disincorporated in 1972.”
und
“An unincorporated community is usually not subject to or taxed by a municipal government. Such regions are generally administered by default as a part of larger administrative divisions, such as a township, borough, county, state, province, canton, parish, or country.”
aus en.wikipedia.org


Hadmut
29.2.2012 14:34
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Jau, das ist doch mal was.


c.k.
29.2.2012 14:42
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@lothar
Wenn wir uns alle als Europäer fühlen würden, vielleicht auch die gleiche Sprache sprechen würden, wäre das sogar ein gangbarer Weg.

Amerika ist aber vielleicht ein ganz guter Vergleich. Da haben nämlich einen Bürgerkrieg geführt bevor alle den Nationalstaat und seine (Durchgriffs-)Rechte akzeptiert haben 😉


Hadmut
29.2.2012 14:44
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Na, lang kann’s ja bis zum Bürgerkrieg nicht mehr dauern…


quarc
29.2.2012 17:13
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Während man über die Entsendung deutscher Finanzbeamte nach Griechenland
spekuliert, werden in Griechenland gerade Finanzbeamte entlassen bzw. in
Zwangspension geschickt, um die Sparauflagen zu erfüllen. Das wirkt nicht
besonders überzeugend.

Nebenbei, wenn die deutschen Finanzbeamten in Griechenland fertig sind, könnte
man sie doch dann nach Hessen weitervermitteln. Da gab es doch auch vor einiger
Zeit Berichte über das Ausbremsen allzu unbequemer Steuerprüfer.


c.k.
29.2.2012 17:26
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Das wohl eher nicht, aber Einigungsprozesse laufen selten linear und friedlich ab. Ein externer Gegner wäre nützlich. Man versucht es ja mit den perfiden Anglo-Amerikanern, die den schönen Euro kaputt machen wollen, aber das zieht noch nicht so.


FF
29.2.2012 18:47
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Tja, auch wenn’s keiner mehr hören kann (ich auch nicht): die Griechen müssen … den verdammten Euro loswerden, ihre Drachme wieder ausgraben.

Danach aus dem Knie kommen und sehen, daß sie irgendwas herstellen, was sich im Ausland verkaufen läßt. Mit Tourismus wieder klein anfangen, nicht zu den Mondpreisen, die sie inzwischen drauf haben… Dann kommen auch wieder paar Gäste.

Olivenöl, Tsatziki, diesen grauenvollen geharzten Wein, Schafskäse, Schwämme, Boote, was weiß ich.

Aber nachdem sie alle vom süßen Gift des Euro gekostet und sich an vierstellige Euro-Löhne gewöhnt haben, auch ihre Opels, VW’s, Renaults, Häuser, Einbauküchen abbezahlen müssen… wird das alles ganz schwer. Sparguthaben etc. müssen halt wieder auf Drachme umgestellt werden.

Die Armen haben eh nix mehr zu verlieren, und die Reichen ihre Konten längst auf den Bahamas.

Okay, die Deutschen dissen, Merkel in SS-Uniform abbilden und unsere Fahnen verbrennen, ist natürlich deutlich einfacher.

Was jetzt läuft ist: wissen, daß man schwerkrank ist, aber einfach nicht zum Arzt gehen. Sich stattdessen auf die Couch legen und zusaufen. Auf den Nachbarn schimpfen.


thomas
1.3.2012 23:38
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Herr Danisch, dass Sie was von den Griechen gehört haben hätten können, hätte vorausgesetzt, dass die mal gefragt worden wären. Wurden sie aber nicht. Jetzt sollen noch die Wahlen verschoben werden, weil die nicht zum Rettungspaket passen, von denen keine einzige Dublone bei den Bürgern landet (Sie wissen, das “die” Griechen als Volk nicht das Geld bekommen, sondern deren Gläubiger? Dass das das griechische Volk auch aufregt, weil ihre Volkswirtschaft davon nichts hat, sie aus dem gegenwärtigen Sumpf nicht mehr rauskommt auf diese Weise?).

Ansonsten wäre ein kluger Ansatz, die Wirtschaft dieses Landes zu unterstützen (zb viel Potential für grüne Energien), günstgie Kredite für Neuunternehmer in diesen Branchen. Zu den wirtschafltichen Problemen zählen bspw. auch deutsche Agrarsubventionen (müssten weg), weil durch die deutsche Milch billiger ist als griechische, ergo Binnenwirtschaft geht den Bach runter.

Ich frage mich, ob Sie sich wohl hineinversetzen können in zb. Lehrer, die vor 3 Jahren (bei ähnlichen Lebenshaltungskosten wie hier) ca 1400€ bekommen haben und jetzt von 500€ leben müssen? Ich würde es angesichts einer solchen Veränderung nicht für unbotmäßig halten, wenn man deswegen auf die Strassen geht. Hätten Sie Bock plötzlich nur noch ca 1/3 ihres Einkommens zu haben? Wohl nicht.

Von einem griechischen Freund weiß ich, dass eines den Leuten da unten gerade extrem über die Leber läuft und das ist die Straflosigkeit von äußerst vermögenden Steuerhinterziehern (es geht teilweise um 2 Dekaden Hinterziehung). Das zweite, das sich ändern müsse, sei die quasi-Oligarchie der ca. 2000 reichsten Familien, die seit dem Putsch der 70iger Jahre die Macht zwischen sich hin und her reichen. Das dritte ist eine gute Steuerpolitik (vor allem Vermögenssteuer) die schon lange gewünscht, aber (dank der quasi-Oligarchie) nie ernsthaft angegangen wurde. Deswegen ist auch das Angebot, bei der Reform des Steuersystems zu helfen, durchaus begrüßt worden, weil diese kleine Oligarchie sich jetzt nicht mehr nur dem griechischen Volk beugen muss, sondern internationalen Akteuren (Troika). Was nicht gut ankam, war die Entmachtung der Haushaltsouveränität und was noch schlechter ankam war der Vorschlag der Totalprivatisierung öffentlicher Infrastruktur (vor allem Strom und Wasser). Noch weniger gingen solche Dinge wie Pantheon verkaufen oder ein paar Inseln an Leute abtreten, die sich das leisten können.

Im übrigen bin ich kein Ökonom. Aber das Verständnis, dass Verarmung und Mißgunst kein Friedensweg ist (und europischen Krieg soll es nicht mehr geben, seit Gründung der EU!) und schon gar kein wirtschaftlicher Regenerationsweg, braucht auch kein Studium der Ökonomie.


Hadmut
1.3.2012 23:42
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Boah, schon wieder dieses Heile-Welt-Syndrom-Gelaber.

Griechenland besteht nur aus unschuldigen Leuten, denen das Gehalt gekürzt sind und die nichts dafür können.

All die Leute, die da jahrelang alle möglichen Steuern hinterzogen, Renten für Tote kassiert haben, bei jeder Gelegenheit bestochen und geschmiert haben, die alle von absurden Zulangen lebten, das waren alles keine Griechen. Das waren alles deutsche Agenten.

Leute, Ihr habt doch Realitätsverlust.

Und von den Griechen hört man immer nur, was sie nicht wollen. Irgendeinen Vorschlag, wie es denn gehen soll, kommt da gar nicht. Von Ihnen übrigens auch nicht.


Hanz Moser
2.3.2012 0:42
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Och, ich denke hier haben beide Seiten Recht.
Der durschnittliche Grieche hat mit der Sache so wenig zu tun wie der durchschnittliche Deutsche mit der Korruption und Vetternwirtschaft hier. Natürlich hat der überall sein Schmiergeld bezahlt, sonst hätte er ja auch weder Baugenehmigung noch medizinische Behandlung bekommen. Natürlich hat auch der normale Grieche überall bei den Steuern beschissen, weil es jeder getan hat. So wie hier auch gewisse Gesetze nicht so recht durchgesetzt werden.

Das Problem ist aber, dass das Volk als Souverän auch die Verantwortung für den Staat trägt. Wenn man denn schon wusste, oder hätte wissen können, dass praktisch alles nur mit Schmiergeld und Korruption läuft, hätte man halt mal was tun müssen. Wenn es keinen interessiert wurde das halt billigend in Kauf genommen und man muss jetzt mit dem Scherbenhaufen zurecht kommen.
Natürlich Calanida Populakis, die arme Hausfrau, hat das alles nicht allein verschuldet, aber ihre Indifferenz als Staatsbürgerin ist zusammen mit der aller anderen Unschuldigen die Basis für das, was in Griechenland passieren konnte.

Kollektives Nicht-Handeln führt zu kollektiver Haftung.