Ein komplexes System wieder zum Laufen bringen
Ein Leser ist sauer auf mich.
Wegen meines Kommentars zum Totalausfall des Bahnverkehrs ist ein Leser mit – ich halte es anonym – deutlichem Bezug zu Bahnverkehr und Bahnhöfen sauer auf mich:
Ach, Herr Danisch!
Eigentlich hätte ich mir gewünscht, daß Sie etwas Solidarität mit den Kollegen von DB Systel zeigen würden.
In knapp drei Stunden ein komplexes System wieder zum Laufen zu bringen, ist das keine Leistung?Dumme Sprüche wie “Ich bin so begeistert vom Technikland Deutschland.” können Sie Welt.de (mit aktuell 1.593 Leser-Kommentare) überlassen.
Nun bin ich aber nicht Lokführer, sondern Informatiker. Und ich sehe das durchaus anders.
Deutlich anders.
Das System kann so komplex sein, wie es will. Es muss eine definierte Verfügbarkeit haben und redundant sein. Und wenn dadurch in ganze Deutschland der Bahnverkehr ausfällt und sogar die S-Bahnen zu den Flughäfen nicht mehr gehen, also großer Folgeschaden entsteht, kann die Verfügbarkeit nicht so definiert werden, dass man einen mehrstündigen Ausfall tolerieren kann.
Das heißt, es geht da nicht um die Leistung, ein „komplexes System wieder zum Laufen zu bringen“. Wer so argumentiert, hat das Problem überhaupt nicht verstanden.
Es mag ja sein, dass das dann eine tolle Leistung war, aber die echte Leistung sollte eigentlich darin bestehen, ein System zu bauen, in dem so etwas erst gar nicht passieren kann. Es geht ja nicht darum, ein System zu bauen, das man schnell wieder zusammenflicken kann, sondern das selbst fehlertolerant ist.
Ein ordentlich gebautes, nämlich redundantes System hätte es im Störfall nämlich gar nicht erst erforderlich gemacht, nachts in höchster Eile zu agieren.
Und weil es inzwischen heißt, dass das die Folge eines Softwareupdates war, stellt sich die kanonische Frage, ob man das vorher getestet hatte.
Ich sehe das also grundsätzlich anders, und deshalb und gerade darin schon ein Problem an sich.
Und dann muss man sich auch mal die Frage stellen, ob das vielleicht gar nicht so gut und richtig ist, wenn das System so „komplex“ ist, dass man sich schon freuen muss, dass man es wieder zum Laufen gebracht hat. Vielleicht ist es dann einfach zu komplex?