Ansichten eines Informatikers

AV1

Hadmut
2.6.2026 19:02

Mmmmh. Passt mir nicht ganz.

Ich habe viel zu viele Videos in der Bearbeitungsliste. Fernsehsendungen, Youtube, Tiktoks, Kinofilme, alles mögliche. Zum gucken und zitieren, weil man ab und zu auch mal was für einen Ausschnitt braucht.

Das Zeug nimmt enorm viel Platz weg. In der üblichen Qualität kann ein Film in Kinofilmlänge durchaus 4 bis 5 GB lang sein. Und wenn man ihn mit dem Recorder aufzeichnet, können in ordentlicher Qualität auch gerne mal 20GB daraus werden, weil die Recorder oft Hardwareencoder haben, die zwar in Echtzeit codieren, aber in MP4 mit schlechter Optimierung und ohne Parameterwahl, weshalb man dann die Qualitätsstufe „sehr gut“ wählt und bei 20GB herauskommt.

Ich habe vor Jahren schon herumexperimentiert, welche H.264-Parameter zu guten Ergebnissen führen, kam aber nicht zu befriedigenden Ergebnissen, weil man da relativ schnell zu sichtbaren Artefakten kommt. Ich hatte deshalb davon abgesehen, meinen Kram durch H.264 in speicherfreundlichen Größen zu kompriminieren.

Dann hatte ich mit H.265 herumexperimentiert. Deutlich besser, aber auch nicht so der Brüller, wenn die Datenmenge nicht ausufern soll. Vor allem haben beide wohl ein Patentproblem, weil für beide in irgendwelchen Fällen Lizenzgebühren anfallen.

VP8 und VP9 habe ich übersprungen.

Nun habe ich mit aktueller Linux-Software AV1 probiert (nach dem Update auf Ubuntu 26.04). AV1 wird ja gelobt, weil es der derzeit beste Videoencoder und außerdem lizenzfrei sein soll.

Was soll ich sagen? Mit den Ergebnissen bin ich sehr zufrieden, das sieht sehr gut aus, weil man kaum Artefakte sieht, auch wenn sie sicherlich messbare wären. Das sieht sehr, sehr gut aus. Leider gibt es zwei Abers:

  • Man kann zwar per Parameter den Rechenaufwand (je mehr man rechnet, desto besser die Kompression) wählen, aber wenn ich den auf gut stelle, ist der Rechner (AMD mit alle 16 Kernen) für einen Film einige Stunden beschäftigt. So einmal über Nacht reicht für einen Film. Was nicht nur Zeit kostet, sondern auch Geld, das Ding zieht ja Strom. Ich muss mal schauen, ob irgendein anderer Prozessor in meinem Rechnerzoo bessere Hardwareunterstützung hat. Ich habe da zwar eine alte NVidia-Graphikkarte in diesem Rechner, aber ich weiß nicht, ob der Encoder die verwendet, außerdem wird von Video-Encoding per Graphikkarte abgeraten, wenn man es nicht gerade für Livestreaming braucht, weil die Algorithmen für Graphikkarten zwar schnell seien, aber keine gute Qualität/Kompression lieferten.
  • Auch wenn das Ergebnis bei einem Film in FullHD auf dem Rechner sehr gut aussieht, mein Tablet, das ich auf Reisen zum Gucken verwende, verhebt sich daran und kommt auf vielleicht 2 bis 3 Bilder pro Sekunde. Da müsste ich auch erst neuere Geräte ausprobieren, ob neuere Handy/Tablet-Prozessoren Hardwareunterstützung haben.
  • AV1 scheint seine Vorteile nur bei hohen Auflösungen (so ab ungefähr FullHD) ausspielen zu können, aber nicht bei kleineren Auflösungen.
  • Seltsamer Effekt: Ich habe einen Film mit schwarzen Streifen (nicht ganz 1:2.40, da hat man wohl einen Kompromiss gewählt, um das in 16:9 einzupassen) mit den gleichen Parametern zweimal komprimiert, aber einmal mit Balken und einmal nur den Ausschnitt ohne die Balken. Erstaunlicherweise führte das Ergebnis mit den Balken zu einer etwas kleineren Datei. Der Effekt ist bekannt, wenn Breite und Größe nicht den bevorzugten Größen des Codes (z. B. 16×16-Boxen) entspricht. Leider habe ich da keine Empfehlungen gefunden.

Das gefällt mir alles nicht so, denn ich versuche ja auch, Videos vom Webserver möglichst effizient anzubieten ohne ein Content Delivery Network einzuspannen. Auch nicht so toll, denn dann müsste man mehrere Formate alternativ anbieten, für verschiedene Endgeräte.

Alles noch nicht so begeisternd, obwohl natürlich Gejammer auf hohem Niveau. Verglichen mit der Analog-Zeit mit Scart-Stecker und VHS-Kassetten oder der MPEG2-Frühzeit mit DVD ist das natürlich alles schon Gold-Standard.

Aber von diesen Problemen abgesehen gefällt mir das Ergebnis bei AV1 schon ziemlich gut.