Ansichten eines Informatikers

Von Seenot und Kleopatras Wohnzimmer

Hadmut
17.6.2026 20:37

Ich war heute auf der Insel Delos.

Nachdem ich mit Mykonos nicht so richtig was anfangen kann, und dies auch zum Ausdruck gebracht habe, schrieben mir einige Leser, ich müsse unbedingt rüber nach Delos fahren. Das sei nicht einfach nur die allerwichtigste aller griechischen Inseln. Sondern auch genau mein persönliches Ding.

An dieser Stelle erst einmal einen herzlichen Dank an alle Leser, die mich auf Delos hingewiesen und aufgefordert haben, dorthin zu fahren. Das war wirklich toll. Und das war wirklich das, was ich mir unter Urlaub in Griechenland vorgestellt habe. Der Tipp war super! So gesehen lohnt sich Mykonos schon deshalb, um von da nach Delos überzusetzen, denn in Delos kann man ja nicht wohnen und nicht übernachten. Ich habe dort heute zwar sogar ein tolles Hotel mit schönen Zimmern gesehen, in optimaler Lage auch noch, direkt neben dem Theater – aber das ist 2000 Jahre alt und seither nicht mehr in Betrieb. Erstaunlich, dass es damals schon Hotels gab und die den heutigen gar nicht so unähnlich sind.

„Exkursion nach Delos“ hört sich an wie eine der alten Raumschiff-Enterprise-Folgen: „Käpt’n Kirk, es gibt Unregelmäßigkeiten auf Delos-5. Überprüfen Sie das und berichten Sie!“ – runterbeam – „Er ist tot, Jim!“.

Ganz so schlimm kam es dann nicht. Aber von vorne.

Ich habe also gestern abend geschaut, wie und wann und wo man nach Delos kommt und bin neben verschiedenen teuren Ausflugsanbietern mit Grillen und Schnorcheln und Strandbesuch, die alle frühestens morgen zu buchen gewesen wären, auf „Delos Tours“ gestoßen, einfach nur die Fahrt, hin und zurück, online 29 Euro. Mit dem Versprechen, dass man nicht anstehen muss. Ist aber Humbug, denn auch wenn man online kauft, muss man den Voucher am Schalter in ein Ticket tauschen, also trotzdem anstehen. Nur dass es gerade keine Schlange gab und ich direkt dran kam. Ohne online kostet es dann nur 25 Euro. Unrichtig waren auch die Angaben zur Rückkehr. Online hieß es, 10:00 Uhr hin, 13:30 zurück. Am Schalter steht aber, dass man um 13:30, um 15:00 und um 20:00 Uhr zurück kann. Außerdem kann man für teuer Geld geführte Touren mit Ohrhörer buchen.

Ich frage noch, auf welches Schiff ich muss. Die Orca. Das Schiff heißt Orca.

Dort auf der Insel angekommen: Laaange Schlange, geht nicht voran, weil man auf der Insel auch nochmal eine Eintrittskarte kaufen muss. Nochmal 20 Euro. Dauert länger als die Schiffsfahrt. Ich hätte mir eine von diesen teuren geführten Touren buchen sollen, die kommen nämlich ohne zu warten gleich rein, anscheinend ist da der Eintrittspreis auch schon mit drin.

Als ich dann drin war, sehe ich ein Schild, dass sie auch eine App für kostenlose Audiotouren haben. Viele der Ruinen haben QR-Codes und man kann sich das dann vom Handy in vielen Sprachen erzählen lassen. Mist, hätte ich das vorher gewusst, hätte ich meine Bluetooth-Ohrstöpsel mitgebracht, die liegen jetzt im Hotelzimmer. Denn die ganze Zeit eine Hand belegen, um mir das Handy ans Ohr zu halten will ich jetzt auch nicht.

Aber gut, tolle Sache das.

Eine – für antike Verhältnisse – riesige Stadt, und das auch noch ziemlich gut erhalten. Dächer fehlen weitgehend, die waren wohl aus Holz. An Zisternen kann man noch Reste der Decken sehen. Aber die Wände und Fassaden, selbst Einrichtungsgegenstände und in den Wänden eingelassene Regale sind noch zu sehen, teils wirken sie wie unverändert, außer dass von den Mauern nur noch die Steine zu sehen sind, aus denen sie gebaut wurden. Ursprünglich waren die wohl mit Gips („plaster“) verputzt und außen reinweiß, innen bunt bemalt und mit Mosaiken ausgelegt. Man staunt, was für eine moderne Stadt die vor 2000 Jahren schon hatten. Wasserversorgung über Zisternen, Straßen, Gänge, Hauseingänge, ein famoses großes Amphitheater mit sehr modern wirkenden und bequemen Steinsitzbänken (anatomisch geformt! Heute würde man sie „Designer-Möbel“ nennen). Da muss Stimmung gewesen sein, man sieht förmlich, wie die da Veranstaltungen abgehalten haben. Showbühne und Zuschauertribüne. Mit Treppen und Sitzreihen wie heute ein Fußballstadion.

Nebendran ein „Hotel“. Man kann nicht rein, nur reingucken, aber man sieht gleich: Vorne die Rezeption, hinten die einzelnen Zimmer.

Oben die Akropolis mit schicken Tempeln.

Wahnsinn, wie fortschrittlich die vor 2000 Jahren schon gelebt haben. Strom und Autos hatten sie nicht, aber ansonsten ist das gar nicht mal so weit weg vom heutigen Wohnen. Irgendwo habe ich die Tage von einer anderen Ausgrabungsstätte gelesen, dass man dort sehen kann, dass die Straßen mit dunklen flachen Steinen belegt sind, damit sie befahrbar sind, und an den Nahstellen zwischen den Steinen kleine, hellweise Kieselsteinchen stecken. Wozu? Die kleinen weißen Steinchen reichen bei Nacht, um das Mondlicht zu reflektieren, so dass man anhand der hellen Punkte dann auch bei Nacht sehen kann, wo die Straße verläuft.

Kleopatra.

Wusstet Ihr, dass Kleopatra eine Wohnung auf Delos hatte?

Sogar gut erhalten. Und hübsch eingerichtet. Säulen, Statuen, was man damals halt so in der Luxuswohnung hatte. Nicht schlecht. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal in Kleopatras Wohnzimmer stehen würde. Oder dass man die einfach so als Nachbarin haben konnte, wobei ich nicht weiß, ob sie schon Pharao war, als sie die Wohnung da hatte. Und es war auch nicht die größte Wohnung, andere hatten da deutlich größere Dinger. Eher so klein, aber hübsch eingerichtet. Stell Dir vor, nebenan wohnt ein Pharao.

Also, das hat mir alles sehr gut gefallen. Ruhe, Erkundung, was zum Angucken, was zum Rumlaufen. Es waren zwar eigentlich recht viele Touristen unterwegs, aber meistens in geführten Audiogruppen und in Pulks auf den Hauptwegen. Wenn man so in die Seitenwege ging, war man in den Ruinen weitgehend oder sogar ganz alleine. So gefällt mir das. So will ich das haben. Mir ist das lieber, wenn ein Ort vielleicht nicht so schön und massentauglich ist, ich da aber alleine bin, als in diesen Massenmühlen.

Kurz vor 14:00 war ich dann erschöpft. Rumlaufen, hin und her, rauf und runter, in der Hitze, mit Tasche, stark verschwitzt, da merke ich dann schon, dass ich nicht mehr der Jüngste bin. Früher wäre ich da endlos rumgelaufen, aber das geht nicht mehr so. Außerdem hatte mich Hotelpersonal gewarnt: Tu reichlich Sonnencreme drauf. Auf Delos gibt es keinen Schatten. Also beschloss ich, noch in das Museum zu gehen, schattig, kühl, horizontal, und nicht, wie ursprünglich geplant, um 20:00 zurückzufahren, sondern schon um 15:00. Das meiste hatte ich gesehen, und vielleicht komme ich morgen einfach nochmal, falls ich noch Lust verspüre.

Seenot

Also zurück zum Hafen. Schon auf dem Weg dorthin sehe ich: Keine Fähre.

Blick auf Uhr, Blick auf Handy: Es ist kurz vor 15:00 Uhr. Keine Fähre. Ich hatte beim Aussteigen extra noch gefragt: Habe ich das richtig verstanden? 13:30, 15:00, 20:00Uhr? Ja!
Handy gezückt. Ich hatte nämlich beim Ticketkauf die Zeiten abfotografiert. Ja, 15:00 Uhr.

Keine Fähre. Aber ein großer Haufen Leute, die auch alle auf die 15:00-Fähre wollten.

Da sollte eigentlich eine Orca sein. Ist aber nicht.

So gegen 15:20 gehe ich an den Kartenschalter für die Inseleintrittskarte und frage, ob Sie wissen, warum die Fähre nicht da ist.

Ganz aufgeregt und mit wirklich entsetztem Blick und dem Unterton des Todes sagen sie mir: „Da ist etwas passiert. Die Fährgesellschaft versucht gerade, ein Ersatzschiff aufzutreiben, um die Passagiere abzuholen.“

Toll.

Die meisten Passagiere sitzen einfach da und warten. Eine Frau eskaliert sich in die Panik. Wie soll sie je wieder ein Schiff besteigen können, wenn die Fähre, mit der sie fahren sollte, gesunken ist? Wir werden alle sterben.

Ich ärgere mich. Denn wenn das jetzt noch länger dauert, könnte ich ja einfach noch ein Stündchen die Ruinen besichtigen, die ich noch nicht gesehen habe. Aber dann bekommt man nicht mit, wenn irgendwas ist. Oder ist nicht schnell genug da. Und auf die 20:00-Uhr-Fähre würde ich auch nicht mehr setzen. In solchen Situationen will ich es dann nicht drauf ankommen lassen.

Die Leute sitzen also da und pennen oder lesen auf dem Handy, eine Frau mit Todespanik. Hat Angst und weiß noch gar nicht, wovor eigentlich.

Kurz vor 16:00 Uhr kommt eine vom Eintrittskartenschalter und sagt, sie habe Neuigkeiten: Die Fähre sei völlig in Ordnung, mit der sei gar nichts passiert. Aber ein anderes Schiff, ein Segelschiff, sei manövrierunfähig, in Seenot geraten, habe SOS gefunkt, und die tapfere Orca sei selbstverständlich sofort zu Hilfe geeilt, um die Menschen zu retten. Eine Rettungsmission unserer Fähre! Schade, dass wir nicht auf der Fähre und dabei waren. Das ist doch mal was Positives.

Um 16:17 legte die Ersatzfähre an. Alt, angegammelt, heruntergekommen, aber fährt. Anscheinend schon ausgemustert und noch irgendwo als Notreserve rumgestanden.

Wieder auf Mykonos komme ich wieder am Schalter für die Fahrkarten vorbei und dachte ich frag mal, was genau denn jetzt eigentlich passiert sei.

Ein kleines Segelschiff, so ein kleiner Katamaran, hatte ein Problem, kam in Seenot und hat einen Notruf abgesetzt. Und da musste die Orca los um die zu retten.

Erstaunlich. Ich hatte angenommen, dass die zufällig in der Nähe war, wie damals die Carpathia bei der Titanic. Aber aus dem Hafen heraus?

Die Orca ist kein kleines Schiff, nicht so einen Mini-Fähre. Das ist ein richtiges, großes Schiff mit mindestens zwei Decks und ich würde schätzen Platz für 150 bis 200 Leute.

Und das große Ding fährt los, um ein kleines Segelboot zu retten? Gäbe es da nicht geeignetere Schiffe?

Und dann wurde das interessant. Denn die erklärten mir das.

Die sagten, sie könnten ja nichts dafür. Die „port authority“ habe das angeordnet. Wenn ich das richtig verstanden habe, haben die da keine Seenotrettungskreuzer wie Deutschland, auch keine Küstenwache oder so etwas. Wenn bei der „port authority“ ein Notruf einläuft, dann schauen die einfach, welches Schiff verfügbar ist und ordnen das, so im Sinne einer Beschlagnahme, einfach an.

„He, Orca, Du fährst jetzt da raus und rettest die Leute von diesem Boot!“

Ja, sagte ich. Das ist gut. Da gibt es überhaupt keine Diskussion, Seenot geht auf jeden Fall vor. Richtig gehandelt. Vielen Dank! (Das freute sie. Wobei es natürlich von mir geheuchelt war, denn nicht sie, sondern die port authority hatte das entschieden.)

Aber es wäre halt toll, wenn sie das das nächste Mal besser kommunizieren. Da kam auf der Insel miserabel an, und die haben dort ja Handy-Empfang und so weiter. Es wäre toll, wenn man dort einfach anrufen könnte und sagen „wir sind auf Rettungsmission, wir kommen frühestens in einer Stunde, geht Euch noch eine Stunde Ruinen angucken!“

Das fanden sie eine gute Idee, das wollten sie künftig beherzigen.

Kein Seenotrettungskreuzer?

Weil ich heute bis dahin nur zwei Äpfel gegessen hatte, ging ich doch noch was essen. Chicken Salad. Mit Blick auf den Hafen.

Wie ich da also so sitze und darüber nachdenke, geht mir durch den Kopf, dass es eine völlig beknackte Idee ist, so eine Fähre zu einer Rettungsmission zu schicken, weil die dafür gar nicht ausgestattet it.

  • Keine Erste-Hilfe-Ausstattung, nichts zur Rettung Verletzter, Ertrinkender, Erfrierender
  • Keine Sanitäter
  • Keine Löscheinrichtungen
  • Keine Bergungseinrichtungen

Mir ging mein Sportbootführerschein durch den Kopf. Ich war da ja mal auf einem Segeltörn durch die Ostsee. Damals hatte uns der Skipper eingebläut: Bei Mann über Bord muss sofort einer an das Funkgerät und die „Distress“-Taste (=Notruftaste) drücken. Dann nämlich wird automatisch die Position an die Rettungsstellen übermittelt, die dann aus Ort, Uhrzeit und Strömungen errechnen können, wo sie den wieder einsammeln können.

Es sei nämlich, und das fand ich damals erstaunlich, nicht möglich, einen, der ins Wasser gefallen ist, wieder rauszuziehen, wenn der nicht in der Lage ist, die Badeleiter selbst wieder hochzuklettern, und das ist man nicht, wenn man unfreiwillig ins Wasser fällt, weil man unterkühlt, Schock, was gegen den Kopf bekommen, Wasser geschluckt. Wir sollten auch auf keinen Fall aus Spaß ins Wasser springen. Es hätten zwar der Legende nach kraftstrotzende Segelprofis einmal geschafft, einen am Baum des Großsegels aus dem Wasser zu hieven. Unsere Chancen, einen aus dem Wasser zu holen, seien aber gleich Null, Bestenfalls kann man ihn anseilen, damit er nicht wegschwimmt oder untergeht. Man brauche in diesem Fall immer und ausnahmslos die Seenotretter.

Die Seenotretter nämlich hätten spezielles Bergegerät, um Menschen aus dem Wasser zu fischen. Die könnten das.

Wie zum Teufel will man also von einer Fähre, die zumindest augenscheinlich (falls nicht versteckt) kein Bergegerät hat, und von der man nicht mal an die Näher der Wasseroberfläche kommt, Leute in Seenot retten?

Sie haben keine Seenotrettungskreuzer.

Ich bin die letzten Tage auch den alten und den neuen Hafen abgeschritten: Ich habe da nichts dergleichen gesehen.

Im Seenotfall schicken sie also einfach los, wer gerade verfügbar ist. Improvisieren.

Haben die eigentlich eine Feuerwehr und einen Krankenwagen? Oder schicken die auch jeweils den mit seinem Privatwagen hin, der gerade Zeit hat?