Meine Spezialtechniken des Ausmistens
Schlimme Zustände brauchen schlimme Methoden.
Die übermäßige Arbeitsbelastung durch alle die Rechtsstreitigkeiten der letzten 4 Jahre hat, das muss ich leider zugeben, auch dazu geführt, dass ich meine Wohnung nicht immer ganz so aufgeräumt hatte, wie sie sein sollte. Das ist zwar bei einem 1-Personenhaushalt ohne Kinder, ohne Tiere (bis auf Spinnen) und ohne Pflanzen auch nicht so schwer, denn wenn ich ein Zimmer oder die ganze Wohnung einfach zusperre, ist die vom Zustand stabil und verschmutzt und verdurcheinandert sich nicht von selbst, aber man merkt es eben doch. Ab und zu muss man dann doch mal wirklich sauber machen und ausmisten.
(Anschluss an meinen Blogartikel „Was genau sind eigentlich “Ordnung” und Sortieralgorithmen?“ im Kontext des Wohnungaufräumens von 2007.)
Nun habe ich eine Eigenheit. Zwar bei weitem nicht so schlimm wie bei meinem Vater, der vom Krieg geprägt war und – im Blog schon oft erzählt – einfach alles, alte Zeitungen, rostige Schrauben, aufhob, weil man das alles in irgendwelchen Krisen nochmal brauchen oder eintauschen könnte. Aber auch ich neige dazu, Dinge aufzubewahren, die man „nochmal brauchen könnte“. Dinge wegzuwerfen, die kaputt sind, oder von denen ich weiß, dass ich sie nicht mehr brauche, fällt mir sehr leicht, aber was, wenn ich das nochmal brauchen könnte? Zumal es mir schon oft so ging, dass ich mal etwas hatte, was gut war, und es nicht mehr nachbekam (weshalb ich auch zu einer gewissen Vorratshaltung neige, was ich bei der aktuellen RAM- und SSD-Krise gerade sehr bewährt und auszahlt).
Das wäre alles recht einfach, wenn ich jetzt wüsste, dass ich meinen Job habe und darin bis zur Rente bleibe, dann wüsste ich recht genau, was ich in den nächsten 10 Jahren noch brauche oder nicht. Wir haben aber gerade sehr volatile instabile Zeiten, in denen man unmöglich vorhersagen kann, was in den nächsten Jahren noch kommt. Brauche ich jemals noch Krawatten? Im Prinzip haben wir gerade so etwas wie „Krieg light“, nämlich unsichere Zeiten, in denen man nicht weiß, was kommt, und deshalb lieber aufbewahrt.
Der Fachbegriff lautet „konservativ“. Deshalb sagte man „Konserve“.
Ich höre und lese aber gerade im IT-Bereich in letzter Zeit immer öfter die genau diesen Effekt beschreibende Redewendung „Haben ist besser als brauchen.“ Genau das sagen die beiden Vorratsschachteln für RAM und SSDs auch gerade zu mir. Mein Kellerverschlag und meine Abstellkammer bestreiten das aber vehement.
Früher waren Armbanduhren, und als ich Kind war, Taschenmesser noch unglaublich wichtig. Beides verwende ich schon lange nicht mehr, die Armbanduhr nur noch bei Flügen oder sehr wichtigen Terminen. Das Handy hat die Funktion einer Taschenuhr übernommen.
Das Problem an sich ist, dass das Volumen der Wohnung begrenzt ist, und der Krempel ab und zu einfach ausgedünnt werden muss. Da geht nichts dran vorbei.
Also habe ich mir drei Techniken für Zweifelsfälle entwickelt, bei denen ich mir schwer tue zu entscheiden, ob ich sie behalten soll oder rauswerfen.
- Ich überlege mir, wieviel Grundfläche (auch anteilig, wenn im Regal) mit das Ding kostet und wieviel Miete pro Quadratmeter ich zahle. Und dann überlege ich mir, wie lange ich das Ding aufheben kann, bis die Lagerkosten den Wert übersteigen und wegwerfen und bei Bedarf neu kaufen günstiger ist.
- Ich bin so ein Behälter-, Container-, Koffer und Taschenfreak. Ich kann das überhaupt nicht ausstehen, wenn Einzel- und Zubehörteile wild in der Gegend rumfliegen, und man sie dann suchen muss, oder umgekehrt, ein Teil findet und nicht weiß, wohin es gehört. Deshalb verpacke ich Zeugs leidenschaftlich gerne in irgendwelche Behälter, Boxen, Koffer, Taschen – Beschriftung drauf. Und damit ist auch ein Volumen vorgegeben. Wenn ich irgendwas habe, nehme ich mir einen Behälter, schreibe drauf, was drin ist, und habe damit das Volumen begrenzt. Das ist dann immer auch eine Entscheidung „Mehr als einen dieser Behälter voll will und brauche ich nicht.“ Das hilft einem dann auch zu sehen „Wieviel habe ich eigentlich von …“.
- Wenn ich bei Dingen, die merklich Platz wegnehmen, gar nicht weiß, ob ich sie noch aufheben oder wegwerfen soll, dann stelle ich sie mir in den Wohnungsflur, so mitten in den Weg. So dass ich drüberfalle oder außenrum steigen muss.
Das dauert dann so zwei, drei, vier Tage. Und dann achte ich darauf, ob ich denke „Vorsicht, bloß nicht kaputt machen“, „Räum das Ding wieder ein, das wäre da und dort gut aufgehoben“, oder ob ich mir denke „Schmeiß das verdammte Scheiß-Ding endlich raus!“ um mir zu vergegenwärtigen, dass mir das Ding im Weg rumsteht, mich also zu einer Entscheidung darüber zu zwingen und das nicht wieder irgendwo wegzuräumen und für weitere 3 Jahre zu vergessen, und damit zu ergründen, ob mein tiefstes Inneres das Ding noch haben will.
Und dann geht das plötzlich ganz leicht. Und dann geht es einem auch merklich besser, wenn das verdammte Ding endlich raus ist.
Sieht aber komisch aus.