Ansichten eines Informatikers

Vom Stadtplan zur Routen-App

Hadmut
3.6.2026 13:15

Ein wehmütiger Gedanke ging mir durch den Kopf.

Die Bude ist zu voll.

Ich muss dringend ausmisten. Zeit, alten Kram rauszuwerfen.

Glücklicherweise bieten sich dafür auch immer wieder Ansatzpunkte, weil man ja (zumindest ich) gerne Dinge, die einem unheimlich wichtig und bewahrenswert erschienen, gerne „aufräumte“, nämlich ordentlich und sorgsam in sorgfältig beschriftete Schachteln und Boxen und so weiter verpackte – und dann für immer vergaß. Das geht wohl nicht nur mir so, denn die Archäologen leben ja von solchen Fundstücken.

Als ich noch in (bei) München wohnte, gab es bei LIDL und Aldi noch kleine bunte (anscheinend in China gefertigte), ziemlich billige Pappschachteln mit Deckel und einem altmodischen angenieten Beschriftungshalter aus Blech, wie man sich auch schon um 1900 hatte, in zwei Größen, die in der Größe genau gemacht waren, um Fotos im Format 10×15 oder 13×18 aufzubewahren. Früher machte man das so. Ich hatte mir, weil ich sie schön fand, weil sie günstig waren und sie genau die richtige Größe hatten, ganz viele dieser Schachteln gekauft, um darin meinen Krimskrams und alles, was mir sonst an Kleinkram wichtig erschien, ordnungsgemäß zu bestatten – sorgfältig beschriftet, wie sich das für Gräber eben gehört. Und dann stellt man sie in ein Regal, und schaut fast nie wieder rein.

Nun altern diese Schachteln. Sie verblassen vom Licht. Sie werden spröde. Die Schachteln für 13×18-Fotos habe ich schon alle rausgeworfen, weil irgendwann der Kleber zerbröselte und sich die Schachteln zerlegten. Sie verformen sich, weil sich die Pappe mit der Zeit wellt. Und nach ein paar Umzügen und einigem Handling haben manche auch schon Treffer abbekommen und angestoßene Ecken.

Deshalb bin ich dabei, sie so nach und nach zu ersetzen, obwohl ich eigentlich keinen vollwertigen Ersatz gefunden habe. Ich ersetze sie durch die „Kuggis“-Behälter von IKEA, weil die auch gut in die Regal passen, obwohl diese Kuggis völlig überteuert sind und zwei wesentliche Nachteile haben: Sie sind vor allem dafür gebaut, dass IKEA sie effizient verkaufen kann, nicht damit man sie gut nutzen kann. Deshalb sind die nicht quaderförmig, sondern konisch geformt, damit man sie zum stapeln ineinander stecken kann. Und deshalb haben sie, wie alle solche Stapelware, innen auf dem Boden vier kleine Stege, damit man sie beim Stapeln nicht zu fest ineinander drücken kann, weil sie sich sonst gegenseitig sprengen oder nie wieder zu trennen sind. Deshalb sind die Kuggis-Behälter deutlich suboptimal (aber überteuer), während meine ehemals so geliebten Fotoschachteln innen exakt quaderförmig sind.

Andererseits aber sind die Kuggis-Behälter beständiger, und, auch wichtig, flüssigkeitsresisent – man kann sie ausspülen. Und normalerweise reicht zum Reinigen ein Spritzer Scheibenreiniger und ein Tuch. Wenn es nur bei manchen Chargen nicht so schwierig wäre, diese vermaledeiten IKEA-Warenaufkleber abzubekommen. Manche kann man einfach abziehen, für andere braucht man Benzin. Und sie haben keine Beschriftungsfelder. Also pappe ich Aufkleber aus einem kleinen Thermo-Aufkleber-Drucker drauf, was eine ganz schlechte Idee ist, weil die mit der Zeit vergilben. Irgendwann, wenn ich mit der Ersetzung fertig bin, muss ich alle Aufkleber noch einmal mit dem Laserdrucker auf nichtvergilbende (also keine Thermo-)Aufkleber drucken und ersetzen.

Die Bewertungen gehen aus einander.

Ich finde es ordentlicher, weil die viel weniger Staub ansetzen, und wenn, dann mit einem feuchten Tuch abwischbar sind, und es sieht jetzt alles auch schon aufgeräumt und einheitlich aus, aber eben so richtig langweilig weiß und IKEA-billig (obwohl ziemlich teuer).

Nun bin ich also seit einiger Zeit dabei, meine kleinen, (teils verblichenen und deshalb nicht mehr alle so) bunten Pappschachteln durch neue, stinklangweilige, monotone IKEA-Kuggis-Behälter zu ersetzen. (Und ich werde zweifellos wieder jede Menge Zuschriften der Art „Warum nimmst Du nicht …“ bekommen, und beantworte sie vorab damit, dass ich lange nach einem Ersatz für die Pappschachteln gesucht und schlicht und einfach nirgends etwas gefunden habe. Das heißt, ich habe schon, aber keinen vollwertigen. Im Internet bekommt man von den unterschiedlichsten Händlern Faltschachteln, die eigentlich für den Versandt gedacht sind, und da bekommt man so 30 oder 50 Stück als flachen Stapel. Manchmal sogar billig. Und die gibt es auch in Weiß. Also habe ich Dinge, an die ich nicht so häufig muss, in solche Schachteln verpackt, und die kann man auch prima mit solchen Aufklebern aus dem Thermodruckerchen beschriften. Sieht grausam langweilig, aber ordentlich aus. Nur kann man diese Versandschachteln auch nicht beliebig oft auf- und zumachen, dafür sind die nicht gemacht, das ist dünne Wellpappe.

Wie ich nun also gerade aus akuter Platznot wieder mal daranging, einige dieser alten Schachteln durchzusehen, auszumisten und die Restbestände in Kuggis umzupacken, weil sich das besser in das Regal einstapeln lässt und den Raum besser ausnutzt, komme ich an den Schachteln vorbei, in denen ich Reisebeute aufbewahre, sortiert nach Asien, Europa, Afrika usw. Kleinkram, Münzen, ein paar übrig gebliebende Geldscheine (die ich nicht rücktausche, sondern aufbewahre, um erstens einen Grund zu haben, wieder in das Land zu reisen, und zweitens in der Not zumindest mit dem Taxi vom Flughafen zum Hotel komme). Alte Mobilfunkkarten (längst abgelaufen), alte ÖPNV-Wertkarten (i.d.R. auch längst abgelaufen). Alte Zahlungsbelege (muss ich mal einscanne und wegwerfen, solange man sie noch lesen kann).

Ich kam an der Schachtel „Deutschland“ vorbei.

Kann ich eine Schachtel einsparen, indem ich die bei Europa mit einräume? Was habe ich da eigentlich drin?

Stadtpläne.

Nicht die großen, normalen, die habe ich, soweit ich sie noch habe, woanders. Kleine Taschenstadtpläne, ganz klein zusammengefaltet, die Innenstädte einiger deutscher Städte.

Früher gab es diese Mini-Stadtpläne in rauen Mengen. Als Werbegeschenke. Als Beilagen. Zur Information von Verkehrsbetrieben über die Haltestellen. Sogar Werbematerial von KPNwest, wo ich vor 25 Jahren mal in Karlsruhe arbeitete, war dabei: Ein winziger Stadtplan aus einer Papphülle und einem eingeklebten gefalteten Blatt der Innenstadt von Karlsruhe. Hergestellt von „Falkplan“, die ehemals diese bekannten und an jeder Tankstelle und in jedem Zeitungsladen zu habenden Stadtpläne herstellen, die mir so gut gefielen und an denen so viele wegen der geschlitzten Klappfaltung verzweifelten.

Aber auch laminierte Pläne von Globetrotter. Der Outdoorladen verkaufte früher, vor 15 Jahren, an den Kassen seiner Filialen noch diese ganz kleinen, aber laminierte und damit reiß- und wetterfesten Innenstadtpläne der Stadt der jeweiligen Filiale, genial gut und praktisch. Genial gut, sehr nützlich.

Können alle in den Müll. Die Erfahrung lehrt, dass selbst von Innenstädten mit längst erstarrtem Straßennetz ein Stadtplan nach 10 bis 15 Jahren so veraltet ist, dass man ihn kaum noch gebrauchen kann, um mit dem Auto oder ÖPNV zu fahren. Ich hatte da reichlich Streitgespräche mit meinem Vater, der noch stur alle Stadtpläne selbst aus den 50er und 60er Jahren aufhob, weil er meinte, dass man die dann nicht neu kaufen muss, die seien doch noch in tadellosem Zustand. Tadellos schon, aber zutreffend halt nicht mehr. Stadtpläne müssen nicht nur schön sein, sie müssen auch stimmen.

Aus demselben Grund kann man übrigens auch Reiseführer in In- und Ausland nach spätestens zehn oder fünfzehn Jahren wegwerfen, falls man nicht noch ein historisches Interesse daran hat, weil zu viele Angaben einfach nicht mehr stimmen und Neues fehlt.

Wie ich gerade so diese alten Pläne durchgesehen habe und zu dem Ergebnis kam, dass ich davon eigentlich gar nichts aufheben sollte, weil das mit dem Handy längst besser und aktueller geht, ging mir etwas durch den Kopf.

Vom Stadtplan zur Routing-App

Keiner dieser alten Stadtpläne hatte eine Routingfunktion.

Die wenigsten dieser Taschenausgaben hatten überhaupt ein Straßenverzeichnis.

Sie vermittelten einen Überblick über die Struktur der Stadt, deren Form und Aufbau. Wo bin ich? Wo ist der Bahnhof? Wo ist die Einkaufsstraße? Wie finde ich mich in der Stadt zurecht?

Das tun heutige Handy-Karten nicht mehr, schon weil der Bildschirm zu klein ist, um einen Innenstadt-Überblick mit den nötigen Details zu gewähren. Diese alten Taschenpläne waren zwar klein und eng gedruckt, aber ausgefaltet meist so zwischen A5 und A3. Das reicht für die Darstellung einer Innenstadt. Ein Handy-Display reicht dafür nicht. Und entsprechend werden viele Details auf dem Handy auch erst nach dem „Reinzoomen“ angezeigt, nie ein richtiger Überblick über die Innenstadt.

Dafür haben Handys Routing-Funktionen. Für Autos. Für Radfahrer. Für Fußgänger. Für ÖPNV-Nutzer. Biege an der nächsten Kreuzung links ab.

Und das ist ein wichtiger intellektueller Unterschied.

Früher fragte man sich, wie ist die Struktur einer Stadt, wie sind Köln, Dresden, München aufgebaut?

Heute interessiert das keine Sau mehr, sind die Städte austauschbar geworden. Heute zählt nur noch die Frage „Sage mir, wie ich von A nach B komme!“

An der übernächsten Kreuzung halb rechts.

Oder: Steigen sie in die Straßenbahn 3 und fahren sie 4 Stationen.

Oder wie mir Google das mal erklärte: „Das eingegebene Ziel hat nach der erwarteten Fahrzeit bei Ihrem Eintreffen bereits geschlossen!“