Ansichten eines Informatikers

Stellt Dir vor, es ist Geisteswissenschaft, und keiner will’s haben

Hadmut
19.5.2026 22:45

Vom Arbeitsmarkt.

Ab und zu gelingen mir – oft ungeplant, unabsichtlich, spontan – Blogartikel, die in ihrer Wahrnehmung herausragen, oft zitiert werden, lange im Gedächtnis der Leser bleiben. Ein solcher Artikel war Wenn Geisteswissenschaftler Erdbeeren pflücken vom 6.9.2016. Es kommt mir vor, als hätte ich ihn erst vor zwei oder Jahren geschrieben, aber es ist fast 10 Jahre her.

Topaktuell:

Jetzt bin ich Tellerwäscher, aber mit Doktortitel

Als vor sechs Jahren nach einer langen Zeit an der Universität erstmals mein Vertrag auslief, fragte ich ältere Kollegen, was aus jenen geworden war, die die Forschung hatten verlassen müssen. Von denen mit Staatsexamen wusste ich, dass sie den Weg in die Schule gesucht hatten; von den anderen fehlte jede Spur. Heute, vier Jahre nach dem Ende meiner letzten Befristung, weiß ich, was mit ihnen passiert, denn ich gehöre dazu: Ich, 43, arbeite als Küchenhilfe in einer Großküche und habe noch mehrere Nebenjobs. Ohne meine Partnerin, die als Lehrerin arbeitet, würde ich nicht über die Runden kommen.

Einst entschied ich mich aus Überzeugung und Leidenschaft für ein geisteswissenschaftliches Studium in einem großen Fach an einer großen Uni. Vor 20 Jahren suchte ich einen Job in der Forschung, wurde studentische Hilfskraft und später wissenschaftlicher Mitarbeiter, promovierte. Ich bereue es nicht. Mir als Bücherwurm-Erstakademiker vom Dorf kam es geradezu skandalös unwirklich vor, Artikel zu schreiben, zu Konferenzen zu reisen und Seminare zu geben. Ich habe meinen Job geliebt, und immer wenn ich nach meinem Traumjob gefragt wurde, sagte ich: »Der, den ich habe.«

Ach, so ähnlich war das in der Informatik auch. Nur dass Informatiker meistens sehr industrietauglich sind (oder zumindest früher waren) und die Fakultäten kriminelle Kartelle sind, die die Professuren unter denen ausmachen, die außerhalb der Universität chancenlos wären. Ich habe das oft genug erlebt, dass es solche rein akademischen Informatiker gibt, die eigentlich nichts können außer Vorlesungen organisieren, und dann am Ende ihrer befristeten Verträge irgendwann um die 40 sind und dann auch keine Chance mehr in der Industrie haben, weil die zu alt für dein Einstieg sind und dann auch überhaupt nichts vorzuweisen haben, wonach man in der Industrie gefragt wird.

Die meisten Informatiker schaff(t)en den Sprung in die Industrie aber ziemlich leicht.

Vielen aber verschafft die Universität lediglich die Fiktion eines Berufs, einer Ausbildung, weil sie den Leuten Abschlüsse, Urkunden, Grade (in vielen Ländern auch einen bunten Kittel) umhängt und ihnen gratuliert, ihnen Titel vor den Namen stellt.

Man sucht eine Stelle, schreibt Bewerbungen, formuliert Lebensläufe, telefoniert mit potenziellen Arbeitgebern, erstellt Onlineprofile, recherchiert, bewirbt sich initiativ, berechnet Zeit- und Geldbudgets, bereitet sich auf Gespräche vor, führt diese (und merkt oft sofort, dass es schon jemanden gibt).

Man geht zu Jobmessen und erfährt, dass »wir Ihr Profil leider nicht suchen«, oder kommt zu einem Bewerbungsgespräch und wird begrüßt mit: »Sie könnten den Laden hier ja leiten, aber auf der ausgeschriebenen Stelle sehe ich Sie nicht.« Man hört den Satz: »Von der Papierlage her hat es eigentlich nicht gepasst, aber im Gespräch war es gut.« Man hört von derselben Person den Satz: »Das war ganz knapp, aber am Ende haben wir uns für die Person entschieden, die da mehr Erfahrung hat und sofort helfen kann.« Diesen Satz hört man überhaupt ziemlich oft. Oder man hört auch einfach nichts und muss dann selbst erraten, woran es gelegen haben könnte. Manchmal fühlt man sich wie auf dem Datingmarkt: vage Versprechungen, Ghosting und der Satz »Es liegt nicht an dir«.

So vergeht ein Jahr. Dann kommt das Ende des Arbeitslosengelds, man ist nun »langzeitarbeitslos«. Ab jetzt ist man auf dem Jobmarkt symbolisch tot. Es beginnt das Leben vom Ersparten. Man erfährt, dass man in einer »Bedarfsgemeinschaft« lebt, auch wenn man nicht verheiratet ist. Man bekommt gesagt, dass die Kitagebühren nicht als Ausgaben anerkannt werden, weil: »Wenn Sie arbeitslos sind, können Sie sich doch um das Kind kümmern.« Man stellt einen Wohngeldantrag und fragt sich, wie der Vermieter, der ja unterschreiben muss, wohl darauf reagiert. Man lebt vom Fonds, der mal die Rente werden sollte. Man beginnt zu streichen: Urlaube, Abos, Theater, Kino, Konzerte, Essengehen, Sportkurse. Die eigene Welt wird immer kleiner.

[…]

Als ob also all die Jahre, in denen man sich Strukturenverständnis, Lehrtechniken, Umgangsformen angeeignet hat, in denen man teilweise 60-Stunden-Wochen gearbeitet hat, in denen man Unsicherheit und emotionalen Stress ausgehalten hat, nie geschehen wären. Man kämpft infolgedessen auch dagegen an, zu verbittern.

[…]

Ein Mann von der Arbeitsagentur sagte zu mir: »Ihr Fall ist selten, aber nicht ganz einmalig. Ich hatte schon Leute wie Sie hier, Sie sind allerdings der erste Mann.«

[…]

Ein zugleich erhellendes und erschütterndes Gespräch führte ich mit einem Bekannten, der kein Akademiker war, aber aus »der Wirtschaft« kam. Er stellte zwei Dinge heraus: dass erstens der Habitus, den die Uni einen lehrt und der dort Erfolg verspricht – Mitdenken, kritisches Hinterfragen, Sich-Einmischen, Neugierde –, in den meisten Arbeitskontexten als Sabotageversuch verstanden wird. Und dass zweitens selbst er, der mich kennt und schätzt, in seiner Funktion als Arbeitgeber gewisse Vorbehalte mir gegenüber hegen würde: gegen meine universitäre Prägung und das dort erworbene langsame, abwägende Arbeiten; meine recht hierarchiebefreite Arbeitserfahrung; mein Alter und die damit unterstellte geringere Bereitschaft zum Erwerb neuer (digitaler) Fertigkeiten; mein vorheriges Gehalt und die daraus resultierenden Lohnvorstellungen; meinen Doktortitel, der immer ein Problem in Hierarchien darstellen wird; meine eingeschränkte Flexibilität durch das Kind.

[…]

Mein Eindruck ist auch, da könnte ich jedoch irren, dass die Jobchancen für Geisteswissenschaftler immer dünner werden. Es gibt weder Jobs an der Uni noch in der Kulturbranche; der Bereich Text/Übersetzung wird von der KI gefressen; Verlage kriseln; der öffentliche Dienst ist überlaufen; die Chancen im Lehramt sind schlechter, als immer behauptet wird. Und der Einstieg in anderen Branchen scheint ausgeschlossen. Diejenigen Geisteswissenschaftler, die ich kenne und die in den letzten Jahren arbeitslos wurden, haben ihre neuen Jobs erst nach einer Umschulung gefunden.

Könnte es sein, dass ein großer Teil der Geisteswissenschaftler noch nie arbeitstauglich waren und jahrzehntelang nur von sogenannten „Bullshit-Jobs“ lebten, also eigentlich nur von anderen mitgeschleppt und finanziert wurden, ohne selbst wertschöpfend zu sein, und das ganze Konzept der Geisteswissenschaften jetzt durch die angespannte Wirtschaftslage, aber auch durch den inflationären Anstieg von solchen Bullshittern, zusammenfällt?

Anders gefragt:

War die Akademisierung der Gesellschaft – vor allem in der Ära Merkel – ein Angriff auf die Gesellschaft, indem man die Leute, die normalerweise Handwerker, Kellner, Mutter, geworden wären, in die akademische Sackgasse gefahren und damit ökonomisch abgetötet hat?

War die Akademisierung ein Angriff auf die Wirtschaft wie der Feminismus?