Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Die „Bestecktasche“

Hadmut
18.11.2021 22:55

Wieder was zur DDR gelernt.

Zum Thema DDR und Kantine schreiben mir zwei Genossen. Der erste:

Hallo Herr Danisch,

zu diesem Artikel noch eine freundliche Annotation. In der DDR war es üblich und erforderlich, sowohl in der Studentenmensa als auch in der Betriebskantine sogar schon in der Schulspeisung — alles dreies eigene langjährige Erfahrung, sein eigenes Besteck mitzubringen. Vielleicht aus genau diesem Grund, dass damit jedweder Besteckdiebstahl verunmöglicht wurde. Ein jeder hatte eine Bestecktasche dabei, darinnen Messer, Gabel, Suppen- und Kaffeelöffel, häufig ein Geschirrtuch zum Abtrocknen. Hinter dem Abräumplatz gab es eine Spüle, Spülmittel Fehlanzeige.

In den Internaten fand sich dann ein Potpourree aus allen möglichen Besteckteilen, aber auch Gläsern und Geschirr; diese Dinge dann doch ggf. aus einer Gastronomie mitgehen heißen, sofern nicht von zu Hause aussortiert.

Beste Grüße,

und

Sehr geehrter Herr Danisch,

als treuer Leser Ihres Blogs erlaube ich mir eine kurze Anmerkung — ich erwarte da ja, insbesondere an den Universitäten, eher die Rückkehr der Bestecktasche:

Meiner Erinnerung nach waren in den DDR-Kantinen (bei der Mensa weiß ich das nicht mehr genau) eher Bestecktaschen (mit eigenem Handtuch, in die das Besteck eingewickelt wurde) üblich — d.h. man musste sich sein Besteck selbst mitbringen. Am Ausgang der Kantine standen dann große Waschbecken mit geringem Warmwasserdurchlauf, um das Besteck grob reinigen zu können.

Das gab es m.E. weniger, weil es so keiner Besteck stehlen konnte, sondern, weil es der Kantine eine Menge Arbeit abnahm (u.U. wurde noch händisch bzw. mit Schlauch/Handbrause gespült).

Und was den Sozialismus angeht — als Kind las ich in den 70ern in einer Kinderzeitung unter den Skurilitäten eine Notiz aus den USA: Ein Gastwirt, der den Verlust der Kaffeelöffel leid war, hatte eine Kaffeetasse mit einem Hebel zum Umrühren erfinden lassen … mit mäßigem Erfolg: “Jetzt werden die Tassen geklaut.”

[…]

Was mich jetzt irgendwie stark an das legendäre Bundeswehrbesteck erinnert. (Das und mein VW Iltis waren die einzigen Ausrüstungsteile, die die Amis damals an der Bundeswehr gut fanden, letzteres aber auch nur, weil die damals noch mit einem Willys Jeep rumfuhren, der sich auf unserem Glatteis drehte wie ein Kreisel.)

Ich weiß nicht, wie das heute ist, aber zu meiner Zeit damals hatten die Kampfhosen in der großen Beintasche rechts noch so eine kleine schmale Innentasche, in der man immer sein Essbesteck zum Zusammenstecken aus Stahl drin hatte, um jederzeit und überall in der Lage zu sein, Essen zu fassen. Immer am Mann.

Ich kann mich noch an eine Begebenheit erinnern, als ein Offizier zu mir kam.

Offizier: „Danisch, Du hast Dein Besteck verloren!“

Ich: „Nein, Herr …, hier ist es.“

Offizier: „Verlier es!“

Ich: „…?…“

Offizier: Seine Tochter braucht eins. Wenn er aber seines verliert, muss er das als Offizier beim Bataillon melden, um Ersatz zu bekommen, und das gibt Fragen und Ärger. Wenn aber ich als kleiner Mannschaftsdienstgrad verliere, dann muss ich das nur ihm als Vorgesetztem melden und er kann den Ersatz selbst genehmigen, und keiner im Bataillon wird es je erfahren.

Sowas ähnliches habe ich dann an der Uni nochmal erlebt, nur nicht mit Offizier und Tochter, sondern mit Professor und Tochter, und nicht mit Besteck, sondern mit einem fett aufgerüsteten Mac II im Wert eines besseren Gebrauchtwagens. Professorentöchter sind besser dran als Offizierstöchter.

Nach der Bundeswehr habe ich mir natürlich nochmal so ein Besteck beschafft, konnte man damals noch kaufen. Ich weiß nicht, ob die noch hergestellt werden, scheint es noch zu geben. Habe es aber fast nie benutzt, weil es so schwer ist. Inzwischen nämlich habe ich für Reisen ein sehr leichtes dünnes Besteck aus Titan (trotzdem billiger als ein Bundeswehrbesteck), und aus China gleich ein paar von etwas, was der DDR-Beschreibung entspricht, nämlich so ganz billige, aber sehr leichte und schmale, flache Blechbestecke (plus zwei Essstäbchen aus Metall) im Beutel, die Gabel fast flach, beim Löffel ist „flach“ etwas problematisch, der ist doch etwas gewölbt. Irgendwie Kindergröße, geht aber.

Ich hatte mal einen Kollegen, der mit eigenem Besteck ins Restaurant zum Mittagessen ging, weil ihm das Besteck dort nicht gut genug war.

Und dann habe ich mir zum Angeben (bin aber auch noch nie dazu gekommen) mal ein paar ganz edle, etwas zu große Essstäbchen aus Titan in einer langen Titanhülse gekauft, die eines James-Bond-Bösewichts würdig wären. Hatte aber noch keine Gelegenheit, damit anzugeben. Sind auch gar nicht so gut, weil das Essen mit viel schwerer zu halten ist als mit den ganz billigen rauen Holzstäbchen. Reisklümpchen fallen da einfach durch. Ich weiß nicht, ob man damit überhaupt angeben kann, wenn es dann mit dem Essen nicht so gut klappt. Ich habe mal in Chinatown Chinesen damit sehr beeindruckt, als ich mit irrem Tempo einen Hamburger mit Pommes gegessen habe, indem mich mit der linken Hand den Hamburger und mit der rechten die Pommes mit Stäbchen gegessen habe und die mir deshalb in großen Bündeln reinstopfen konnte und das alles in einem Tempo gefressen habe, das mich selbst sehr verblüfft hat. So hin-und-her, immer beim Abbeißen links, mit der Rechten die nächsten Pommes gegriffen und so weiter.

Und mit der Diskussion um Wegwerfgeschirr kam das ja auch wieder als Vorschlag, dass jeder sein eigenes Besteck mit sich rumträgt.

Harren wir also der Wiedereinführung der DDR an den Universiäten von Sozialismus wegen. DDR, weil die sozialistischen Studenten zuviel Besteck klauen.