Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Du, Sie, Schädel-Hirn-Trauma

Hadmut
15.11.2021 13:11

Ein Zusammenhang.

Zu meinen Überlegungen zur Funktion des Gehirns erzählte mir ein Leser, dass er vor vielen Jahren bei einem Unfall mal ein Schädel-Hirn-Trauma mit Einblutung erlitten habe. Er habe sich davon zwar auch wieder erholt, habe dabei aber einige Wochen unter dem Ausfall der betroffenen Hirnregionen gelitten. Und das habe sich so geäußert:

Er sei in seinem Umfeld Menschen begegnet, die ihm einerseits völlig fremd vorkamen. Er (er)kannte sie nicht, wusste nicht ihren Namen, ob er sie kenne und, wenn ja, woher, wer sie sind, also wie wenn man einer völlig fremden Person begegnet.

Trotzdem aber habe er irgendwoher sofort gewusst, wem er vertrauen kann, wen er duzen kann, mit wem er flapsig-kumpelhaft redet. Und: Es hat gestimmt.

Er schlussfolgert daraus, dass am Erkennen von Personen mindestens zwei Hirnregionen beteiligt sind, und dass beim ihm diese Rudel-Funktion der Freund-Feind-Kennung noch funktioniert habe, der rationale Teil aber nicht mehr. Quasi so, als sei der Karteikasten ausgefallen. Was mich nun wieder frappierend daran erinnerte, dass ich selbst ein gutes Gesichts-, aber ein Namensgedächtnis wie ein totes Pferd habe. Es deutet auf Ursachen im selben Bereich an.

Er habe seine Freunde und Bekannten rational nicht mehr erkennen können, aber „in der Amygdala“. (Könnte auch Rückschlüsse auf Alzheimer zulassen.)

Was mir nun dabei auffiel, war, dass der Leser nicht nur beschrieb, dass er wusste, wem er vertrauen konnte, von wem er sich nicht bedroht fühlen musste, mit wem er kumpelhaft umgehen konnte, also ziemlich eindeutige Amygdala-Reaktionen der Rudel- und Freunderkennung, sondern explizit erwähnte, dass er wusste, mit wem er per Du und per Sie ist, obwohl ihm die Personen völlig fremd erschienen und er weder ihren Namen wusste, noch wer sie sind oder was er mit ihnen zu tun hat.

Das Du und Sie wird also anscheinend nicht auf der Karteikarte mit Name, Beruf, Begegnungen gespeichert, sondern bei der Freund-Feind-Kennung.

Was nun die Frage aufwirft, ob die Unterscheidung in Du und Sie überhaupt erst eine sprachliche Folge der Amygdala-Funktion ist.

Ich hatte doch schon angesprochen, dass der Effekt, den ich seit so vielen Jahren mit dem Spruch „Es sind nicht die Maßstäbe, die mich so besonders ankotzen. Es sind die doppelten Maßstäbe.“, nämlich dass die Leute für ihresgleichen völlig andere Maßstäbe anlegen als an potische Gegner, nicht einfach nur dumm, verlogen, confirmation bias oder sowas ist, sondern eine direkte Folge, Auswirkung der Freund-Feind-Kennung der Amygdala. Dass es eine eingebaute Funktion des Hirnes ist, an Freunde und Feinde unterschiedliche Maßstäbe anzulegen. Man könnte das eine Freund-Feind-Hysterese nennen.

Das nun wieder würde den „parasozialen Effekt“ sehr gut erklären, den ich schon öfters angesprochen habe. Jemanden, den wir kennen, den wir für ein Familien- oder Rudelmitglied halten, halten wir für glaubwürdiger, ihm glauben wir viel mehr, sind weniger kritisch. Ich hatte das mal zum Thema Rundfunk und den Gefahren beschrieben. Sogar verfassungsrechtlich wird ja zwischen Rundfunk- und Pressefreiheit unterschieden, weil man die bildliche und akustische Wahrnehmung, das Bewegte, und die Wahrnehmung in Echtzeit, die einem keinen Raum zum Nachdenken lässt, und deshalb Rundfunk für zu gefährlich hält, um ihm die volle Pressefreiheit zuzugestehen.

Das Gefährliche an Nachrichtensprechern oder Moderatoren ist nämlich, dass man sie nicht nur immer wieder sieht, sondern per Fernseher eben in seiner Wohnung. Die sitzen beim Abendessen mit dabei und sowas, die sind dabei, wenn man mit der Frau auf dem Sofa rummacht und so weiter. Mir ist das mal aufgefallen, als ich auf einer dieser Medienkonferenzen war. Ich stand an einem Stehtisch und unterhielt mich mit jemandem, als irgendwer, weiß nicht mehr wer, an mir vorbeilief, und ich den im ersten Augenblick so kurz durch Zunicken grüßte, weil so dieser „ein Bekannter“-Reflex auslöste, und mich noch wunderte, warum der überhaupt nicht reagierte, und erst so einen Sekundenbruchteil später ein anderer Teil im Gehirn mir sagte (genau diese beiden Teile, die der Leser mit dem Schädel-Hirn-Trauma beschrieb), dass ich den aus dem Fernsehen kenne, aber der mich natürlich nicht kennt. Deshalb glaubt man diesen Leuten eher, weil man sie irgendwo im Gehirn als Rudelgenosse wahrnimmt, obwohl sie das nicht sinnt. Das nennt man den „parasozialen Effekt“ und ist damit so etwas wie die neurologische Bestätigung verfassungsrechtlicher Bedenken. Mit ein Grund, warum ich Fernsehen für so gefährlich halte und den Landtag Sachsen gewarnt habe, dass man im Fernsehen Schindluder mit der vermeintlichen Meinungsfreiheit treibt. Gerade Leute wie Georg Restle, Anja Reschke, Jan Böhmermann missbrauchen das ganz massiv.

Das alles könnte sich aber auch bis in die Wissenschaft als Denkfehler auswirken, ob nun als confirmation bias, oder in den Zitierkartellen, und natürlich beim Phänomen „group think“.

Während es bei mir an diesem Stehtisch nur ein paar Millisekunden Unterschied waren, lagen bei dem Leser mit dem Trauma eben ein paar Wochen dazwischen, die ihm Gelegenheit gaben, das zu Bemerken und darüber nachzudenken: Da gibt es eine von der ratio getrennte Musterkennung, die Dir dann sagt: Den kennst Du, dem kannst Du vertrauen, mit dem bist Du per Du, und der greift Dich nicht an. Noch bevor man weiß, wer das eigentlich ist.

Und ich habe den Verdacht, dass genau so Leute wie Greta oder Luisa Neubauer funktionieren: Botschaften werden mit charakteristischen Gesichtern verbunden, die einem immer wieder präsentiert werden. Damit der parasoziale Effekt ausgelöst wird, bevor man anfängt zu denken. Man könnte sogar sagen, dass Twitter mit seinen Profilfotos genau so funktioniert. Oder generell Firmenlogos so funktionieren.

Und deshalb könnte es auch sein, dass die Unterscheidung in Du und Sie nicht einfach nur kulturell oder „konstruiert“ ist, sondern die sprachliche Umsetzung des Ergebnisses einer Amygdala-Freund-Feind-Erkennung. Viele Leser schrieben mir dazu ja auch schon, dass ein „Du Arschloch!“ ganz anders und viel gemeiner klingt, als ein „Sie Arschloch!“. Das hat vielleicht einen tieferen Grund, als man so glauben würde, denn das Du bezeichnet dabei womöglich einen innerhalb des Rudels liegenden Verrat, während das andere nur normale Feindrhetorik ist. Vielleicht ist dann nämlich ein „Du Arschloch!“ eine sich widersprechende, geladene Aussage, während ein „Sie Arschloch!“ nur ein Pleonasmus ist und beide Wörter amygdalamäßig gesehen eigentlich das Gleiche bedeuten und deshalb harmonisieren: Feind.

Dazu eine Nebenbemerkung:

Ich hatte irgendwann mal geschrieben, dass es im Englischen ja nur noch das Du gebe und sich alle mit Vornamen anredeten, und ich mir etwas komisch vorkomme, wenn ich denselben Kollegen mit „Sie, Herr X“ anrede, kommt aber ein fremdsprachiger Kollege ins Zimmer, dann in das „you, Frank“, wechseln soll. Das könnte womöglich daran liegen, dass sich die Amygdala dann mit der Einteilung Freund-Feind schwer tut und anmeckert „Ja, was denn nun, entscheide Dich mal, Großhirn!“. So ein bisschen wie die Light-Version meines Telefonates mit einem Zwitter, bei dem eine Stelle im Hirn dauernt meckerte, weil sie nicht wusste, ob sie den Gesprächspartner als Mann oder als Frau erkennen solle. Kategorisierungen Mann/Frau, Freund/Feind.

Dazu schrieben mir mehrere Leser, dass ich dabei einen Fehler gemacht hätte. Denn das englische „you“ stehe historisch und sprachlich keineswegs für das „Du“, sondern entspräche dem „Sie“, weil es eigentlich eine Pluralanrede sei. Das „Du“ sei im Englischen das „thou“, und das sei weggefallen. Im Prinzip würde man sich im Englischen nur noch Siezen als einzige Form. Das sei aber inzwischen eben so vulgär runtergekommen und mit dem Vornamen verbunden worden, dass es vom Umgang her inzwischen eher unserem Du entspräche.

Was zumindest mal bedeutet, dass es diese Unterscheidung auch im Englischen gab.

Historisch gesehen ist die Unterscheidung zwischen Du und Sie, zumindest soweit ich weiß, aus dem despektierlichen Singular und dem respektvolleren (wenn gegenüber einer Einzelperson benutzt) Plural (vgl. Pluralis Majestatis) entstanden, verbunden mit der „höflichen“ Redeform, andere in der dritten Person anzusprechen („Hat er gedient?“). Verbindet man beides, nämlich die Anrede in der dritten Person mit dem Höflichkeitsplural, kommt man grammatikalisch bei unserem „Sie“ heraus.

Und das scheint, basierend auf der Erzählung des Lesers, nicht auf der Informationskarteikarte im rationalen Teil des Gehirns gespeichert zu werden, sondern in der Freund-Feind-Kennung.