Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Welche Hautfarbe haben eigentlich Geister?

Hadmut
8.11.2021 14:00

Eine zutiefst bekloppte Debatte.

Kennt Ihr das Märchen von Aladin und der Wunderlampe? Die man reibt, und aus der einem dann ein Geist, ein Dschinn, erscheint, der einem drei Wünsche erfüllt.

Disney hat das zu einem Zeichentrickfilm verwurstet, der dann Aladdin mit zwei d hieß. Ich weiß aber nicht, ob das allgemein die englische Schreibweise ist oder eine Disney-Masche war, damit es fetziger aussieht oder eindeutiger ist. Heute würde ich es für einen Trick halten, damit man es eindeutiger googeln kann, aber der Film ist von 1992. Vielleicht ist es aber auch nur die Mehrdeutigkeit der Umschreibung von der arabischen in die lateinische Schrift.

Der Brüller des Films war damals der Geist. Der Dschinn. Disney hat ihn blau gemalt, aber zum Spektakel hat ihn die Stimme von Robin Williams gemacht, der sich angeblich nicht an das Drehbuch hielt, sondern die Dialoge frei improvisierte, und natürlich der Song.

Daraus entstanden zwei Ableger.

Der erste ist eine Realverfilmung mit Will Smith als Geist, die 2019 rauskam und die ich noch nicht gesehen habe, nur ein Making Of zu den Filmtricks mit drolligen Tanzszenen. Es heißt, es sei anders, aber auch nicht schlecht, manche meinen, sogar besser, weil Robin Williams ja nicht zu sehen war, sondern nur die Zeichentrickfigur (obwohl es hieß, die sei ihm nachempfunden), Williams also auf seine Stimme beschränkt war, während Smith das ganze Aussehen, die Gestik, die Mimik, der Tanz zur Verfügung standen, und noch dazu die viel weiter entwickelte Filmtechnik, die ihm die Muskelpakete aufdigitalisierte. Man ist filmisch heute weiter.

Das soll dazu geführt haben, dass die Realverfilmung angeblich besser ankam als der schon sehr erfolgreiche Zeichentrick, was keine Selbstverständlichkeit ist. Bei König der Löwen soll es schief gegangen sein.

Jedenfalls ging damit ein Farbwechsel des Dschinni von ursprünglich unerwähnter Farbe über blau zu braun einher. Obwohl ich den Film noch nicht gesehen habe, es gibt von der Smith-Verfilmung viele Fotos, auf denen Smith blau ist (was nicht schwer ist, weil sie ihn sowieso digitalisiert und gerendert haben, die Farbe also beliebig wählen konnten) und welche, auf denen er seine normale Hautfarbe hat. Anscheinend wechselt das im Film.

Wobei man jetzt die ganze Filmhistorie durchgehen könnte, denn das Märchen wurde ja oft verfilmt, sogar als billiger moderne-Großstadt-Klamauk mit Bud Spencer als prügelfertigem Geist. Die Russen 1967 (Kaukasier). DDR/DEFA 1951 (braune Hautfarbe).

Und es gibt das Musical. Das angeblich schon 2011 geschrieben und wohl schon 2014 Bühnenpremiere am Broadway hatte. Und den Eindruck erweckt, als sei der Film mit Smith nicht nur die Realverfilmung des Zeichentricks, sondern auch des Musicals, wie man das ja oft hat (Little Shop of Horrors, Chicago, Abba usw.) Im Musical wird dann der Dschinni häufig von – meist etwas rundlichen – Schwarzen mit einem blauen Anzug gespielt. Ich habe das 2019 in New York gesehen, und man kann es nicht anders sagen: Trotz Spitzenbesetzung hat der Dicke einfach alle an die Wand gespielt.

Das ist einfach so. Im ursprünglichen Märchen – es wird dem Fundus der Märchen aus 1001 Nacht zugerechnet, es heißt aber auch, dass es da unsprünglich nicht mit drin war und erst durch den französischen Übersetzer in der französischen Übersetzung eingefügt wurde und anderer Herkunft ist – ist Aladin die Hauptfigur, und der Geist nur ein Empfehlsempfänger, eine Nebenrolle. Ein Schwerenöter üblen Charakters, dem erst durch die Befreiung aus der Knechtschaft durch Aladins dritten Wunsch die Erlösung zuteil wird und

Seit Disney und Williams ist der Geist das zentrale Showelement, der Sympathieträger und Kumpel, hat der das Singen und Tanzen gelernt.

Warum? Weil es Film und nicht Buch ist. Im Film braucht man einen „Sidekick“, einen Kumpel, mit dem man sprechen kann, weil es nicht die Erklärstimme wie im Buch gibt und man Gedanken nicht lesen kann. Und weil der Film nur 90 Minuten dauert, man deshalb komplizierte Sachverhalte nicht auserklären kann, sondern durch schnelle Dialoge tragen muss. Außerdem hat man Ton und Bild, muss die also mit irgendwas füllen. Jemand, der allein rumsitzt und grübelt, ist ein wunderbares Element für einen Text, aber nicht für einen Film.

Außerdem dürfen solche Sklaven politisch nicht mehr in Filmmaterial vorkommen, und auch die Prinzessin Yasmine hat man feministisch schwer aufgedonnert.

Nun aber begab es sich, wie das eben so ist, dass die Musicals, die im englischsprachigen Raum erfolgreich sind, mit Verzögerung irgendwann auch nach Deutsch übersetzt und hier gezeigt werden. Ist ja immer so, weil’s Geld bringt.

Aber, ach.

Sie haben, wie man das eben so macht, passende Musical-Darsteller gesucht. Und einen gefunden, der einfach so richtig nach Dschinni aussieht. Einen gewissen Maximilian Mann. Keine Ahnung, wie der spielt, aber vom Aussehen passt er perfekt. Der sieht so aus, wie man sich einen Dschinni so vorstellt (oder wie ich mir als Kind den vorgestellt habe). Würde auch als Ming der Erbarmungslose in Flash Gordon passen.

Nun macht der aber das, was ausnahmslos alle Musical-Darsteller machen: Er schminkt sich.

Er schminkt sich etwas dunkler als seine natürliche Hautfarbe.

Und schon gibt es einen Riesenshitstorm und Rassismusvorwurf wegen „Blackfacings“. Berichtet die BILD, ursprüngliche Quelle BW24.

Die Black Community Foundation Stuttgart sieht in der Darstellung des Dschinni „Blackfacing“. Als Blackfacing wird es bezeichnet, wenn ein eigentlich hellhäutiger Darsteller so geschminkt wird, dass er einen dunkelhäutigen Menschen darstellt. Eine Praxis, die es unter anderem laut dem Deutschlandfunk schon seit dem 18. Jahrhundert in den USA gibt. In den vergangenen Jahren ist Blackfacing jedoch in Deutschland – im Vergleich zu anderen Ländern verhältnismäßig spät – in Verruf geraten. Rassistische Darstellungen sollten von den Bühnen verschwinden.

Dass in Stuttgart nun offenbar das Gegenteil passiert, in dem der „Dschinni-Darsteller“ sichtbar dunkler geschminkt wird, ärgert die Black Community Foundation Stuttgart. „Wir finden diese Darstellung nicht nur falsch und beleidigend, sondern auch sehr problematisch“, sagt die Organisation gegenüber BW24. „Es ist für uns unverständlich, wieso man einen Cast nicht passend der Charaktere wählt. Statt rassistisch vorzugehen und die ,Farbe‘, für die andere Menschen diskriminiert werden, aufzumalen, sollte man passende Darsteller casten.“ Das fördere auch Talente, die bisher „aufgrund von Diskriminierung nicht gebucht oder gesehen werden“.
Die Aladdin-Darsteller posieren bei der Premierenfeier im März 2019 mit Moderatorin Katja Burkhardt für ein Foto.

Die fühlen sich nun als Interessenvertretung der Geister und als deren Gewerkschaft.

Irgendwie glauben die nun, alles, was irgendwie dunkelt, für sich gepachtet zu haben, und Rollen beanspruchen zu können, während es gleichzeitig als selbstverständlich gilt und immer aggressiver durchgedrückt wird, dass „weiße“ Rollen durch Schwarze gespielt werden.

Man hatte ja neulich schon diese Diskussion, ob überhaupt Weiße die Texte von Schwarzen übersetzen dürften, am Beispiel Amanda Gorman. Umgekehrt wäre aber der Teufel los, wenn man einem Schwarzen verbieten würde, Literatur von Weißen zu übersetzen.

Wäre man also konsequenzt, dann müsste man fordern, dass der Dschinni überhaupt nicht von einem Menschen, sondern nur von einem Geist gespielt werden dürfte.

Oder wenn, dann nur von einem Menschen mit natürlicher blauer Hautfarbe.

Diese Art von Darstellung reproduziere meist nur Vorurteile und fördere den Glauben von POCs (Anm.d.Red: „People of Colour), ihre Träume nicht verwirklichen zu können, erklärt die Organisation weiter. Hier würde wieder einmal von Kulturen und Traditionen profitiert, ohne dass die entsprechenden Menschen selbst etwas davon hätten. Das sei ein großes Problem.

Die Sache hat noch einen anderen Fehler.

Denn in diesen schwarzen Communities sind normalerweise Leute aus den USA und aus Afrika. African Americans.

Aladin ist aber ein arabisches Märchen. Das sind Araber. Und die sind nicht nur nicht sonderlich schwarz, sondern eher hell, sie haben vor allem ethnisch ziemlich wenig mit den Afrikanern und Amerikanern zu tun, weshalb es selbst dann, wenn man die Rollen nach Ethnie besetzen würde, diese Black Communities nicht berücksichtigen würde, sondern höchstens einen arabischen Schauspieler einsetzen könnte.

Außerdem dient ein Musical nicht dazu, dass Schauspieler ihre Träume verwirklichen, sondern dass das zahlende Publikum bekommt, was es erwartet, nämlich eine Show. Und warum sich die schwarzen Schauspieler dann nicht einfach beim Casting beworben haben, wäre zu klären. Denn dass etwa in den USA auf der Bühne und im Film ein Schwarzer den Dschinn spielt, zeigt ja, dass sie nicht grundsätzlich ausgeschlossen sind. Hat sich denn irgendeiner beim Casting beworben?

Eine Webseite von denen habe ich nicht gefunden. Aber deren Instagram hinterlässt bei mir den Eindruck einer ranzigen Pöbeltruppe, die nichts kann außer stänkern und beschimpfen.

Dann dürfen Geister eben künftig nur noch von echten Geistern gespielt werden.

Mir geht dieses Identitätsgeseier so auf die Nerven.