Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Über die CIA, den BND, das ZDF, einen Direktor, die Schweiz, den Crypto-Skandal und andere Seltsamkeiten

Hadmut
14.2.2020 1:25

Zur Frage, was dahintersteckt. Und andere Beobachtungen.

Warum heute?

Eine zentrale Frage ist: Warum verkauft uns das ZDF plötzlich eine 25 Jahre alte und bekannte Story als total neue Enthüllung?

Noch seltsamer: Am Dienst wurde das im Dauerfeuer gebracht, tagsüber angekündigt, lange in den heute Nachrichten, dann in Frontal 21, dann nochmal lange im heute journal.

Und danach? Kommt kaum noch was. Juckt keinen. Einige schreiben langweilig, dass irgendwer Aufklärung fordert. Blabla.

Eigentlich hat auch das ZDF nicht viel gesagt, außer dass sie der Regierung vorwerfen, von Menschenrechtsverletzungen in X und Y gewusst und nichts unternommen zu haben. Als ob das irgendwas mit dem Thema zu tun hätte. Eigentlich können sie zu Kryptographie kaum etwas sagen. Warum dieses Theater?

Ich habe heute noch so ein bisschen dran herumgelesen, wer nun gewusst hat und wer nicht und so, und wer so tat, als wüsste er nichts, und ich denke, ich kenne den Grund.

Aus aktuellen politischen Gründen will man da beim BND rumwühlen. Aufklären. Absägen.

Nun können aber die Leute, die seit 25 Jahren so tun, als wüssten sie von nichts, nicht eines schönen Tages kommen, „ach übrigens, da ist ja noch die Sache, von der wir nichts wissen, und die 25 Jahre alt ist, die wir jetzt aber ganz, ganz schnell und dringend aufklären müssen”.

Was macht man also, um zu motivieren, warum man auf einmal Aufklärung fordert? Man geht zu Journalisten und bestellt eine Skandalaufklärung. Und schon hat man eine Legende, warum man heute davon weiß und empört ist und es ganz dringend sein muss, während man gestern noch nichts gewusst habe.

Und die machen das, um am nächsten Tag ist schon wieder alles erledigt. Man muss schon suchen, um dazu etwas zu finden, was über die Pflichtmeldung (alle melden es, also melden wir auch kurz was) hinausgeht: Der Geheimdienstcoup des Jahrhunderts

Ist doch seltsam. Der Geheimdienstcoup des Jahrhunderts. Viele schrieben, das größte Ding seit dem zweiten Weltkrieg. Habe Kriege und sonstwas alles entschieden. Und am nächsten Tag ist die Sache schon wieder erledigt und die wichtigere Meldung, dass sich die Mädels bei Germany’s Next Topmodel diesmal ganz ausziehen mussten?

Da ging es doch nicht wirklich um eine Meldung. Da ging es doch um einen Pro-Forma-Akt. So nach dem Motto, wenn es die Amis und die Schweizer haben, müssen wir es auch mal erwähnen. Wenn es alle schreiben, müssen wir es halt auch erwähnen. Aber letztlich war es ein verdammt kurzes Strohfeuer im ZDF. Fertig. Erledigt.

Und einige Politiker der zweiten und dritten Reihe haben jetzt eine Legende für einen Untersuchungsausschuss.

Ist es eine der Folgen von Thüringen?

Will man da an der damaligen Regierung Kohl und damit an der CDU sägen?

Die Schweizer

Ich habe aber gerade den überaus starken Eindruck, dass die Schweizer da weitaus aktiver und heftiger reagieren als die Deutschen. Was jetzt auch nicht so wirklich überraschend ist, denn wenn die Deutschen in der Schweiz Fake-Geräte verkaufen, dann haben die dort natürlich mehr Grund, sich aufzuregen, als wir hier.

Ich habe es noch nicht gesehen, aber der SRF hat vorhin eine knapp einstündige Doku bei Youtube hochgeladen.

Aber so ganz sicher, ob sie Täter oder Opfer sind, sind sie sich da auch noch nicht. Vielleicht deshalb die Aufregung.

Beispielsweise brachte der SRF heute dieses Interview mit einem Ex-Mitarbeiter: 17 Jahre bei der Crypto AG – Ex-Mitarbeiter: «Man konnte schon eins und eins zusammenzählen»

Jürg Spörndli: Die ganze Geschichte kam wieder hoch. Ich hatte das hautnah erlebt, ich habe lange genug bei Crypto als Entwickler gearbeitet. Mir geht jetzt, vor allem bei den Medienberichten aus der Schweiz, Bestürzung durch den Kopf. Es ist ja nicht erst seit gestern der Öffentlichkeit bekannt, dass etwas gelaufen ist. Aber es hat einfach niemanden in der Schweiz interessiert, was Crypto macht. Dass man jetzt sagt, man hätte genauer hinschauen sollen und etwas tun, erstaunt mich schon etwas. Ich finde es übertrieben. Wenn schon, dann hätte vor 20 Jahren in Bern jemand fragen sollen: Wollen wir das so?

Vor 20 Jahren. Vor 20 Jahren war ich mitten im Promotionsstreit, hat die ETH Zürich das Falschgutachten ausgestellt. Genau die heiße Zeit.

Sie waren nahe dran am Geschehen. Haben Sie selbst nichts gemerkt?

Ich habe nichts merken müssen. Als ich 1977 anfing, war ich logischerweise naiv. Wir haben super Algorithmen in diesen Geräten, dachte ich. Es ging nicht lange, bis einer der Ingenieure – es waren fünf bis zehn Leute, die die Details der Geräte kannten – sagte, da sei ein Algorithmus vielleicht zu gut.

Ich habe grosse Augen gemacht und sie erklärten mir, dass wir diesbezüglich einfach nicht frei seien, dass uns gesagt werde, wie gut die Algorithmen sein dürfen. Und diese kamen oft von aussen, wurden nicht von Crypto designt. Man hat fertige Module in Form von Software oder Schemen übernommen.

Und wir haben damals an Kryptoverfahren geforscht. Ich an neuen Betriebsarten für Blockchiffren, die in Hardware gebauten Brute-Force-Maschinen widerstehen sollten.

Sie wussten, da lief etwas falsch. Wieso haben Sie es nicht gemeldet?

Von oben nach unten kam keine Information. Aber die Direktive war ganz klar, an diesen Algorithmen habt ihr nichts zu verbessern. Das habe ich selbst miterlebt. Mein Vorgesetzter hat einfach gesagt, du musst das einbauen, was dir auf den Tisch gelegt wird, und nicht das, was du selber erfinden möchtest.

Und wir haben damals selbst gebaut.

Erst hieß es, toll, wunderbar, Ihr seid Spitzenklasse, die Besten, und von einem Tag auf den anderen hieß es: „Sofort aufhören! Alles weg! Sofort neue Dissertation schreiben, komplett anderes Thema, irgendeinen belanglosen Verwaltungsscheiß, der mit Krypto nichts zu tun hat!”

Ging mir vorher schon mal so. Ich hatte das ja im Blog schon beschrieben. Ich hatte mit unserem Kryptoverfahren, dem LPC-Sprachencoder, einer Sun Workstation mit Modem und einem Linux-Notebook mit PCMCIA-Modem ein verschlüsselndes Telefon gebaut, das Authentifikation und Verschlüsselung sogar mit Chipkarten durchführen konnte. Und anstatt sich zu freuen, dreht der Professor durch, sofort aufhören, Arbeiten einstellen, man dürfe nur per Analog-Scrambling (schwacher, veralteter Mist) verschlüsseln, aber nicht in die Mobilfunkverschlüsselung eingreifen.

Die Erlebnisse am Institut haben deutliche Ähnlichkeiten mit dem, was der da über die Crypto AG erzählt. Und das ist nicht verwunderlich, weil dieselben Leute dahintersteckten (siehe unten).

Man hatte aber auch sonst Anzeichen. Wir kannten die Geräte im Detail und man konnte schon eins und eins zusammenzählen bei gewissen Verfahren, die angewendet wurden. Etwa dass zu viele Informationen hinausgehen, die auf keinen Fall hinaus dürften. Das konnte man sehen, ohne jahrelange Untersuchungen zu machen. Und trotzdem hat man es nicht gemeldet.

Das war auch ein Thema in meiner Dissertation.

Und nun habe ich das Problem, dass ich Schweizer Politiker nicht kenne.

Kaspar Villiger.

Kennt Ihr den? Ich nicht. Nie gehört. Keine Ahnung, wer das ist. Er ist oder war ein Bundesrat, aber ich weiß nicht mal, was in der Schweiz ein Bundesrat ist. Und über den schreibt der SRF:

Ein prominenter Schweizer Name sticht besonders hervor: Derjenige von alt Bundesrat Kaspar Villiger. Ein zentrales Dokument in den CIA Papieren nennt den Luzerner Freisinnigen als Mitwisser der Spionageaktion. Als damaliger Vorsteher des Eidgenössischen Militärdepartements habe Villiger 1994 gewusst, dass die Crypto AG unter anderem der CIA gehörte.

Trotz moralischer Bedenken habe der FDP-Bundesrat die Sache unter den Tisch gewischt: «Villiger wusste, wem das Unternehmen gehörte, und fühlte sich moralisch verpflichtet, dies offenzulegen», heisst es im CIA-Papier. Doch Villiger habe nichts unternommen: «Offensichtlich hat Villiger den Mund gehalten.»

Und Infosperber.ch schreibt:

Nur «detailliert» war er nicht informiert und habe «keine aktive Rolle» gespielt, lässt der Alt-Bundesrat schriftlich ausrichten.

«Zu dem Zeitpunkt [des langjährigen Scrypto-Spionageskandals] war mindestens ein Mitglied des Bundesrats an der Vertuschung beteiligt.»

Dieses Zitat stammt von internen Aufzeichnungen der CIA. Und weiter:

«Villiger wusste, wem die Firma gehörte, und er dachte, er sei moralisch verpflichtet, dies offenzulegen … Offenkundig hielt Villiger den Mund.»

Kaspar Villiger war damals Bundesrat und Vorsteher des Eidgenössischen Militärdepartements. […]

Mitwissen wäre ein Desaster

Was auf dem Spiel steht, wenn der Alt-Bundesrat sein Mitwissen offen zugeben würde, kommentiert am heutigen 13. Februar die Neue Zürcher Zeitung: Falls die Operation «Rubicon» «den Segen des Bundesrats hatte und der Schweizer Nachrichtendienst aktiv profitiert hat von den Informationen, die über die Hintertüren der Crypto-Geräte abgezapft worden sind, dann wäre es für das neutrale Selbstbild der Schweiz ein Desaster».

Und in einem anderen Artikel bei infosperber.ch,

Es ist mal wieder die Stunde der Komödianten. Offiziell wusste niemand, was seit langem bekannt ist.

Nun tun viele Politiker so, als habe man etwas Böses entdeckt: die US-Geheimdienste und ihr uferloses System der Überwachung. Breitflächig ist Entrüstung angesagt. Restlose Aufklärung wird gefordert. Man erinnert sich an 2013, als entdeckt wurde, dass die NSA die halbe Welt abhörte.

„Abhören von Freunden, das geht gar nicht“, sagte damals Kanzlerin Angela Merkel, und es klang wie ein Satz eines Standup Comedian. Delegationen wurden nach Washington geschickt, diplomatische Noten ausgetauscht – das volle Programm. Ein Stück aus dem Komödienstadel. Denn die deutsche Regierung war stets über alles informiert, und sie war – wie jetzt erneut ans Licht kommt – stets beteiligt an allem.

Schon um die Jahrtausendwende verwies ein Ausschuss des Europäischen Parlaments auf ein globales Abhörsystem namens „Echelon“. In dem Bericht stand, dass „innerhalb von Europa sämtliche Kommunikation via E-Mail, Telefon und Fax von der NSA regelmässig abgehört wird.“

Um die Jahrtausendwende. Genau in meinem Promotionsstreit.

Die Schweiz und die CIA

Der zentrale Punkt in diesem Skandal, also das, was neu ist gegenüber dem, was man vor 25 Jahren wusste, ist, dass der Schwerpunkt wohl eher auf der CIA als, wie wir damals disutierten, der NSA lag, aber das ist wohl kein echter Unterschied. Die sind nicht zu trennen und sicherlich beide mit drin. Die andere Frage ist, welche Rolle die Schweizer spielten.

Wieder infosperber.ch: Crypto AG: Schweiz unter einer Decke mit der CIA

Die Schweizer Behörden hätten schon längst hinschauen können. Von offizieller Seite wird nun behauptet, man habe nichts gewusst. Doch die Crypto AG stand mehrfach im Verdacht, mit Geheimdiensten zusammenzuarbeiten, namentlich auch dem US-Auslandgeheimdienst NSA. Im Jahr 2000 war in einem vom Europaparlament debattierten Bericht detailliert aufgeführt, dass die Crypto AG ihre Geräte manipuliert. Ein Bericht darüber erschien damals im «Blick». Die Debatte fand in Zusammenhang mit dem europäischen Überwachungsschirm Echelon statt. «Von 1940 an hat die National Security Agency NSA kryptografische Systeme aus Europa gehackt. Die wichtigste Zielscheibe der NSA war die prominente Schweizer Firma Crypto AG, die sich nach dem 2. Weltkrieg eine starke Position bei Chiffriersystemen gemacht hat», stand im Bericht. Und weiter: «Viele Regierungen würden Systemen von Grossmächten nicht trauen. Eine Schweizer Firma aus diesem Bereich hingegen profitiert von der Schweizer Neutralität und dem Bild der Integrität.» Der Autor, Duncan Campbell, der das Echelon-System publik gemacht hatte, erklärt genau, wie die US- und britischen Geheimdienste die Kodierung verfälschten, damit sie sicher wirkten, in Wahrheit aber in Echtzeit gelesen werden konnten.

Das war nicht der erste Hinweis, den die Schweizer Behörden bekamen, dass bei der Crypto AG etwas faul sei: 1992 wurde der Schweizer Hans Bühler, ein Verkäufer in Diensten der Crypto AG, im Iran festgehalten. Nach neun Monaten kommt er frei, gegen die Zahlung von einer Million Franken Lösegeld. Bezahlt, wie wir heute wissen, vom BND. Die Lösegeldzahlung war damals ein grosses Thema und es scheint äusserst unwahrscheinlich, dass die Schweizer Diplomaten, die sich um die Freilasssung von Bühler bemüht hatten, nichts von den Hintergründen wussten. Zudem wurde Bühler kurz nach der Freilassung von der Crypto AG entlassen und mit einer Zahlung zum Schweigen gebracht. Er hatte, wie jetzt bekannt ist, nichts von den Machenschaften gewusst und hatte begonnen, sich gegenüber den Medien kritisch zu äussern.

Im Jahr 2000. Mitten in meinem Promotionsstreit.

Und noch ein Artikel.

Und noch ein Audio zu anhören: Wie die Besitzverhältnisse der Crypto AG verschleiert wurden (Ich habe es aber noch nicht gehört)

Der SRF meint dazu: «Das könnte fatal für den Ruf der Schweiz sein»

André Ruch: Sollte herauskommen, dass der Schweizer Nachrichtendienst selber über die Hintertüren der Amerikaner und der Deutschen über Jahrzehnte andere Staaten mitbelauscht haben soll – dann wäre das natürlich fatal für den Ruf der Schweiz als Vermittlerin der «guten Dienste». Im Moment steht das aber nicht zur Diskussion. Es geht jetzt darum, ob der Bundesrat gewusst hat, dass sein Nachrichtendienst die Amerikaner und die Deutschen hinter der Crypto AG gewähren liess.

Die Zentralstelle für das Chiffrierwesen des BND bei Bad Godesberg

Jetzt kommen wir mal zum Kern der Sache.

Die NZZ schreibt: «Crypto-Leaks»: Im Zwielicht der Spionage

«Die dreisteste Geheimdienstfinte des Jahrhunderts» – so kommentierte der «Spiegel» die unglaubliche Geschichte der Crypto AG, deren Verschlüsselungsmaschinen von deutschen und amerikanischen Nachrichtendiensten systematisch manipuliert worden waren. Über Jahrzehnte sollen die ausländischen Dienste auf diese Weise die vertrauliche Kommunikation unzähliger Regierungen planmässig abgehört haben, so berichtete das deutsche Nachrichtenmagazin. Die Story schlug Wellen: Die neutrale Schweiz als Basis für die umfassendste Abhöraktion der Nachkriegsgeschichte – das war schon damals eine Geschichte mit allen Ingredienzien für einen Spionagethriller.

Damals – das war vor einem Vierteljahrhundert, als die Crypto AG mit Sitz in Zug bereits einmal in den Fokus der Öffentlichkeit geriet. Die Firma ist seit Jahrzehnten mit Vorwürfen konfrontiert, wonach die saubere Fassade und das Swissness-Image nur als Kulisse für klandestine Geschäfte im Kalten Krieg dienten. Vieles von dem, was ein Recherche-Konsortium aus drei Ländern aufgrund von neu aufgetauchten Dokumenten in den letzten Tagen publiziert hat, zeichnete sich in Umrissen bereits in den 1990er Jahren deutlich ab: Die Schweizer Verschlüsselungsmaschinen, die Weltruf genossen, waren mit sogenannten Backdoors versehen – also so manipuliert, dass ihre Codes von Eingeweihten in Handumdrehen zu knacken waren. Und fast wie vor 25 Jahren lautet die Schlagzeile auch heute: «Der Geheimdienstcoup des Jahrhunderts». […]

Bühler beginnt in Eigenregie, den Vorwürfen der Iraner nachzugehen, und wendet sich 1994 schliesslich an die Medien: Auf Intervention der USA seien Chiffriermaschinen so gebaut worden, dass mitgehört werden konnte. «Die Geräte waren für die einen nicht schlecht – für andere waren sie noch besser und vor allem sehr nützlich», behauptet er. Zudem seien die Geräte der Crypto AG jeweils der deutschen Zentralstelle für das Chiffrierwesen des BND bei Bad Godesberg vorgelegt worden. Die Crypto AG geht gegen die Anschuldigungen ihres ehemaligen Mitarbeiters gerichtlich vor. Die Behauptungen seien längst widerlegt und bloss heisse Luft. Abklärungen der aktiv gewordenen Bundespolizei werden nach eineinhalb Jahren ebenfalls ergebnislos eingestellt.

Doch die Geschichte ist für die Chiffriermaschinenfirma noch lange nicht ausgestanden. Auch in den USA bleibt die Crypto AG in den Schlagzeilen: In einem Hintergrundartikel berichtet Ende 1995 die «Baltimore Sun», eine Tageszeitung an der Ostküste der USA, ausführlich über Verbindungen zwischen der Crypto AG und dem amerikanischen Geheimdienst NSA. Die Vorwürfe gleichen jenen des entlassenen Angestellten Bühler bis ins Detail: Jahrelang habe die Firma auf Anweisung ihre Produkte manipuliert und so den Zugriff von Nachrichtendiensten auf die sensitive Kommunikation unzähliger Staaten aus der ganzen Welt ermöglicht.

1994: Das Jahr, in dem ich wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand wurde.

1995: Das Jahr, in dem ich eigentlich hätte promovieren sollen.

Der Knackpunkt ist: Die Zentralstelle für das Chiffrierwesen des BND in Bad Godesberg

Die die wurde (mit)gegründet, aufgebaut, ab 1972 geleitet von: Otto Leiberich.

Otto Leiberich

Eben dieser Direktor der Zentralstelle für das Chiffrierwesen, Otto Leiberich, war genau der, der wiederholt bei uns am Institut war, überaus freundlich und von wertschätzendem Auftritt (wir fanden das damals sehr angenehm und schmeichelnd, dass er uns alle mit „Herr Kollege” ansprach), hielt sagenhaft gute und spannende Vorträge, vor allem ist mir der in Erinnerung, in dem der beschrieben hat, wie sie die verschlüsselte Agentenkommunikation der DDR knackten und so Günter Guillaume schnappten, versuchte auch ab und zu mal, manche von uns anzuwerben. So kam er dann auch ins Gespräch mit uns und bekam so ein Gefühl dafür, wer wir sind und was mir machen.

Das war aber auch der, an den man mein Bundestagsgutachten geschickt hatte und der schrieb, das dürfe nicht an die Öffentlichkeit kommen.

Und dessen Name taucht in dem Prüfungsgutachten des Doktorvaters auf, der urplötzlich meine Dissertation als komplett falsch ablehnte. Das Gutachten versuchte man mit allen Mitteln geheim zu halten. Warum – und für wen? – schreibt ein Doktorvater ein 18-seitiges Vernichtungsgutachten, wenn es doch geheim ist? Und warum taucht darin der Name Otto Leiberich auf? Die einzige pausible Erklärung ist, dass das Gutachten für und an den BND geschrieben worden war. Und auch das Backup-Band, das man heimlich von meiner Workstation zu ziehen versucht hat, konnte nur für Leiberich bestimmt sein.

Leiberich muss der sein, der damals verfügt hat, mir die Promotion abzusägen. Es kommt sonst niemand, und auch kein Grund in Frage.

Der Doktorvater, Beth, war ein arroganter Narziss, der hätte sich ohne große Not niemals selbst in Frage gestellt – hatte aber bereits schriftlich erklärt, dass meine Dissertation gut sei, die Auszeichnung versprochen, den Zweitgutachter zum Prüfungstermin eingeladen, die Arbeit stand schon als bestanden in den Prüfungsunterlagen, nur die Note war noch offen. Beth biederte sich aber Leiberich in jeder Form an.

Leiberich war zwar schon 1992 in Pension gegangen, und wir wussten, dass er pensioniert ist.

Aber voll aktiv war der immer noch. Es war nur eben so, dass der als „Pensionierter” freiher herumspuken konnte.

Und selbstverständlich war der dann über die Vorgänge bei der Crypto AG voll im Bilde.

Und natürlich nicht nur über die, sondern über das Nachfolgeprojekt Echelon.

Und er war sehr gut darüber informiert, was bei uns damals am Institut lief und erforscht wurde. Beth hat ja pausenlos angegeben und posaunt, und Leiberich kannte uns alle persönlich.

Und damit besteht eine direkte Kette zwischen meiner Dissertation (bzw. deren Vernichtung) und der Crypto AG/Echelon. Über Otto Leiberich und die Zentralstelle für das Chiffrierwesen.

Die Verbindung in die Schweiz

Warum wählte die Universität, die damals das Zweitgutachten zurückziehen und ersetzen musste, weil sich herausgestellt hatte, dass der Prüfer die Dissertation nicht mal gelesen hatte und nicht wusste, was drin steht, als Ersatzgutachter einen Schweizer, nämlich Ueli Maurer von der ETH Zürich?

Obwohl der doch eigentlich als Prüfer gar nicht in Frage kam, weil er erklärte, er käme weder zu einer mündlichen Prüfung noch zu einem Gerichtsstreit nach Deutschland? Auf eines von beiden musste es ja zwangsläufig hinauslaufen, egal wie er entscheidet.

Und warum konnte der Karlsruher Dekan bei ihm einfach per E-Mail die Ablehnung der Dissertation bestellen und vereinbaren, noch bevor Maurer die Dissertation erhalten hatte? Warum äußert sich Maurer nur zu zwei Seiten der Dissertation, als hätten sie ihm nur die durchgefaxt? Warum kannte er den Rest nicht? Und warum kann er fachlich überhaupt nichts sagen, als Gutachter nur

Warum lässt sich ein Schweizer Professor überhaupt auf so etwas ein?

Und warum hat die ETH Zürich dann mit allen Mitteln versucht, zu mauern und mich abzuschütteln, wenn es doch angeblich alles so normal gelaufen sei? Wenn sie sich doch sonst bei ihren Doktoraten ganz anders verhalten und andere Vorschriften haben?

Ich kann mir bis heute, fast 20 Jahre und viele Akteneinsichten später, keinen anderen Grund denken, als dass Ueli Maurer, der Kryptologe von der ETH Zürich, in die Angelegenheit BND-Crypto AG irgendwie involviert war, und der Kontakt zu ihm über Leiberich hergestellt wurde. Denn soviel wurde in den Gerichtsstreitigkeiten schon ersichtlich: Der Uni brannte der Hintern. Selbst der Gegenanwalt, der die Uni vertrat, gab damals gegenüber dem Gericht zu, dass er strikte Anweisung des Rektors hatte, auf keinen Fall einem Bestehen der Prüfung zuzustimmen, und dass er sowas auch noch nie gehabt habe. Es wäre für die Uni viel einfacher, viel billiger, viel peinlichkeitsärmer gewesen, mir einfach den Doktor zu geben. Normalerweise haben die die Doktorgrade reihenweise verschenkt und sind immer den Weg des geringsten Widerstandes gegangen. Warum sie hier mit allen Mitteln mauerten, war nicht klar. Der Gegenanwalt, ziemlich fies und von dreckigen Methoden übrigens, erklärte am Ende des Streites gegenüber dem Gericht, dass er die Uni Karlsruhe nie wieder vertreten werde. Offenbar hatte es da intern mächtig Streit gegeben, und auch deren Justiziar, der mir vorher mit allen Mitteln zu schaden versuchte, verlies die Uni, gründete eine Kanzlei und wollte mich dann vertreten.

Ich kann mir das seltsame und grob unseriöse Verhalten dieses Ueli Maurers, der mir übrigens von dem Kryptoprofessor Andreas Pfitzmann (der bald darauf verstarb, ebenso wie der Doktorvater Beth) als naiv und technisch unbeleckt beschrieben wurde, ein Feigling und Weichei, der dann auch erklärte, dass er auf keinen Fall in der Sache nach Deutschland kommen wolle (ich habe mich damals gefragt, warum, einerseits war sein Tonfall in seinem Gutachten so entsetzlich überheblich und herablassend, andererseits wollte er sich auch nicht trauen, gegen mich anzutreten, ob in der Disputation oder einem Gerichtssaal, aber womöglich hatte das eher strafrechtliche Gründe, wenn der da in der BND-Nummer mit drinsteckte. Als Schweizer würde er nämlich normalerweise nicht nach Deutschland ausgeliefert. Womöglich hatte der Angst, dass ich die Staatsanwaltschaft mitbringe und der gleich verhaftet wird.)

Wenn man in der Schweiz herausfinden will, wer da alles in der Sauerei mit drinsteckte (und ich habe den Eindruck, dass zumindest manche das wollen), dann wird man die Achse CIA – BND – Otto Leiberich – Prof. Beth – Uni Karlsruhe – ETH Zürich – Prof. Ueli Maurer untersuchen müssen. Es kann für das Verhalten Maurers damals keinen seriösen Grund geben, und dass der damals gegen alle Regeln verstoßen hat, deutsche wie schweizerische, ist belegt. Und dass ein deutscher Dekan (übrigens angeblich und auch dem Aussehen nach der Bruder des Publizisten Tichy, insofern könnte man da auch mal fragen, welche Verbindungen es zum BND gibt) einfach bei der ETH Zürich vorstellig werden und sagen kann, wie man das Gutachten braucht, das ist auch nicht normal.

Übrigens: Das alles aufzudecken ging auch nur, weil ich damals nach Schweizer Recht über eine Instruktionsrichterin die Akteneinsicht gegen die ETH Zürich durchgesetzt habe, wie wollte das auch alles geheim halten und mich täuschen.

Die Richterin jammerte damals und drängte mich, mir doch einen Schweizer Anwalt zu nehmen, mit dem sie kommunizieren könnte. War mir nicht nur zu teuer und unklar, wie das mit den Anwälten bei denen geht, ich habe denen auch nicht getraut. Deshalb habe ich darauf bestanden, selbst mit der Richterin zu korrespondieren.

Das aber hat dazu geführt, dass sie mir aus rechtlichen Gründen die Akten usw. nicht direkt zuschicken konnte, sondern mir immer im Wege des Amtshilfeersuchens über die Außenministerien der Schweiz und Deutschlands laufen musste, dann über Innenministerien, weitere Amtshilfe an das Bundesland, bis mir die Akten schließlich durch die Stadtverwaltung Dresden amtlich zugestellt wurden. Natürlich jedesmal aufgerissen und zehnmal behördlich durchgeprüft.

Ich habe mich damals gewundert, warum das immer monatelang dauerte und mich mal durchgefragt, wann die Akten wo stecken geblieben sind. Es gab da immer unerklärliche Lücken zwischen Bundesaußen- und -innenministerium, und inzwischen würde ich vermuten, dass das deshalb immer so lange gedauert hat, weil die Akten einen Umweg über den BND nahmen. Der BND war damit anscheinend darüber informiert, dass ich den Machenschaften zwischen dem Karlsruher Dekan und der ETH Zürich auf die Schliche gekommen bin.

Dann wurden im Gerichtsverfahren vier von fünf Richtern ausgetauscht und der Vorsitzende – kurz zuvor noch selbst Mitarbeiter am Bundesverfassungsgericht gewesen – fing an, Gutachten und Sachverständigenaussagen und so weiter zu fälschen.

Ich habe mich immer gefragt, was einen Richter zu dem Wahnsinn bringen kann, nicht nur Gutachten fälschen zu lassen und einen Sachverständigen zu bestechen, sondern auch noch das Ding zu riskieren, die Tonbänder mit der Sachverständigenvernehmung heimlich nach der Verhandlung in seinem Arbeitszimmer neu aufzusprechen und auszutauschen.

Ich kann mich noch an das Entsetzen im Verwaltungsgericht erinnern, als ich da auftauchte und durchsetzte, die anhören zu dürfen, rechtlich natürlich gut vorbereitet, weil mir auch drei Monate nach der Verhandlung mit Zusendung des Protokolls auffiel, dass das nicht stimmte. Der Feigling von Richter schickte damals eine Vorsitzende einer anderen Kammer vor, um mich abzuwimmeln, ging aber nicht. Weil ich dann selbst die Aufnahme niederschreiben wollte und dazu ein Notebook dabei hatte, wollte er mir das verbieten, weil er Angst habe, dass ich die Aufnahme mit dem eingebauten Mikrofon aufnehmen könnte (und damit einen Beweis für Abweichungen und Fälschungen hatte). Ich habe gesagt, ich sei Informatiker und könnte auf der Tastatur eben viel schneller schreiben als mit Stift und Papier, aber wenn er das so wolle, bleibe ich auch gerne für drei Tage in ihrer Geschäftsstelle. Den Richtern ging damals der Arsch so richtig auf Grundeis, weil ich sie beim Fälschen ertappt hatte.

Warum aber würde ein solcher Karrierist ohne jede Not so ein Risiko eingehen, Gutachten fälschen zu lassen, Gutachter zu bestechen, Korrespondenz zu manipulieren, Bänder auszutauschen? Warum dieser Aufwand, um mir das mündliche Gehör abzuschneiden?

Was hat den dazu getrieben?

Die Verbindungsachse lautet CIA – BND – Otto Leiberich – Prof. Beth – Uni Karlsruhe – ETH Zürich – Prof. Ueli Maurer – Crypto AG.

Und ich denke, ich werde noch mehr Sachen zur Verstrickung der Schweiz in dieses Spionageprojekt schreiben.

Wisst Ihr, wie ich mir gerade vorkomme?

Wie Clifford Stoll in Kuckucksei.