Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

OECD: Deutschlands Anteil bei Hochqualifizierten fällt stark ab

Hadmut
13.9.2011 11:59

Siehe Tagesschau. Bei mir verstärkt sich ja immer mehr der folgende Verdacht:

Ich hab’s schon einige Male erwähnt: Derzeit wird die Lebensarbeitszeit in Deutschland drastisch hochgeprügelt:

  • Abitur um ein Jahr verkürzt
  • Wehrpflicht weg
  • Studium verkürzt oder sogar von Diplom auf Bachelor reduziert, weil nicht mehr jeder Diplom/Master studieren darf.
  • Rentenalter hoch auf 67 oder gar 69, wo früher die Leute schon mit um die 60 in Rente konnten (und selbst Rentner müssen heute noch arbeiten)

Macht zusammen rund 5 bis 10 Jahre mehr Lebensarbeit pro Mensch. Ein Anstieg von grob geschätzt vielleicht 10 – 25%.

Einerseits könnte man das als Folge der schrumpfenden Gesellschaft ansehen, daß man nämlich aus weniger Menschen genausoviel Arbeitsleistung herausholen will.

Andererseits könnte man es dafür halten, daß man versucht, den Arbeitsmarkt zu verbilligen, indem man ein Überangebot schafft. Da wird die ganze Zeit von Fachkräftemangel geredet, obwohl es den in weiten Bereichen nicht gibt. Es scheint durchaus ein politisches Ziel zu sein, ein Überangebot zu schaffen, um die Preise zu drücken.

Dazu fällt mir im IT-Bereich auf, daß die Firmen immer weniger breit gebildete Generalisten, die das Fach beherrschen, suchen, und stattdessen immer mehr sehr stark spezialisierte „Fachidioten”, denen man dafür auch deutlich weniger zahlt und die man einfach wieder feuert, wenn es nicht mehr genau ihre Aufgabe gibt.

Und ich habe den starken Eindruck, daß die gesamte Umstrukturierung der Universitätsausbildung hin zum Prügel-Bachelor und der Verknappung des Masters in genau diese Richtung geht. Gerade so, als ob man bewußt eine „untere Mittelschicht” züchten wollte, um den Arbeitsmarkt zu verändern.

Folge dessen wäre, daß wir – wie die OECD es beobachtet – im Bereich Bildung nicht mehr konkurrenzfähig sind. Hieß es nicht, das sei unser einziger Rohstoff?

11 Kommentare (RSS-Feed)

HF
13.9.2011 15:29
Kommentarlink

Wenn Wissen der Rohstoff den 21. Jahrhunderts ist,
dann stellt sich für die Kolonialherren nur eine Frage:
Wie presst man es am effizientesten aus den Eingeborenen heraus?


Hadmut
13.9.2011 15:41
Kommentarlink

Also so jedenfalls nicht. Um es aus ihnen herauszupressen müßten sie es erstmal haben…


yasar
13.9.2011 16:01
Kommentarlink

Ich habe auch festgestellt, daß zwar sehr viele Stellenanzeigen vorhanden sind, aber die Anforderungen an die IT-Bewerber so gestellt sind, daß man genau das spezifische Wissen haben muß, um da genommen zu werden. Ein Generalist wie unsereiner wird da gleich aussortiert, insbesondere, wenn man die 30 vor sehr lange Zeit schon überschritten hat.


_Josh @ _[°|°]_
13.9.2011 23:59
Kommentarlink

Eine meiner Ansicht nach vollständig treffende Analyse, wie ich finde, yasar & Hadmut. Ich selbst — als relativ junger (IBM)-Horstie — mit meinen 47 Jahren bin mehr als froh, um nicht zu sagen, unendlich dankbar, daß ich rechtzeitig — d.h. gleich nach meinem Diplom 1989 — den Fuß in eine Bank bekam, mich wunderbar & ohne Kämpfe stets ordentlich und angemessen weiterbilden durfte, und im Laufe der Jahrzehnte dort Netzwerker #1 werden konnte.

Das waren Zustände & Zeiten, um deretwegen mich heute wirklich alle meine (jüngeren) Kollegen anschauen, als käme ich von einem anderen Stern. Wenn ich heute erlebe, wie arg meine Jungs & Mädels mit meinem Vorgesetzten zu kappeln haben, um gelegentlich Weiterbildungen absolvieren zu können, trotz regelmäßiger Fürsprache von mir, da wird mir ganz anders. Dies allein schon ist IMHO eine Schande sondergleichen für dieses Land, resp. die hiesigen Arbeitgeber, ganz branchenunabhängig. Von den “Tunnel”-Qualifikationen der heutigen Bewerber will ich gar nicht erst anfangen zu sprechen…

Was für ein Irrsinn muß an den gegenwärtigen Ausbildungsstätten herrschen, etwa am HPI in Potsdam…
🙂

Naja, noch sechs Jahre, dann hab’ ich die Kohle zusammen, um vorzeitig das Arbeitsleben zu verlassen & zusammen mit meiner Frau von unseren Zinserträgen zu leben — das reicht uns bis zur Urne, da wir bereits mehrmals mehrjährig die Welt “gebackpacked” haben, unserem (ehemaligen, damals nocht nicht shareholder value-verseuchten) Arbeitgeber nebst zugestandener sabbaticals sei gedankt.


klonderer
14.9.2011 1:49
Kommentarlink

@Hadmut
Genau so sieht es aus. Das Angebot der Arbeitsuchenden muss gross bleiben um dle Preise (Lohnkosten) niedrig zu halten.
@Josh
Hoffentlich übersteht deine Kohle die Finanzkrisen


John
14.9.2011 7:50
Kommentarlink

@Hadmut,Yasar,Josh: Also führt kein Weg mehr darum herum?

Bestmögliche Ausbeutung des Tunnelwissens, selbstbezahlung neuen Tunnelwissens usw.


der andere Andreas
14.9.2011 9:45
Kommentarlink

was sich hier beschwert wird… ITler machen wenigstens immer was mit computern und seis halt briefe im vorzimmer vom chef schreiben…

chemiker und physiker arbeiten aber eher selten nach dem studium noch im eigentlichen fachbereich – kenn da mehrere beispiele, die dann im ein- oder verkauf gelandet sind


_Josh @ _[°|°]_
14.9.2011 16:09
Kommentarlink

@klonderer:
Bedankt ob Deiner Mithoffnung ,)

Weibi & Männe haben überwiegend Sachwerte, alles ultrakonservativ angelegt, um nicht zu sagen reaktionär, wir “brauchen” auch tatsächlich nicht sonderlich viel, da die bescheidene Hütte abbezahlt & selbst in Schuss gehalten wird.

Hat sich über die vergangenen Jahre herausgestellt, daß uns 1 K€ pro Nase völlig ausreicht — ich weiß, mag manchem komisch und sehr viel erscheinen, anderen viel zu wenig –, doch wenn sie und ich Ende 2017 aufhören, dann kommen wir zusammen auf knapp 5 K€ bar auf die Kralle; da kann auch mal was kaputt gehen, die Nichten, Neffen & NGOs/ Vereine bedacht und gelegentlich in der Weltgeschichte herumgeeiert werden. Nicht verkehrt mit Anfang Fuffzich, finde/n ich/wir.

Wie auch immer, abartig finde ich, daß es in diesem Land Millionen von recht gut ausgebildeten Menschen gibt, die permanent Geldsorgen haben & mit (echten) Bauschmerzen zu blödsinniger Arbeit gehen müssen. Mit “gesundem” Konkurrenzdruck hat das Erwerbsleben seit etwa Ende der 1990er nichts mehr zu tun, wie ich finde, der Birn’schen Korruptionsvorarbeit in Verbindung mit geldigem Neoliberalismus sei’s gedankt. Die Sache zu versenken hat der korrupt-intrigante Haarfärber von der Verräterpartei dann elegant mit seinen Genderbabblern umgesetzt.

So geht’s, wenn Menschen nicht zur Verantwortung gezogen werden, ungeschoren an einen unbenannten Apparat “delegieren” können, beginnend bei der Legislative, und hört nicht auf bei dem Sachbearbeiter im Einwohnermeldeamt… just my 0,02$

Ooops, jetzt bin ich aber ein bisschen abgeschweift, mea culpa. Und außerdem habe ich gleich Feierabend.
,)


John
14.9.2011 20:21
Kommentarlink

@der andere Andreas: Ist das nicht schon ein wenig zu verallgemeinert?

Arbeit am Computer != Arbeit am Computer


Anna Freud
16.9.2011 19:48
Kommentarlink

Die Ökonomen haben es bis heute auch nicht geschafft, Arbeit nicht bloß quantitativ zu messen (also auch rein zeitlich im Sinn von: mehr Arbeiter in gleicher Zeit = mehr Arbeitsleistung), sondern auch qualitativ – sehr gut sichtbar daraan, dass schnelle Auusbildung = beste Ausbildung gilt. Wenn man immer mehr in seine Bildung und sein Wissen (sein Berufskapital) investieren muss, um hochqualifiziert zu sein, und gleichzeitig immer schlechtere Bedingungen dafür vorfindet (kürzeres Abi/Studium; großteils schlechte Bezahlung in diesem Bereich auch in den niederen Schulen und den Kindergärten d.h. Demotivation; Personalmangel d.h. Stress udn Zwang zu realtivem Pauschalsimsu statt sorgsamer Förderung; insgesamt nicht nur Unterfinanzierung, sondern auch merkwürdige Strukturierung, wie ja der Bundesrechnungshof letztens für diese eine Pädagogische Hochschule auch angemahnt hatte usw.),, wenn ddas die Vorraussetzungen sind, dann ist es kein Wunder, dass Hochqualifikation immer seltener wird. Weil es dafür dann immer mehr Mittel braucht, die immer weniger haben und sich zeitlebens kaum erarbeiten können (dieses kapital ist eben nicht nur Zeit, sondern auch Geld, Gesundheit, Strukturwissen, d.h. im Grunde man braucht von vornherein genügend (Human)Kapital, aus dem man noch mehr (Human)Kapital machen kann und wenn mamn von Anfang an nicht genug hat, wird es immer schwerer, die nötige Schwelle zu überschreiten). man kann sich bereits hier fragen, ob das nicht die eigentliche Agenda ist, diese Trennung…
Immer weniger können ausserhalb von Pflichtprogrammen in sich selbst “investieren”, so das es ihr kapital wirklich erhöht, verdienen daher auch selten genügend, um mehr in sich investieren zu können und das in Stagnation oder gar Regression der Arbeitsbiographie. Für immer mehr Regression übrigens, weil immer Mehr immer weniger die ganzen Privatvorsorgen sich leisten können bzw.nur eine Art Zufallsmix erstellen können, die ganze Bandbreite aber definitiv Luxus ist. Bspw. selbst wenn man 45 Jahre gearbeitet und eigezahlt hat, heißt das nicht, das man im Alter nicht in Armut leben könnte. Im Grunde spekuliert man heute sehr viel und ansteigend auf sein eigenes Kapital und die Versicherung, nicht völlig aus dem “Spiel” zu fallen, in das einzutreten man gezwungen ist, fällt zunehemnd dürftiger aus und liegt selten auf einem Niveau, das es ermöglichen würde, sein Humankapital zu erweitern, d.h. aus der Sache selbst wieder rauszukommen. Gleichzeitig ist aber das die Forderung und die Lösung aka “Bildung = Aufstieg”

Makroökonomisch gesehen ist das Erzeugen einer solchen “Unteren Mittelschicht” und “oberen Unterschicht” daher auch ziemlich schlecht, weil dann immer mehr Menschen ständig an der Schwelle zur Armut stehen, ab der die Gemeinschaft für sie sorgen muss bzw. kommt es immer häufiger vor, dass im Lebenslauf eines Menschen Eigenerwerb und Fremdbezuschussung abwechseln müssen. Das ist nicht nur vom Konkurrenzdenken her möglicher Weise schlecht, sondern vor allem vom Standpukt des Etats auf längere Sicht. Vom Standpunkt der Macht über Arbitende ist es auch nur kurzfristig positiv, weil dieser Zustand langfristig nicht gehalten werden kann. Wer hungert, geht irgendwann radikal auf die Strassen. Und es ist total sch****e für die (Human)Kapital-mäßig schlechter Betuchten (zu diesem Humankapital zählt nicht bloß Geld, sondern bspw. auch die Bildungsinstitutionen, in denen man war, die Gegend, in der man wohnt, die Fähigkeit und der Wille, den Wohnort zu wechseln, die Gesundheit usw.), weil mit einer unteren Mittelschicht hat man ein große Masse von Menschen, die nur noch Schadensbegrenzung machen können im Sinn von Erhaltung des bisherigen Humankapitals, die es aber vor allem kaum steigern können, was in einer spezialisierten Arbeitsgesellschaft ja aberdie Bedingungen der Möglichkeit ist, dass die Spezailisierung überhaupt dazuerhaft zu Stande kommt. Genau das ist aber auch mikroökonomisch fatal, weil die sogenannte Binnenwirtschaft dann kaum noch großartige Nachfrage außerhalb von relativen Luxusartikeln hat, zudm immer weniger, die sie herstellen können und letztlich das so erzeugte absolute Elend immer auch Kriminalität hervorruft (siehe London) und insgesamt instabile Zustände, was sich eigentlich keine Volkswirtschaft leisten kann. Wenn ich nicht weiß, ob mein Unternehmen in 4 jahren noch steht, weil es möglicher Weise geplündert und niedergebrannt wird, dann werde ich besser keins gründen oder jedenfalls: nicht hier. Die Folge davon ist sowas wie Ghettobildung (der Ghettobegriff ist für Europa ungeeignet, aber sei es drum)

Das Problem äußert sich mitnichten nur im Hochqualifikationsbereich, da wird es vielleicht am stärksten wahrgenommen (weil der Mythos “Bildung = Zukunftschance” bei Akademikern wohl nahezu natürlicher Weise als letztes brökelt; wenn das aber passiert ist, dürfte er in allen nichtakademischen Bereichen schon lange zerfallen sein; und diese ganzen Bereiche oder Berufsfelder kriegen bisher hauptsächlich diesen Mythos angeboten, der aber keine Lösung für sie ist, sondern ein Teil ihres Problems (im Grunde so, als böte man einem Verhungernden eine schimmligen Knochen an und sagte ihm: das ist deine Rettung!): denn die, die “unten” sind, kommen auch durch die Universität inzwischen nicht mehr “höher”, was auch immer sie da in sich investieren, es reicht nie aus; für was besseres fehlen ihnen aber die Mittel. Es waren tatsächlich ökonomisch versierte Soziologen (ua vom College de France, eine Art Anti-Universität und die Spitze des französischen Bildungssystems), die beretis vor knapp 30 Jahren auf diese Krise und den Verfall der Institutionen hingewiesen haben, diese Institutionen, auf die die Ökonomen auch nie schauen.

So jemand teilweise einfältig-naives wie die Schavan, ist im Grunde die beste Repräsentation der letzten Gläubigen dieses Mythos vom “Bildung = Aufstieg”, man könnte fast Fundamentalisten dieses Mythos sagen, und gleichzeitig einer der besten Repräsentationen des Problems (sozusagen dieser Mythos als Terror). Die Fortführung des Mythos heißt, glaube ich, “lebenslanges Lernen”, in einer besonders spitzfindig-zynischen Weise verstanden: denn das müssen nur die machen, die nie genug Humankapital hatten, um davon lebenslang sich selbst Lohn verschaffen zu können, d.h. die, die von Beginn an zu dieser Art unterer Mittelschicht – man könnte auch Proletariat sagen? – zählten. Der Rest zehrt ua. davon, das er genau dieses Lernen anbietet und gestaltet und zwar privatfinanziert.
Was man gegenwärtig macht ist, denke ich, die Barrieren zwischen den sogenannten Klassen zu erhöhen und zu verfestigen, und alles Aufgezählte (Verlängerung der Lebensarbeitszeit, Verkürzung der Pflichtbildung und der kostenlosen Bildung bei gleichzeitiger Förderung des Privatwesens in sehr vielen Bereichen).
Was dabei aber anscheinend entweder konsequent übersehen oder übergangen wird ist das üble Frustrationspotential, dass man sich damit heranwachsen lässt, weswegen das wie erwähnt auch ökonomisch extrem dumm ist bzw. nur kurzfristig positiv, weil es längerfristige Planung bzw. Stabilität des bereits geschaffenen (Human)Kapitals stark gefährden kann, d.h. soziale Unsicherheit erzeugt (“Ist mein Titel in 5 jahren noch was wert?” bzw. “Ist mein Bachelor überhaupt was wert?” “Wer nimmt mich mit Hauptschulabschluß?”). Das ist das selbe wie das ständige Pochen auf die Kosten des Sozialstaates, bei dem man permanent übersieht oder übergeht, dass er nicht nur kostet, sondern vor allem auch nützt (ganz schematisch gesagt: damit kaufen wir uns den Sozialen Frieden, der Bedingung jedes Wirtschaftens ist, weil man im Bürgerkrieg oder in der Revolte der Hungrigen ganz einfach keine normale Produtkion machen kann).

Im Grunde die Frage nach der sogenannten “Gouvernemantalität der Gegenwart”
——-

Allerdings muss man sich natürlich auch fragen, wieviel Wahrheit in dem OECD-Bericht steckt.


John
19.9.2011 0:13
Kommentarlink

@Anna Freud: Die Einzelperson ist immer angeschmiert?