Ansichten eines Informatikers

Von frei und kostenlos schon überfordert

Hadmut
20.9.2017 21:36

Noch so ein Denkfehler im Krieg der Linken gegen Rechte.

Generell gibt es ja unter Informatikern, aber auch in der linken Szene so eine Mentalität, alles möglichst frei und kostenlos zu bekommen und nutzen zu können. Manchmal äußert sich das ganz unterschiedlich, in der Forderung nach bedingungslosem Grundeinkommen, kostenlosen öffentlichen Verkehrsmitteln, OpenSource/Gnu/usw.-Software, Linux, kostenlosen Nachrichten im Internet, Wikipedia, OpenStreetMap, Raubkopien von Software, Filmen und so weiter und so weiter. Es gibt einen riesigen Kulturkomplex von legal und edel bis illegal und kriminell, der sich rund um die Ansicht dreht, dass alle alles kostenlos bekommen sollten. Und man deshalb auch jeder etwas dazugeben sollte.

Gemeinnützigkeit steht im Vordergrund. In den USA hat man die Organisation Creative Commons gegründet, die auch Standard-Texte herausgibt, mit denen auf einfache und rechtlich geprüfte Weise Quelltexte, Literarisches, sonstige geistige Werke generell für alle freigeben kann, in unterschiedlichen Varianten.

Zu beobachten ist dabei, dass der Gedanke besonders im linken politischen Bereich stark verwurzelt ist. Nicht nur, weil die sowieso immer erwarten, alles gratis zu bekommen, sondern auch, weil es deren Weltbild und Erwartungshaltung entspricht und darauf hinausläuft, dass sich alle die Nutzung leisten können.

Es hat ja auch viel für sich. Linux und das ganze freie Softwareumfeld wären sonst nicht möglich gewesen.

Und nebenbei: Es gibt ja auch sonst viele Leute, die irgendetwas ehrenamtlich machen. Irgendwen betreuen, sich für irgendwen einsetzen, Sammeln, Helfen und so weiter. Warum also sollen Leute, die irgendetwas aus der digitalen Welt können, nicht auch einfach mal etwas frei in die Welt geben?

Ich sehe mich da auch in dieser Linie. Freie Software habe ich auch schon rausgegeben und verteilt (wenngleich es zugegebenermaßen schon 25 Jahre her ist), aber ich schreibe ja seit über 10 Jahren Blog, wende viel Zeit dafür auf, meist mehrere Stunden täglich, zahle die Kosten (und bekomme auch ein paar Spenden), und lasse es weltweit jeden und kostenlos lesen. Dafür verwende ich selbst jede Menge freier Software.

Eigentlich halte ich das so auch für in Ordnung.

Und eigentlich müsste ich mit diesem Ansatz damit ja auch die Zustimmung aus dem linken Lager finden. Ich biete etwas kostenlos an und jeder darf es lesen, wenn er will.

Mache ich aber genau das, gibt es Ärger.

Es kommt immer wieder vor, dass irgendein Blog oder irgendeine Webseite Texte von meinem Blog übernehmen will. Mal häufiger, mal seltener. Es gibt Leute, die finden meinen Texte gut.

Es gibt derer zwei Sorten (der Leute, nicht der Texte).

Es gibt die, die nicht fragen, und die Texte einfach 1:1 und ohne Kommentar oder ähnliches auf ihre Webseite packen. Aus unterschiedlichen Gründen. Manche, weil sie die Texte verbreiten wollen, andere weil sie damit SEO treiben oder Werbung platzieren wollen. Das ist eigentlich rechtswidrig, denn es ist von Umfang und mangels fortführender Gedanken kein Zitat, sondern ein Plagiat. Aber ich habe weder Lust noch Zeit, mich darum zu kümmern, und viel wichtigeres zu tun. Außerdem sind viele solcher Webseiten im Ausland gehostet, und dann wird das sowieso kompliziert. Da ich meine Texte aber ohnehin kostenlos ins Netz stelle, juckt’s mich nicht genug um mich zu kratzen. Nur einmal habe ich recht deutlich eine Löschung verlang, da hatte sich nämlich der Plagiator als Autor dazugeschrieben und es so aussehen lassen, als hätten wir den Text zusammen erstellt, obwohl ich den gar nicht kannte. Da wurde ich dann schon sauer, aber das war ein Einzelfall.

Und es gibt die, die vorher höflich um Zustimmung fragen.

Und in der Regel erteile ich die auch immer. (Ich kann mich ganz dumpf entsinnen, vor Jahren mal in irgendeinem Fall Nein gesagt zu haben, weiß aber nicht mehr, warum. Irgendeinen wichtigen Grund hatte ich.) Dabei stelle ich folgende Erwägungen an:

  • Ich freue mich, wenn die Leute fragen, und möchte sie deshalb nicht schlechter stellen als die, die nicht fragen. Ich will nicht, dass die Leute denken „wer blöd fragt“. Ich käme mir blöd vor, wenn ich bei dem, der raubkopiert, nichts mache, aber dem, der höflich fragt, die Zustimmung verweigere.
  • Ich zitiere ja auch gerne andere Texte. Zwar ist so eine unkommentierte Volltext-Übernahme juristisch kein Zitat, aber ich mag solche juristischen Details nicht. Ich benutze Software ja auch ganz und nicht nur in Auszügen.
  • Warum auch nicht? Ich mag das eh nicht, wenn jeder immer auf sein Recht pocht, obwohl er davon nichts hat. Bisher sind mir daraus keine Nachteile ersichtlich.
  • Ich versuche, ein freundlicher Mensch zu sein.
  • Irgendwo gewinne ich ja auch durch größere Publizität und Bekanntheit.
  • Ich habe weder Zeit noch Lust, vorher noch lange zu prüfen, wer da jetzt politisch korrekt ist und wer nicht. Software gibt man ja auch frei ohne in jedem Einzelfall zu prüfen, wer sie nutzen darf und wer nicht.

Beachtlicherweise versuchen dann aber linke Kreise, mir genau daraus einen Strick zu drehen.

Neulich hieß es ja schon an diesem Political-Correctness-Pranger der Grünen (agentin.org), dass ich für irgendein rechtes Medium schriebe. Als ich der Böll-Stiftung, die dafür verantwortlich ist, schrieb, dass das nicht stimmt, dass ich noch nie für die geschrieben habe, und die überhaupt nicht kenne, nur eben auf Anfrage nichts gegen eine Übernahme hatte, meinten die, das wäre schon böse, denn damit wäre das ja zutreffend, dass ich für jemanden schriebe.

Heißt quasi: Wenn jemand irgendeine Software freigibt, und irgendwer benutzt sie, müsste man dem vorhalten, für jenen zu programmieren.

Einerseits töbern die Grünen, das sie für Open Source wären, bejubeln den “I love Free Software”-Aktionstag und sieht die Berliner Koalitionsverhandlungen als Chance für freie Software. Aber wehe, jemand gibt Texte zur Nutzung frei. Dann hängen sie ihn an den Pranger. Dann heißt es, „der schreibt für …“.

Aktuell schon wieder. Eine gesellschaftkritische Zeitschrift hatte mich um Erlaubnis zur Übernahme eines Textes gefragt, ich habe OK, gesagt, und schon kamen wieder seltsame Vorhalte und Fragen.

Das passt ja nicht zusammen.

Man kann ja nicht einerseits für freie Software, Open Source und so weiter eintreten, dann aber Leute angreifen, weil sie Texte freigeben und nicht den politisch inkorrekten selektiv die Nutzung verbieten.

Ich finde es übrigens absurd, dass man inzwischen schon allein deshalb, weil man Texte (wie Software) jedermann zur Nutzung freigibt, schon als „rechts…“ hingestellt wird, obwohl sie gleichzeitig genau das fordern, nämlich digital kopierbare geistige Schöpfungen freizugeben.

Selbstwidersprüchlich wie immer.

Wer wählt sowas?