Ansichten eines Informatikers

Vom „Neolyssenkoismus“

Hadmut
13.12.2023 14:41

Der passende Fachbegriff zur akademischen Version des Rinderswahnsinns.

Nein, Rinderwahnsinn trifft es nicht, denn der Rinderwahnsinn dauerte ja auch nur kurz und war dann schnell wieder vorbei, obwohl die Ähnlichkeit schon verblüffend ist, dass sie durchdrehen, wenn man ihnen Fleisch statt vegetarischem Essen gibt. Der Wahnsinn an den Universitäten wird länger dauern.

Ein Leser schickt mir dazu einen Link auf einen Artikel über den „Neolyssenkoismus“ an den Universitäten vom August 2022:
Eine Generation abendländischen Neolyssenkoismus von Max Ludwig.

Lyssenkoismus … Lyssenkoismus … verdammt, was war das noch mal? Ich kann mich erinnern, dass ich den Begriff schon im Blog hatte. Ach ja, 2018 hatte ich schon einen Artikel darüber geschrieben, in den Leserkommentaren tauchte er aber schon ab 2012 auf. Ich zitiere mich mal selbst:

Ein Leser weist mich gerade auf den sogenannten Lyssenkoismus hin, eine von Trofim Denissowitsch Lyssenko entwickelte, Marxismus-ähnliche Theorie über Pflanzen. Hab ich zwar noch nie gehört (oder zumindest konnte ich mich spontan nicht daran erinnern, eine Suche zeigt aber, dass das schon in vieren meiner Blog-Artikel als Leserkommentar auftauchte, 1,2,3,4).

Er war nämlich der Überzeugung, dass es zwischen den Pflanzen gar keine genetischen Unterschiede, keine Gene gebe und Pflanzen nur durch die Umweltbedingungen beeinflusst und dadurch unterschiedlich würden. Man könne unterschiedliche Getreidearten durch die Kulturbedingungen ineinander umwandeln.

Gänzlich falsch ist das nicht, weil sich Pflanzen natürlich an die Bedingungen anpassen (Evolution), aber das passiert eben langfristig über die Gene (und bei Tieren, möglicherweise auch bei Pflanzen, da habe ich aber noch nichts dazu gelesen, durch Epigenetik). Ist die Pflanze erst mal da (nach der „Geburt”), geht da nicht mehr viel.

Stalin fand es aber ganz toll. Weil es unzweifelhaft marxistischen Postulaten entspricht. Biologen denunzierte Lyssenko laut Wikipedia als „Fliegen-Liebhaber und Menschenhasser“. Wissenschaftler, die es mit Biologie und Genen hatten, wurden verhaftet und liquidiert.

Und das schreibt auch Max Ludwig:

Der klassische Lyssenkoismus war eine einflussreiche wissenschaftliche Bewegung in der Sowjetunion, die behauptete, Eigenschaften von Pflanzen seien nicht genetisch, sondern durch Umweltfaktoren bedingt. Lyssenko und seine Mitarbeiter versuchten auf Basis dieser lamarckistischen Theorie, mit Hilfe von Vernalisation Weizensaatgut an extreme klimatische Bedingungen anzupassen. Das Experiment scheiterte. Lyssenko wurde jedoch durch Stalin protegiert, der seine pseudowissenschaftlichen Ansichten förderte und die genetisch ausgerichtete Biologie staatlich verbieten ließ. Genetiker wurden diffamiert und inhaftiert, verhungerten in der Haft, erhielten Berufsverbot oder mussten das Land verlassen. Tausende von Wissenschaftlern waren betroffen. Der Schaden für die ernsthafte Wissenschaft der Sowjetunion war immens (Soyfer 2001). Zumindest indirekt trug der Lyssenkoismus zu den furchtbaren sowjetischen Hungersnöten bei, da er die wissenschaftlichen Grundlagen der Landwirtschaft schwer beschädigte. auch wenn die Hauptursache des Hungers in der physischen bzw. sozialen Vernichtung von etwa zehn Millionen selbständiger Bauern (›Kulaken‹) Ende der 1920er Jahre lag.

und er sieht nun, und damit hat er recht, dass das heute wieder so ist. Es fällt einem ja auch direkt ins Auge, dass wir genau das gerade etwa bei Gender, aber auch Klima und Corona, erleben, dass die Ideologie ein „wissenschaftliches“ Ergebnis vorgibt, und dann jeder verfolgt wird, der nicht genau das als „wissenschaftlich“ übernimmt und nicht davon abweicht.

Wie der Lyssenkoismus ist der Neolyssenkoismus eine Bewegung, bei der bestimmte Wissenschaftszweige politisiert werden. Der Neolyssenkoismus betrifft nur induktive Naturwissenschaften. (Da Aussagen der Geisteswissenschaften empirisch nicht verifizierbar sind, bezeichne ich deren politische Korruption einfach als Ideologisierung.)

Der Neolyssenkoismus verfügt über folgenden Merkmale:

  1. Neolyssenkoismus gibt es nur in den empirisch-induktiven Naturwissenschaften, die den Anspruch haben, aufgrund von Daten wissenschaftliche Modelle der Wirklichkeit zu erstellen. In der neolyssenkoistischen Praxis werden in einem Kontext der politisierten Wissenschaft Theorien etabliert, die Zusammenhänge behaupten und modellieren, die es in der Realität nicht gibt: Solchen Theorien fehlt die empirische Basis, sie lassen sich durch Beobachtungen und Messungen nicht verifizieren. Die Aussagen, aus denen neolyssenkoistische Theorien bestehen, genügen also nicht der aristotelisch-kantianischen Korrespondenztheorie der Wahrheit. Sie sind nicht das Ergebnis induktiven Denkens, wie es sonst in den Naturwissenschaften praktiziert wird.
  2. Wird ein Wissenschaftszweig einmal vom Neolyssenkoismus erfasst, werden Wissenschaftler, sobald sie den etablierten pseudowissenschaftlichen Theorien widersprechen, aus dem Wissenschaftsbetrieb ausgeschlossen und diffamiert. Ihnen wird die Wissenschaftlichkeit abgesprochen, sie erhalten keine Drittmittel mehr, verlieren ihre Publikationsmöglichkeiten und erhalten Lehrverbot. Schlimmstenfalls werden sie entlassen.
  3. In der Anwendung führen neolyssenkoistische Theorien direkt oder indirekt zu physischen Schäden an Menschen, auf die diese Theorien angewendet werden. Sie können sich zu einer direkten Vorform illegitimer staatlicher Gewaltanwendung entwickeln.

Genau das haben wir ja nun schon erlebt, dass Wissenschaftlern das Geld und das Wort abgeschnitten wird, sie aus der Universität fliegen, oder sie körperlich oder mit falschen Vergewaltigungsvorwürfen angegriffen werden, wenn sie nicht genau das und nur das sagen, was die Ideologie hören will.

Was mich dann allerdings sehr irritiert, ist, dass der das nicht an den naheliegenden Beispielen, sondern an HIV und AIDS festmacht, und den direkten Zusammenhang anzweifelt.

Davon habe ich noch nie gehört, dass AIDS nicht auf HIV beruhe, und wie schon beim Corona-Virus fehlt mir da schlicht das Wissen, um das beurteilen zu können. Keine Ahnung, ob es Fälle von AIDS ohne HIV, AIDS ohne Symptome (wäre es dann überhaupt AIDS? AIDS ist doch das Akronym für ein symptomatisches Syndrom) und HIV ohne AIDS gibt. Damit habe ich mich noch nie befasst, es hat mich auch noch nie interessiert. Der Zusammenhang stammt allerdings aus einer Zeit, als die „Wissenschaft“ nach meiner bisherigen Ansicht noch einigermaßen in Ordnung war.

In einem Aspekt interessiert mich das aber sehr. In letzter Zeit zwar nicht mehr, aber langjährige Leser meines Blogs werden sich erinnern, dass ich mal ziemlich lange und intensiv auf dem Denkfehler herumgeritten bin und den an vielen Stellen gefunden und beschrieben habe, eine Korrelation für eine Kausalität zu halten, und das auch noch in der Geisteswissenschaftlerausprägung, dass wer eine Korrelation findet, sich eine Kausalität frei aussuchen darf.

Der hier nun schreibt, dass der Zusammenhang zwischen HIV und AIDS genau umgekehrt sei. Dass nämlich – AIDS – das Immunsystem erst und aus anderem Grund zusammenbreche, und das zu einem Ansteigen von HIV-Viren im Körper führt, und man diese Folge fälschlich für die Ursache gehalten habe. Das wäre ein epochales Beispiel dafür, eine Korrelation mit einer vermeintlich naheliegenden Kausalität zu verwechseln. Der Fachbegriff für so einen Fehlschluss lautet „Post hoc ergo propter hoc“ oder „Cum hoc ergo propter hoc“, also „danach, also deshalb“ oder „zusammen, also deshalb“.

Selbst wenn das tatsächlich stimmt, halte ich es für ein rhetorisch sehr unglücklich gewähltes Beispiel, weil das erstens zu sehr vom eigentlichen Thema Politisierung ablenkt und zweitens alles andere als bekannt und verständlich ist. Ich hätte da Gender und Klima genommen.

Tatsächlich greift er dann auch auf Corona-Viren und das Klima zurück, und will sich auf die Seite derer stellen, die das Singsang gegen die Impfung damals gejodelt haben. Ich will an dieser Stelle auf keinen Fall die Corona-Impfung verteidigen und gutreden, aber die Kritik daran war auch nicht belegt, sondern spekulativ. Ich sehe hier wieder einen anderen Denkfehler, den ich schon am Beispiel Russland/Ukraine angesprochen habe: Man identifiziert jemanden als den Bösen. Die USA. Die Impfung. Dagegen will ich nichts sagen, das kann gut sein. Daraus folgert man aber, dass der Gegner des Bösen gut sein müsse, weil man implizit unterstellt und postuliert, dass es nur einen Bösen geben könne, daher also jeder, der sich vom ausgemachten Bösen nachweislich unterscheidet, folglich gut sein müsse. Mit diesem Denkfehler disqualifiziert man sich genauso. Scharlatane und Kriegstreiber müssen nicht zwingend einer Meinung sein, können sich auch gegenseitig bekriegen. Wenn zwei sich streiten, können sie auch beide die Bösen sein.

Und dann kippt das ganze Ding weg.

Und das ist schade.

Der Artikel hat gut angefangen, aber schlecht geendet, weil aus dem zunächst richtig erkannten Problem, dass die Wissenschaft politisch beeinflusst wird, etwas völlig anderes wird, nämlich der Streit um HIV und Corona-Impfung, was einfach gänzlich andere Themen sind. Das hätte in getrennte Aufsätze gehört. Die taugen nicht als Beispiel für Neolyssenkoismus, weil selbst strittig und unerforscht, und letztlich stellt sich dann auch heraus, dass das nur ein rhetorischer Hebel zur Gegnerbeschimpfung ist. Was insofern bedauerlich wäre, als es ja durchaus möglich wäre, dass er da fachlich recht hat, aber es ist einfach stilistisch miserabel und fachlich nicht überzeugend, erst so einen Begriff einzuführen, ihn dann aber nicht zu belegen, sondern nur zur Grundlage für Empörungstatbestände zu machen. Gut gestartet und dann verirrt.

Und so landet eine eigentlich gute Beobachtung im Papierkorb für geifernde Möchtegern-Besserwisserei.

Trotzdem ist der Gedanke an die modernen Parallelen zum Lyssenkoismus nicht schlecht.