Ansichten eines Informatikers

Seltsames – Schleichpropaganda?

Hadmut
4.3.2022 20:26

Nicht, dass man noch jemand glauben könnte, aber es ist trotzdem interessant, die Behauptungen zu vergleichen.

Ich bekam heute Zuschriften zum Blogartikel von vergangener Nacht über den Brand im Atomkraftwerk.

Das sei falsch.

Es sei mitnichten so, dass die Russen das Kraftwerk in Brand geschossen hätten. Das seien die Ukrainer selbst gewesen, um es den Russen anzuhängen, weil doch die Russen das Kraftwerk schon lange besetzt hätten. Warum sollten sie es dann beschießen?

Dann gibt es eine zweite Version. Ja, also es wären schon die Russen gewesen, aber das läge daran, dass in diesem Bürogebäude eben Ukrainer waren, die von dort aus die Russen beschossen hätten. Und dann hätten sich die Russen eben wehren müssen und das Gebäude in Brand geschossen.

Ja, schwierig. Informationen der Sorte, die man, wie ich das beschrieben hatte, nicht prüfen und nicht glauben kann, aber sammeln, sortieren und später mal überprüfen muss. Kategorie „Weiß man nicht“.

Nun sah ich gerade im ZDF Nachrichten. Nicht, dass ich in Verdacht gerate, dem ZDF noch irgendwas zu glauben, aber etwas ist mir doch aufgefallen, wenn man das vergleicht. Denn die brachten den Pressesprecher der russischen Armee, den, den man da immer sieht, der da diese zweie Version erklärte: Das Kraftwerk sei ja schon längst besetzt gewesen, und dann sei man da von bösen Ukrainern angegriffen worden und habe sich „verteidigen“ müssen. Kommentar des ZDF: „Glaubt im Westen niemand.“ Was wenig über den Wahrheitsgehalt aussagt. Der Westen glaubt ja schließlich auch an Gender.

Ich finde es aber seltsam, sehr seltsam, wenn die Russen in die Ukraine einmarschieren, dort einen Krieg durchführen, Flugzeuge, Panzer, Raketen, Kriegsschiffe, und es dann, selbst wenn es sachlich so wäre, wie sie es beschrieben hatten, nur gegen Ukrainer hätten „verteidigen“ müssen, so eine Art Notwehr. Was immerhin schon mal belegt, dass die Information, dass die Ukrainer das Gebäude selbst in Brand gesetzt hätten, schon mal nicht stimmt. Wenn der Sprecher der russischen Armee das schon selbst zugibt, dass sie es waren, darf man wohl annahmen, dass das stimmt – oder man ihnen es zumindest zurechnen kann, wenn sie es zugeben.

Aber dann die Formulierung: Die Russen hätten sich auf ukrainischem Boden ja nur gegen Ukrainer verteidigen müssen, weil die ihnen wegnehmen wollten, was jetzt ihnen gehöre. Das ist so ein bisschen wie wenn der Raubmörder vor Gericht sagt, er habe den Inhaber des Geldbeutels in Notwehr umbringen wollen, weil der seinen Geldbeutel nicht freiwillig hergeben wollte. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass die Russen in die Ukraine einmarschieren, ein Kernkraftwerk besetzen, und sich dann darauf berufen, sie hätten sich ja wehren müssen. Während sie gleichzeitig als Angreifer Leute umbringen und das begründen, es seien ja Kämpfer.

Vor allem leuchtet mir die Denkweise nicht ein, dass etwas schon deshalb, weil es sachlich zutrifft, auch zu akzeptieren wäre. Einen Mörder spricht man ja auch nicht deshalb frei, weil er den Mord wahrheitsgemäß schildert. Sachliche Wahrheit führt ja nicht automatisch auch dazu, etwas für handlungsrichtig zu halten oder nicht zu kommentieren.

Auch wenn man von vorne bis hinten nichts glaubt, auch dem ZDF und den Russen nicht – ich komme mir bei dem, was die Russen da auftischen, per se verarscht vor. Egal, ob es stimmt oder nicht, weil schon die Wertung absurd ist.

Ich bin gerade an dem Punkt, an dem ich mir sage, dass ich überhaupt nicht weiß, was stimmt, aber wenn ich alle Varianten durchdenke und überlege, was wäre, wenn das stimmt oder wenn das stimmt, immer Bullshit rauskommt. Ich komme mir gerade ganz unabhängig davon, was jetzt stimmt und was nicht, immer verarscht vor.

Und jetzt frage ich mich, warum mir eigentlich Leute sowas schreiben. Ob es darum geht, mich als Blogger zu beeinflussen oder wenigstens dazu zu bringen, die Klappe zu halten. Riecht so nach dem alten Prinzip Fear, Uncertainty, Doubt. Wobei ich nicht ohne weiteres unterstelle, dass die Leute das selbst wissen, oder nur irgendwas weitergeben.

Ich ziehe durchaus die Variante in Betracht und sehe als Möglichkeit an (heißt nicht, dass es stimmt, aber dass ich es durchdenke), dass hier systematisch Falschinformationen gestreut werden, die manche Leute wissentlich oder als nützliche Dumme weiterverbreiten. Und dass Leute versuchen, mich als Blogger zu beeinflussen (was man ohnehin seit Jahren versucht).

Und das finde ich etwas seltsam, wenn die Stories dann exakt oder ähnlich denen sind, die der russische Militärsprecher auftischt. Und dem traue ich auch kein Stück mehr als dem ZDF. Vor allem dann, wenn sich hier Leute bei mir melden, die kaum plausibel erklären können, woher sie wissen wollen, was da an diesem Kernkraftwerk eigentlich passierte, sie waren ja auch nicht da, aber mir dann irgendwelche Informationen, die sie selbst nur aufgeschnappt haben, als Wahrheit unterschieben wollen.

Wie ich diesen Artikel hier, den Text oberhalb zu zwei Dritteln geschrieben habe, klingelt das Telefon. Einer ruft mich an, um mir wichtige Informationen zur Ukraine zu geben. Ja, gerne, los damit.

Habe ich mal erzählen lassen, mich aber etwas gewundert, dass er das nicht stringent erzählt, sondern so komisch rumstammelt. Ja, die Amerikaner, und die Botschaft, und ein abgehörtes Telefonat und irgendwie,…

Ich hatte dann irgendwann mal gesagt, dass ich das jetzt so nicht alles notieren und mir fehlerfrei merken kann, dass solche telefonischen Erzählungen, zumal unstrukturiert und unüberlegt, mir nicht viel helfen. Ob er mir das schriftlich, per E-Mail, mit Quellenangaben schicken könnte, damit ich mir das ansehen kann.

Quellen jetzt nicht, weil das seien ja jetzt teilweise nur Spekulationen, die…

Da wurde ich dann sauer. Weil ich das nicht gebrauchen kann, wenn mich einer anruft, um mir „Informationen zur Ukraine“ zu geben, und bei Nachfragen nach dem Ursprung dann damit kommt, dass das jetzt „Spekulationen“ seien. Ich habe das dann mal zum Ausdruck gebracht, was ich von sowas halte.

Er berief sich dann argumentationsverstärkend darauf, dass er sich „jahrelang“ damit beschäftigt habe, und es Leute gäbe, die ihm Geld dafür bezahlten, ihm zuhören zu können. (Schön für ihn, aber ich zahle für sowas halt nicht, und in der Geschichte der Menschheit war soviel bezahlte Information falsch, dass der Umstand, dass ihn welche dafür bezahlen, keinen Rückschluss auf den Wahrheitsgehalt zulässt – zumal sich Leute, die etwas gewerblich erzählen, meiner Erfahrung nach ganz anders anhören.) Nachdem ich angefangen hatte, mit ihm darüber zu streiten, dass er mich erst anruft, um mir „Informationen zur Ukraine zu geben“, und die sich dann als reine Spekulationen herausstellen, berief er sich dann mal auf „gesicherte Informationen“. Ich habe ihm gesagt, dass das nicht transitiv ist, weil etwas, was mir einer, den ich nicht kenne, am Telefon erzählt und nicht sagen kann, woher es kommt, für mich dann eben keine „gesicherte Information“ ist, sondern Hörensagen. Das „gesichert“ etwas anderes sei. Ja, meinte er, es sei halt nun mal Krieg, und dann könnte man ja gar keine „gesicherten Informationen“ beziehen. Das ist wohl richtig, darin stimmte ich ihm zu und sagte das auch. Aber dann kann man eben auch nicht glaubhaftigkeitsbekräftigend damit kommen, das es sich um „gesicherte Informationen“ handele. Dann sind sie das eben nicht. Und wer mir schon in dem Punkt einen vom Pferd erzählt, dem kann ich sonst auch nicht weiter glauben.

Ich finde es gerade sehr erstaunlich, in welchem Umfang ich mit Informationen beschickt werde, die nicht nachprüfbar, nicht plausibel, nicht logisch sind – aber allesamt günstig für die Russen wären und sie exculpieren sollen. Ungenauigkeit und Gerüchte hat man immer, aber normalerweise sind die so gleichverteilt in beide Richtungen.

Ich warne sehr davor, solche Gerüchte und Raunereien zu glauben.

Natürlich traue ich dem ZDF nicht. Aber etwas wird auch nicht schon allein deshalb wahr oder glaubwürdig, weil es dem ZDF widerspricht.

Vor allem würde ich mal darum bitten, Sachverhalte und deren Bewertung zu unterscheiden. Nur weil etwas sachlich zutreffend ist (oder wäre), folgt daraus nicht, dass ich es auch für gut oder richtig oder gerechtfertigt halten oder dazu schweigen müsste.

Ich sehe keine Rechtfertigungsmöglichkeit für diesen Krieg.

Weil selbst in den Randfällen, die ich mir in meiner Phantasie und unter Aufbietung aller hypothetischen Toleranz vorstellen und ausmalen kann, die Russen völlig anders hätten vorgehen müssen. Selbst dann, wenn alle Stories und Gerüchte, die mir zugetragen wurden, sachlich stimmen, halte ich den Angriff so immer noch für unvertretbar.

Und wieso man sich mit der Ukraine auskennen müsste, um dann den Krieg für richtig zu halten, leuchtet mir auch nicht ein. Selbst wenn die Ukraine der größte Schuft wäre – der Feind eines Schuftes ist dadurch nicht per se ein besserer Mensch.

Und ich wundere mich eben sehr, auf wie seltsame Weise Leute versuchen, mir gegenüber die Russen zu rechtfertigen. Wenn ich nicht mal fragen kann, worauf die Information beruht, woher sie sie haben, oder was sie an der Bewertung des Krieges ändern sollte.

Um das mal überspitzt zu sagen: Selbst wenn mir die besten Geheimdienste der Welt völlig glaubwürdig mitteilen würden, welche Schuhgrößen die russischen Soldaten hätten, mag das zwar noch so stimmen und überprüfbar sein, es ist keine Rechtfertigung für einen Krieg. Wahrheit alleine ist noch keine Rechtfertigung. Relevanz und Kausalität müssen auch dran sein.

Ich sehe, dass hier viele Menschen getötet, verletzt, vertrieben und enorme Sachwerte zerstört werden. Und nichts von alledem, was mir bisher aufgetischt wurde, vermag, selbst wenn man 100%ige Wahrheit unterstellt, das zu rechtfertigen.