Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Das Video mit Joe Biden als Gespenst

Hadmut
18.3.2021 0:29

Leser fragen – Danisch weiß es auch nicht.

Gleich eine ganze Reihe von Lesern verweisen auf ein Video, in dem Joe Biden angeblich vor Mikrofonen auftritt (andere behaupten, Biden wäre der US-Präsident, der nach seiner Ernennung von allen am längsten noch immer keine Pressekonferenz gegeben habe), in dem es Bildfehler gebe, die ins Auge fallen:

Im Video sieht man ab etwa 0:00:09 einen überaus frappierend-seltsamen Effekt: Es sieht aus, als würden die Mikrofone unter Bidens Armen durchrutschen, obwohl sie viel größer aussehen als seine Hände und deshalb viel näher an der Kamera sein müssten. Es erscheint tatsächlich so, als wäre das Bild grottenschlecht zusammenmontiert, als wäre das ein Deepfake oder Biden vor dem Greenscreen aufgenommen und schlecht reinkopiert. Zudem gibt es Snapshots aus dem Video, bei dem es so aussieht, als habe Biden ein großes Loch im Ärmel, durch das man das Mikrofon sehen könne.

Die Leser fragen an, wie das sein kann, was da passiert ist.

Weiß ich nicht.

Dazu habe ich zu wenige Informationen.

Ich hege aber nach reiflicher Überlegung und Betrachtung einen schlimmen Verdacht. Nämlich den, dass da alles echt ist, gar nichts manipuliert wurde und man nur auf eine ganze Reihe von Fehlinterpretationen hereinfällt. Ich will es erklären.

Warnung von Kompressionsartefakten

Das ist es hier zwar nicht, aber ich will einfach generell davor warnen, Pixelpeeper bei stark komprimierten Videos spielen zu wollen. Das geht schief, weil Kompressionsalgorithmen oft Bildbereiche durch Kopien ähnlicher ersetzen. Es gab sogar mal ein Fotokopiergerät, das normale Briefe, Rechnungen und so weiter kopierte und abei Ziffern durch andere ersetzte, die Beträge in Rechnungen nicht mehr stimmten, es aber echt aussah, weil sich irgendein Heini ein Kompressionsverfahren ausgedacht hatte, Zeichen durch welche zu ersetzen, die ziemlich ähnlich aussehen, also auch mal eine 6 durch eine 8. Beim Anschlag auf die Moschee in Neuseeland meinten viele, das Videos, das im Netz zu finden war, sei gefälscht, weil man sieht, wie der da schießt und die Waffe die Hülsen auswirft, und die Hülsen mitten in der Luft einfach verschwinden, ohne jemals auf den Boden zu fallen. Das waren aber Kompressionsartefakte, weil das Video stark komprimiert war.

Deshalb: Seid bitte sehr vorsichtig mit Videos, die stark komprimiert sind, und dazu gehören auch die von Twitter.

Größenverhältnisse von Händen zu Mikrofonen

Das, was im Wesentlichen zu dem Eindruck beiträgt, dass da was nicht stimmt, ist der Umstand, dass die Hand über die Mikrofone greift, deshalb also optisch näher an der Kamera sein müsse, aber im Vergleich zu den Mikrofonen viel zu winzig erscheint. Deshalb errechnet das Gehirn aus den Größenverhältnissen, dass die Hand viel weiter weg sein müsste als das Mikrofon.

Ich halte es – nicht – für einen optische Täuschung, weil optisch alles stimmt. Ich halte es für eine Täuschung im Hirn, weil etwas falsch interpretiert wird.

Man denkt nämlich, die Mikrofone hätten normale Größe und nimmt diese als Maßstab für die Hände.

Das sind keine normalen Mikrofone. Das sind diese riesigen Blimp-Mikrofone, die man im Freien bei Wind gerne verwendet. Die gibt es auch mit Schaumstoff oder toter Katze (diesen Fellüberzug, der Windgeräusche mindern soll), und gerade bei Corona liegt es nahe, dass die Reporter ihm diese Riesen-Dinger am langen Mikrofongalgen unter die Nase halten. Deshalb wackeln die auch so.

Das sind eben keien normalen kleinen Handmikrofone, sondern diese ganz großen Dinger.

Kennt Ihr den französischen Komiker Alfons mit seinem Riesen-Mikrofon? Das ist so ein Ding.

Schärfe

Nächste Falle: Dass Biden die Hände über das Mikrofon hält und selbst von Hand bis Schulter scharf erscheint, das Mikrofon aber sehr unscharf aussieht, obwohl es vom Abstand also zwischen Hand und Schulter, und damit im Schärfebereich liegen muss. Das ist, vor allem, weil wir ständig mit Fake-Fotos bombardiert werden, bei denen die Schärfen nicht zusammenpassen, und wir das noch aus unserer Schulzeit von zusammengepappten „Collagen” kennen, als untrügliches Zeichen für zusammenmontierte Bilder.

Optische Falle:

Vor allem das Hellgraue Mikrofon sieht so unscharf aus, weil es unscharf ist und nicht, weil es unscharf abgebildet wird.

Das ist so ein Kunsthaarfell „tote Katze”, die ziemlich flauschig und grau melliert ist, und Windgeräusche unterdrücken soll, eben gerade dadurch, dass es keine klare, scharfe Oberfläche hat. Man interpretiert es aber als Effekt der Schärfentiefe und zieht im Umkehrschluss den Fehlschluss daraus, dass die Entfernungen nicht passen.

Biden greift, so wie es für mich aussieht, einfach tatsächlich über die Mikrofone hinweg, und der mit dem hellgrauen versucht, das Mikrofon deshalb unter den Armen durch an seine Seite zu schieben, damit die Arme nicht den Schall schlucken, indem sie zwischen Mund und Mikro sind.

Loch im Ärmel

Dritter Interpretationsfehler. Gleiche Falle wie auf diesem Foto des armen Mädchens mit den Spindelbeinen:

Wenn vor einem Gegenstand A ein anderer Gegenstand B ist, der dem Hintergrund ähnlich sieht, interpretiert das Hirn B als Durchblick auf den Hintergrund.

Biden hat kein Loch im Ärmel. Beiden hat ein weißes Hemd an, dessen Manschette man sieht, auf der sich irgendwie (Schatten o.ä.) Helligkeitsunterschiede bilden, die aussehen wie das Muster des Fellmikrofons.

Belegfotos

Ich habe mal geschaut, was andere so dazu schreiben. Es sind mittlerweile Fotos aufgetaucht, die meine Vermutung stützen:

Vor allem dieses hellgraue Fellmikrofon ist

  • Viel größer als ein normale Handmikrofon, das hat ungefähr die Größe eines Feuerlöschers.
  • Täuscht durch seine Felloberfläche eine Abbildungsunschärfe vor, die das Gehirn als Entfernungsinformation falsch interpretiert
  • Täuscht, weil es aussieht, als habe es dieselbe Größe wie die anderen Mikrofone, ist aber viel größer und deshalb deutlich weiter von der Kamera weg. Dadurch entsteht ein Bildfehlereffekt, weil Biden zwischen den beiden Mikrofonen durchgreift.

    Kennt Ihr dieses optische Täuschung mit dem windschiefen Zimmer, das aus einer Perspektive heraus normal rechteckig erscheint, aber der Mensch in einer Ecke viel größer erscheint als der in der anderen Ecke? Genau diesen Effekt hat man hier, nur dass nicht gleich große Gegenstände unterschiedlich groß erscheinen, sondern unterschiedlich große Gegenstände gleich groß.

Das wäre meine Interpretation und Erklärung des Videos. Ich gebe zu, dass es frappierend komisch und wie nicht möglich aussieht. Ich glaube aber, dass einem da das Gehirn aus besagten Gründen einen Streich spielt und an dem Video – außer der starken Kompression, die nur Mist übrig lässt – nichts künstlich ist.

Kann sein, dass ich mich irre, aber um es belastbarer zu beurteilen bräuchte ich das original-Video und nicht so einen geschrumpften und kaputtkomprimierten Twitter-Mist.

Ich empfehle aber generell und grundsätzlich, sich eines adhäsiveren Bodenkontakts zu befleißigen. Es ist völlig kontraproduktiv und verschwörungstheoriestinkend, wenn man wirklich hinter jedem Piep eine Fälschung sehen will, bevor man drüber nachgedacht hat. Weil man so versessen darauf ist, es zu sehen. Man muss sich hüten, in einen „confirmation bias” zu verfallen. Und das ist ein Prachtbeispiel dafür. Man sieht eine Bildfälschung schon deshalb, weil sie einem gut in das Weltbild passen würde.

Ich traue den Amis zwar inzwischen alles zu und auch, dass sie Präsidentenvideos fälschen. Aber sie würden es nicht so schlecht machen. Die könnten das viel besser.