Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Ein seltsames Gefühl

Hadmut
6.3.2021 17:55

Ein sehr seltsames Gefühl.

Kein schlechtes Gefühl. Eine Erleichterung. Ungewohnt. Seltsam.

Es fühlt sich komisch an.

Sehr seltsam.

Eigentlich weiß ich, dass das eigentlich so sein muss. Dass das nur so richtig ist.

Und doch: Es fühlt sich seltsam an.

Ich habe meinen Schreibtisch aufgeräumt.

Obwohl: Das ist nicht die richtige Bezeichnung. Er war ja nicht vermüllt oder unaufgeräumt, aber er war vollgepackt, vollgeladen.

Der Leser sollte dazu vielleicht wissen, dass mein Schreibtisch 4,80 Meter breit ist und eigentlich aus drei miteinander verschraubten Schreibtischplatten besteht. Normalerweise lässt dies ausreichend Platz, um mit drei Rechnern komfortabel verschiedene Aufgaben zu bearbeiten ohne umzuräumen, den Luxus gönn’ ich mir. Das ist nämlich auch der Grund, warum ich mich in zu kleinen Wohnungen nicht wirklich wohl fühle. Viele Leute sagen, sie wollen keine große Wohnung, weil sie da zuviel putzen und aufräumen müssten. Ich will aus demselben Grund keine kleine Wohnung und auch keinen kleinen Schreibtisch, weil man da zuviel aufräumen muss. Weil ich immer verschiedene Dinge abwechselnd mache, und wenn der Platz nicht reicht, das eine am einen Platz liegen zu lassen und am anderen Platz mit etwas anderem weiterzumachen, müsste man es ständig weg- und wieder hinräumen. Zeitverschwendung.

Deshalb ist mein Schreibtisch ein Drei-Manegen-Zirkus. Ich kann dies, das und jenes machen ohne Umzuräumen, ich muss nur den Stuhl verschieben oder mich auf den anderen setzen. Beispielsweise an einem Rechner Bloggen und sowas, am nächsten Bürokram, Akten, Bildverarbeitung und am Dritten Multimediakram.

Aber, ach.

Corona. Home-Office.

Nun kamen da noch Ladegeräte, Lautsprecher, zwei bis drei weitere Rechner, Handys, Tablets, Unterlagen, Headsets, unzählige Strippe, Kabel, Leitungen, noch eine kleine Firewall, Notizblöcke und weil man ja auch im Privatleben in der Bude festgenagelt ist, noch ein paar andere private Sachen.

Kurz: Der Schreibtisch war voll. Von einem Ende bis zum Anderen. Also nicht vermüllt oder unaufgeräumt, nichts, was wirklich von Dauer unverrückt an einer Stelle stünde, aber einfach rappelvoll mit Arbeit jeder Art. Und das seit einem Jahr.

Diese Woche dachte ich: Verdammt. Draußen märzt es wie verrückt. Es wird wieder hell und es wird Zeit, mal den Frühjahrsputz anzugehen, zumal die Jahreszeit wieder losgeht, in der ich gerne die Fenster durchgehend offen lasse, um durchzulüften, weshalb Zettel nicht offen rumliegen sollten.

Also: Aufgeräumt. Eingeräumt. Umgeräumt. Freigeräumt. Ausgemistet. Und, das war dann auch wieder fällig: An ein paar Stellen doch etwas Staub wegwischen, insgesamt mal feucht abwischen.

Es sieht völlig anders aus. Nicht nur, weil es aufgeräumt ist. Sondern auch, weil da jetzt eben wieder eine 4,80 Meter breite Fläche ist, weiß, und – es frühlingt so – wieder mehr Licht von draußen reinkommt, mehr reflektiert und der Raum auch wieder heller wirkt.

Noch zwei, drei Schachteln weg, von Dingen, die ich bestellt hatte. Ich hebe die Schachteln immer für so zwei, drei Wochen auf, falls ich etwas zurückschicken muss. Der Raum wirkt größer, lichter, breiter, weil ein paar Schachteln, die am Boden stehen, den Raum zerklüftet, zugestellt wirken lassen, obeohl es nur drei kleine Schachteln waren.

Einer meiner frühesten Artikel in diesem Blog war der nach der Frage, was eigentlich Ordnung ist, was man eigentlich macht, wenn man aufräumt, oder was erforderlich ist, damit es aufgeräumt wirkt.

Gerade Linien, freie Flächen, wenig optische Information. Auch deshalb ist es wichtig, den Schreibtisch abzuwischen. Selbst ein kleiner Fleck, so unbedeutend er objektiv sein mag, stört die optische Erscheinung, lässt es unaufgeräumt wirken.

Normalerweise mache ich sowas regelmäßig, mindestens einmal im Monat, früher oft wöchentlich oder alle zwei. Aber die Corona-Arbeitslast und das permanente Arbeit zuhause hatten soviel aufgetürmt, dass das irgendwie untergegangen war.

Ich hatte mal beschrieben, dass ich damals in meiner Karlsruher Wohnung im Büro rundum Bücherregale (IKEA Ivar) hatte, bis hoch unter die Zimmerdecke, rappelvoll (vieles davon habe ich längst nicht mehr). Und das viele Leute beeindruckt hat (mich auch, und das war am schönsten), aber so richtig erst dann, wenn ich einen Trick angewendet hatte: Ich hatte eine schmale Holzlatte, etwas breiter als ein Regalboden. Alle Bücher nach vorne ziehen, bis sie etwas nach vorne rausstehen, und mit der Latte wieder reinschieben, bis sie perfekt bündig mit der Vorderkante der Regalbretter und vertikalen Streben (bis Ivar geht das, bei normalen Bücherregalen nicht) stehen und vorne damit eine völlig ebene Front bilden. Es fängt sich nicht nur viel weniger Staub, es sieht viel, viel beeindruckender und aufgeräumter auf, weil man dann lange gerade durchgehende Linien hat. Lernt man übrigens auch als Autodesigner: Lange Linien, die über die Türen hinweg möglichst weit führen. Das wirkt beruhigend und aufgeräumt. Die Wasserwerfer der Polizei hat man systematisch nach dem Gegenteil konstruiert: Zerklüftet, Linien, die nicht zusammenpassen, weil das Ding Stress verursachen, aggressiv wirken soll.

Es ist gut, seinen Schreibtisch mal auf und leerzuräumen, durchzuwischen. Wieder Platz zu schaffen um wieder frisch zu arbeiten.

Sollte man mit dem Hirn auch machen.