Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Fotophobe Viecher

Hadmut
8.1.2021 13:14

Leser schreiben – Danisch hat einen anderen Verdacht.

Viele Leser schreiben zum Blog-Artikel über die fotoempfindlichen Gorillas, dass Tiere wegen der Blitze nicht fotografiert werden wollen und die nicht mögen.

Zweifellos ein Grund.

Ich glaube aber, nicht der einzige, zumal die Blitzerei meinem Eindruck nach früher mal sehr schlimm war, als die alle diese kleinen dummen Taschenknipsen hatten und sie nicht bedienen konnten, also nicht wussten, wie man den Blitz abstellt oder auf welche Entfernung der überhaupt wirkt.

Ich gucke zwar nie Fußball, weil es mich überhaupt nicht interessiert, aber ab und zu sieht man es ja doch mal in Szenen oder beim Zappen oder weil sie wegen Verlängerung überziehen. Früher ist mir das oft aufgefallen, wie es dann aus der Tribüne auf der der Kamera gegenüberliegenden Seite „funkelt”, weil die Leute wie die Irren fotografieren und blitzen, obwohl so ein Miniblitz auf diese Entfernungen (und schon viel kürzere) komplett wirkungslos ist und nur Batterie verbraucht oder die Belichtung falsch steuert. Die wenigsten Leute denken darüber nach oder wissen, wie man das abschaltet.

Nur: Diese Zeit ist mehr oder weniger vorbei. Vor allem aus zwei Gründen.

Der erste ist, dass die Leute kaum noch dies kleine Kameras verwenden (der Markt ist ja auch massiv eingebrochen), sondern Handys. Die haben nicht nur schwächere Blitze (LED statt kleine Entladungsröhre), sondern deutlich bessere Automatiken, die besser entscheiden können, ob die Kamera den Blitz überhaupt verwendet oder nicht.

Der zweite ist, dass die Leute viel weniger fotografieren, aber immer mehr Video aufnehmen.

Ich glaube, das hat andere Gründe, dass Tiere das nicht mögen.

Ein Grund ist, dass Tiere das Objektiv (außer bei Handys, wo man es nicht sieht) als unnatürliches Auge auffassen.

Ich hatte mal ein Erlebnis in einem australischen kleinen Zoo. Ich war im Kleintier- und Reptilienhaus, wo sie in verschiedenen kleinen Terrariums-Abteilen Eidechsen, Schlangen und sowas hatten. Ich hatte mich gebückt um in einem dieser Fächer eine kleine, aber mörderisch giftige Schlage zu fotografieren (ohne Blitz, auch Einstelllicht abgeschaltet!), die sich zusammengeringelt hatte und völlig bewegungslos zu schlafen schien. Wie ich also so durch die Kamera guckte (wenn ich mich recht erinnere, das 24-70/2.8 vorne drauf, also große Linse), leider keine Videoaufnahme gemacht, schoss die Schlage urplötzlich und rasend schnell mit offenem Maul und ausgeklappten Giftzähnen voll auf mich zu. Genauer gesagt, nicht mich, sondern genau in die Mitte des Objektivs. Ist natürlich gegen die Glasscheibe geknallt, die dazwischen war.

Aber offenbar fühlte sich diese Schlage vom Objektiv angegriffen, interpretierte das wohl als Auge eines großen Fressfeindes.

Meine Vermutung ist deshalb, dass viele Tiere die Kamera als Auge eines ihnen unbekannten und damit feindlichen Tieres auffassen.

Zudem verdecken sie das Gesicht und damit die Mimik.

In Afrika haben sie uns bei der Safari erklärt, dass wir auch von Raubtieren oder anderen gefährlichen Tieren nicht als Individuum wahrgenommen würden, solange wir nur aus dem LKW- oder Auto-Fenster gucken, selbst wenn die Fenster offen sind und wir uns etwas rauslehnen, weil Tiere das alles als nur ein einziges großes Tier mit vielen Augen und Tentakeln wahrnehmen würden. Würden wir das Fahrzeug jedoch verlassen oder uns zu weit rauslehnen, würden wir als beute- oder konkurrenztaugliches Einzeltier wahrgenommen und angegriffen. Ich habe daran gewisse Zweifel, denn so könnten die ja auch Beute auf einem Baum nicht jagen, weil sie sie vom Baum nicht unterscheiden könnten. Ich glaube nicht, dass Tiere so simpel gestrickt sind. Aber es kann schon sein, dass Tiere die Kamera als Teil des Gesichts auffassen und wir dann als feindseelig oder wie auf Beutefixierung aussehen.

Es gibt auch Tiere, die es überhaupt nicht mögen und Panik bekommen, wenn man ein Gewehr auf sie richtet, selbst wenn sie noch nie ein Gewehr gesehen oder gar einen Schuss erlebt haben und nicht wissen können, was das eigentlich ist. Weil sie sich schon von der Haltung angegriffen fühlen.

Letztlich ist das ja sogar beim Menschen so, dass er auf solche Schemen reagiert, weshalb es ja beispielsweise auch wichtig ist, welches „Gesicht” ein Auto vorne hat.

Was sie uns in Afrika in einem Wildpark auch erzählten: Früher haben die Wildhüter häufig den Helikopter eingesetzt, um Tiere zu zählen, den Park zu kontrollieren, was die Tiere nicht sonderlich gestört hat. Dann hatten sie mal ein paar – ich weiß nicht mehr, welche – irgendwelcher Herdentiere vom Heli aus mit dem Betäubungsgewehr geschossen und mit dem Netz am Heli abtransportiert, weil der Park um ein schönes neues Gelände erweitert worden war, wo es zu wenig Tiere gab und sie zu viele hatten, die also dorthin geflogen und dort angesiedelt hatten.

Seither hätten viele Tiere, die davon nicht mal betroffen waren, vor allem die Herde, ziemliche Angst vor dem Heli und würden fliehen, weil manche das eben mitangesehen hatten und den Heli für ein schreckliches Raubtier hielten: Kommt der Löwe, ist einer von uns weg. Kommt der Heli, sind gleich fünf auf einen Schlag weg. Und der kann uns einfach so wegtragen. Und dann haben andere gesehen, dass sie vor dem Heli davonlaufen, und fingen auch an, vor dem Heli davonzulaufen. Und seither würde ihr Heli als Raubtier aufgefasst. Sie setzen ihn deshalb seltener und aus größerer Höhe ein.

Tiere neigen dazu, Dinge, die irgendwas tun, für feindliche Lebewesen zu halten. Weil das ihr Verhaltens- und Fluchtmuster ist.

Und diesen „Animismus” habe ich ja bei Menschen schon oft beschrieben. Der ganze Aberglaube und die Religionen, die überall irgendwelche Götter sehen, beruhen meines Erachtens darauf, dass da noch archaische Verhaltensmuster übrig sind. Die dann auch böse Algorithmen und sowas sehen. Weil es eben evolutionär erworbenes überlebensgünstiges Verhalten ist, hinter einen Gebüsch, das raschelt, lieber einen Säbelzahntiger zuviel als einen zu wenig sehen.