Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Sozialistische Stimmbandproben: „wichtick, richtick, mächtick”

Hadmut
2.1.2021 16:09

Vom Sein, Werden und Wesen der Lehrerin in der DDR.

Tatsächlich haben mir einige Leser bestätigt, dass man in der DDR angehende Lehrer auf Stimmtauglichkeit geprüft hat.

Allerdings hat man mich auch darauf hingewiesen, dass das „erwärmte Instrument” nur der Spiegel sei, mit dem man in den Rachen blickt, der deshalb erwärmt wird, damit er nicht vom Atem beschlägt und man überhaupt was sehen kann.

Die Stimm(band)tests in der DDR für potentielle Lehrer vor der Aufnahme des Studiums kann ich dir aus eigener Erfahrung bestätigen. Ich (Jahrgang 1964) hatte auch kurz vor dem Abitur überlegt, Lehrer zu werden und daraufhin die besagte Untersuchung absolviert. Allerdings bei einem normalen HNO-Arzt in der Poliklinik. Wie übrigens alle angehenden Lehrer aus meinem EOS-Jahrgang (EOS=Erweiterte Oberschule, entsprach dem Gymnasium).

Noch eine Anmerkung zu den Eltern der Pau: In der DDR war es üblich, in Lebensläufen den erlernten Beruf der Eltern zu nennen und nicht die ausgeübte Tätigkeit. So zählten auch die Leute mit (den Bullshit-)Studienabschlüssen weiterhin zur Arbeiterklasse, was u. a. für die Zulassung zur EOS und Studium entscheidend sein konnte. Auch bei Honecker hieß es ja immer Dachdecker (auch wenn der m. E. seine Lehre nie abgeschlossen hatte).

Ah, ja. Das würde einiges erklären.

Sehr geehrter Herr Danisch,

zum obigen Thema habe ich einen kleinen Mosaikstein.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass eine stimmliche Eignung für ein pädagogisches Studium erst nach Beginn dessen und nur bei Auffälligkeiten erfolgte.
An eine vorherige Untersuchung kann ich mich leider nicht mehr erinnern, das ist zu lange her …

Ich hatte von 1983 bis 1984 einen Vorkurs (Teilabitur in 1 Jahr) in Erfurt an der PH belegt, um eine Studienzulassung zu erhalten. Ich wollte Lehrer für Mathe/Physik werden. In diesem Jahr hatte ich dann u.a. Sprecherziehung und hier kamen meine stimmlichen Defizite deutlich zum Vorschein. Man riet mir, mich einer gründlichen Untersuchung (Anhang) zu unterziehen.

Auch die damalige DDR konnte es sich nicht leisten, Menschen auszubilden, die später ein Totalausfall gewesen wären.

Die Leserin schickte mir dazu sogar einen Scan des Dokumentes, das sie noch besitzt. Die medizinische Akademie schrieb der pädagogischen Hochschule, dass bei ihr (der Leserin) die „Eignung für einen Sprechberuf nicht gegeben” sei, weil „sowohl laryngoskopisch als auch stroboskopisch eine erhebliche Glottischlußinsuffizienz” bestehe. Der Studienrichtungswechsel sei angeraten.

Wobei sich mir als Wessi dann schon die Frage aufdrängt, ob das vielleicht auch ein Weg war, politisch nicht so erwünschte Leute rauszukicken.

Ganz kurz zu mir, ich bin Ossi, geboren 1962 im Juli, was in diesem speziellen Fall wichtig sein kann.

Ich wurde 1969 eingeschult, und der Stichtag für das Einschulungsalter war der 30.Mai.
Demzufolge habe ich die Schule nach 10 Schuljahren 1979 beendet.
Frau Pau wurde ein Jahr nach mir geboren, demzufolge hätte sie nach damaliger Rechtslage 1970 eingeschult werden müssen, 1980 hätte sie ihre Schulzeit beendet. (Abitur lasse ich außen vor).
Nun gab es bereits damals Kinder die nach dem 30.Mai geboren wurden und trotzdem noch ins Vorschuljahr eingeschult worden sind, aber mir sind da nur Fälle bekannt, bei denen es um einige Tage ging, aber nicht unm solche recht langen Zeiträume.
Pau hätte also frühestens 1980 ihr Fachschulstudium beginnen können, das ist der erste Punkt, der mir in ihrer Biografie auffällt.
Zweitens fällt mir auf, daß sie so gut wie keine Praxiserfahrungen als Unterstufenlehrerin oder Pionierleiterin bei Wikipedia zu stehen hat, das läßt auf eine streng politisch orientierte Parteikaderkarriere schließen, auf eine Karriere, die Pau in die zentralen Positionen der DDR-Nomenklatura hätte führen sollen.
Dieses Fachschulstudium zum Unterstufenlehrerin/Pionierleiterin dauerte in der DDR drei Jahre, danach war man befähigt, Kinder von der ersten bis zur vierten Klassen zu unterrichten, zumeist in Mathematik, Deutsch, Musik, Zeichnen (oder Kunsterziehung, wie dies später genannt wurde), dazu manchmal Sport und Werkunterricht.
Ich weiß das deshalb, weil meine Eltern zeitweise den Wunsch äußerten, daß ich diesen Lehrerberuf ergreifen möge. (Nun, das tat ich nicht, ich lernte etwas anderes, […])

Ich habe aber damals eine Untersuchung machen müssen, man hat mich zum HNO-Arzt geschickt und von dort zur Phoniatrie, das war eine spezielle Untersuchung der stimmbildenden Organe, bei der festgestellt werden sollte, ob man überhaupt in der Lage wäre, vor eine vollen Klasse einen gesamten Vormittag lang laut zu sprechen. Pau hätte eine solche Untersuchung auch über sich ergehen lassen müssen.

Was in der Tat die Frage aufwirft, wie Petra Pau eigentlich zusammenpasst.

Ich bestätige!

Ich habe damals ein Kombinationsstudium als Heimerzieher/Unterstufenlehrer (=Grundschullehrer) gemacht und abgeschlossen (Start in der DDR, Abschluss im Westen wegen der Wende) im Institut für Lehrerbildung Berlin.

Die Stimmprüfung war knallhart durch Ärzte und Logopäden. Ohne hast Du nicht einmal anfangen dürfen. Auch bei mir wie beschrieben die Stimmbänder selbst und den Rachenraum, daneben aber auch Hören und Sprechen. Das hat mehrere Stunden beansprucht.
Während der Untersuchung erlebte ich eine andere Bewerbung; eine Frau hatte bloß geklopft und was gefragt. Die kriegte in Sekundenschnelle entgegengeschmettert: “Sie haben einen Sigmatismus. Ohne Stimmbildung brauchen Sie gar nicht wieder hier ankommen. Sie können gehen.” Und Ende, keine weitere Diskussion mehr, die war erledigt. Den S-FEhler hatte ich selbst nur ganz schwach wahrgenommen.
Und im Studium hatten wir trotzdem ziemlich viel Stimmbildung – die sagten, dass Kinder eben nach Vorbild durch Nachahmung lernen, und zwar auch Sprechfehler. Da gings auch um so etwas wie das Berliner “Isch möschte müsch mit Mülsch betrinken”, das musste weg. Sowas wie das westdeutsche “wichtick, richtick, mächtick” statt “wichtich, richtich, mächich” für “wichtig, richtig, mächtig”, also dass -ig im Wortauslaut korrekt wie -ich gesprochen wird, wäre als Fehler undenkbar gewesen. Zack, hattest du Extrastunden Sprecherziehung. :-)))))
Und außerdem gings nebenbei auch drum, dass du selber deine Stimmbänder mit Kindern sehr belastest.

Petra Pau haben die wohl als Politsirene auf einem Sonderweg durchgeschoben. Diese Pionierleiter bei uns waren ein eigener seltsamer Haufen. Niemand von uns wollte mit denen wirklich was zu schaffen haben, die waren einfach zu heiß und neigten zum Besserwissen und Petzen. Gerechterweise: Etwa die Hälfte war geradezu religiös-spießig-anpasserisch, die andere Hälfte aber eher sowas, was im Westen vielleicht Sozialarbeiter wird im linken Millieu. Mit denen konnte man in einem gewissen Umfang reden, wenn man im Hinterkopf behielt, was sie waren.

Das wirft Fragen auf.

Vor allem die, wie sie zur Vizepräsidentin im Bundestag, immerhin die protokollarische Nummer zwei der Rangliste – wenn der Bundespräsident ausfällt und Schäuble gerade in Urlaub ist, könnte sie die Bundesrepublik gegenüber Staatsoberhäuptern noch vor der Kanzlerin repräsentieren – werden konnte.

Wenn Honecker und Mielke noch leben würden, wären die wohl inzwischen Bundespräsident und Innenminister.