Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Der Sozialismus und der Müll

Hadmut
19.10.2019 1:35

Eigentlich hatte ich das vorhin mit der sozialwissenschaftlichen Wegdiskussion von Müll als Witz, als Satire, als Spott gedacht. Glatt kommt einer um die Ecke und sagt mir, dass die Satire wieder mal nicht mit der politischen Realität mithalten kann.

Oder: Sauber ist rassistisch! Gewöhnt Euch an Dreck!

Wie ich es vorhin verulken wollte, meinen die das wirklich ernst.

Reden wir also über Müll.

Das kommunistische Indoktrinationszentrum „Bundeszentrale für politische Bildung” (Sozialistische Staatsbürgerkunde) hat dazu den Aufsatz Müll als Strukturfaktor gesellschaftlicher Ungleichheitsbeziehungen. Von einer gewissen Laura Moisi, anscheinend von der Humboldt-Universität. Woher auch sonst, als von der Speerspitze kommunistischer Kader-Klapsmühlen.

Wenn man den Titel liest, weiß man schon was drinsteht, weil in marxistischen Machwerken eignetlich immer nur dasselbe drinsteht. Es geht immer nur darum, Marxismus ständig zu wiederholen und immer denselben Schrott zu erzählen.

“Erst wer recycelt, ist in Deutschland richtig integriert” – so lautet die Überschrift einer Kolumne des kriegsbedingt aus Syrien geflohenen Journalisten Mohamad Alkhalaf, in der er 2016 für die “Süddeutsche Zeitung” mit Erstaunen darüber schrieb, welche Bedeutung das Trennen und Sortieren von Abfall in Deutschland offenbar haben. Gelber Sack, Blaue Tonne, Bioabfall, Restmüll – der bundesdeutsche Müll setzt tatsächlich spezifische Trennungs- und Einteilungskenntnisse voraus. Das ist besonders deshalb erstaunlich, weil die Dinge, die zu Müll werden, sich zunächst dadurch auszeichnen, dass sie aus Zugehörigkeiten herausfallen – sei es symbolisch, materiell oder räumlich.

Jahrzehntelang war die Mülltrennung grünes Zwangsprojekt, ökolinke Selbstverständlichkeit, und jetzt plötzlich soll es rassistisch ausgrenzend sein?

Naja, Migration ist halt wichtiger. Da muss das mit der Mülltrennung dann eben weg. Was eigentlich schade ist, wo das doch wenig Urdeutsches wie die Mülltrennung so für Gemeinsamkeit steht. (Was hat das duale System mit einem Chinesen gemeinsam? Den gelben Sack.) In vielen Ländern der Welt, in denen ich war, hat man die Mülltrennung aus Deutschland als Ideal übernommen und verfeinert. Als ich letzten November in Neuseeland war, gab es auf einigen der Campingplätze am Müllplatz sage und schreibe bis zu zehn Mülltonnen nach unterschiedlichen Müllsorten, in die pingelig genau zu trennen und zu sortieren war. Und in Australien habe ich auch oft bunte Trennmülltonnensammlungen gesehen. Da soll noch einer sagen, dass sich deutsche Ideen nicht durchsetzen würden. (Haben wir doch erfunden, oder?)

Und jetzt soll es ein Problem sein?

Naja, Humboldt-Uni. Was sonst.

Es ist genau diese Ambivalenz des Mülls – randständig, aber allgegenwärtig, vergänglich, ohne zu vergehen –, die den Abfall zum vielleicht prominentesten Problem westlicher Industriegesellschaften macht.

Das kommt davon, wenn man aus ideologischen Gründen nicht reist und noch nie in Afrika oder Asien war, und mal so richtig viel Müll gesehen hat. Die Slums in Indien sollen da auch sehr sehenswert sein. Oder die Malediven.

Was insofern auch bemerkenswert ist, weil ja Plastik im Meer zum Riesenproblem erklärt wurde, durchaus zu Recht, aber das Plastik im Meer fast ausschließlich in Asien, Afrika, Südamerika ins Meer gelangt. Aber der Westen soll es jetzt wieder sein.

Naja, Humboldt-Uni. Was sonst.

Gute Abfälle, Schlechte Abfälle

Die Wahrnehmung von Müll hängt von sozialen Erfahrungen und kulturellen Bewertungen ab. Vorstellungen von legitimen oder illegitimen Abfällen, von Schmutz und Reinheit haben einen maßgeblichen Einfluss auf gesellschaftliche Verhältnisse und politische Fragen. So kommt es, dass mancher Abfall als mehr oder weniger unnötig, wertlos oder schmutzig erscheint – je nachdem, wer ihn zurücklässt oder unter welchen Bedingungen er entsteht. Während Biomüll und Kompost heute beispielsweise als Zeichen von sozialer Verantwortung gelesen werden, dienen andere Abfälle der Legitimation von sozialen Grenzmarkierungen und Ausschlüssen. Um zu verstehen, inwiefern Müll als ein Strukturfaktor von gesellschaftlicher Ungleichheit fungiert, ist es zunächst nötig, bei der Frage anzusetzen, was Müll eigentlich ist.

Wie in meiner Satire: Soziales Konstrukt.

“Schmutz als etwas Absolutes gibt es nicht”, schrieb die Ethnologin Mary Douglas in ihrer Studie “Purity and Danger”, auf Deutsch “Reinheit und Gefährdung”, aus dem Jahr 1966.[3] In ihrem Buch – ein Meilenstein der kulturwissenschaftlichen Müllforschung – argumentiert Douglas, dass Schmutz und Abfall nicht an und für sich existieren, sondern erst im Zuge kultureller Zuschreibungen entstehen. Etwas wird dann zu Abfall, wenn es sich am falschen Ort befindet. Müll ist “matter out of place”, wie es die Anthropologin formuliert – es ist eine Kategorie von Dingen, die den Sinn für Ordnung und Regelhaftigkeit stören.

So?

Warum hat man dann gegen den Atommüll und die Endlager demonstriert?

Oder gegen Seveso? Bhopal? Oder Plastik im Meer?

Hatte ich doch in der Satire gesagt: Einfach einreden, das gehöre so.

Müll von der Kulturwissenschaftlerin erklärt. Vermutlich steht die dann auch auf Eigenurintherapien.

Und das erklärt zum Teil, wieso Müll gesellschaftlich immer wieder Thema und Gegenstand von Diskursen, Konflikten, Skandalen, Empörungswellen ist: Die kulturelle Ordnung muss aufrechterhalten werden, weil “jede Vorstellungsstruktur an ihren Rändern verletzlich” ist, wie Douglas notiert.[4] Die Kategorien Schmutz und Abfall entstehen so gesehen aus einem Bedürfnis nach Kohärenz und Orientierung heraus, wo sonst nur ungeordnete Erfahrung wäre.

Und genau deshalb ist Berlin auch so dreckig, weil man erkannt hat, dass Sauberkeit nur konservativ-kulturelle Stereotypen und Ressentiments sind, die wir als nationalistisch ablegen und weltoffen werden wollen. Berliner Straßenmüll als Willkommenssymbol für Weltoffenheit.

In den Szenen des alltäglichen Entsorgens wird diese Definition von Abfall anschaulich. Zahllose Verpackungen, Behälter, Plastikobjekte und Technikgeräte gehen in den Zustand des Abfalls über, sobald sie in Plastiksäcken und Mülltonnen landen. Dabei geschieht der Übergang vom Zustand der Gebrauchsgegenstände zu Müll über kulturelle Gesten, Handhabungen und Techniken, die selbst wiederrum als rein oder unrein kodiert sind. So kommt es, dass Abfälle erst dann auffallen, wenn sie sich von ihrem zugewiesenen Ort entfernen – wenn sie zum Beispiel nicht in der Mülltonne, sondern daneben, auf der Straße, am Wegesrand, auf der Wiese liegen.

Ja: Müll ist eine Zuordnung wie geschlecht.

Wenn ich einen leeren Joghurtbecher, benutze Rasierklingen, leere Batterien in den (jeweiligen) Müll gebe, dann nicht, weil ich es nicht mehr brauchen kann und es seine Funktion getan hat, sondern weil ich, der finsteren Hebamme mit ihren Geschlechterzuweisungen gleich, das unschuldig’ Ding zum Geschlecht des Mülls erkläre.

Und wie ich in der Satire schon ansprach: Der Poststrukturalismus spielt die entscheidende Rolle:

Das, was als schmutzig, wertlos oder überflüssig wahrgenommen wird, ist, wie Mary Douglas bemerkt hat, nie etwas Isoliertes, sondern hat immer etwas mit unzulässigen Vermischungen zu tun. Die gibt es aber nur dort, wo auch positiv nach ausgewählten Kriterien unterschieden wird: “Wo es keine Differenzierung gibt, gibt es auch keine Verunreinigung.”[5] Schmutz und Abfall sind vor allem eine Grenzverletzung: eine Bedrohung der kulturellen Kohärenz. Die Grenzziehung zwischen rein und unrein beruht dabei auf der Frage: Zwischen welchen Dingen lohnt es zu unterscheiden, und zwischen welchen nicht? Es sind fragile Grenzen – zwischen wertvoll und wertlos, sauber und schmutzig –, die fortwährend hinterfragt und neu gezogen werden. So ist die Kategorie des Abfalls bei Douglas sozial begründet und entsteht in Verbindung mit anderen Grenzziehungen. Reinheitsvorstellungen beziehen sich demnach nicht nur auf Körper und Gegenstände, sondern sie können ganze Denksysteme intakt halten und repressive Strukturen rechtfertigen. Auch deswegen wirken alle Randzonen als bedrohlich, seien es körperliche Zonen oder gesellschaftliche.

Oh ja. Ob etwas Müll ist, hängt von der subjektiven Frage ab, ob es sich lohnt, es zu unterscheiden.

Genau das ist ja auch der Grund, warum die Geistes- und Sozialwisseschaften der Humboldt-Uni sich für Wissenschaft und ich sie für Müll halte. Weil ich der Meinung bin, dass es sich lohnt zu unterscheiden, die Humboldt-Uni dagegen nicht. Die bekommt in beiden Fällen Geld.

Thompson beschreibt Abfall als eine Kategorie des unsichtbaren Übergangs von einem Zustand in den anderen – vom Notwendigen zum Überflüssigen, vom Wertvollen zum Belanglosen, und wieder zurück.

Sozialistische Botschaft: Du sollst nur das Notwendige haben, alles andere gilt als Müll.

Für Thompson ist die Frage danach, was Abfall ist, letztlich verwandt mit der Frage danach, was Kunst ist – was als kulturell bedeutsam in die Geschichte eingeht –, und vor allem mit der Frage, wer in der Lage ist, aus dem einen das andere zu machen.

Lanz würde sagen: „Ist das Kunst oder kann das weg?” Ich dagegen halte die meiste moderne Kunst schon für Müll.

Und dann natürlich das gesellschaftliche Konstrukt:

Schmutz und Sauberkeit sind nicht nur konzeptuell miteinander verwoben, sondern auch in materieller und sozialer Hinsicht. Aus diesem Grund sind Theorien des Abfalls hilfreich, um zu verstehen, wie soziale Ausschlüsse und Formen der Herabsetzung entstehen. Darauf macht etwa die Kulturwissenschaftlerin Rosie Cox aufmerksam, wenn sie betont, dass die Entwicklung moderner Vorstellungen von Hygiene, Schmutz und Abfall zutiefst mit rassistischem Denken verbunden ist. Das Vokabular der Reinheit, das im 19. Jahrhundert entstand, artikulierte sich in rassistischen Vorstellungen von Mischung und Hybridität.

Ja, Marxismus-Kommunismus eben: Wer es sauber haben will, ist nur ein Rassist beim Rumrassissen.

Sauberkeit zu erwarten ist rassistisch ausgrenzend.

Deshalb ist es an den Geisteswissenschaftsfakultäten auch immer deutlich dreckiger als bei den MINT-Fächern: Die üben sich in Antirassismus und Antifaschismus.

Beweis: Wenn Geisteswissenschaftler streiken, ist es dort, wie oft berichtet, sauberer.

Mit Blick auf häusliche Reinigungs- und Dienstarbeiten verdeutlicht Cox, inwiefern Vorstellungen von Sauberkeit historisch auf rassistische Entsprechungen von Weißsein mit Reinheit zurückgehen.

Klar, Sauberkeit ist Merkmal rassistischer Weißseins-Fanatiker. Sagt ja schon die Werbung: Dash wäscht so weiß … urks…

Warum eigentlich nicht auch Geschlecht?

Cox beschreibt, wie die Nähe zu Schmutz und Abfall auch heute – zum Beispiel im Kontext von häuslichen Pflege- und Reinigungsarbeiten – auf globale Weise rassistisch und geschlechtlich strukturiert ist. Die Sphäre des Privaten wird so zum Bereich, in dem soziale Ungleichheit kontinuierlich aufrechterhalten wird.

Bingo.

Und Sauberkeit dient nur der Aufrechterhaltung sozialer Ungleichheit.

Seid also alle dreckig, denn nur so seid Ihr gleich!

Sind ja auch alles nur Ängste:

Auch der Historiker Alain Corbin hat 1984 in seinem Buch über die sozialen Dimensionen des Abfalls darauf hingewiesen, dass die Angst vor Schmutz und Bakterien seit der Entstehung der Hygienebewegung im 19. Jahrhundert nicht nur gegen Objekte gerichtet war, sondern ebenso gegen Gruppen von Menschen. Als verdächtig und gefährlich – weil womöglich “unrein” – galten jene Personen, die sich mit “schmutzigen” Dingen oder Tätigkeiten befassten: “‚die Unberührbaren‘ der Stadt, Kumpanen des Gestanks, alle, die mit Schlick, Unrat, Kot und Sexualität arbeiten”.

Das hätte man den Grünen damals zum Castor-Transport mit Atommüll sagen müssen.

Und war Müll eben noch ein soziales Konstrukt, willkürlich als Müll angesehen, dreht sie mittendrin rum und macht es zum Unterdrückungsmittel:

Andererseits sind es gerade die an den gesellschaftlichen Rand Gedrängten, die besonders von den Gefahren, die vom modernen Müll ausgehen, bedroht sind. Auf die Zusammenhänge zwischen gesundheitsgefährdenden Stoffen und struktureller Gewalt, die sich gegen marginalisierte Gruppen richtet, weisen die US-amerikanischen Bewegungen im Feld der Umweltgerechtigkeit seit den 1960er Jahren hin. Das Feld der Environmental Justice etwa problematisiert die Ansiedlungen von Mülldeponien an prekären Orten oder Gift im Trinkwasser von vernachlässigten Ortschaften oder Stadtvierteln. Dabei geht es vor allem um die Aufmerksamkeit für Umweltverschmutzungen, die unverhältnismäßig stark zulasten von afroamerikanischen und indigenen Bevölkerungsgruppen sowie von wirtschaftlich prekären Regionen gehen (das bleivergiftete Wasser in der Stadt Flint in Michigan ist nur ein Beispiel unter vielen). Studien zu Umwelt(un)gerechtigkeit zeigen, dass arme Bevölkerungsgruppen und people of color deutlich häufiger an Krebs, Asthma und anderen Krankheiten infolge von Umweltverschmutzung erkranken als die weiße Mittelschicht.

Ah. Einen Absatz vorher war es noch eine willkürliche Zuschreibung, die auf rassistischen Ängsten beruhte, und Brauchbares einfach umdefinierte, und jetzt ist es plötzlich einen objektive Gefahr, die tötet, weil es nun „people of color” betrifft. So schnell kann sich Ideologie wenden.

Einer der Faktoren für diese strukturelle Ungleichheit ist die Standortwahl für die Deponierung von Müll. Die strukturelle Exklusion von marginalisierten Personen und der Eindruck, dass nur der Müll der Privilegierten verschwindet, sind zwei Seiten derselben Medaille.

Das habe ich jetzt nicht verstanden, aber das ist normal, wenn Ungleichheit, Privilegierte und sowas drin vorkommt.

Das Heraustragen des Mülleimers ist heute zu einer politischen Frage geworden.

Bei Geisteswissenschaftlern ohne Zweifel.

Ich persönlich trage meinen Mülleimer schon dann raus, wenn er voll ist oder zu riechen anfängt. Aber mich stört das ja auch.

In Deutschland gehört der richtige Umgang mit Müll zu einer derart strittigen und emotionalen Frage, dass das Thema der Mülltrennung als Rechtfertigung von Exklusion fungieren kann.

Rin in die Kartoffeln, raus aus die Kartoffeln.

Erst waren es die links-grünen, die uns die Mülltrennung eingeprügelt haben, und jetzt sind es dieselben, die sie uns wieder ausprügeln.

Erst hieß es, sie sei wegen der Umwelt so wichtig, und jetzt heißt es, sie sei rassistisch und aussgrenzend.

Und so wird der Umgang mit Müll als Metapher auf Rassismus angesehen:

Während die Trennung von Plastik-, Papier-, Bio- und Restmüll gewissermaßen als eine saubere Umgangsform mit Müll angesehen wird, gilt achtloses Wegwerfen als schmutzig. Das wird besonders deutlich, wenn es sich um den Müll der “Anderen” handelt, derjenigen, die zu den “Anderen” gemacht werden.

MÜlltrennung als rassistische Weißseinsübung in Verbindung mit rassistischer Verachtung gegenüber dem, der den Dreck einfach irgendwohin wirft.

Ich gelobe, mich künftig wie ein ordentlicher antifaschistischer Linker zu benehmen und meinen Müll auch einfach aus dem Fenster zu werfen, damit ich endlich meine weißen Privilegien und meine Rassismen loswerde.

Und wenn ich so drüber nachdenke, gab es schon einige Berichte über Wohnsiedlungen, in denen genau das inzwischen kulturell üblich ist: Einfach aus dem Fenster. Ist nicht kürzlich mal ein Junge in einer Hochhaussiedlung gestorben, weil jemand einen Baumstamm, den er nicht mehr brauchte, vom Balkon geworfen hat?

Ich kann mich an Berichte erinnern, dass auch Waschmaschinen auf diese Weise entsorgt werden und die Rasenfläche um die Hochhäuser dann so seltsame Mondlandschaften von den Einschlägen sind.

Ach, gerade sage ich es, da schreibt sie es:

Ein Beispiel dafür bietet die Diskussion um eine Wohnanlage in Duisburg-Rheinhausen aus dem Jahr 2012. Die Anlage wurde in lokalen Medien nur noch als “das Problemhaus” bezeichnet, nachdem Migrantinnen und Migranten aus Osteuropa dort untergebracht worden waren. Die Berichterstattung drehte sich wieder und wieder um dieselben Motive: Es kursierten Bilder von Müll vor dem Haus, Müll auf den Gehwegen – Bilder, die zu einem Sinnbild für die unerwünschten Fremden im Ort wurden, und die ein willkommenes Argument lieferten, um ihre Abschiebung zu fordern. Die Bilder waren begleitet von Anwohnerklagen über Kinder, die ihre Notdurft im Freien verrichteten, über mangelnde Sauberkeit, über den Lärm, den die Zugezogenen verbreiten würden, und über zu viel Müll, den sie produzierten, ohne ihn angemessen zu entsorgen, geschweige denn zu recyceln.

Immer wieder wird der Umgang mit Abfall zum Anlass für Manifestationen von Fremdenfeindlichkeit. Die Tendenz, die Abfälle von marginalisierten und vertriebenen Individuen als schädlich und destruktiv zu markieren, ist in jüngster Zeit wieder aktuell geworden, vor allem im Kontext der Wege der Flucht durch Europa, die symbolisch und sprachlich in die Nähe des Unreinen gestellt wurden.

Aber nicht doch. Wir sind hier weltoffen. Hier kann jeder auf die Straße kacken, und das Angebot wird ja auch immer wieder gern angenommen.

In diesen wiederkehrenden Symboliken zeigt sich der grundlegende Bedeutungshorizont des Mülls. Das Entsorgen des Mülls wird unterteilt in eine Praxis, an der soziale Wesen – verantwortungsbewusste Bürgerinnen und Bürger – teilnehmen, und in eine Notdurft, ein schändliches Tun – vollzogen von jenen, die nicht dazugehören. Auf diese Weise hat Müll Anteil an der Etablierung von imaginären Gemeinschaften und deren Grenzen.

Müllabfuhr als rassistische Verfestigung des Weißseins. Dann müssen wir die dringend loswerden und integrativ vor’s Haus kacken, um unsere Privilegien aufzugeben.

Warum aber schreiben die dann „refugees welcome” nur auf Schilder und scheißen es nicht als Symbol der Distanzierung von Weißseinsstereotypen als verbindliche Willkommenszusage gut lesbar vor Flüchtlingsheimen auf den Boden? Als Botschaft, dass wir deren Kultur achten, respektieren und übernehmen? Das müsste nach dieser Theorie doch bestimmt blendend gut ankommen.

Meiner rassistisch-weißen Erziehung und Sozialisierung würde sowas zuwiderlaufen, ich war immer der Meinung, das sollte man niemals tun, das wäre zutiefst inakzeptabel. Aber Dank jahrelanger Befassung mit Gender Studies und der Humboldt-Universität nähere ich mich dem Zustand, meine Privilegien aufzugeben, bereitwillig auf sie zu verzichten, und mich von reproduzierten Stereotypen zu befreien. Es hat sowas erlösendes. Endlich kann ich meinen Müll überall hinwerfen in der Gewissheit, damit kein Rassist mehr zu sein.

Es ist nicht zufällig, dass sich ausgerechnet am Müll soziale Aufteilungen und Grenzziehungen etablieren, die manchmal auf skurrile Weise zutage treten: zum Beispiel dann, wenn ein zugewanderter Syrer sagt, er fühle sich in Deutschland erst dann akzeptiert, wenn er seinen Müll richtig trennt. Die Dinge an den richtigen Platz zu stellen, wie es im Kontext von Mülltrennung eintrainiert wird, ist mehr als nur die pragmatische Seite einer umweltbewussten Orientierung.

Stimmt. Es ist mehr als das. Ein paar Häuser weiter werfen sie ihren Müll immer vor die Müllverschläge und haben ganz viele Ratten, die da rumrennen.

Wie sehr die Kategorie des Abfalls eine symbolische oder physische Grenze ist, unsichtbar oder manifest, hängt vor allem davon ab, von wo aus man auf sie blickt. Trotz aller Bemühungen um Eindeutigkeit bleiben die Spannungen in der Bedeutung von Müll bestehen: einerseits abfällige Materie, andererseits unbändiger Rest. Das Ermessen der politischen Auswirkungen des modernen Mülls steht noch an seinem Anfang.

Ach, hätt ich doch an der Humboldt-Universität studiert, mein Leben wäre so viel leichter gewesen. So viele Gänge zur Mülltonne hätte ich gespart und dafür das Bewusstsein gehabt, dadurch kein Rassist zu sein. Den Müll zu lieben.

Immerhin weiß ich jetzt, warum Berlin so dreckig ist und es kaum einen stört. Alles Antirassisten.

Nachtrag: Galt es bisher nicht als rassistisch, Migranten zu unterstellen, sie wären weniger sauber?

Und wie ist es dann zu erklären, dass mir der (deutsche!) Heizungsableser in München (als ich noch dort gewohnt habe) sagte, dass er viel lieber bei Türken als bei Deutschen abliest, weil es bei denen stets überall tadellos sauber wäre, bei den Deutschen dagegen nicht?