Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Zwei Gedanken zum Amoklauf-Schießen

Hadmut
17.10.2019 23:04

Anmerkungsweise.

Amok ist eigentlich falsch, es kommt aus dem Malayischen und meint ein spontanes Ausrasten, blinde Wut, und kein geplantes oder vorbereitetes Handeln. Mir fällt gerade nichts besseres ein.

Ein Gedanke ging mir eigentlich schon früher durch den Kopf, aber weil es heute nochmal jemand ansprach:

Ist Euch bei dem Attentäter von Halle eigentlich aufgefallen, wie der versucht hat, die Tür aufzuschießen?

Man schießt über das Schloss da irgendwo hin und erwartet dann, dass die Tür dann auf ist. Und wundert sich, wenn es nicht geht. Man sieht das aber ständig in Krimis und Actionfilmen, dass der Held oder auch der Böse vorbeikommt, die Tür ist zu, dann ein-, zweimal ballern und die Tür ist – Alohomora! – plötzlich offen. In der Realität läuft es etwas anders, dann hat die Tür ein Loch. Aber sie ist noch nicht offen. Dass man eine Tür einfach so aufschießen könnte, manchmal auch mit mehreren Leuten und Dauerfeuer, ist eigentlich nur ein dramaturgischer Kniff, weil man nicht erklären kann, warum die Tür schon offen war, oder wo ein Schlüssel herkommen soll, oder dass man die Spannung nicht einbrechen lässt, weil der Held erst das lockpicking-Set auspackt und drei Minuten fummeln muss. Muss ja schnell gehen und die Spannung erhalten bleiben. Zeit ist da knapp, und manchmal sind sie ja auch hinter einem her, also ist der Dramakniff, dass man irgendwie Richtung Tür ballert und dann ist die Tür einfach auf. Eines der vielen Dinge, die im Film gehen, in der Realität nicht.

Und dann kommt die filmgestählte aber realitätsunkundige Generation daher und wundert sich, dass es nicht läuft wie im Film. Und die Presse redet von einem ausgebildeten Profi.

Ein anderer Leser aus dem Ausland sprach mich an. Zu Joker, aber eigentlich zur Verbindung von Joker und Halle.

Er nämlich habe da, wo er da schafft und lebt, sobwohl bei der allgemeinen Bevölkerung, als auch beim eigenen Nachwuchs beobachtet, dass die weder willens noch in der Lage seien, etwas zu erlernen oder zu erarbeiten. Aber riesige Erwartungen und Versorgungsansprüche haben. Sie würden – er hat etwas mit einem Handwerksbetrieb zu tun – nicht mehr arbeiten wollen und auch nicht können, sie fänden in der Masse der Arbeitslosen keinen Nachwuchs mehr. Es gäbe aber ständig Krach, weil sie alles haben wollten, mühelos und sofort, und schier ausrasten, wenn sie es nicht bekommen. Sie können es sich nicht selbst beschaffen oder erarbeiten, es aber psychisch auch nicht mehr verkraften, es nicht zu bekommen. Verzicht geht dann auch nicht. Wenn sie also etwas, was sie wollen, nicht von anderen bekommen, dann wäre die Krise da.

Das zweite Problem sei, dass dieselbe Generation in weiten Teilen auf Killer- und Raubvideospiele konditioniert sei, die trainieren das wie die bekloppten am Computer, um sich zu schießen und sich zu nehmen, worauf sie einen Anspruch zu haben glauben. Rasen, dicke Autos, Geld, egal was.

Beides zusammen, also die Unfähigkeit, sich selbst etwas zu erarbeiten mit der Unfähigkeit, den Nichtbesitz zu ertragen, und diese Konditionierung auf Gewaltübungen hält er für eine äußerst kritische explosive Mischung.

Halle sieht er in dieser Kategorie.

Richtig beunruhigt ist der nun über den Film Joker, obwohl er den noch nicht gesehen hat, nur aus Beschreibungen wie meiner kennt.

Er sieht nämlich die Gefahr, dass das als eine Art Trigger wirkt, dass das ein Signal ist, den Leuten noch eine moralische Rechtfertigung mitzugeben wie „Die trampeln alle auf Dir rum, also ist es jetzt gerechtfertigt und moralisch legitimiert, um sich zu schießen und Leute umzubringen, die einem nicht passen.”

Ich habe eingewandt, dass das in Joker etwas anders sei. Der schießt nicht einfach so rum. Der kommt unverschuldet und ohne zu wollen in eine Bedrohungssituation und wehrt sich berechtigt in Notwehr. Zwei legt er um, den dritten schießt er an, dann ist Ende Notwehr und er erschießt den dritten aus Wut.

Ja, sagt der Leser, genau das hält er für perfide. Weil damit signalisiert werde, dass es für die arme Sau, den Underdog legitim und gerechtfertigt sei, Leute umzubringen, und der Übergang zum echten Mord dann so fließend und selbstverständlich verlaufe.

Er meint, dass der Film Joker – ohne ihn gesehen zu haben – von verheerender Wirkung sein wird, weil er Leute in ähnlicher Situation dazu anstiftet.

Was er nicht wusste und ich in meiner Besprechung auch nicht erwähnt habe, ist eine der letzten Szenen, die in diese Richtung laufen und den Gedanken bestätigen kann.

Er äußerte den Verdacht, dass es eine Absicht des Filmes wäre, passende Leute zu triggern.