Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Festival of Lights

Hadmut
13.10.2019 0:47

Ich war gerade dreieinhalb Stunden unterwegs, um mir das Festival of Lights anzusehen.

Wenn in Berlin die dunkle Jahreszeit anbricht, quasi so als Jahresabschluss der ganzen Außenfeste oder die Vorübergangsphase zu den Weihnachtsmärkten, gibt es in Berlin das Festival of Lights, bei dem sie einige Tage lang immer abends wenn es dunkel geworden ist, bekannte Gebäude in Berlin irgendwie iluminieren. Irgendwann hatten sie mal Laserstrahlen vom Brandenburger Tor bis zum Alexanderplatz, sie versuchen jedes Jahr irgendwelche Variationen und neue Bilder, die dann mit sehr starken Beamern oder Diaprojektoren auf Gebäude projiziert werden.

Und sie haben wirklich erstaunlich starke Projektoren.

Fernsehturm, Alexanderplatz

Eigentlich nicht am Alexanderplatz, sondern auf die andere Seite des Fernsehturms (ich weiß nicht, ob die Gegend um den Neptunbrunnen formal noch zum Alexanderplatz gehört) wurden mit insgesamt fünf Projektoren, die nahtlos ein langes (naturgemäß schmales) Video auf den Stiel des Fernsehturms vom Boden bis zur Kugel projizierte.

Und das sah richtig gut aus, das hat mir sehr gut gefallen. Fast alles. Schien von verschiedenen Künstlern zu stammen. Und der helle, einfarbige, glatte, fensterlose Beton eignet sich hervorragend für Projektionen, das sieht richtig gut aus. Und wenn der dann rot-weiß-geringelt wie ein Leuchtturm leuchtet oder aussieht wie eine riesige Schraube, die im Boden steckt, oder auch wie ein riesiges Thermometer mit roter Flüssigkeit dasteht, oder sich da geometrische Figuren verwandeln, oder ein Männchen dran hochklettert (auf Spiderman habe ich vergeblich gewartet), sieht das einfach richtig toll aus.

Sollten nicht irgendwelche Gründe, die mir nicht ersichtlich waren, dagegen sprechen, fände ich das gut, das als Dauerinstallation aufzubauen und jeden Abend nach Einbruch der Dunkelheit bis ca. Mitternacht irgendwas zu zeigen. Man könnte sich ja sogar mal überlegen, ob man einen ganzen Spielfilm im Fernsehturmformat hinbekommt, beispielsweise einen Krimi, der auf der Außenseite stattfindet. Oder den 100-Meter-Lauf von Sportwettbewerben von oben filmen und draufprojizieren. (Ups, da fällt mir gerade Loriot ein, der als erster den 100-Meter-Lauf im Superpanoramaformat zeigte.)

Da fallen mir auch diverse Ideen ein – und talentierten Leuten zweifellos noch viel mehr – was man da an Werbung zeigen könnte.

Oder Musikvideos.

Oder Unterhaltung.

Boah, könnte man da Ideen haben.

Wenn man es noch ein bisschen aufmotzt, dann strahlt man es von allen Seiten und nicht nur von einer an. Zwei wird nicht reichen, drei wäre sicherlich gut, und dann vielleicht die Projektoren oben auf Häuser statt auf dem Boden.

Die anderen Gebäude

Sorry, aber den Rest fand ich im Vergleich zum Fernsehturm eher langweilig.

Die Idee, mit Riesendias das Aussehen damaliger Gebäude von vor 30 oder 100 Jahren hinzuprojizieren ist zwar an sich gut. Es funktioniert aber nicht, wenn die Gebäude nicht über ausreichend große, möglichst strukturlose Flächen verfügen und man dann irgendwann nur noch Durcheinander sieht.

Der juristischen Fakultät steht das Blau ganz gut, und der Dom in knallbunt ist auch mal was, aber das reicht dann einmal im Jahr.

Currywurst

So am Brandenburger Tor plagte mich ein Hüngerchen.

Doch erstaunliche Abhilfe war nahe, ausgerechnet das erste Haus am Platze, das Edelhotel Adlon, betreibt da tatsächlich eine Currywurstbude auf der Straße. Im Adlon-Stil.

Das heißt nicht nur, dass sie die Würste da nicht in der Bude braten, sondern nur schneiden und auf die Schüsseln packen, und die Würste in der Hotelküche des Adlon zubereitet werden und die Köche in Behältern die Würste zum Verkauf rausbringen. Das findet man nicht überall, dass die Currywürste aus der Edelküche gebracht werden. Dazu verkaufen sie Getränke, neben Cola und Wasser eben auch Champagner.

Vornehm geht die Welt zugrunde. Ich habe mich erkundigt, und man versicherte mir, die gereichten Currywürste wären baugleich mit der im Hotelrestaurant gereichten Millionärskost.

War gut.

Ich-Kranke

Was mir aber auch wieder auffiel: Diese Scheißegal-Mentalität. Die Leute sind penetrant rücksichtslos, kennen keine Regeln und kein Benehmen mehr, es geht nur noch um ich, ich, ich.

Am Alexanderplatz – nicht nur da, eigentlich auf der gesamten Strecke bis zum Brandenburger Tor, die ja auch abgesperrt war – bin ich im Fußgängerbereich (nicht in der Nähe einer Straße) von einer ganzen Gruppe von Radfahrern fast über den Haufen gefahren worden, die da einfach mit erheblichem Tempo durch die Menge bretterten.

Kaum waren die vorbei, kamen zweie auf e-Scootern entgegengebraust. Dass man damit nicht in den Fußgängerbereich darf, kapieren die nicht, interessiert die nicht.

Zweihundert Meter weiter wieder eine Radfahrergruppe, die nach dem Motto „Der Indianer kennt keinen Schmerz” mitten durch die Fußgänger fuhren, und eben jede Menge e-Scooter.

Und natürlich jede Menge Raucher, und inzwischen eben auch Dampfer. Die kennen da überhaupt nichts. Egal wie dicht die Menge ist, die blasen den Dreck immer anderen voll ins Gesicht. Interessiert die einen Scheiß, ob andere den Dreck ins Gesicht kriegen. Komplett rücksichtslos.

Und das generelle Berliner Problem der Rucksäcke. Fällt mir schon in U- und S-Bahnen so oft auf, dass die Leute das irgendwie nicht ins Hirn bekommen, dass man nach hinten raus länger wird, wenn man einen Rucksack anzieht. Die rempeln ständig Leute an, weil die das einfach nicht kapieren, dass der Rucksack hinten rausragt.

Als ich mir den Fernsehturm ansah, habe ich mir zwar mitten in der Menge, aber doch gezielt ein Plätzchen gesucht, an dem rundherum und in alle Richtungen um nicht herum, 360°, so ein Meter alles frei war. Schräg links vor mir stand eine Frau. Auch regungslos. Ich stehe also so da, bewege mich längere Zeit gar nicht, gucke einfach nur nach oben, hatte auch eine auffällige Jacke an, da kommt eine an und auf besagte Frau zu, offenbar die Freundin. „Ach, da bist Du ja, ich hab’ Dich schon gesucht…”

Steht direkt vor mir, 90° gedreht, linke Schulter zu mir, ignoriert mich völlig, spricht zur Freundin und dreht sich dann ruckartig 90° nach rechts um in gleicher Richtung wie ich zum Fernsehturm zu gucken. Ich bekomme natürlich den (großen) Rucksack voll in den Bauch. War jetzt nicht so schlimm, weil zwar schwer, aber weich, vermutlich Klamotten drin. Ich habe erst nichts gesagt, kann ja mal passieren. Und die merkte das nicht, oder es störte sie nicht. Dann drehte die sich ein paarmal zur Freundin um was zu sagen, und jedesmal *buffz*. Ich war schon etwas nach hinten gegangen, da gingen die einfach mit, auch immer weiter nach hinten. Irgendwann hatte ich keinen Platz nach hinten mehr, und die wieder mit dem Rucksach *buffz*. Als ob die das nicht merkt. Da sagte ich mal „Entschuldigung, könnten Sie mit ihrem Rucksack bitte mal aufpassen…?” Da wurden die noch pampig. Als ob das meine Schuld wäre. Könnte man ja auch freundlich sagen. Haut mir das Ding ein paarmal in den Bauch und dann ist es ihr nicht freundlich genug.

Das ist ganz typisch Berlin. Benehmen sich wie Sau, stänkern andere ein oder sonst irgendwas, und wenn man dann was sagt, werden sie noch frech, weil es ihnen nicht freundlich und bittstellerisch genug war, um es zu übergehen. Wie sie mit anderen umgehen ist egal, man hat ihnen gegenüber unterwürfig und freundlichst aufzutreten und um Gnade zu betteln.

Ich stand später auf Höhe der juristischen Fakultät draußen auf der Fußweg, bewegungslos, gut beleuchtet, und sah mir irgendwas an. Habe mich nicht bewegt. Da rennt von hinten eine Frau voll in mich rein. Gehörte zu einer Gruppe und hatte statt nach vorne zu gucken mit den anderen gequatscht.

Kann ja mal passieren.

Aber statt sich zu entschuldigen oder einfach weiterzugehen, guckte die mich noch völlig vorwurfsvoll (Gesichtsausdruck wie das szenetypische „Hallo!?”) an, so was mir einfiele, da rumzustehen oder in sie reinzulaufen. Dass ich da gut sichtbar gestanden habe und sie in mich reingerannt ist, hat die gar nicht erst verstanden.

Ähnliches habe ich mehrmals bei anderen beobachtet ohne selbst beteiligt zu sein.

Es sind Einzelfälle, aber es fällt mir eben so auf, wie das Sozialleben da völlig kaputtgeht und die Leute nur noch sich selbst kennen, keinerlei Rücksicht mehr nehmen, sich überhaupt nicht mehr an Regeln oder Gesetze halten.

Es geht nur noch um ich, ich, ich.