Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Die Frage nach Fake News und Kasachstan

Hadmut
12.10.2019 1:58

Leser fragen – Danisch ist jetzt wirklich überfordert.

Bei mir blubbern die Anfragen zum Anschlag von Halle ein. Manche fragt nach Funktion der Waffen und so weiter. Mmh.

Zwei davon will ich mal herausgreifen, weil sich beide auf das Textverständnis des Tatvideos beziehen.

Neet

Die ersten, die kamen, waren ja noch harmlos. Die meinten, ich hätte in dem Video von Halle das Wort „Niete” (von dem ich mir ja sowieso nicht sicher war, ob ich das richtig verstanden habe) eben nicht richtig verstanden, sondern er bezeichne sich selbst als NEET, ein im Englischen und in diesen Foren gängiger Begriff, der für Not in Education, Employment or Training stehe und damit Jugendliche bezeichne, die zu nichts nutze sind und nichts arbeiten, nichts lernen.

Mag sein. Habe ich schon mal irgendwo gehört, aber nicht in meinen aktiven oder passiven Sprachschatz übernommen, ich wäre selbst nicht mehr auf den Begriff gekommen.

Anon

Die andere Anfrage bereitet mir aber ernstlich Kopfzerbrechen. Dem Leser auch, er fragt mich nämlich, ob ich das irgendwie recherchieren könnte. Wie soll ich das machen? Bin ich Hellseher? Ich habe für sowas nur die Brachialrecherche der Frage an die Leser, der cloud intelligence.

Vorsicht Fake News, völlig ungeprüftest Gerücht, möglicherweise Täuschpropaganda, nur mit langer Zange und dicken Gummihandschuhen anfassen. Das stinkt nach wilder Lügengeschichte. Oder sagen wir es so: Es ist in beiden Fällen eine Lügengeschichte, die Frage ist eher, welche von beiden.

Ich kann das überhaupt nicht beurteilen, ob das vom Namen oder von der Herkunft überhaupt sein könnte. Deshalb Frage an die Leser.

Jetzt schreibt mir also einer, da wäre noch mehr falsch verstanden worden. Es heißt ja überall, der Täter stelle sich im Video mit „My name is Anon” vor. Die Presse, bespielsweise die Zeit schrieb etwa

Er dreht die Kamera auf sein Gesicht und sagt: “Hi, my name is Anon, and I think the Holocaust never happened.” Er sei Anon – ein unter rechtsextremen Verschwörungstheoretikern im Netz verbreitetes Pseudonym – und er sei überzeugt, dass der Holocaust niemals stattgefunden habe.

Was vielleicht nicht ganz dazu passt, dass er sich ja eingebildet habe, er komme jetzt groß raus und werde eh gleich sterben. Wenn er doch, wie es dargestellt wurde, den High Score holen und Leute wie den Täter von Christchurch oder Anders Breivik nachahmen wollte, die ja alle unter ihrem echten Namen bekannt wurden, warum sollte er sich dann „Anon” nennen?

Warum sollte einer, der nach einhelliger Meinung zum Zweck der Publizität mordete, dann seinen Namen verbergen? Wozu dann der ganze Aufwand und potentielle/geplante Selbstmord durch Polizeikugeln?

Ergibt das Sinn?

Der Leser schreibt mir nun, es werde gerade das Gerücht gestreut, der sage gar nicht „anon”. Der sage „My name is Anun.”

Ich hab’s mir nochmal angehört. Dreimal. Fünfmal.

Schwierig.

So, wie er es ausspricht, ist es nicht so eindeutig einem o oder u zuzuordnen, zumal man auf Englisch o und u nicht so deutlich unterschiedlich spricht wie im Deutschen, aber es hört sich vom Tonfall tatsächlich an, als würde er einfach seinen Namen sagen. So flüssig, so selbstverständlich. Man würde anon vielleicht anders betonen, eben so wie in anonymous. Es hört sich tatsächlich nicht so wirklich nach anon an. Aber was sonst?

Selbiges Gerücht, womöglich eben Fake News, besage nun, der heiße nicht ursprünglich Stephan Balliet, sondern der heiße ursprünglich „Anun Bulit” und habe kasachischen Migrationshintergrund, und der sage da im Video einfach seinen normalen Namen: „My name is Anun” und der Anschlag beruhe auf kasachischem Antisemitismus.

Was natürlich die ganze Angelegenheit explosionsartig um 180° drehen würde.

Die Frage ist, ob es stimmt oder Fake News ist. Weiß jemand, ob das überhaupt stimmen kann?

  • Ist Anun ein kasachischer Name?
  • Sieht der überhaupt aus wie ein Kasache? Eigentlich doch nicht, oder?

    Die markanten Wangenknochen, das etwas kantige Gesicht, der geschwungene Mund sind mir schon beim ersten Schauen aufgefallen, aber das sieht eben nicht nach Kasache aus. Dem Aussehen alleine nach hätte ich ihn für einen möglichen Russen halten können (ich hatte auf einer Reise mal einen in einer Gruppe, der ihm sehr ähnlich sah), aber eigentlich nicht für einen Kasachen. Oder?

  • Zumal es angeblich in Kasachstan zwar Juden, aber keinen ernstlichen Antisemitismus gebe.

Also als Story plausibel erscheint mir das nicht. Zumal das längst hätte auffallen müssen.

Andererseits: Hört man sich aber an, wie er „My name is anon” sagt, könnte es tatsächlich „Anun” heißen.

Und falsifizieren kann ich es auch nicht.

Die Krux ist: Ich habe von Kasachstan gar keine Ahnung. Null. Außer eben dass ich glaube, dass die Kasachen nicht zu den Russen, sondern zu den Asiaten gehören und wie Mongolen aussehen. Und der nicht in meine Vorstellung passt.

Hat unter den Lesern jemand Ahnung und kann qualifiziert etwas dazu sagen?

Denn politisch wäre das so heftig, dass man es nun auch nicht einfach so unbetrachtet in den Fake-News-Müll werfen könnte. Stinkt natürlich schon gewaltig nach einer Trollerei.