Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Der Niedergang des Harry Potter

Hadmut
10.10.2019 17:41

Wie sich die Zeiten ändern.

Ich (Muggle), vorhin in der Stadt unterwegs. Stehe vor etwas, was man sich so angucken kann. Direkt vor meiner Nase eine nicht zu überhörendes Streitgespräch zwischen Mutter und Sohn. Sohn so vielleicht 10, 11 Jahre alt.

Sohn, höllenstinksauer, im Extremquengelmodus, quengelt darüber, dass er zu seinem „Kostüm” (ich vermute Halloween) zur so einen ganz billigen Allerweltszauberstab bekommen hat und Mutti ihm nicht den „echten Harry-Potter-Zauberstab” kauft.

Mutti (knallhart und unerbittlich): „Du bekommst den Zauberstab erst, wenn Du das Buch gelesen hast!”

Sohn: „Aber warum soll ich denn das Buch lesen…” Will offenbar als Harry Potter verkleidet gehen, aber das Buch nicht lesen. Und beschwert sich, dass nicht mal klar wäre, welches der Bücher er lesen soll.

Die ältere Schwester mischt sich ein. Das sei egal, er müsse nur irgendeines lesen, um Mutti zu erweichen. Und wenn er es nicht gelesen habe, dann sei es doch sowieso egal, welchen Zauberstab er bekomme, er kenne den Unterschied dann ja sowieso nicht.

Sohn völlig versauert, weil ihn nun zwei Frauen zwingen wollen, das Buch zu lesen, er aber nicht will.

Wie sich die Zeiten ändern.

Noch vor 10, 15 Jahren hätten Kinder dieses Alters gemordet, um so schnell wie möglich an das Buch zu kommen und sich da unterbrechungslos durchzuschmökern, ohne sich auch nur von irgendetwas abhalten zu lassen. Das war damals tatsächlich mal so, dass die Bücher, die man zum Erstausgabetag in Deutschland bei Amazon bestellt hat, tatsächlich um oder kurz nach Mitternacht ausgeliefert wurden und auch die Buchläden Sonderöffnungen hatten und mitternachts nur ihre Harry-Potter-Bestände wegverkauft haben, weil der Gedanke allein schon unerträglich war, erst nach dem Schlafen am nächsten Morgen an das Buch zu kommen oder womöglich vor ausverkauftem Laden zu stehen.

Ich habe die Bücher damals früher gekannt, weil ich sie auf englisch gelesen habe, aber sie hier über diesen Mitternachtsservice für ein Kind als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk bestellt, das dann, wie mir dann tags anerkennend berichtet wurde, schier ausgeflippt ist, als mitternachts der Bote das Buch brachte, und die Nacht durchgemacht hat, um das Buch zu lesen und am Morgen dann überglücklich die Handlung zu kennen und mit höchstem Drang in die Schule zu wollen, um bei den „Wissenden” mitreden zu können. Das war Klassenpflicht, da gab es keine Ausnahme. Die Kinder haben damit wesentlich Lesen gelernt, weil sie keine Mühe, keine Anstrengung scheuten, um sich stunden, tagelang durch die Bücher zu fressen und den bis dahin mit Abstand größten Leseakt ihres Lebens zu vollbringen.

Und es ging nicht nur um das Lesen.

Es ging darum, sich eine völlig fremde Welt nur nach verbaler Beschreibung in der Phantasie vorzustellen, darin zu leben, sie so umfassend zu durchdenken, dass man sich mit anderen darüber austauschen, eine regelrechte Wissenschaft daraus machen konnte.

All das war anscheinend mit den Filmen aus und vorbei. Man konnte die Handlung in zwei Stunden ohne zu denken und zu arbeiten konsumieren.

Heute geht es darum, das richtige Kostüm zu haben und dass Mutti einem das Stück Plastik kauft, bei dem auf der Packung der höhere Preis klebt und auf dem „echt” steht, obwohl es auch nur Made in China und daran wirklich gar nichts echt ist außer die Lizenzgebühren an Rowling. Und man überdies weit besser und edler mit einem gedrechselten Dirigentenstab oder Taktstock aus Holz dastehen würde, genau das haben die für die Filme nämlich verwendet.

Dass sich ein Kind, das Harry Potter nicht mag, weigert, das Buch zu lesen, ist naheliegend. Das wäre verständlich.

Aber dass es heute Kinder gibt, die sich unbedingt als Harry Potter verkleiden wollen und ihn also sehr mögen, es aber trotzdem für geradezu unzumutbar halten, das Buch zu lesen, das hätte ich nicht gedacht.