Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Eben im Supermarkt

Hadmut
31.1.2017 19:41

Scheint, als ob die Sitten in Deutschland gerade umschlagen.

Meine Toleranz und „Weltoffenheit” hat jedenfalls da Grenzen, wo in die persönliche Sphäre von Menschen eingegriffen wird.

Ich war eben im Supermarkt. Ich habe hier gleich einen um die Ecke in bequemer Fuß-Distanz, weshalb ich nicht mehr so wie früher das Zeug für die ganze Woche einkaufe, sondern eher so jeden zweiten, dritten Abend kleine Einkäufe mache und das hole, was ich gerade brauche. Deshalb brauche ich da auch keinen Einkaufswagen, mein kleiner Einkaufsbeutel (und samstags der größere) reicht völlig.

Nun merkt man aber, dass wir hier an der Grenze zu Kreuzberg sind, der Supermarkt ist stark von einem türkisch-/arabischem Publikum frequentiert. Normalerweise merkt man davon gar nichts, die kämpfen genauso mit quengelnden und nörgelnden und süßigkeitenfingernden kleinen Kindern wie alle Eltern dieser Welt. Einziger Unterschied: Die kaufen enorme Mengen ein, für Großfamilien und auf Vorrat, unter einem vollen Einkaufswagen geht’s selten ab, meist noch Rollwägelchen oder sowas. Wenn Dinge im Angebot sind, die für die arabische Küche benötigt werden, wie Mehl oder Öl, kommen die auch gerne mal mit der Sackkarre, das verkaufen die dann palettenweise. Normalerweise sind die Leute dabei irgendwo distanziert bis höflich, es passiert mir wegen meiner Minieinkäufchen häufig, dass die Leute mich dann an der Kasse vorlassen (und manchmal etwas belustigt gucken, wie wenig manche Leute zum Essen kaufen).

Heute war’s etwas anders.

Vor mir blockiert eine arabische Familie die Kasse. Das Band ist schon ganz leer, die vorigen Kunden schon durch, sie stehen aber quer. Wie sich herausstellte, war der Vater noch dabei, irgendwas ranzukarren, und Mutter guckte nach Kindern, die nicht vollzählig waren. Nun habe ich völliges Verständnis für Mütter, die nach ihren Kindern gucken, liegt in der Natur der Sache, ging mir ja auch schon so, als ich mit Kind unterwegs war. Dafür, dass ich auf die Kinder anderer Mütter warten soll, habe ich dann etwas weniger Verständnis. Und frage deshalb, was nun ist. (So mit der Zielrichtung, dass sie das Kassenband entweder benutzen oder freigeben sollen.) Ich merke aber, dass die sehr unsicher und mit der Situation überfordert waren, so als ob sie noch nicht lange hier sind.

Nachdem es nun voranging, war ich in Gedanken eigentlich schon wieder ganz woanders, habe darüber nachgedacht, was ich im Blogdesign noch alles reparieren, ändern, schreiben muss. Nur so am Rande und ohne das selbst weiter zu beachten habe ich mitbekommen, dass das an der Kasse nicht so lief, wie es sollte, weil die sich irgendwie ungeschickt anstellten, und mehr Zeugs gekauft hatten, als sie Lade- und Tragekapazitäten hatten, und auch der Kinderwagen schon voll- und überladen war. Ein Glas mit Sauce fiel herunter, kaputt, die Frau an der Kasse sagte aus Kulanz, sie könnten sich ein neues holen, die Frau witschte also wieder in den Laden, um noch eines zu holen. Derweil versuchte die Kassenfrau, dem Mann klarzumachen, dass man nicht einfach mit einem vollgestopften Einkaufstrolley an der Kasse vorbeifahren und gestikulieren könne, dass da 4 große Packungen Mineralwasser drin wären, sondern dass sie da halt schon mal reingucken müsse. Er stellte sich dabei ziemlich ungeschickt an, man muss zu seinen Gunsten aber sagen, dass er sich dabei gleichzeitig noch um den Kinderwagen und zwei Kinder kümmern musste. Großes Durcheinander.

Ich stand da, war mir völlig egal, ich war in Gedanken bei den Stylesheets meines Blogs. Hat mich eigentlich überhaupt nicht interessiert.

Plötzlich aber rief der Kunde hinter mir laut, aggressiv, unhöflich, rabiat und mir so fast direkt ins Ohr: „Was machen Sie für ein Gesicht!?”

Ich habe mich erst mal gar nicht bewegt, auch nicht rumgedreht, sondern erst mal über die Situation nachgedacht und überlegt, was das sollte. Mal abgesehen davon, dass ich mir sicher war, die „Gesichtszüge auf Null” gehabt zu haben, wie es bei der Bundeswehr in der Grundausbildung immer so schön hieß, war mir nicht klar, wie jemand, der hinter mir steht, wissen will, was für ein Gesicht ich mache, weshalb ich erst mal nach vorne gesehen habe, ob da irgendwo was spiegelt oder reflektiert, denn wenn der mich sehen kann, müsste ich denn ja genauso sehen können.

Nichts zu sehen.

Der hinter mir blökte aber immer lauter und aggresiver, „Ich will wissen, was für Gesicht Sie machen!” und so, und da hat man dann schon sehr deutlich gehört, dass der nur gebrochen deutsch sprach und einen starken arabischen Akzent hatte.

Ich drehe mich um.

Hinter mir stand ein Mann, so Mitte 20, arabisches Aussehen, der sich gerade immer weiter ereiferte und immer wütender wurde, immer lauter rief und brüllte.

Nur: Der meinte mich gar nicht. Der beachtete mich gar nicht.

Der wollte der Kassiererin ans Leder.

Ich fühle mich trotzdem angegriffen, wenn mir einer zu nahe kommt und in direkter Nähe meines Ohres rumbrüllt.

Auch die Kassiererin merkt, dass er sie anblökt.

„Was machen Sie für ein Gesicht!? Hören Sie auf damit, sofort! Machen Sie anderes Gesicht!”

Ich kenne die Frau. Nicht persönlich, aber weil ich fast jedesmal, wenn ich einkaufe, bei ihr bezahle. Sie ist nicht zierlich. Sie ist eher von herberer Erscheinung. Berlinerin eben. Nicht auf’s Maul gefallen. Aber: Freundlich, hilfsbereit, gutmütig, liebenswürdig. Macht ihren Job prima. Kann ich voll bestätigen.

Sie bescheidet ihm, dass sie nunmal so ein Gesicht hat, und es sich damit auch habe. Änderungen seien nicht zu erwarten. Und wandte sich wieder der ungeschickten Familie vor mir zu, die immer noch nicht fertig war. (Da ich zuvor die Sache nicht näher beachtet habe, kann ich nicht ausschließen, dass vielleicht ein kurzer Ausdruck der Missbilligung über ihr Gesicht gehuscht ist, aber ich habe nichts negatives gesehen, die Frau ist vom Gemüt her eher von stoischer Ruhe. Anlass zu Beschwerde hat sich definitiv nicht gegeben.

Anscheinend hat ihn das provoziert, dass eine Frau ihn abblitzen lässt und nicht seinen Befehlen folgt, der wurde immer wütender und wollte sich damit nicht zufriedengeben. Jetzt hätte ich es als unhöflich empfunden, der Verkäuferin nicht beizuspringen, außerdem geht mir das auf den Sack, wenn einer in direkter Nähe meines Kopfes rumbrüllt.

Ich mische mich ein.

Und teile dem Mann kurz und direkt mit, dass die Frau gucken kann, wie es ihr beliebt, darüber habe er nicht zu befinden und bestimmen.

Er gurkt mich in gebrochenem, ungelenkem Fehlerdeutsch an, dass sie das nicht dürfe, sie dürfe nicht so gucken, sie habe anders zu gucken. So als sei er der Wächter darüber, wie man die arabische Familie vor mir überhaupt angucken dürfe.

Nein, sage ich, wir seien hier in Deutschland. Hier dürfe man gucken, wie man will, und keiner habe da Vorschriften zu machen.

Nein, das stimme nicht, er sei genauso Deutscher, herrscht er mich in fehlerhaftem Deutsch (qualitativ irgendwo unter 50%) an. Ich fand das ziemlich derb, dass da einer, der selbst kaum geradeaus deutsch spricht, mich darüber belehren will, was in Deutschland geht und was nicht.

Ich wollte gerade was erwidern, da bimmelt sein Handy. Er nestelt es aus seiner ausgeleierten Jogginghose und ist von einer Sekunde auf die andere in sein Telefonat vertieft.

Ich dachte, die Sache wäre damit erledigt, und befasse mich damit, zu bezahlen, denn inzwischen hatte die Kassiererin meine Sachen erfasst.

Er beendet sein Gespräch, steckt das Handy weg, und teilt mir sinngemäß mit „Jetzt dürfen Sie wieder zu mir sprechen!”

Jo, antworte ich, das fehlte mir gerade noch, dass ich mir jetzt auch noch von ihm sagen lassen müsste, wann ich zu wem sprechen dürfe. Ich habe ihn einfach stehen lassen und bin gegangen. Der schien sich nämlich auf Schlägerei einzurichten.

Es zeigt sich dann, dass der irgendwie zu der Familie gehörte, die gingen zusammen weg.

Ich finde das aber dreist. Für sich fordern sie jede Toleranz und jeden Respekt, aber zumindest dieser (und ein Einzelfall ist es nicht, sowas bemerkt man in U-Bahnen usw. öfter) glaubt, er könne rumlaufen und bestimmen, wer wie zu gucken habe und wann reden dürfe. Noch dazu als junger Schnösel, denn sowohl die Verkäuferin (die so ungefähr in meinem Alter sein dürfte), als auch ich sind ja von Alter und Lebenserfahrung deutlich höher.

Ich glaube nicht, dass solches Benehmen so sonderlich toleranzförderlich ist.

Ich habe aber den starken Eindruck, dass das kein Einzelfall war, sondern dass das gerade umschlägt und sich da so eine kritische Masse bildet, sich der Umgang verändert.

Und was mich an der Sache so störte (und weshalb ich sie blogge) ist, dass das meines Erachtens nicht einfach das soundsovielte der vielen Arschlöcher war, die in Berlin herumlaufen, sondern dass der von der Verkäuferin verlangte, sich nach arabischen Sitten zu richten und unterwürfig zu gucken, und dann noch meinte, mich über die hiesigen Sitten belehren zu können.