Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Trump dreht die Förderung der Geisteswissenschaftler ab

Hadmut
22.1.2017 22:44

Über Forschungsfinanzierung.

Es heißt, Donald Trump wolle die Förderung der Geisteswissenschaften beenden. Nicht die Geisteswissenschaften, sondern deren staatliche Förderung.

Pünktlich zur Vereidigung von Donald Trump zum 45. amerikanischen Präsidenten wurde bekannt, dass seine Regierung beabsichtigt, den National Endowment for the Humanities (NEH) aufzulösen. Der NEH hat seit 1965 jährlich zuletzt 148 Mio. Dollar an Mitteln für Forschungsprojekte in den Geisteswissenschaften vergeben, aber auch für Stipendien und Fellowships, die Förderung von indigener Kultur, zur Bewahrung kulturellen Erbes, für Digital Humanities und Medienproduktionen zur kulturellen Bildung. Damit ähnelt die NEH der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), geht aber in seiner Förderung über die Programme der DFG hinaus.

Entgegen der Erwartungen vieler Leser finde ich das jetzt nicht so bedeutungsschwanger, weil amerikanische Universitäten sehr stark auch ganz andere Finanzquellen einstreichen, und die staatlichen Finanzierungen da nur Zubrot sind. Meine Hoffnung ist ja, dass der den Gender Studies den Hahn abdreht, aber da sind die Universitäten schon zu verseucht, die müssten da erst pleite gehen.

Frappierender finde ich da die Vergleiche mit Deutschland:

Am 19.1.2017, am Tag vor dem Inauguration Day, meldete die Washingtoner Zeitung The Hill, dass die Trump-Regierung dramatische Einschnitte im kulturellen Bereich plant. Neben dem NEH soll auch der National Endowment for the Arts (NEA), spezialisiert auf die Förderung von Kunst und Literatur in gleicher finanzieller Größenordnung, aufgelöst werden. Außerdem ist geplant, die 1967 gegründete Corporation for Public Broadcasting zu privatisieren. Der gesamte öffentlich-rechtliche Rundfunk wird in den USA zuletzt etwa in der gleichen Höhe gefördert wie allein der Hessische Rundfunk in Deutschland.

Nochmal: Der gesamte öffentlich-rechtliche Rundfunk wird in den USA zuletzt etwa in der gleichen Höhe gefördert wie allein der Hessische Rundfunk in Deutschland.

Das ist schon wert, sich einmal am Kopf zu kratzen.

Nochmal zwei Aussagen in der Gegenüberstellung:

Der NEH hat seit 1965 jährlich zuletzt 148 Mio. Dollar an Mitteln für Forschungsprojekte in den Geisteswissenschaften vergeben, aber auch für Stipendien und Fellowships, die Förderung von indigener Kultur, zur Bewahrung kulturellen Erbes, für Digital Humanities und Medienproduktionen zur kulturellen Bildung. […]

Die DFG hat 2015 für das wesentlich kleinere Wissenschaftssystem in Deutschland den Geistes- und Sozialwissenschaften 345 Mio. Euro zur Verfügung gestellt.

In Deutschland 345 Millionen Euro für Geistes- und Sozialwissenschaften.

Und dann kommt ein Lacher, den ich da gar nicht erwartet hätte:

Viele wichtige Technologien sind bereits aus der Verbindung von Geisteswissenschaften und IT hervorgegangen – die bekannteste ist vielleicht die Extensible Markup Language (XML), die ausgehend von der digitalen Erfassung literarischer Texte entstanden ist und heute in so gut wie jeder Form von Informationskodierung im Internet genutzt wird.

Hahahahaaaa. Die Geisteswissenschafler wollen XML erfunden haben. Huahahahaa.

(Kann man übrigens Googlen, wenn es schon selbst nicht weiß: XML ist wie HTML eine SGML-Sprache, und SGML geht auf die GML von IBM zurück. Entwickelt 1969. Da wussten Geisteswissenschaftler noch nicht mal, dass es Computer überhaupt gibt. Und XML war nie und ist nicht die Standardform der Informationskodierung. Vieles wird beispielsweise auch in ASN.1 und inzwischen JSON kodiert. Und das, was in XML kodiert ist, ist nur selten etwas, was in der Erlebenswelt der Geisteswissenschaftler überhaupt vorkommt.)

Interessant ist aber schon, was sich in Amerika mit den Studiengebühren so läuft. Ich hatte ja kürzlich schon das Thema angeschnitten, dass in den USA die Studiengebühren weit stärker als Inflation und Professorengehälter steigen, sich Eltern und Großeltern katastrophal für die Studienkosten verschulden, und keiner so genau weiß, wohin das Geld überhaupt hinversickert.

Der Grund ist schon bekannt: Die Universitäten bilden immer größere Wasserköpfe aus nicht-akademischem Verwaltungspersonal, die sich also nicht an Forschung und Lehre beteiligen, sondern für irgendetwas anderes da sind.

The number of non-academic administrative and professional employees at U.S. colleges and universities has more than doubled in the last 25 years, vastly outpacing the growth in the number of students or faculty, according to an analysis of federal figures.

The disproportionate increase in the number of university staffers who neither teach nor conduct research has continued unabated in more recent years, and slowed only slightly since the start of the economic downturn, during which time colleges and universities have contended that a dearth of resources forced them to sharply raise tuition.

In all, from 1987 until 2011-12—the most recent academic year for which comparable figures are available—universities and colleges collectively added 517,636 administrators and professional employees, or an average of 87 every working day, according to the analysis of federal figures, by the New England Center for Investigative Reporting in collaboration with the nonprofit, nonpartisan social-science research group the American Institutes for Research.

“There’s just a mind-boggling amount of money per student that’s being spent on administration,” said Andrew Gillen, a senior researcher at the institutes. “It raises a question of priorities.”

Universities have added these administrators and professional employees even as they’ve substantially shifted classroom teaching duties from full-time faculty to less-expensive part-time adjunct faculty and teaching assistants, the figures show.

“They’ve increased their hiring of part-time faculty to try and cut costs,” said Donna Desrochers, a principal researcher at the Delta Cost Project, which studies higher-education spending. “Yet other factors that are going on, including the hiring of these other types of non-academic employees, have undercut those savings.”

Das heißt, die Gehälter der Professoren sind nicht nur unterproportional gestiegen, sondern insgesamt wurden die Kosten für das akademische Personal sogar gesenkt, indem man Vollzeit- durch Teilzeitwissenschaftler ersetzte. Obwohl also der wissenschaftliche Teil sogar in den Kosten sank, stiegen die Gesamtkosten, weil immer mehr nicht-wissenschaftliches Personal dort eingestellt wird.

Part-time faculty and teaching assistants now account for half of instructional staffs at colleges and universities, up from one-third in 1987, the figures show.

During the same period, the number of administrators and professional staff has more than doubled. That’s a rate of increase more than twice as fast as the growth in the number of students.

It’s not possible to tell exactly how much the rise in administrators and professional employees has contributed to the increase in the cost of tuition and fees, which has also almost doubled in inflation-adjusted dollars since 1987 at four-year private, nonprofit universities and colleges, according to the College Board. Those costs have also nearly tripled at public four-year universities—a higher price rise than for any other sector of the economy in that period, including healthcare.

But critics say the unrelenting addition of administrators and professional staffs can’t help but to have driven this steep increase.

Das heißt, dass sich dieser nicht-wissenschaftliche Wasserkopf massiv und direkt auf die Studiengebühren und damit auf die Verschuldung der Gesamtbevölkerung durchschlägt. Nur kann man denen wohl kaum noch was glauben:

At the very least, they say, the continued hiring of nonacademic employees belies university presidents’ insistence that they are doing everything they can to improve efficiency and hold down costs.

“It’s a lie. It’s a lie. It’s a lie,” said Richard Vedder, an economist and director of the Center for College Affordability and Productivity.

“I wouldn’t buy a used car from a university president,” said Vedder. “They’ll say, ‘We’re making moves to cut costs,’ and mention something about energy-efficient lightbulbs, and ignore the new assistant to the assistant to the associate vice provost they just hired.”

The figures are particularly dramatic at private, nonprofit universities, whose numbers of administrators alone have doubled, while their numbers of professional employees have more than doubled.

Rather than improving productivity as measured by the ratio of employees to students, private universities have seen their productivity decline, adding 12 employees per 1,000 full-time students since 1987, the federal figures show.

Wie kommt das?

Universities and university associations blame the increased hiring on such things as government regulations and demands from students and their families—including students who arrive unprepared for college-level work—for such services as remedial education, advising, and mental-health counseling.

“All of those things pile up, and contribute to this increase,” said Dan King, president of the American Association of University Administrators.

Man muss also immer mehr Kindergärtner für immer jüngere und immer blödere Studenten einstellen. Im Prinzip müssen die alles noch nachholen, was seit dem Kindergarten versäumt wurde, und die Leute trockenlegen, wickeln, stillen.

Da liegt aber noch ein anderes Problem: Die Universitäten produzieren damit auch immer mehr Absolventen, die zu nichts zu gebrauchen sind – und stellt diese dann selbst ein. Ein Schneeballsystem, auch „progressive Kundenwerbung” genannt. Immer mehr Leute müssen für die Schulden der Vorgänger aufkommen. (Bekanntlich platzen die alle.) Genau das:

In higher education, “Everyone now is a chief,” he said. “And there are a lot fewer Indians.”

Das heißt, dass das Verhältnis von Kosten zu Nutzen beim Studium immer schlechter wird.

Hier gibt’s schöne Graphiken dazu, in welchen Studiengängen man eine Chance hat, seine Studienkosten in 20 Jahren wieder zu erwirtschaften, und in welchen nicht. Ingenieure, Computer, Mathe haben – wenig überraschend – die besten Chancen.

Damit sind die Universitäten letztlich Orte, die sich mit ihrem eigenen Ausbildungsmüll anreichern und damit vergiften.

Und damit können sogar verhältnismäßig kleine Einschnitte bei Geldern wie jetzt der angekündigten Kürzung von Trump erhebliche Wirkung haben, wenn die nämlich dazu führen, dass das Schneeballsystem früher zusammenstürzt.

Ich bin mir daher ziemlich sicher, dass wir in den nächsten 4 Jahren einen massiven Einbruch der Sozial- und Geisteswissenschaften sehen werden.