Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

“Denke!”

Hadmut
16.12.2012 12:04

Deutschlands einziger Rohstoff ist Bildung und Wissen. Und da werden wir gerade gnadenlos abgehängt und auf den Schrottplatz der Weltgeschichte verfrachtet. Alle jammern sie über die Alterspyramide und die volkswirtschaftlichen Folgen der Überalterung, aber keiner redet über den Wissensabbau und die zunehmende Wissenschaftsfeindlichkeit.

Die ZEIT berichtet darüber, wie die Scheicha von Katar den Umbau der Gesellschaft hin zur Wissengesellschaft betreibt. Zitat:

“Denke!” steht in knallgelben, übermannshohen Buchstaben an der Uferpromenade in Doha, der Corniche. Auch an vielen anderen Orten in der Hauptstadt Katars sind die Parolen unübersehbar. Sie rufen die Passanten auf, ihr Gehirn zu gebrauchen. “Erforsche!”, steht auf Plakaten entlang der Straße; “Lerne!”, “Schaffe!”, “Staune!”, “Wachse!” und “Erfinde!”

Katar soll zu einer Wissensgesellschaft werden.

Toll. Man stelle sich vor, was in Deutschland los wäre, wenn man hier solche Plakate aufhängen würde. Das würde massive Kritik der Bevölkerung und politischen Streit hervorrufen. Ein Aufruf in Deutschland, „das Gehirn zu gebrauchen” – völlig undenkbar. Hirn ist hier total out. Stattdessen suhlen wir uns in einer immer weiter steigenden Bildungs- und Wissenschaftsfeindlichkeit, in Willkür, Esoterik und Forschungsbetrug. Wir sind eine Gesellschaft geworden, in der die Zahl der Schüler, die nicht richtig lesen können, wieder massiv ansteigt und in der Grundschullehrer die Priorität auf Lebenshilfe statt auf Grundschulbildung legen müssen.

Dazu kommt die systematische und politisch betriebene Ausrottung von Bildung und Wissenschaft an den Universitäten. Forschen, Erfinden, Schaffen wird gerade als politisch unerwünscht totgeschlagen.

Es erinnert mich an die alternativen Energien. Während bei uns die Solarzellenhersteller pleite gehen, boomt sie in Fernost. Und die arabischen Ölstaaten bereiten sich in schlauer Voraussicht auf die Zeit nach dem Öl vor, indem sie alternative Wirtschaftsmodelle aufbauen und beispielsweise massiv alternative Energiequellen und Energiesparmaßnahmen erforschen.

Die hängen uns da völlig ab.

Wir werden da in den nächsten 20 bis 40 Jahren völlig ins Hintertreffen geraten und bedeutungslos werden.

Nachtrag 1: Scheicha ist eine fürchtliche Umschreibung aus dem Arabischen. Das englische Sheika trifft’s glaube ich erheblich besser.

Nachtrag 2: Die Scheicha ist Frau, emanzipiert, Muslima und Soziologin, und bringt die Gesellschaft und die Wissenschaften richtig voran. Warum haben wir nicht solche?


17 Kommentare (RSS-Feed)

Michael Klein
16.12.2012 12:59
Kommentarlink

Adaption für Deutschland:
Denke! – Fete!
Lerne! – Man kann nicht immer nur arbeiten.
Schaffe! – Soziale Grundsicherung!
Staune! – Gäähn!
Wachse! – Woran?
Erfinde! – Denunziere und melde!


georgi
16.12.2012 13:14
Kommentarlink

Parolen an Uferpromenaden und an all möglichen und unmöglichen Stellen erinnern mich an die DDR. Darüber machte man sich damals lustig, über das “Meistern von Schlüsseltechnologien”, “CAD/CAM”, “Mikroelektronik”, “Messe der Meister von Morgen”, “&UUml;berholen statt einholen”, “Wissenschaft als Produktivkraft” u. dergl.

…interessanterweise sind hier konservative Politiker an der Situation genauso schuld wie die Grünen. Letztere haben sich wenigstens ins Zeug gelegt, um alternative Energien in Deutschland voranzubringen; erstere hatten nichts besseres zu tun, als den Energiemonopolen entgegenzukommen, und mögliche Entwicklungen in Deutschland von vornherein vereitelt. Auch das Schulsystem haben alle miteinander in die Grütze gefahren. Einerseits mit Esoterik, andererseits mit althergebrachtem und neoliberalen Dogmatismus. Auf Feminismus zu schimpfen w&auuml;re an dieser Stelle zu einfach.


Anmibe
16.12.2012 13:20
Kommentarlink

1.) Müsste es im Deutschen nicht eigentlich auch „Scheichin“ und nicht Scheicha heißen? Das Endungs a für weiblich ist eher romanisch. Gut, Sultan und Sultanine könnte zu Verwirrung führen. 😉

2.) Mit der Situation hier bei uns hast Du recht, sage ich inhaltlich auch des Öfteren (Was ist von einem Land welches eine Schavan als Wissenschaftsministerin auch zu erwarten), aber Deine Verallgemeinerung „die arab. Ölstaaten trifft es nicht. Weder Bahrain, noch die VAE, Saudi Arbabien schon gar nicht, mutieren ernsthaft zu Denkfabriken. Da steht die Religion zu sehr im Wege. Katar ist eine Ausnahme, eine von den Nachbarn argwöhnisch beäugte, seit der Gründung von Al Dschasira. Oman geht übrigens mMn ebenfalls einen interessanten Mittelweg.


Hadmut
16.12.2012 13:29
Kommentarlink

@Anmibe: So einfach ist das nicht. Auch Saudi Arabien hat eine – wenngleich auch eher weniger bekannte – sehr moderne Universität irgendwo in der Wüste, in der man ganz normal, unverschleiert, Männer und Frauen, im westlichen Stil forschen kann. Mit dicken Mauern und Wachdienst außenrum zum Schutz vor religiösen Eiferern. Sie hängen es nicht an die große Glocke, aber ich habe schon mehrfach gehört, dass Wissenschaftler einfach in die arabischen Staaten weggekauft werden und dort forschen. Bei den VAE war ich bisher zwar nur in Dubai, die jetzt mehr auf Tourismus und Protz machen, habe mir aber sagen lassen, dass in Abu Dhabi ziemlich unauffällig und still aber sehr intensiv an modernen Energietechnologien geforscht wird. Und die haben wirklich superfett Geld.

Es ist zwar richtig, dass ihnen ihre Religion heftig im Wege steht. Aber es ist ein Trugschluss zu glauben, dass die Religion dort überall die Macht hat. Gerade die jeweiligen Herrscher haben das durchaus verstanden und genug Ahnung von Business um gemerkt zu haben, dass Religion ihr Zukunftsproblem ist. Die Religion ist da nur noch der Grund, warum sie es nicht an die große Glocke hängen.


Anmibe
16.12.2012 17:18
Kommentarlink

@Hadmut:
So toll scheint es mit dieser Uni in S. Arabien nicht zu laufen, soweit ich vor einiger Zeit gelesen habe. Die hatten auch eine Kooperation mit den Uni hier in DE. Tenor war eben, daß dort vieles an den Religionswächtern scheitert (auch in sich logisch, die können soetwas nicht dulden), obwohl der Prinz eine freie Unistadt haben wollte.
Was mich auch stutzig macht ist, daß sie bis heute nicht geschafft haben wenigstens die relativ unverfänglichen Studiengänge für Maschinenbau und Ingenieure aufzubauen, um die Fördertechnologie selbst zu beherrschen. Die gesamte Technik kommt aus dem Ausland. Zweifwelsohne ist genug Geld da um entsprechende Strukturen aufzubauen und uns abzuhängen, wenn sie es wirklich wollten.
Die VAE haben verstanden, daß das Öl endlich ist, übrigens arbeiten sie auch an etwas ebenso Wichtigem: Süßwasserbereitstellung! Dennoch sehe ich diese Länder nicht als relevante Gefahr an, noch sind die Denkverbote einfach zu groß. China dürfte uns weitaus mehr zu schaffen machen. Erst kopieren sie so lange bis die Techniken beherrschen, aber dann werden die Weiterentwicklungen kommen. Allein schon bedingt durch die Anzahl der Studenten dort, wird ein Grundstein für eine gewaltige Wissensarchitektur gelegt.


HF
16.12.2012 18:27
Kommentarlink

Jedesmal wenn ich von Wissen als Rohstoff lese,
muss ich an die armen Länder denken, die unter diesem zweifelhaften Segen leiden. In den wenigsten Fällen profitieren die Eingeborenen davon. Das Dilemma des Wissensmanagers: Wie bekommt man das wertvolle Gut aus den Köpfen der Eingeborenen heraus, ohne ihnen Zugeständnisse machen zu müssen?
Lohnt sich die Forschungsförderung in Deutschland noch, oder ist das alles nur ein hoffnungsloser Subventionssumpf? Ist es undenkbar, dass Forschung objektiv unrentabel ist und das Geld statt dessen in lukrativen Projekten wie S21 oder dem Berliner Flughafen besser aufgehoben ist? Vielleicht haben die Betriebswirte einfach recht und das Zeitalter der Wissenschaft endet in diesem Land. Historische Vorbilder gibt es.


Hanz Moser
16.12.2012 18:29
Kommentarlink

“In einem Land, in dem die besten natürlich Ressourcen Stein- und Braunkohle sind und diese nicht ohne Subventionen auskommen, in so einem Land ist der Gesamtetat für Bildung so winzig, dass jedes politische Reförmchen, über das berichtet wird, finanziell in Vielfachen dieses Bildungsetats gemessen werden kann. Ob dieses himmelschreienden Irrsinns…”

Aus einem Zeitungsartikel von mir um die Jahrtausendwende.
Willst du noch mehr Zustimmung?


Joe
16.12.2012 18:56
Kommentarlink

Das mit dem “Rohstoff Wissen” ist m. E. reine Hybris und beruht auf Ausruhen auf alten Lorbeeren. Die Gesellschaft zehrt gerade die letzte Substanz weg, die noch aus besseren Zeiten übrig ist. Die Ideocracy ist nicht mehr weit.


Skeptiker
16.12.2012 19:49
Kommentarlink

Hadmut, deine Ansichten zum “Bildungs”-“System” hierzulande teile ich in Gänze. Nicht mehr lange, und die Anzahl ausländischer MINT-Studenten hier wird wohl wieder abnehmen. Wäre ein Benchmark dafür, ob man hier noch was ökonomisch oder wissenschaftlich Verwertbares lernen kann.

Aber ausgerechnet die Golfstaaten und Saudi-Arabien als Vorbild für überhaupt irgendetwas (erstrebenswertes) hinzustellen, geht mir echt zu weit, selbst wenn es unter den ganzen Prinzen und von mir aus Prinzessinnen ein paar kluge und freigeistige Köpfe geben sollte. Das sind grausam illiberale und menschenfeindliche Diktaturen, nichts sonst.

Da sehe ich auch eher eine chinesische oder von mir aus irgendwann zusätzlich auch indische Hegemonie auf uns zukommen.


Hadmut
16.12.2012 19:54
Kommentarlink

War halt jetzt nur der Anlass für den Gedanken.

Als ich damals in Peking war, hab ich ja auch schon was dazu geschrieben. Mir ist es Angst und Bange geworden, als ich in der Informatik-Etage (!) einer Pekinger Buchhandlung in der Fußgängerzone war. Wohlgemerkt, keine Uni-Bibliothek, sondern Fußgängerzone. Da war einfach alles zu haben.


WikiMANNia
17.12.2012 9:00
Kommentarlink

Wie wäre es mit “Scheichin”?
Oder genderistisch “Scheich_in”?


SH
17.12.2012 9:41
Kommentarlink

@Anmibe 1) Sheikha ist korrekt, zumal das auch ein weiblicher Vorname ist (genauso wie Sheikh ein männlicher Vorname ist). Die Umschreibung mit kh ist dem Englischen entlehnt, ist halt ne Gewöhnungssache, ob man es mit kh oder ch schreibt (wobei kh wie in “ach” ausgesprochen wird, nicht wie in “ich”). Eher relevant ist die Aussprache der Vokale, denn von der Aussprache her ist es eher wie “Scheech”, aber damit tut man sich hier eh etwas schwer, hierzulande wird Dubai ja auch wie “DUbai” gesprochen (anstatt des korrekten DubAI).

Zum Ursprungsthema: Nach fünf Jahren Erfahrung im akademischen Bereich am Golf halte ich die Plakatkampagne für eine dort typische Wir-werden-ganz-toll-Schall-und-Rauch-Kampagne – nichts, worauf man irgendetwas zu geben braucht.


dentix07
17.12.2012 22:13
Kommentarlink

@ Anmibe
Was Du ansprichst ist wahrscheinlich das hier:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/forschung-und-lehre/spitzenforscher-ans-rote-meer-wie-saudi-arabien-den-unfug-des-hochschulrankings-nachweist-11767114.html
Scheint nicht darum zu gehen tatsächlich wissenschaftliche Spitzenklasse zu werden, sondern mithilfe angeworbener, renommierter Wissenschaftler und deren Veröffentlichungen (die dann im Ranking – z.B. Shanghai – für die saudische (oder andere Ölstaaten)-Unis gewertet werden)im Ranking aufzusteigen und so Spitzenklasse vorzugaukeln.


Anmibe
18.12.2012 23:32
Kommentarlink

@SH Das Sheikha korrekt ist wollte ich auch nicht bestreiten. Die Frage ist ob Scheich nicht schon so eingedeutscht ist, daß man es als deutsches Wort behandeln kann (analog zu „Burg“ dessen pers. Herkunft — urspr. Turm — man auch nicht mehr sieht).


Hadmut
18.12.2012 23:38
Kommentarlink

Hieße es dann die Scheichin – oder „die Scheiche” ?


Anmibe
18.12.2012 23:47
Kommentarlink

@dentix07 Danke für den Link, den kannte ich noch nicht, aber das Thema hatte ich gemeint. Wobei ich nicht abstreiten will, daß es auch in diesen Ländern durchaus Leute geben mag, die etwas verändern wollen, sie sind halt im System gefangen. Andererseits herrscht dort die Meinung vor, daß alles nur eine Frage des Preises ist. Oder um es etwas polemisch zu formulieren: die Araber sind halt traditionell Händler!
Ich sehe übrigens auch die viel gerühmte arab. Gastfreundschaft im
Allgemeinen eher skeptisch, basiert sie doch auch auf einem gegenseitigen Nehmen und Geben, welches nicht unserem Verständnis von Freundschaft entspricht.


Anmibe
18.12.2012 23:53
Kommentarlink

@Hadmut
Ich würde sagen der Scheich und die Scheichin. Scheiche wäre eher eine Pluralform, wobei wir gegenwärtig eher Scheichs benutzen. Aber ich will hier nicht die deutsche Sprache revolutionieren.