Wolfgang Schäuble und die DDR
Da tun sich Fragen auf.
Ich hatte doch vor ein paar Tagen im Zusammenhang mit dem Polizeigewerkschaftsvorsitzenden Hüber, der da wohl eine Vergangenheit bei den DDR Grenztruppen hatte, nochmal in der Kurzversion zu Wolfgang Schäuble, Otto Leiberich, der DDR und wie man die DDR-Kryptologen eingesammelt hat geschrieben.
Dazu schickte mir ein Leser das:
Zeichnen sich da nicht gewisse Parallelen zu den Kryptologen ab?
Dass das Gespann Schäuble und Leiberich DDR-Leute eingesammelt und untergebracht hat, weiß ich seit ein paar Jahren von eben diesen Kryptologen.
Aber: Das erschien mir plausibel, weil es im Interesse der Bundesrepublik und auch der Amerikaner lag, Leute vom Arbeitsmarkt wegzuholen, die wussten, wie man die West-Telefone abhören kann. Das ist nachvollziehbar, dass man versucht, die einzufangen.
Was aber, wenn das gar nicht der tragende Grund war?
Ich hatte schon einige Male erzählt, dass der beste und spannendste Vortrag, den ich je in der Kryptographie gehört habe, der von Otto Leiberich darüber war, wie man den Kanzlerspion Günter Guillaume geschnappt hat. Man habe es geschafft, die Agentenchiffre der DDR zu brechen – ich weiß es nicht mehr genau, ich glaube, es war ein „Doppelwürfel“, einer der vor der elektronischen Verschlüsselung mit Computern gängige Handchiffre, für die man nichts mitzuführen braucht, was einen verraten könnte, und bei der man alles im Kopf halten kann. Die habe man geknackt, weil der Schlüssel dazu irgendein bekanntes Literaturzitat war (ich habe irgendetwas mit „sangen wie die Vöglein singen“ in Erinnerung, bekomme es aber nicht mehr zusammen) und man damit eine Nachricht entschlüsseln konnte, in der die DDR ihrem Musterspion zum Geburtstag gratulierte.
Man nahm an, dass der Spion zwar einen Tarnnamen verwendet, aber – um nicht durcheinander zu kommen – seinen echten Geburtstag und durchwühlte heimlich alle Personalakten, wer an diesem Tag Geburtstag hat und dafür in Frage käme.
Dann lief das irgendwie ganz seltsam. Irgendwie hatten sie gegen Guillaume einfach gar nichts hin der Hand und keinen Beweis, außer dem Geburtsdatum, und haben den einfach überrumpelt und per Überraschungsbesuch festgenommen, und der hat nicht gemerkt, dass sie ihm nichts beweisen konnten und sagte sofort „Ich bin Offizier der [weiß nicht mehr, DDR Volksarmee oder Stasi oder so etwas]“.
Nur: Stimmt das überhaupt?
Ich habe zu dieser Erzählung immer angemerkt, dass dieser Vortrag vielleicht einfach zu gut und die Story zu schön war. Und dass man Geheimdienstleuten einfach gar nichts glauben darf, weil sie aus Prinzip lügen. Sie präsentieren schöne, flutschschluckige Stories, die so toll sind, dass keiner fragt, ob sie stimmen oder das sind, was man glauben soll. Ich hatte mich vorher mit der Enigma und dem zweiten Weltkrieg beschäftigt und das strotzt alles vor Fake-Stories und Irreführung.
Allein der britische Bletchley Park war so ein totales Lügen- und Geheimhaltungsding. Es gibt einen Bericht von einem Ehepaar, das erst nach Jahrzehnten gemerkt hat, dass sie beide in derselben Anlage für den britischen Geheimdienst gearbeitet haben, weil man nichts sagen und keiner wissen durfte, wer in der Nachbarhütte sitzt. Oder was die machen.
Seit damals stelle ich mir die Frage, ob diese schöne, stark zuckerhaltige Story stimmt, oder ob man den auf ganz andere Weise geschnappt hat. Vielleicht hatte man einen Spion im Osten. Vielleicht konnte man die ganz anders abhören. Irgendwas, wovon man ablenken wollte, weil es nicht öffentlich werden soll. Vielleicht hat ihn jemand verraten. Vielleicht hat der Westen ebenso Huren eingesetzt wie der Osten. Vielleicht haben sie einen einfach mal so richtig gefoltert, bis er plaudert. Wer weiß.
War die Beziehung zwischen Schäuble/Leiberich und der DDR eine andere als man uns glauben machte?
Warum hat Schäuble einen DDR-Grenzer protegiert?
Ihm eine Karriere gemacht?
Hat Hüber für den Westen gearbeitet?
Oder Schäuble für den Osten?
War Schäuble erpressbar?
Oder gab es da irgendeinen Deal?
Ich hatte ja schon oft die Vermutung geäußert, dass der Zusammenbruch gar nicht so unkontrolliert war, sondern das eher inszeniert war. Könnte es also sein, dass es da vorher einen Deal zwischen West und Ost gab, dass man die Sache gewaltlos über die Bühne gehen lässt und man dafür die Bonzen alle mit Posten in Gewerkschaften, NGOs und sowas alles versorgt?
Erstaunlich viele SED-„Journalisten“ haben ja steile und vor allem bestbezahlte Karrieren hingelegt, vor allem beim Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk.
Oder hatte man vielleicht einfach gut gefüllte Kompromatkoffer und dachte sich, das ist der richtige Zeitpunkt, sie zu öffnen und die im Westen mit was auch immer zu erpressen? Wo man doch deren Telefone abhören konnte?
Vielleicht gab es da Kinderschänder? Und man hatte Fotos? Filme? So eine Jeffrey-Epstein-Nummer, nur auf russisch?
War das mit der Wende vielleicht alles ganz anders? Ein Theaterstück? Vom Osten aufgeführt?
Wer weiß. Vielleicht finde ich ja wieder ein Puzzlestückchen für mein Promotionsdrama. Schäuble scheint eine Schlüsselfigur zu sein.