European Mist Contest
Zum Davonlaufen.
Eigentlich ist der European Song Contest, wie der Name, ebenso wie der frühere Grand Prix de la chanson, ein Wettbewerb der Lieder – nicht etwa der Sänger oder der Tänzer. Auch wenn es meist der Durchbruch für die Sänger war.
Trotzdem fragt man sich, warum das eine so stark optisch geprägte Show ist, wenn es doch eigentlich ein Anhörwettbewerb ist. Der Wettbewerb wird aber von den Fernsehanstalten verantstaltet, obwohl er eigentlich ins Radio gehört. Eigentlich dürfte man da gar nichts sehen, nur hören. Weil es doch ein Liederwettbewerb ist.
Früher gab es ganz viele bekannte Lieder als Sieger – nein umgekehrt, wurden viele Siegerlieder sehr bekannt und machten dann Abba, Udo Jürgens und so weiter groß, und viele dieser Lieder kennt man auch nach rund 40 Jahren noch sehr gut.
Die Lieder der Wettbewerbe der letzten 10 Jahre, auch heute, kann ich mir nicht mal 4 Minuten merken. Die sind vorbei und dann habe ich die schon wieder vergessen. Die einzige Melodie, an die ich mich jetzt gerade noch erinnern könnte, ist der Refrain des deutschen „I’m on fire“, aber auch nur deshalb, weil man das in den letzten Wochen immer wieder gehört hat.
Warum?
Weil die richtig erfolgreichen Lieder von vor 40 Jahren schmissige Lieder waren, die man mit- oder auch singen konnte. Das waren Lieder, bei denen man gleich mitsingen konnte, oder für die man dann bald die Akkorde und den Text im Gitarrenbuch fand und die man dann am Lagerfeuer schrammeln konnte.
Ich habe mir das eben nochmal im Schnelldurchlauf angehört, den sie am Ende der Songs nochmal bringen. Es ist verblüffend, aber obwohl ich die Sendung vorher zwar nicht bewusst gesehen, aber nebenbei gehört hatte, während ich Belege sortiert habe, kamen mir die meisten Songs völlig fremd vor, obwohl ich die alle vorher gehört hatte.
Und: Eigentlich hörte sich keiner angenehm an, würde ich keinen davon freiwillig hören oder in meine Musiksammlung aufnehmen.
Noch weniger aber könnte, wollte oder würde ich irgendeines dieser Lieder selbst singen oder auf der Gitarre schrammeln wollen. Das würde ich weder hören, noch selbst singen. Nicht können, nicht wollen.
Aber warum? Das Zeug ist nicht mehr melodiös und auch kaum harmonisch. Denkt mal an solche Gruppen wie The Mamas and the Papas, Beach Boys, Abba, Beatles oder frühere ESC-Sieger. Die haben sauber gesungen, tolle Melodien, großartige Harmonien, super gesungen. Heute dagegen fehlt das, versucht man akustische Sondereffekte zu produzieren, seltsame Töne, sich irgendwie durch ungewöhnliche Geräusche abheben, dazu Feuerfontänen und alberne Klamotten.
Wo sind all die Melodien hin verschwunden? Warum kann man keine Lieder mehr machen, sondern baut nur noch Geräusche?
Ich habe mal vor einiger Zeit die Theorie gehört, dass alle Melodien aufgebraucht seien. Es könne nur eine endliche Zahl von hirngängigen kurzen Tonfolgen geben, und wenn man daraus sie heraussucht, die sich gut anhören, blieben wenige übrig, und mit denen sei man eben durch.
Gerade spielen sie alte Klassiker wie Waterloo, Dschingis Khan oder Nel blu, dipinto di blu („Volare“).
Auf den ersten Blick – ‘tschuldigung, ich meine natürlich Hör – würde auch Waterloo von Abba, Riesenhit, da kaum auffallen, jedenfalls so, wie sie es heute spielen. Aber: Das Publikum singt bei diesen alten Klassikern begeistert mit. Und das eben nicht nur, weil man die Lieder seit Jahrzehnten kennt, sondern eben, weil man sie auch mitsingen kann.
Und deshalb halt ich den ganzen Contest für verfehlt, weil es keine Songs mehr sind. Das sind Zappelshows unter Geräuschabsonderung.
Irgendwer wird gewinnen. Einfach nur deshalb, weil jedes Land Punkte vergeben muss, und irgendwer halt am meisten Punkte bekommen wird. Es gibt kein „Tut uns leid, dieses Jahr gibt es keinen Sieger, die waren alle zu schlecht.“ Wir sind beim Rundfunk, da gewinnt immer einer, egal womit.
Und schon am Montag wird sich niemand mehr daran erinnern, aber das Siegerland die Last haben, den Mist beim nächsten Mal auszurichten.