Vater, Mutter, Tochter, Hirn
Eine blognahe Beobachtung am Rande.
Erinnert Ihr Euch, was ich vor einiger Zeit darüber geschrieben habe, dass es Frauen schwer fällt, die Bewegungsrichtungen und Absichten anderer Leute zu erkennen und zu extrapolieren, dass Frauen deshalb oft im Weg stehen, weil sie sich außerdem noch gerne an der engsten Stelle versammeln? Und nicht merken, dass sie im Weg stehen, aber dann einen Schreck bekommen, wenn sie am Gesichtsausdruck des anderen merken, dass sie ihn irgendwie verärgert haben? Ich habe das so oft beobachtet, aber auch unzählige Leser haben mir solche Beobachtungen bestätigt.
Ich war heute einkaufen. Im Einkaufszentrum. Nichts Wichtiges, so Haushaltskram und Strandkrempel halt, große Tüte. War in der obersten Etage (1. OG) und wollte runter in die unterste (-2, Tiefgarage), weil ich ganz unten geparkt hatte. Hatte also die Taste zum Fahrstuhl gedrückt, etwas gewartet, der Fahrstuhl kam, ganz leer, und ich als Erster rein. Weil noch einige andere Leute rein wollten und ich als Letzter wieder aussteigen würde, habe ich mich natürlich ganz hinten in die Ecke gestellt. Nach mir kamen noch zwei Familien und ein älteres Paar rein.
Eine der Familien war, obwohl auf Zypern, eine deutsche. Vater, Mutter, Töchter. Die sprachen natürlich deutsch, ich ließ mir nichts anmerken, und die nahmen wohl nicht an, dass jemand sie versteht.
Im Erdgeschoss gab es schon Probleme, weil das Töchterchen der deutschen Familie (weiß nicht, so vielleicht so 6 Jahre alt) dem Paar, das rauswollte, im Weg stand. Die Kleine stand vorne in der Mitte der Fahrstuhltür (alles aus Glas und durchsichtig) und blickte neugierig nach drausen.
1. Untergeschoss. Die andere Familie will raus, geht aber nicht, Töchterchen steht schon wieder im Weg. Die Familie sagt höflich aber bestimmt etwas in einer anderen Sprache, zweifellos, dass sie gerne rausmöchten. Und zwar bevor die Tür wieder zugeht. Töchterchen kapiert’s nicht. Guckt zwar, aber merkt nicht, worum es geht.
Der Vater steht hinten, neben mir an der Rückwand, und wird sauer. Nicht auf die andere Familie, sondern auf seine Tochter. Passiert wohl nicht zum ersten Mal, muss eine Vorgeschichte haben. Papa raunzt Tochter an, sie soll doch mal aus dem Weg gehen, damit die anderen rauskönnen. Tochter guckt völlig erstaunt, als habe sie das noch gar nicht gemerkt, dass welche rauswollen, und sie das erst erfassen müsse. „Nun geh doch mal zur Seite!“
Tochter gehorcht, weil Papa sauer und direkte Anweisung, man sieht ihr aber deutlich an, dass sie die Situation nicht versteht und darüber staunt, dass jetzt so viele Leute an ihr vorbeigehen. Damit hat sich überhaupt nicht gerechnet.
Es entsteht ein Streit zwischen Vater und Mutter. Mutter so sinngemäß, aus der groben Erinnerung „Lass sie doch, sie kann doch nichts dafür“. Vater so „Sie begreift es einfach nicht. Wie oft soll ich ihr das noch sagen, dass sie Leuten nicht im Weg stehen und zur Seite gehen soll!“ Mutter versteht das Problem irgendwie auch nicht. Vater dagegen versteht nicht, wie man das Problem nicht verstehen kann.
Nur noch die deutsche Familie und ich im Fahrstuhl, wir kommen bei -2 an. Wir müssen alle raus, und ich habe beschlossen, mich nicht als Deutscher zu erkennen zu geben, sondern einfach nur milde zu lächeln und zu warten, bis alle raus sind, und als Letzter rauszugehen.
Geht nicht.
Töchterchen steht wieder am Ausgang, und sieht, dass ich hinausmöchte, weil ich die Tüte aufgenommen und mich etwas nach vorne bewegt habe. Ich beschließe aber, jede Konfrontation zu vermeiden und einen auf gutmütiger, verständnisvoller, milde lächelnder (meinetwegen auch debiler) Opa zu machen, und einfach zu warten, was passiert. Und dann beobachte ich etwas, was wieder aufschlussreich ist: Das Mädchen weiß, dass es etwas falsch gemacht hat und weiterer Ärger von Papa droht, und versucht jetzt, alles richtig zu machen, scheitert aber daran. Sie stand immer noch am Ausgang des Fahrstuhls, hatte sich nach innen gedreht, sah mich an und steckte in einem Dilemmma, für das sie keine Lösung fand: Sollte sie einfach rausgehen, was das Einfachste und eigentlich selbstverständlich wäre, weil sie ja sowieso auf dieser (untersten) Etage rausmüssen und sie ganz vorne stand? Oder soll sie in den Fahrstuhl hineingehen, damit sie mir Platz machen und mich herauslassen kann, wie von Papa geheißen?
Man hat dem Kind förmlich angesehen, wie das zu einem für sie unauflösbaren Dilemma wurde und sie nicht wusste, wie sie es lösen kann.
Mutti blickt’s nicht. Papa interveniert und schieb die kleine raus, dazu sinngemäß „Geh raus, wir müssen hier raus!“
Ich wortlos als Letzter raus und auf dem Weg zum Auto darüber nachgedacht. Das war ein Paradebeispiel, geradezu ein Prachtbeispiel dafür, dass männliche und weibliche Gehirne unterschiedlich funktionieren. Tochter und Mutti haben das Problem überhaupt nicht räumlich, strategisch, prädiktiv, probmellöserisch erfasst, sondern das alles nur als soziale Interaktion. Papa dagegen hat die Sache überhaupt nicht sozial gesehen sondern allein unter dem Gesichtspunkt, effizient, reibungsfrei, störungsfrei, schnell und einfach rein- und rauszukommen. Die Kleine hat erfasst, Papa ist böse, ich habe was falsch gemacht. Aber sie war nicht in der Lage, in der erforderlichen Zeit einen räumlichen Plan zu machen, die Absichten der anderen zu erfassen, nämlich rauszukommen, einfach nur durch diese Tür zu gehen, und dass das nicht geht, weil sie im Weg steht und zur Seite gehen müsste.
Es war die perfekte Beispielsituation, weil auch noch Mutti dabei war, die das Problem auch nicht verstanden hat, und Papa, weil der genau darüber sauer war, weil er nicht begreifen konnte, warum seine Frauen das nicht begreifen.
Hätte man es auf Video aufgenommen, wäre es ein perfektes Anschauungsbeispiel für Evolutionspsychologen.
Man müsste die Erziehung von Mädchen so auslegen, dass sie genau das üben, trainieren müssen.