Ansichten eines Informatikers

Amelia – wie Internet und KI eine politische Zeitenwende einleiten

Hadmut
25.1.2026 3:39

Schon seit drei Tagen habe ich vor, einen Blogartikel über Amelia zu schreiben und dazu die Videos zu sammeln.

Nun schreibt mir ein Leser

UK Propaganda geht nach hinten los: Das Amelia Meme

Hallo Hadmut,

du hast ja noch gar nichts über das Amelia-Meme geschrieben: https://neokonservativ.wordpress.com/2026/01/24/die-schonsten-amelia-videos-und-bilder/
Dabei ist es doch eins der Themen deines Blogs, wenn Propaganda so richtig schön nach hinten losgeht 😀

Jaaa, ich will ja auch schon seit drei Tagen was darüber schreiben. Ich muss die nur alle einsammeln, und vor allem: Herausfinden, wie das eigentlich angefangen hat. Welcher Schuss da nach hinten los ging.

Ursprünglich nämlich war Amelia ein PR-/Propagandaprodukt, angeblich aus dem Spiel „Pathways“. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es dasselbe ist, aber vor einigen Wochen ging herum, dass die Briten jetzt ein Spiel verbreiten, das Kindern einhämmern soll, dass es verboten ist, gegen Einwanderung zu sein oder diese zu kritisieren. Ich vermute, dass das dieses Spiel ist, bin mir aber nicht sicher. Angeblich entwickelt von einer linken NGO namens Shout Out UK, aber auch das nur Behauptung der KI, so ganz durchgestiegen bin ich da noch nicht. Angeblich sollte „Amelia“ dabei negativ wirken, ein Zerrbild von Konservativen, eine junge Frau mit lilafarbenen Haaren, goth/e-girl-Ästhetik, die sich gegen Masseneinwanderung ausspricht, nationalistische/post-liberale Ansichten vertritt und als „bigott“, „rassistisch“ oder „rechtsextrem“ dargestellt wird. Also abstoßend sein, so ein Nazi-Prototyp. Vielleicht hat man sich da vom amerikanischen Begriff der „Karen“ leiten lassen und dachte, das funktioniert.

Hier gibt es ein Video, das erklärt, wie Amelia „erschaffen“ wurde:

Es funktionierte nicht.

Denn Amelia sah wohl zu gut aus. Viele Leute fanden die gar nicht abstoßend, sondern im Gegenteil sympathisch. Und dann hat das angefangen, dass jede Menge Leute – mit KI, moderner Videotechnik und all den bekannten Filmfiguren, angefangen haben, Amelia zum Leben zu erwecken, und – Sprachwitz – die Sache umgedreht: „Amelia is right“ – von ist rechts zu hat recht. „They made her to scare us – we made her our queen“.

Zumal sie obendrein auch noch einen taktischen Fehler begangen haben, denn Amelia ist in ihrer Erscheinung – junge kecke Frau mit Lila Haaren – der Figur Tonks aus Harry Potter sehr ähnlich. Und die gehört zu den Guten, ist Sympathieträgerin.

Leider sind einige Tweets inzwischen gesperrt. Ich kann sie zwar noch sehen, aber weder runterladen noch einbetten, und die Links darauf funktionieren auch nicht mehr. Was schade ist, denn die sind wirklich gut gemacht. Und einige sind mir aus der Bookmark-Liste verschwunden.

Ich habe in der folgenden Liste welche doppelt, aber das ist Absicht, weil ich da teilweise Probleme hatte, den Einbindecode zu bekommen. Doppelt hält besser.

Es gibt ganz viele Leute, die jetzt Amelia-Videos produzieren, in vielen verschiedenen Stilen, siehe auch den Link des Lesers, auch in verschiedenen Cartoon- und Zeichenstilen.

Am besten finde ich aber die realistischen, auch mit Filmfiguren, die im Account Huff verteilt werden, weil da Amelia nicht nur richtig gut aussieht, sondern auch in ihrem Gehabe, ihrer Bewegung richtig gut wirkt, eine richtig attraktive hübsche junge Frau ist, die sehr britisch rüberkommt, ein sehr gutes und britisches Englisch spricht, und die auch gute Argumente bringt, ein gutes „Drehbuch“ hat.

Nachahmer

Bewertung

Ich glaube, man kann das gar nicht hoch genug einschätzen, was hier abläuft. Ich glaube, das ist etwas für die Geschichtsbücher.

Denn die britische Regierung (bzw. eine regierungsnahe NGO) hat da einen kapitalen Bock geschossen, einen epochalen Fehler gemacht. Eine PR-Kampagne, die völlig nach hinten los ging und sich ins völlig Gegenteil verwandelt hat.

Man ging da noch davon aus, dass der Staat die Medienhoheit hat. Der Staat gibt vor, und die Öffentlichkeit konsumiert, frisst es passiv.

Das funktioniert aber nicht mehr in Zeiten, in denen viele Leute mit geringem Aufwand und vernachlässigbaren Kosten per KI endlos Videos produzieren können, und in der die kulturelle (Film-)Produktion der letzten 30, 40 Jahre Material und Figuren in Hülle und Fülle verwenden kann, die es nicht gibt, die man nicht verklagen kann. Man kann Harry Potter und James Bond nun mal nicht anklagen, nicht festnehmen, ihnen nicht die Tür eintreten.

Und Amelia auch nicht.

Das ganze Ding spielt sich in einem Umfeld aus echten Hintergründen und echten politischen Fragen, aber nur mit fiktiven, dafür sehr bekannten Figuren ab, und sie werden von einer ganzen Flut solcher Videos überrollt.

Ich bin medial begeistert.

Nicht nur, weil einige dieser Videos – besonders die bei „Huff“, von einer beeindruckend hohen Qualität sind, optisch, wie sprachlich, wie von ihrem Aufbau. Die wirken enorm und bringen ihre Aussagen in kurzer Zeit direkt auf den Punkt. Das ist Meisterklasse PR. Legal vermutlich nicht, weil das einmal quer durch alle Urheberrechte pflügt.

Aber es wirkt.

Und eben das ist das, was mir daran so gut gefällt, dass das nicht eben nur ein, zwei Lacher-Videos in Social Media waren und fertig und vergessen, sondern dass sich das hochschaukelt, dass das zum Kulturphänomen wird.

Vor allem aber diese Idee, dieser Schachzug: Amelia war entworfen, um den politischen Gegner, die Migrationskritiker zu diffamieren, als tumb darzustellen. Und die haben an dieser böswillig konstruierten Kunstfigur gar nichts verändert – die haben die genau so aufgenommen und fortgeführt, wie sie ist. In der Darstellung der Regierung/NGO ist Amelia lila und gegen Migration. Und genau das führen sie einfach – unverändert – fort. Nur eben in gutem Englisch und mit hübschem Gesicht und gewinnendem Lächeln, der Schönheit aus der KI.

Das ist ja kein Gegenschlag. Keine Gegenidee. Es ist die Dummheit des Angriffs selbst vorgeführt.

Und die wird auch nicht mehr weggehen. Die ist so intensiv, die wird lange in Erinnerung bleiben, und ich bin mir ziemlich sicher, auch bleiben, auch wenn das natürlich nach einem Gewöhnungseffekt wieder abebben wird. Vergessen wird man sie nicht mehr.

Amelia hat den Vorteil, dass sie nicht altert. Wenn sie nicht will. Natürlich kann man sie als alte Frau und kleines Mädchen zeigen. Aber man muss nicht. Sie kann jederzeit wieder zu der jungen Frau werden, die sie gerade ist.

Der Name ist genial. Genial für die Gegenseite. Denn die macht ein attraktives modernes Gesamtpaket.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass da ziemlich schnell lila Lederjacken ausverkauft sein werden. Da wird es nicht wenige geben, die im Amelia-Look herumlaufen werden. Lila Haare, lila Lederjacke, pinkfarbenes Kleid drunter. Ist ja auch relativ einfach zu bewerkstelligen, und sieht gar nicht dumm, sondern eben feminin aus.

Die Regierung hat sich da eine Gegnerin erster Klasse geschaffen, gegen die sie nicht einmal etwas unternehmen kann, weil sie gar nicht existiert, nur eine Idee, eine Vorstellung, eine Fiktion, ein Avatar ist.

Und das ist etwas, was die KI nun wirklich gut kann. Weil es eigentlich nicht darauf ankommt, ob da im Hintergrund ein Fenster zu viel ist. Sondern weil es daraum geht, Gedanken, Argumente, blitzschnell so zu visualisieren, dass sie über die visuelle und rudelmäßige Rezeption, über die weibliche Emotionalsynchronisation aufgesogen werden.

Ich habe ja schon angesprochen, dass ich früher jahrelang Sicherheitsschulungen gemacht habe. Und dass ich diese immer mit Anekdoten und Geschichten verbunden habe, um sie im „anekdotischen Gedächtnis“ zu verankern, wo sie lange bleiben. Es hieß zwar dann gerne „der Danisch mit seinen Geschichten“ oder „Opa erzählt vom Krieg“ – das macht aber nichts, denn das merken sich die Leute jahrelang. Andere Vorträge haben sie schon während des Vortrags wieder vergessen.

Würde ich das heute neu aufbauen, würde ich mir überlegen, ob ich die Stories (die ich mir nicht ausgedacht habe, sondern die wirklich passiert sind) nicht mehr erzählen, sondern ich würde mit einer Kunstfigur solche Videos bei der KI bestellen. Ich müsste nur lernen, wie man das macht, denn wenn ich da Prompts hinschicke, bekomme ich immer irgendwelche anders ausehenden Videos. Wie man das präzise vorgibt, und immer dieselbe Figur auftauchen lässt. Und ob das von einem Menschen oder von der KI gesprochen ist.

Ich finde die Mimik, die Gestik, das Lächeln einfach wunderbar. Eben KI-optimiert.

Und ich glaube, auch Werbeagenturen mit echten Schauspielern müssten ganz schön rudern, um dagegen noch anzukommen.

Und diese Gegenbewegung, die ja nicht einmal eine zentral gesteuerte Kampagne ist, sondern kooperativ, virulent, die hat durchaus das Zeug, enormen politischen Einfluss zu gewinnen.

Der Zauberlehrling:

Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister Werd’ ich nun nicht los.

Ich hatte oft darüber geschrieben, dass eine unterschätze Seite an Mussolini, Hitler, aber auch König Georg VI. und Kaiser Hirohito, die alle lernen mussten – und mehr oder weniger weit gelernt haben – mit den neuen Medien umzugehen, die die politische Welt in kürzester Zeit völlig verändert haben.

Seither hatten wir vor allem eine Evolution der Medien. Das Internet und Youtube waren eine Revolution, weil das Mittel der Berichterstattung, des einfachen Aufnehmens in die Hände der Allgemeinheit kam, billiger wurde. Jetzt aber hat man auch die Möglichkeit fiktive Filme zu produzieren. Jeder kann sich zwar eine GoPro leisten oder ein Handy-Video drehen, das haben zehnjährige Nachbarstöchter drauf. Aber bisher konnte man kein Filmset bauen, keine Schauspieler von der Agentur nach Aussehen holen, Maske, Requisite, Kleidung, alles viel zu teuer und aufwendig. Und jetzt macht es bang, und auf einmal geht es, mit ein paar „prompts“. In wenigen Stunden – oder sogar Minuten.

Ich glaube, das ist epochal, was hier passiert. Weil mit solchen Videos das Publikum mit einer viel höheren Informationsdichte angesprochen wird als mit Tweets oder Blogartikeln, Texten. Und weil man Leute visuell, über die Amygdala, auf der Sympathie der persönlichen Erscheinung anspricht, was bisher nur den Schönen möglich war.

Und das wird dann richtig abgehen, wenn die KI das besser unterstützt, Figuren aufzubauen, die über mehrere Videos gleich bleiben, wiederverwendet werden können.

Und wenn man dann sagen kann, bitte mach genau dasselbe Video nochmal in deutscher Sprache (passende Mundbewegungen usw.) und tausche die Figuren und Gebäude entsprechend aus, also statt dem Königspalast eben der Bundestag.

Ich bin mir sicher, da wird noch sehr viel kommen, und es wird viel Wumms entwickeln.

Nachtrag: Siehe auch hier.