Ansichten eines Informatikers

Der dreiste Taschendieb am Alexanderplatz

Hadmut
20.1.2026 20:37

Ich war gerade beim Zahnarzt.

Heute der andere Zahn. 120 Euro Zuzahlung. Macht zusammen 300 für zwei Füllungen.

Auf dem Weg mit der U-Bahn dorthin stieg ich am Alexanderplatz um, und kam dabei am Bahnsteig an einem Fressstand vorbei, der … oh, lecker. Ich habe heute nur wenig gegessen, und das würde mir genau reingehen, aber nein, geht ja nicht. Ich hatte gerade sorgfältig die Zähne geputzt, mit Zahnseide nachgesäbelt und die letzten Trümmer entfernt, und zur Sicherheit mit scharfem Mundwasser nachgespült. Da kann ich mir jetzt nicht die Futterlade mit Futterschrott vollhauen, um mich dann dort mit Essensresten im Maul hinzulegen. Zahn oben links hinten, da hätten die die volle Aussicht auf alle Reste.

Also beschloss ich, das Zeug auf dem Rückweg zu kaufen, mitzunehmen und nach Abklingen der Betäubung zu verspeisen. Steht jetzt direkt vor mir auf dem Tisch. Die Betäubung wirkt noch.

Wie ich mich also gerade von der Verkaufsvitrine ab- und zu den Gleisen hinwendete, kam in Typ geradewegs auf mich zu. Migrant, schmal, blauer Turnanzug, vielleicht 14 oder 15 Jahre alt. Breit, etwas provokant grinsend. Genau auf mich zu.

Ich habe das erst gar nicht auf mich bezogen, weil ich dachte, dass der vor Appetit und Vorfreude so grinst, und auch an den Fressstand will, ich also im Weg stehe. Ich ging zur Seite, um ihm Platz zu machen, ich habe ja selbst nichts gekauft.

Wie ich aber zur Seite gehe, merke ich, der will nicht zum Fressstand, der will was von mir.

Kam langsam, aber provokant grinsend, mir genau in die Augen schauen, mit angewinkelten Armen und nach vorne gerichteten Händen wie ein Gabelstapler auf mich zu. Ich wich zwei, dreimal aus in verschiedene Richtungen, und er folgte mir dabei genau mit. Der wollte was von mir. Ich hatte die Jacke vorne offen, und der hatte die Hände so, als wollte er mir jetzt beidseitig unter die Jacke, in die Innentasche greifen, und das auf beiden Seiten gleichzeitig. Er hätte damit in einer Innentasche mein Handy gegriffen, was ich aber sofort durch Anziehen eines Armes unter dem Oberarm festklemmte.

Ich dachte, das gibt es doch nicht. Kurz vor 18:00 Uhr, der Bahnsteig wirklich rappelvoll mit Leuten, und mittendrin, völlig offen und sichtbar, in keiner Weise heimlich, will der mir an die Wäsche und grinst noch so wie „Bemüh Dich nicht, Alter, ich gewinne sowieso.“ Und keiner reagiert.

Nun habe ich ja so ein liebliches engelhaftes zartes Stimmchen. Ich so „Verschwinde! – Ich glaub’s geht los!“. Und zwar so, dass sich alle umgedreht und geguckt haben.

Und urplötzlich hatte der es ganz eilig, wegzukommen.

Komisch, dachte ich. Erst kommt er so rotzfrech und dreist ganz offen und für alle sichtbar mitten in der Menschenmenge offen als Angreifer auf mich zu, und dann nimmt er plötzlich reißaus. Sollte es so einfach gewesen sein, ihn abzuwimmeln? Oder war das nur ein Ablenkungsmanöver, und man hat mich von anderer Seite unbemerkt bestohlen? (Wäre mir peinlich, denn genau davor habe ich in Sicherheitsschulungen immer gewarnt.) Schnellcheck. Nein, alles da, nichts fehlt. Wie ich mich also rumdrehe, um zu schauen, ob noch Angreifer von hinten kommen, sehe ich, warum der die Flucht angetreten hatte:

Hinter mir kamen zwei Sicherheitsleute in der bahntypischen Bahnhof-Security-Uniform auf mich zu. Die hatten das wohl gesehen oder mich gehört, und waren dazu gekommen, „kümmerten“ sich dann aber um andere „Kundschaft“. Und der hatte wohl die gesehen.

Aber ich finde das schon derb.

Früher haben Taschendiebe das wenigstens noch unbemerkt, mit Geschick und Tricks gemacht.

Jetzt kommen sie völlig offensichtlich und offensiv grinsend mit ausgestreckten Armen mitten in der Menschenmenge auf einen zu.