Ansichten eines Informatikers

Tödliche Gefahrentaubheit

Hadmut
2.1.2026 4:39

Ich fühle mich gerade seltsam bestätigt.

Ich habe bis vor ein paar Jahren, etwa 10 Jahre lang, für neue Mitarbeiter monatlich eine Sicherheitsbelehrung abgehalten. Knapp 2 Stunden. Jeden Monat einmal.

Eigentlich IT-Sicherheit. Weil aber auch eine Gefahrenbelehrung sein musste, wir niemand hatten, der die machen konnte oder dafür zuständig war, und wir keinen zweiten Termin dazu machen wollten, habe ich halt immer im Anschluss noch 20 Minuten was über Fluchtwege, Verhalten bei Bränden, wie Brände entstehen gezeigt – und als Beispiel u.a. das Foto einer explodierten Steckdose, bei dem mir keiner glauben wollte, dass die explodieren können, um dann, nachdem es jemand anzweifelte, dann eben jeden verbrannten Stecker herumgehen zu lassen. Es kann bei einem Funken durch einen Kurzschluss mit einem defekten, wackeligen Stecker bei Steckdosen in Bodentanks durchaus zu Staubexplosionen kommen. Welche, die dabei waren, erklärten und waren fest überzeugt, sie hätten einen Lichtbogen gesehen und den Lichtbogen, den Stromschlag gespürt. Also ob 230V größere Lichtbögen erzeugen könnte. Ich habe habe mir das dann genau angesehen und festgestellt, dass der Staub in der Steckdose schlagartig verbrannt ist und es dabei quasi eine Miniexplosion gab, die die Leute gesehen hatten.

Diese Mini-Explosion an sich ist für den Menschen nicht schlimm. Man bekommt einen Schreck und könnte sich vielleicht die Finger verbrennen. Aber sie könnte den Staub im Doppelboden aufwirbeln und zünden.

Und als ein zentrales Thema hatte ich immer, untermalt mit Bildern von Gefahren wie Bränden, bei denen die Leute mit Handys fotografieren, statt davon zu laufen, dass wir durch die relativ lange Zeit ohne Krieg usw. und die ständige Berieselung mit Krimis und Katastrophenfilmen verlernt haben, Gefahr wahrzunehmen, und statt uns in Sicherheit und auf Distanz zu bringen, eher noch hingehen und Handy-Fotos machen wollen, wichtig für Youtube.

In asiatischen Hochhäusern hängen – ein Foto davon hatte ich in meinem Schulungsvortrag – Hinweisschilder, dass man im Brandfalle zuerst rausrennen und erst danach, wenn man draußen ist, darüber twittern solle.

Das war immer so ein halber Lacher, weil die Leute nicht wussten, ob ich sie gerade verarsche oder ob diese Schilder echt sind, und ob man so blöd sein kann. Doch, doch, die Schilder sind echt, habe ich selbst schon gesehen. Großes Beispiel, mit dem mein Blog damals einen Bekanntheitsschub gemacht hat, war die schöne Tugce, die angeblich in einem McDonalds aus Fremdenhass erschlagen wurde. Das Video zeigte aber – vor mir hatten das 7 Millionen Leute gesehen, aber anscheinend war ich der erste, der das dann schrieb – zwei Männer, die sich kloppten, und das auch konnten, und die streitsüchtige Tugce hat sich da eingemischt, das Gleichgewicht verloren und ist nach hinten gefallen – mit dem Hinterkopf auf die Bordsteinkante.

Das war ein zentrales Thema in meinem Vortrag, dass wir nicht mehr gelernt haben, Gefahr zu erkennen und zu reagieren – und statt wegzulaufen dastehen, glotzen oder mit dem Handy filmen.

Und manche Leute dachten, ich übertreibe dabei.

Ich hatte mal den erstaunlichen Effekt, dass in einer Woche gleich zwei Kollegen zugeben mussten, dass ihnen ihre Handys genau so gestohlen worden waren, wie ich das vorher in der Schulung beschrieben und davor gewarnt – und sogar in Überwachungsvideos gezeigt hatte. Es sei verblüffend, wie genau meine Warnungen – die sie nicht ganz ernst genommen hatten – dann eingetreten seien.

Und jetzt schaut Euch mal dieses Video an:

Die Decke brennt. Rauch entsteht. Brennendes Material tropft herunter. Das ist kein Entstehungsbrand mehr. Das ist ein Brand.

Und anstatt rauszulaufen, tanzen die Leute weiter und halten mit dem Handy drauf. Die Musik läuft weiter.

Eigentlich hätte sofort die Musik stoppen müssen und das Kommando „Alle sofort raus hier!“ erfolgen müssen. Was wieder problematisch ist, weil das eine Panik auslösen könnte.

  • Kein Feueralarm.
  • Keine Sprinkleranlage.
  • Kein Licht.
  • Musik nicht aus.
  • Keine Durchsage.
  • Kein Feuerlöscher (für den es eh zu spät gewesen wäre).
  • Nur eine schmale Treppe als „Notausgang“.

Warum müssen eigentlich DJs keine Brandschutzausbildung haben, damit der am Mikrofon weiß, wie er reagieren muss, nämlich Musik aus, richtige Durchsage? Warum lässt man jeden Deppen als gewerblichen DJ arbeiten?

Was wäre gewesen, wenn zu dem Zeitpunkt, den man im Video gesehen hat, der DJ die Musik abgestellt, das Hauptlicht angemacht und gebrüllt hätte „FEUER! ALLE RAUS! MACHT, DASS IHR RAUS KOMMT!“?

Warum ist kein Feueralarm vorgeschrieben, der sofort schrillt, damit allen klar ist, das ist kein Spaß mehr?

Warum lernen Kinder das eigentlich nicht in der Schule, wie man sich in der Situation verhält? In Neuseeland lernen die Kinder in Kindergarten und Schule, was man bei Erdbeben macht.

Und dann steht noch einer da, und versucht das Feuer auszubekommen, indem er mit der Jacke wedelt.

Die Feuerwehr sagt, dass man nur Entstehungsbrände noch zu löschen versuchen kann. Zigarettenkippe im Papierkorb oder sowas. Sobald das anfängt, richtig zu brennen, hat man ohne Atemschutz und Schutzkleidung eigentlich keine Chance mehr und muss sofort evakuieren.

Ich habe vor vielen Jahren, noch zu meiner Karlsruher Zeit, mal so etwas miterlebt. In Karlsruhe gab es ein – damals neues – riesiges Kinocenter, das von seinem Aufbau einem großen, mehrstöckigen Turm entsprach, indem es das Treppenhaus, und die Ticket- und Popcornläden gab, und von dem die Kinosäle nach außen und nach unten geneigt weggingen. Wenn man vom Turm in einen Kinosaal ging, kam man also ganz oben rein, und ging dann abwärts die Reihen entlang Richtung Leinwand.

Neben der Leinwand – also auf der dem Turm abgewandten Seite und der niedrigsten Stelle – gab es einen oder zwei Notausgänge. Ich habe mir das später genau angesehen. Man geht durch die Tür und ist sofort nicht nur im Freien, auf einer unbrennbaren Stahltreppe ohne Dach und eine Kinosaal-Länge vom Turm entfernt, sondern eigentlich schon in Sicherheit. Da kann einem eigentlich schon nichts mehr passieren, wenn nicht gerade starker Rauch in diese Richtung zieht. Man geht durch die Tür und ist schon raus aus der Gefahr und im Freien, an der frischen Luft. Muss dann nur noch die Stahltreppe runter.

Es gab einen Feueralarm. Wie sich später herausstellte, ein Fehlalarm, weil bei einer Lasershow in einem anderen Saal zuviel Nebel eingesetzt wurde und die Rauchmelder auslösten. Das wusste man aber in dem Moment nicht. Erst einmal hieß es Feueralarm.

Statt aber zu diesem Notausgang zu gehen, forderten die Eisverkäufer des Kinos die Leute auf, ihnen zu folgen – nach oben, in den Turm, zum Treppenhaus.

Scheiße. Geht man nach oben, in höhere Stockwerke, hat man einen längeren Fluchtweg. Man läuft in den Rauch, egal wo es brennt, weil ich im Zentraltreppenhaus alles sammeln kann. Und wenn alle Leute aus allen Kinosälen gleichzeitig ins Treppenhaus wollen, wo noch Werbeaufsteller im Weg herumstanden, fallen die alle übereinander.

Ich habe in dem Moment noch überlegt, was ich mache – mit der gesamten Meute der Eisverkäuferin hinterher in eine Richtung, die dubios aussieht – oder alleine und auf eigene Faust durch den Notausgang, dessen Außenseite ich zu dem Zeitpunkt noch nicht erkundet hatte. Da kam schon die Durchsage „Fehlalarm, alles OK, alle wieder setzen!“

Nach Ende des Filmes fragte ich die Eisverkäuferin, warum sie uns eigentlich nach oben und in das gefährliche, möglicherweise verrauchte, möglicherweise überfüllte Treppenhaus statt durch den Notausgang nach außen geführt habe.

Das wisse sie nicht.

Niemand habe ihnen gesagt, was sie im Brandfall zu tun hätten.

Sie habe halt einfach versucht, eine Führungsposition einzunehmen, ohne zu wissen, was sie tut, und ihr sei das gar nicht klar gewesen, dass da unten ein Notausgang ist. Und das sei eben der Weg nach draußen – das große Treppenhaus.

Bekannt ist nämlich, dass Leute in Panik oder Angst immer versuchen, ein Gebäude auf genau dem Weg zu verlassen, auf dem sie reingekommen sind. Das Problem kennt man von Wildschweinen. Viele Wildschweinangriffe erfolgen, weil man die Tiere etwa im Garten konfrontiert und sie verscheuchen will, aber nicht bedenkt, dass sie sich nicht in eine beliebige Richtung verscheuchen lassen, sondern Wildschweine bei Konfrontation mit Menschen auf genau dem Weg fliehen wollen, auf dem sie gekommen sind. Und versperrt man ihnen den, gehen sie auf Angriff.

Würde ich meine Schulung noch halten, wäre das ein perfektes Lehrvideo.

Die Leute verhalten sich so richtig falsch.

Statt sich in Sicherheit zu bringen, tanzen die weiter, filmen mit dem Handy.

Und was man eben auch wieder sieht: Das Personal hat keine Ahnung, wie zu reagieren ist.

Einen Feueralarm gibt es auch nicht.

Apropos Feueralarm:

Weil wir eine Brandschutzübung nachweisen mussten, habe ich mal eine Übung angekündigt, ohne aber den Zeitpunkt zu nennen. Und dann bei der Hausverwaltung für einen Freitag vormittag einen Feueralarm bestellt und den Konzernbrandschutzbeauftragten zum Zugucken kommen lassen, auch der Feuerwehr vorher Bescheid gesagt, falls irgendwer im Haus den Notruf wählt.

Freitag, Punkt 11 Uhr, Alarm geht los.

Alle machen mustergültig, was ich ihnen vorher gesagt hatte, klappt wie am Schnürchen, der Konzernbrandschutzbeauftragte ist total zufrieden. Wenn das nur immer so gut laufen würde.

Aber anscheinend stimmte mit der Feuermeldeanlage etwas nicht. Denn schon ein paar Tage später, am Dienstag gegen 20.00 Uhr, gab es wieder einen Alarm. Diesmal keinen Übungs-, sondern einen Fehlalarm. Ein Rauchmelder war defekt und hatte Alarm ausgelöst. Unklar, ob das mit dem Übungsalarm irgendwie zusammenhing.

Ich war schon zuhause, aber noch viele Kollegen bei der Arbeit.

Fünf Anrufe bekam ich auf dem Handy. „Hier ist ein unangekündigter Feueralarm! Was sollen wir denn machen?“ (Feueralarm im Hintergrund zu hören, also alle noch drinnen.) Ich so: Rausrennen! Raus mit Euch!

Bei einem, ich: Du, Ich habe Dich gerade gar nicht verstanden, Du warst auf einmal weg. Er: „Ja, ich war im Aufzug nach unten…“ – obwohl das ausdrücklich gesagt wurde und in den Aufzügen groß steht, dass man sie im Brandfall nicht benutzen soll.

Am nächsten Tag beschwerte sich einer – kein Witz, allen Ernstes – bei mir. Der Feueralarm sei zu laut, dabei könnte man ja nicht arbeiten. Ob man den nicht leiser stellen lassen kann.

Die Leute konnten das alles einwandfrei, solange sie dachten, das ist eine Übung, sie werden geprüft. War es ja auch.

In der Situation, in der sie nicht wussten, was passiert, waren sie plötzlich – wenige Tage später – überhaupt nicht mehr in der Lage, vernünftig zu reagieren. Obwohl ich in den Schulungen gesagt habe, dass wir nicht mehr die alten Holzhäuser des 18. und 19. Jahrhunderts haben, in denen man sofort merkt, wenn es brennt, die aber wegen ihrer Holzbauweise eine Weile halten, bis sie einstürzen, sondern man in modernen Bauten nicht mehr merkt, dass es brennt – bis es zu spät ist. Beispiel: Flughafen Düsseldorf. Da hat die Dämmung hinter den Wänden gebrannt, und die Leute haben nicht reagiert, weil sie davon nichts bemerkten und den Alarm nicht ernst nahmen. Als sie merkten, dass es wirklich brennt, war es zu spät, und der giftige Rauch tödlich.

Und dazu kommt der Herdentrieb.

Würde ich meine Schulung noch halten, würde ich dieses Video sofort in die Schulung mit aufnehmen. Es ist das perfekte Beispiel für das, was ich 10 Jahre lang erzählt habe.