Der Anarchist in Japan
Ein Linker schreibt mir, dass er mit meinen Japan-Berichten nicht einverstanden ist.
Ihre Japan Artikel….
Guten Morgen, Herr Danisch… Zypern? Da kann ich sogar aus Tokyo gratulieren…
Eine Schulfreundin, wir gehen beide auf die [hohes Alter] zu, hat mir aus DE den Link zu ihren Japan Artikeln geschickt. Und ich habe sie mit Interesse gelesen. Ich hab mal ein paar Zitate aus ihrem ersten Blog vom 7.5. dazu kommentiert… Vielleicht interessiert es sie ja, ich verlies DE vor fast 20 Jahren, denn schon damals litt ich in DE an Long-Merkel 😉
Ich machs der Reihe nach, was mir auffiel:
„Zehntausende von kleinen Läden und Restaurants, wo bei fast allen der Laden brummt“
Wenn man in Vororten, wie zB den einen Kilometer von Yokosuka nach Horunoichi fährt oder auch andere Strassen, wie nach Kinugasa, wird man weit über 100 leerstehende ehemalige Strassengeschäfte sehen….
„Ich sehe hier jede Menge auch junger Frauen rumlaufen, und niemand fühlt sich da bedroht oder belästigt, die laufen da normal im Minirock rum,”
Leider ist die Realität auch bei diesem Thema genau umgekehrt, die Belästigungen und das Gegrapsche sind so normal, dass eine Bewegung gegen dieses Männer Verhalten erst in den Kinderschuhen steckt. Die niedrige Zahl der Anzeigen ist ist diesbezüglich identisch mit der Gesellschafts Situation der 60er Jahre in DE vor der Emanzipationswelle!
„Man nimmt sich einfach was, und geht rein zum Bezahlen. In Berlin wären diese Regale innerhalb von 15 Minuten a) leergeklaut b) vollgekackt. Die Diebstahlquote muss hier enorm niedrig sein.”
Da kamen sie im Mai gerade noch rechtzeitig um das so sehen zu können. Die Regale sind fast völlig weg und seit einem halben Jahr werden zum ersten Mal in Japans Läden Kameras installiert! Um hier gleich auf die nächste von Ihnen unbeachtete Katastrophe hinzuweisen: Was sagt es Ihnen über Japan, dass der überwiegende Teil der Diebstähle von über 70 Jahre alten Menschen in Armut begangen wird?
„im scheinbaren Hi-Tech-Land Japan gibt es ziemlich viele Läden, in denen man nur bar zahlen kann.”
Das hat sich dann in den letzten sechs Monaten radikal geändert, es gibt kaum noch etwas wo sie noch barbezahlen müssten… Allerdings können sie es noch überall…
„Außerdem sei es nicht an allen Automaten möglich, mit europäischen Kreditkarten Bargeld abzuheben.”
Das ist natürlich Unsinn, sie müssen nur wissen wo, bei vielen der 24/7 Läden geht es sogar gebührenfrei. Allerdings ist es so, dass die ATMs nachts anscheinend feiern. Nach 19 Uhr sind sie abgeschaltet. Erst ab 9:00 gibt’s wieder Geld! 😒
„Japan ist eine High-Trust-Gesellschaft. Deutschland ist zur Low- oder Zero-Trust-Gesellschaft geworden. Doch die vermeintliche Offenheit und Toleranz führt nicht zu Freiheit, sondern vernichtet sie, weil sie sie nicht mehr schützt.”
Das ist zwar richtig, aber die Zunahme der Armut durch eine 30 – 50%ige Inflations Rate ändert das leider. Dies ist die tatsächliche Rate zB bei Wochenend Einkäufen in Supermarkten. Und sie als Rechter sehen die Ursache in „vermeintliche Offenheit und Toleranz“, nur, die Ursache ist leider die Korruption und Verkommenheit der politischen Klasse in Japan, die aufgehört hat sich um ALLE zu kümmern! Die Fähigkeiten der Premierminister beschränken sich zum grossen Teil auf zwei Dinge: Das Leben im Enddarm der Amerikaner, die das Land militärisch besetzt haben und zum Zweiten, auf das Drucken neuen Geldes. Einen neuen geradezu absurden Höhepunkt hat diese Entwicklung bei dieser absurd dummen Frau erreicht, die sich nahtlos in die europäischen Elitefrauen des Westens einreiht. Den vdL, Baerbocks, Kallas und den Hilarys und Kamalas…
Ich könnte durch alle ihre Artikel durchgehen und alles Absurde kommentieren. Stattdessen will ich es ihnen so erklären: Wenn sie anfangen wollen die japanische Realität tatsächlich zu verstehen, dann müssen sie mindestens fünf Jahre hier leben. Solange hat es bei mir trotz eines recht hohen IQs gedauert…
Womit sie allerdings Recht haben ist, dass die Freundlichkeit der Menschen und die Sauberkeit, bzw das Bewusstsein einer Mit-Verantwortung für die Gesellschaft, auf einer Skala dafür, hier am entgegengesetzten Ende wie zb in DE liegt. Und die relaxte Beziehung zwischen Bürger und Obrigkeit ist hier erstaunlich und nimmt dem täglichen Leben jede Menge Stress! Kein Polizist käme hier zb auf die Idee einen Autofahrer anzuhalten, weil er ohne Sicherheitsgurt fährt, oder eine Radfahrer der auf dem Gehweg oder falsch in eine Einbahnstrasse fährt… was natürlich von allen eine Rücksichtnahme erfordert, die es in DE niemals gab und ganz sicher heute erst recht nicht. Hier ist das völlig normal!
Wenn ich mir die Änderung der deutschen Gesellschaft in den letzten 5 oder sogar 10 Jahren anschaue, dann gibt es hier überhaupt nichts davon. Japan hat ca 800 Flüchtlinge zB aus Afghanistan aufgenommen. Die Zahl zB der Syrer liegt weit unter 100! Und das ohne dauerhaftes Aufenthaltsrecht. Die japanischen Regierungen unterstützen statt dessen das UN Flüchtlingshilfswerk mit relativ grossen Summen.
Meine Entscheidung DE (nicht zum ersten Mal) zu verlassen, war offensichtlich auch diesmal wieder völlig richtig, und sie ist permanent. Viele der Gründe haben Sie haben völlig richtig beschrieben. Falls Ihnen meine politische Orientierung ein wenig rätselhaft erscheint, dann ist das so, weil DE hat in einem ebenso rätselhaften Zustand ist. Ein links-radikaler Anarchist wie ich, kann dort derzeit nur einen einzigen wählbaren Politiker sehen, Ulrich Siegmund. Den kennen sie sicher, falls nicht, hören sie sich ihn auf YouTube an…
Ich wünsche Ihnen ein gutes neues Jahr…
Naja, jetzt muss ich zu meiner eigenen Entschuldigung sagen, dass ich das erste Mal im Leben in Japan war, mich kaum, so gut wie gar nicht vorbereitet habe, kaum drei Worte Japanisch kannte, kein einziges Schriftzeichen, mich einfach mal so mit Handy-Übersetzer-App ins Abenteuer stürzte, und dort eine Menge Spaß hatte.
Obwohl mir natürlich bewusst wurde, ich habe ja Augen im Kopf, dass die japanische Lebensrealität karg ist und außerhalb der Stadtzentren das Leben seiner einfach und dröge wirkt.
Aber: Ich habe ja auch nur Osaka, zwei Tage Kyoto und einen Tag Nara gesehen, und davon auch nur die belebten Innenstädte, „Downtown“, und die wichtigsten Museen und Einkaufszentren, bisschen Kultur und Ausstellung. Und davon muss man noch ein paar Tage Besuche auf der Expo abziehen.
Eine erste Duftnote der Region Kansai.
Ich verstehe es auch nicht ganz. „den einen Kilometer von Yokosuka nach Horunoichi fährt“. Kenne ich beides nicht. Nie gehört. Aber Google Maps behauptet, das wären 60 km.
Man sagte mir, dass ich mal nach Tokio müsse, weil Tokio halt ganz anders sei als Osaka.
Wobei ich sagen muss, dass mir Osaka als Industriestadt eigentlich auch nur deshalb gut gefallen hat, weil es da so viele, so leckere Restaurants gibt. Ich glaube, ich könnte dort für den Rest meines Lebens jeden Tag in einem anderen Restaurant essen. Man sagte mir, dass das das Markenzeichen von Osaka sei, nirgendwo sonst in Japan gebe es diese Fülle exzellenter Restaurants und so viele regional spezifische, besonders gute Speisen und Gerichte. Als Stadt hat mir Kyoto besser gefallen.
Aber ich käme nicht auf die Idee, nach drei Wochen als Tourist zu glauben, ich würde mich in Japan aus- oder das Land kennen. Ich weiß, dass ich dort in der Großstadt prima überleben, aber praktisch mit niemandem kommunizieren kann.
Was ich gelernt habe, ist, dass ich, anders als erwartet, mir in Japan keine japanische Kamera kaufen werde. Erstens sind sie (spätestens durch Zoll) teurer als in Deutschland, und man hat hier dann gar keine Garantie oder Gewährleistung. Und zweitens wurden Touristen in den großen Läden gewarnt, dass manche Marken in Japan Kameras verkaufen, die man nicht auf andere Sprachen umstellen kann. Oder Händler gegen Aufpreis Kameras anbieten, die man – irgendwie – auf Englisch umgestellt hat.
Und was ich ebenfalls gemerkt habe, ist, dass der Durchschnittsjapaner relativ wenig verdient und sehr bescheiden lebt. Dass das ein zwar stark in sehr geregelten Bahnen verlaufendes, deshalb kontrolliertes, aber eben auch sehr langweiliges Leben ist. Ich fand es erschütternd, wieviele Automatenspielhallen es dort gibt – und wieviele Leute darin hocken. Die brauchen synthetische Spannung. Deutliches Merkmal einer kranken Gesellschaft. Das ist mir schon klar.
Man sagte mir aber auch und ich habe gelesen, dass dieses typische „nur arbeiten bis zum Umfallen“-Leben nicht mehr gelte, weil die Jugend, die ja über die Medien und Reisen den Lebensstil anderer Länder erfährt, das nicht mehr mitmachen wolle. Die Jugend orientiere sich sehr stark an westlichem Lebensstil.
Und den Eindruck hatte ich auch, obwohl Mangas, Pokemon, dieses ganze Comic-Welt, dort einen enorm großen Einfluss haben. Was wiederum für eine Art Ersatz-, eine Traumwelt spricht.
Und mir fiel auf, dass die Japaner zwar sehr japanisch, geradezu typisch japanisch sind, sich verbeugen und so etwas alles, aber weit weniger starr und gezwungen, als ich mir das vorgestellt hatte. Ich hatte sogar den Eindruck, dass ich das Japan, das ich erwartet habe, nur noch im Museum, und der Geisha-Show für Touristen finde. Im Gegenteil erschienen mir (außer dem alten Mann im Waschsalon, von dem ich geschrieben hatte) viele der Japaner durchaus locker und elastisch, was Sitten angeht.
Was mir allerdings auch aufgefallen war: Dass es dort unfassbar viele Leute gibt, besonders ältere Leute, die reine Bullshit-Jobs haben. Völlig überflüssige Dinge tun. Etwa nur dastehen, um Leute zu begrüßen und sich ständig zu verbeugen. Irgendwo mit dem Megaphon herumstehen und irgendetwas brüllen. (Ich kam mit einer Japanerin ins Gespräch, die sehr gut englisch sprach, und die ich fragte, was die eigentlich brüllen, und die mir dazu „just ignore it“ sagte.) An einer Ampel stand einer, der dafür zuständig war, den Leuten zu sagen, dass die Ampel rot ist und sie bei rot nicht gehen sollten. Und so weiter und so fort.
Anscheinend haben sie statt eines Sozialsystems die Sitte, Arbeitslose in bekloppte Pseudojobs zu stecken, und es ihnen dann überlassen, ob sie dabei bleiben oder sich um Aufstieg bemühen.
Ich hatte keinesfalls vor, mich mit jemandem anzulegen, der in Japan lebt oder sich damit auskennt. Und ich dachte, ich hätte auch deutlich gemacht, dass ich zum ersten Mal dort war und einfach unbekümmert als Tourist losmarschiert bin, fremdes Land, fremde Sitten erkunden.
Ich tue mir allerdings trotz meiner nur kurzen Zeit dort schwer, mir vorzustellen, dass die Ladenstraßen, in denen ich war, und die mir total friedlich vorkamen, jetzt, ein halbes Jahr später, schon keine Regale mehr rausstellen können sollen.
Zugeben muss ich allerdings, dass ich in den Fotogeschäften deutliche Diebstahlschutzmaßnahmen gesehen hatte. So sind Fototaschen oft durch eine lange Plastikkette davor geschützt, einfach mitgenommen zu werden. Und kleine teure Dinge wie Speicherkarten und Filter, die man sehr leicht einstecken könnte, werden durch Platzhalterkärtchen ersetzt. Man nimmt die Karte, und an der Kasse wird einem dann die echte Ware ausgehändigt.
An der Stelle wurde mir schon klar, dass es da Diebstahl geben muss. Aber viel geringer als in Deutschland.
Und beachtlich ist auch, dass man in Japan gebrauchte Häuser zwischen umgerechnet 1 und 80.000 Euro bekommt. Im unteren Preisbereich natürlich Ruine bis renovierungsbedürftig, aber trotzdem sehr viel günstiger als in Deutschland – oder selbst Zypern. Allerdings sind da oft eben auch sehr, sehr einfache, kleine, dröge Häuser, oft angemodert, und nichts drin außer einem Klo, ein paar Küchenschränken und ein paar Tatami-Matten.
Was mir ebenso – subjektiv angenehm, für die Leute dort vielleicht nicht so gut – auffiel: Hier in Deutschland reagierten manche auf meine Japan-Artikel mit „Boah, hat der Geld. Der kann sich Japan leisten, und gleich vier Wochen!“ Dabei war die Reise erstaunlich preisgünstig, billiger als viele anderen Länder, weil ich einen günstigen Flug bekommen habe, dort ein einfaches, günstiges Hotel gewählt habe, das – bis auf fehlende Ablagemöglichkeiten im Zimmer – voll zu meiner Zufriedenheit war, es für die aber sehr ungewöhnlich war, dass jemand länger als drei, vier Tage blieb. Und der Zimmerservice auch nicht täglich kam, sondern nur dann, wenn man an der Rezeption sagte, dass man einen haben will. Oft habe ich es dabei belassen, mir einfach frische Handtücher geben zu lassen. Und dazu günstige Verkehrsmittel und günstige Restaurants. Was will man mehr? Das lag aber wohl daran, dass der Yen gegenüber dem Euro gerade ziemlich mies stand. Für mich natürlich schön und erfreulich.
Also:
Jemand, der seit Jahrzehnten in Japan lebt, wird das natürlich viel, viel, viel besser wissen als ich. Und jemand, der im Raum Tokio lebt, wird das ganz anders erlebt haben als jemand, der nur mal kurz Kansai gesehen hat.
Ich würde dazu aber doch gerne noch weitere Meinungen von Leuten in Japan hören. Mir kommt es doch etwas zugespitzt vor.
Und wieso ein „links-radikaler Anarchist“ einen AfD-Politiker als den einzig wählbaren wertet, habe ich auch noch nicht verstanden.