Voll behämmert
Es ist unfasslich, was für Leute da in den Social Media unterwegs sind.
Oder: Teil 3 meiner Hammer-Trilogie.
Ich hatte doch vorhin davon geschrieben, dass ich mir beim Zerkloppen eines alten, schrottreifen Sofas einen Hammer verbogen habe.
Daraufhin schreibt mir einer, ich hätte „vom Werkzeugkauf null Komma null Ahnung“.
Ich will es mal so sagen:
Dieser, nun verbogene, Hammer stammte aus einem wirklich billigen kleinen Werkzeugset, das ich mir als Student, noch im Studentenwohnheim, also vor 1994 mit den ersten Ivar-Regalböden, oder so gegen Ende 1994 beim Umzug vom Studentenwohnheim in die erste Wohnung bei IKEA mit gekauft habe. Wer IKEA kennt, weiß, dass die zum Zusammenbau immer so kleine Werkzeugsets anbieten. Einfache Qualität, günstiger Preis.
Ich hatte mir das damals gekauft, weil es a) billig war, b) bei mir das Geld sehr knapp war und c) ich einfach dran vorbei gekommen war. Damals gab es nämlich so etwas wie Amazon und den ganzen Onlinekram noch nicht, und ich hätte erst mit dem Fahrrad zu einem Fachgeschäft in der Fußgängerzone hätte fahren müssen (das in Karlsruher auch noch Hammer & Helbling hieß), das aber so teuer war, das ich mir das nicht leisten konnte, oder extra zum Baumarkt fahren. Also habe ich mir erst einmal dieses – zugegeben am unteren Preis- und Qualitätsende rangierende – Werkzeugset von IKEA gekauft und gedacht, das es vorerst reichen wird und muss.
Dieser Hammer war billig. Und dass er nur ein Rohr als Stiel hat, ist billig.
Aber dieser Hammer hat mir immerhin rund 32 Jahre beste Dienste geleistet, und das in immerhin fünf verschiedenen Wohnungen und damit vier deftigen Umzügen samt Möbel zusammenbauen.
Ich weiß nicht und vermag nicht nachzuvollziehen, was daran ein Fehlkauf oder eine Fehlentscheidung gewesen sein soll, sich einen spottbilligen Hammer zu kaufen, der mindestens 32 Jahre gehalten hat und auch weiter gehalten hätte, wenn ich ihn wie einen Hammer verwendet und nicht gerade als Brechstange zweckentfremdet hätte. Der Leser begründet es auch nicht.
Dabei ist fraglich, ob ich überhaupt einen besseren hätte kaufen können, denn ein weiterer Grund dafür, dass ich ihn gekauft hatte, war, dass ich ihn so ulkig und skurril fand, weil ich solche Klauenhammer bis dahin nur aus den USA kannte. Das nächste, was ich aus Deutschland kannte, waren Latthammer, wie mein Vater einen hatte, den ich auch oft verwendet hatte. Quadratisch. Deutsch. Gerade. Ich fand diese runde Form so barock und skurril und hatte die in Deutschland noch nirgends regulär und preisgünstig zu kaufen gesehen, was ein Grund war, warum ich mir dieses Set damals gekauft hatte – ich wollte diesen originellen Hammer haben. Ich glaube nicht, dass ich in den 90er Jahren große Chancen gehabt hätte, in Deutschland an ein qualitativ besseres Exemplar zu kommen. Oder mir das hätte leisten wollen oder können.
Warum auch? Wenn ein Werkzeug 32 Jahre hält, und das auch noch für klitzekleines Geld, bin ich zufrieden. Mehr verlange ich nicht. Mehr erwarte ich nicht. Zumal man die Art und Weise, wie ich ihn zweckentfremdet habe, nur mir und nicht dem Hammer anlasten kann.
Zumal ich auch schon teure Werkzeuge hatte, die sich oft nicht rentiert haben. Wie ich früher mal in einigen Blogartikel erörterte, schrieben mir früher schon manche Leute das alte Sprichwort „Wer billig kauft, kauft zweimal“. Genau so mache ich das nämlich bevorzugt. Ich kaufe gern zweimal, erst billig, dann teuer. Manchmal nämlich, oft sogar, stellt sich heraus, dass billig, nur nicht ganz billig, bereits reicht. Mittlerer Preis zu mittlerer Qualität ist durchaus keine schlechte Wahl, und es heißt ja, dass IKEA und andere Läden sich daran auch anpassen und etwa drei Bratpfannen anbieten. Billig, Mittel, Teuer. Weil viele aus Erfahrung die Mittlere nehmen, und IKEA auch genau das will. Die billige und die teure werden nur angeboten, damit man die Mittlere für mittel hält und sie kauft. Auch wenn sie eigentlich schon teuer ist. Und nicht alles, was teuer ist, ist gut. Denn auch wer teuer kauft, kauft oft zweimal, zahlt aber mehr als der, der erst billig kauft. Wenn mir nämlich das billige nicht reicht, dann weiß ich immerhin, worauf ich dann beim Kauf des Teuren achten muss, und habe Sachkunde erworben, statt blind auf teuer zu vertrauen.
Und wenn es 32 Jahre gedauert hat, an diesem Klauenhammer zu erkennen, worauf ich bei einem teureren achten muss, dann hat sich der Kauf gelohnt. Ich habe mir vorhin bei Amazon einen neuen bestellt, von Bosch. Wir werden sehen, wie lange der hält. Ich glaube übrigens nicht, dass ich lange genug leben werde, um nochmal einen Hammer 32 Jahre lang zu verwenden.
Ich finde es aber überaus befremdlich und zeitgeistig bezeichnend, welche Vehikel sich manche Leute suchen, um einen zu „hat Null Ahnung“ zu erklären. Was an so einer Kaufentscheidung falsch sein sollte, oder welchen Hammer ich mit begrenzten Geldmittel stattdessen hätte kaufen sollen, verrät der Schreiber freilich nicht.
Und mir gehen Leute schon immer auf die Nerven, die meinen, man müsse von allem immer das teuerste, die beste Qualität kaufen, alles andere sei unvertretbar. Diese Leute haben entweder viel zu viel Geld, oder sie haben gar keines und sind Aufschneider und Großmäuler, und können nicht wirtschaften. Es gibt so Leute, die von allem immer nur das Beste haben wollen, da muss der Hammer von Elfen geschmiedet und der Griff von Feen geschmirgelt sein, mit Holz ausgestorberner Bäume aus den Wäldern des Auenlandes, von einem Einhorn zertifiziert. Tut mir leid, Leute, aber DIN reicht mir schon mehr als genug.
Und wer vom Charakter her gerne Lambo fahren würde, sich ihn aber nicht leisten kann, der schickt E-Mails, dass er einen besseren Hammer habe.
Erfahrungsgemäß haben Leute, die nur den besten aller Hämmer kaufen, keine Erfahrung im Hämmern und brauchen ihn eigentlich gar nicht. Wie bei der Aktfotografie: Von denen mit den teuersten Kameras können viele damit gar nicht umgehen, und die klauen einem dann die belichteten Filme, weil sie selbst keine hinbekommen. Irgendwann wird die Ausrüstung nämlich zum unbenutzten Selbstzweck. Werden Kamera oder Hammer nicht mehr eingesetzt, sondern erschöpfen sich schon in deren bloßem Besitz.
Mich kotzt diese Art und Weise, die sich da eingebürgert hat, um Leuten ans Bein zu pinkeln, sowas von an. Man wird als völlig ahnungslos beschimpft, weil man sich vor über 30 Jahren als Student zu IKEA-Regalen dort noch ein billiges Werkzeugset mitgenommen hat, das mit Zange, Schraubenzieher mit Bits, Metermaß und noch irgendwas irgendsoetwas wie 6,50 D-Mark gekostet hat.
Irgendwie ist die Idiotie zum Zeitgeist geworden, haben immer mehr Leute es nötig, jede Gelegenheit zu ergreifen, sich über andere zu stellen.
Es sind so viele behämmerte Leute unterwegs.