Ansichten eines Informatikers

Drohnen aus Pappe – neue Kriegsparadigmen

Hadmut
14.5.2026 13:29

Sehr interessant.

Dohnen aus Pappe zu bauen ist wohl eine australische Erfindung. Ich habe da inzwischen Videos gesehen, die erklären, woher die Dinger kommen und wer die erfunden hat. Usprünglich nämlich ging es um ein Problem der Australier, die in Notfällen und Katastrophen vor dem Problem stehen, dass sie irgendwelchen wichtigen Kleinkram wie Medikamente zu sehr entlegenen Farmen bringen müssen. Kenne ich, ich war auf einer Tour durch Westaustralien auch 700km von der Zivilisation entfernt. Es gibt (oder gab früher, vor dem Internet) dort auch Schulen, in denen der Unterricht per Funkgerät stattfindet und die Kinder dabei hunderte Kilometer entfernt sind.

Normalerweise gibt es in Australien dafür die Flying Doctors, die mit Flugzeugen in der Gegend herumfliegen und die Farmer und Aboriginals, die entlegen wohnen, mit dem Flugzeug besuchen und dann versuchen, dort irgendwo auf der Straße, einer Sandpiste oder auf dem Wasser zu landen. Und das machen die auch, um ein paar Medikamente vorbeizubringen, was aber sehr teuer ist und auch deren Kapazitäten – gerade in Katastrophenfällen – übersteigen kann. Deshalb hat man sich überlegt, wie man solchen Kleinkram möglichst einfach und billig per Drohne liefern kann. Und weil die üblichen Quadkopter-Drohnen teuer sind und nicht genug Reichweite haben, hat man diese Flugzeug-Drohnen („fixed wing“) aus Pappe entwickelt, weil es billiger ist, so eine Drohne zu schicken und sie danach einfach wegzuwerfen, als ein einziger Flug der Flying Doctors. In einem der Videos über Kampfdrohnen aus Pappe wurde erwähnt, dass man die dann, wenn die kein Ziel gefunden haben, auch wieder zurückkommen und wiederverwendet werden, und es wurde von Pappdrohnen berichtet, die es auf 60 Flüge gebracht haben.

Es stellt sich freilich die Frage, wie diese Drohnen der Feuchtigkeit widerstehen, weil es doch heißt, dass sie bei allen Wetterlagen eingesetzt werden könnten. Es ist aber wohl so, dass die Drohnen aus unverkleideter Pappe, die nach Versandkarton aussehen, nur Ausstellungs- und Demonstrationsexemplare sind, die man so belassen hat, damit jeder sieht und kapiert, dass die nur aus Pappe sind. Die fliegenden Exemplare, die man in manchen Videos sieht, scheinen mit einer ganz dünnen Plastikfolie beklebt (laminiert) zu sein, was nicht nur deren Oberfläche glatter macht, sondern eben auch für einige Zeit wasserfest. Es ist also wohl nicht so, dass da Pappkartons durch die Gegend fliegen, auch wenn das in manchen Animationen so dargestellt wird, sondern so, dass die dann eher nach normalem Modellflugzeug aussehen.

Ich weiß nicht mehr, in welchem der Videos ich das gesehen hatte, aber irgendwo wird beschrieben, dass die Dinger zur Navigation und als Steuerung mit einem Android-Tablet als Bordelektronik auskommen, das GPS und Lagesensor ja schon eingebaut hat, und irgendwo wurde auch beschrieben, dass die mit Kamera und einem optionalen kleinen Trägheitssystem sogar GPS-jamming wegstecken können, also letztlich sogar einige Zeit ohne GPS auskommen.

Da sieht man, dass die Russen ein Kampfflugzeug am Boden mit alten Autoreifen bedecken, um es gegen Drohnen zu schützen:

Angeblich hat die Ukraine mit solchen Pappdrohnen eine ganze Reihe sehr teurer russischer Kampfflugzeuge zerstört. Die Russen fahren jetzt ihre Panzer und Schiffe mit Schutzgittern gegen solche Drohnen:

Die neue Taktik ist wohl, die gegnerische Flugabwehr einfach zahlenmäßig zu überlasten.

Der IKEA-Krieg

An verschiedenen Stellen wurde schon erwähnt, dass sich das Kriegsparadigma gerade ändert.

Es gehe nicht mehr darum, dem Gegner größtmöglichen Schaden zuzufügen und das mit allen erdenklichen Mitteln, sondern Schaden zuzufügen mit dem besten Verhältnis aus erzieltem Schaden und eigenen Kosten. Also „Bang for the buck“ mal wörtlich genommen. Weil Kriege eben immer auch Wirtschaftskriege sind und die Frage ist, wann Geld und Vorräte ausgehen.

Wenn man das aber zu Ende denkt, dann wäre IKEA eine optimale Waffenschmiede, weil die sich hervorragend damit auskennen, wie man etwas, was für gewisse Zeit gewisse Stabilität haben und seine Aufgabe erledigen soll, möglichst billig, leicht und einfach aus verfügbaren Rohstoffen herstellt, klein zusammenpackt, transportiert, lagert.

Vor einiger Zeit schon entdeckte IKEA, dass sie mehr können als nur Möbelhäuser zu betreiben, da fingen die nämlich an, Notunterkünfte für Kastrophen, Krieg und so weiter zu entwickeln, weil sie sagten, dass ihre Fähigkeiten und Erfahrungen dafür eigentlich optimal sind: Wie baut man die Dinger möglichst billig, dass sie möglichst klein und leicht zusammenzulegen, zu transportieren und idiotensicher aufzubauen sind? Im Prinzip gelten dieselben Anforderungen aber auch für solches Billigkriegsgerät.

Erstaunlicherweise gibt es auch Papptechniker, die sich bisher damit beschäftigt haben, wie man Dinge wie Möbel und dergleichen möglichst billig und einfach aus Pappe bauen kann. Das könnte Konjunktur haben.

Und weil in der Ukraine inzwischen auch Roboter kämpfen, dürfte ein ähnlicher Effekt auch da („Bodendrohnen“) auftreten.

Das ist eine sehr interessante Abkehr vom bisherigen Prinzip, alles möglichst schwer, aus Stahl, gepanzert und technisch optimiert bis zum geht-nicht-mehr zu bauen.

Eine andere Frage ist allerdings, wie lange das gut geht, denn auch die Gegenseite schläft ja nicht. Der deutsche – bereits ausgemusterte und aus dem Programm genommene – Flak-Panzer Gepard gilt plötzlich wieder als begehrte Waffe, weil er viel billiger schießen kann als Patriots und so weiter, und inzwischen kommen die ersten Laserkanonen auf den Markt, die Drohnen zum Preis von drei bis vier Euro pro Schuss abschießen können sollen und auf Autoanhängern montiert werden, also sehr leicht und schnell beweglich sind.