Liese und Miese
Amelia – Wer hat’s erfunden?
Ich staune gerade.
Ich hatte doch gerade über Amelia geschrieben. Die PR-Aktion der britischen Regierung, die eigentlich gegen die Opposition gerichtet war und übel nach hinten los ging, weil man eine Oppositionelle als abstoßend hinstellen wollte, das Publikum sie aber mochte.
Das gab es schon einmal. Und Ihr glaubt nicht, wo und wann.
Im Dritten Reich.
Liese und Miese (auch: Die Liese und die Miese) ist der Titel einer Reihe von Kurzfilmen und Postkarten im Dritten Reich.
Liese und Miese war das weibliche Gegenstück[1] zu der Filmreihe Tran und Helle, die in den Jahren 1939 und 1940 das Publikum auf kriegsgerechtes Verhalten einstimmen sollte.
Diese im Auftrag des Propagandaministeriums produzierten Kurzfilme, die ebenfalls im Beiprogramm vor jedem Hauptfilm gezeigt wurden, sollten der Bevölkerung die Kriegsangst nehmen und sie zu steter Wachsamkeit anhalten.
[…]
Der erste Film mit dem Titel Eisenbahnverkehr zu Weihnachten erschien Mitte Dezember 1943 und lief vor der Deutschen Wochenschau:
„Aehnlich wie seinerzeit die Figuren Tran und Helle als Typen des ewig nörgelnden einerseits und positiv eingestellten Menschen unserer Zeit andererseits im alltäglichen Leben beobachtet wurden, so treten hier erstmalig zwei weibliche Figuren, Liese und Miese in Erscheinung. Liese ist das aufrechte, kluge, gerade und bejahende Mädchen der Gegenwart, die um die Schicksalsbedeutung des Ringens weiß; Miese ist die Karikatur der hysterischen, nörgelnden, meckernden Klatschbase, die nur an sich denkt und deren Verstand nicht weiterreicht als ihre Kulpnase. Liese ist mit der schönen Offenheit im Gesicht, die das Mädchen unserer Zeit kennzeichnet, Gerhild Weber. Brigitte Mira, die wir das erstemal im Film sehen […] spielt mit opfervoller Selbstüberwindung weiblicher Eitelkeit die mordshäßliche Miese. Es ist ohne Zweifel, daß die beiden weiblichen Figuren bald ebenso volkstümlich sein werden, wie es damals die beiden männlichen gewesen sind.“
– Artikel im Kleinen Volksblatt vom 14. Dezember 1943[4]
Die Serie wurde bereits nach zehn Folgen[5] wieder eingestellt. Sie verfehlte ihren Zweck, denn die Zuschauer im Kino sympathisierten viel mehr mit der auch äußerlich als Negativfigur konzipierten Miese als mit der blonden, adretten und stramm auf Parteilinie argumentierenden Liese.
„Die Miese sollte natürlich negativ wirken, hässlich aussehen, ungepflegt herumlaufen, eine richtige Schreckschraube wurde da gesucht.“
Noch nie davon gehört. Und das Verrückte daran: Die hässliche Miese wurde von Brigitte Mira gespielt. Eine der Volksheldinnen der 20.-Jahrhundert-Republik, eine der beliebtesten Schauspielerinnen (Drei Damen vom Grill).
So erinnerte sich Brigitte Mira später, „Als Goebbels die ersten Kurzfilme sah und von den Reaktionen des Publikums hörte, das ausgerechnet die Miese sofort ins Herz geschlossen hatte, wurde die Serie unverzüglich abgesetzt.“[6]
Wahnsinn.
Als Darstellerinnen gelten in den erhaltenen Unterlagen meist Mira und Weber. Allerdings werden auch Gisela Schlüter[17] und Grete Weiser[18] genannt. Wegen der doch nur wenigen Folgen scheint eine Übernahme der Rolle durch eine andere Schauspielerin nach dem Verfasser von “collection-heroes”[19] eher unwahrscheinlich.
Was? Gisela Schlüter auch? Die war ja auch sehr beliebt („Zwischenmahlzeit“).
Ich habe davon noch nie gehört.
Was ich aber erstaunlich finde: Heinz Rühmann hat man wegen Nazi-Propaganda degradiert und entehrt, obwohl der letztlich auch nichts anderes gemacht hat als zu überleben. Die Feuerzangenbowle diente ja hinter den Kulissen auch dazu, die Schauspieler vor dem Einsatz an der Front zu retten.
Warum ging man auf Rühmann los, nicht aber auf Mira und Schlüter?
Vielleicht deshalb, wie es Collection Heros beschreibt:
Das war auch York nicht entgangen, der in ihr die perfekte Besetzung für die freche und kecke Miese sah. So wie es für den jungen Filmregisseur seine erste Spielfilmregie sein sollte, war es für die Theaterschauspielerin die erste Filmrolle. Dabei war sie zwar erfreut über das Angebot des Films und dachte in ihrer jugendlichen Naivität gar nicht über die Dimensionen der Vereinnahmung durch die Propaganda nach. Letztlich lebte sie aber auch in ständiger Angst, entdeckt zu werden. Brigitte Mira lebte mit gefälschten Ausweisdokumenten im Dritten Reich, um sich und ihren Vater, der ein russischer Jude war, zu schützen. Ausgerechnet die kleine freche Frau, die bei den Veranstaltungen des Reichskulturministeriums auftrat und später sogar auf der Gottbegnadeten-Liste der Nazis stehen würde, war im NS-Sprech eine „Halbjüdin“.
Mira war durch die Rolle in der Zwickmühle. Dass sie durch die Dialoge geschickt die Regimepropaganda unterwandern und die gewollten Sympathien verkehren könnte, konnte sie damals noch nicht wissen. Sie sorgte sich vor allem um die Entdeckung. Würde sie die Rolle ablehnen und jemand ihre Personalien prüfen, so könnte sie in ernsthafte Gefahr geraten. Freunde rieten ihr, die Rolle lieber anzunehmen, auch wenn Mira ihre Probleme hatte, sich mit der Rolle zu identifizieren. „Miese sollte natürlich negativ wirken, hässlich aussehen, ungepflegt herumlaufen, eine richtige Schreckschraube wurde da gesucht. Und ich empfand es als wenig schmeichelhaft, dass ausgerechnet ich einen solchen Typ darstellen sollte.“ (Mira, S. 98). Den Freunden gelang es, sie zu überzeugen. „Ich spielte also die Miese. In den Filmateliers von Babelsberg wurde ich auf mies geschminkt und musste mir von der lieben Liese erklären lassen, dass eine deutsche Frau sich schlecht verhält, wenn sie Lebensmittelmarken hortet und »Feindsender« abhört. Sie habe auch im Krieg »höflich zum Volksgenossen zu sein«.“ (Mira S. 99).
Brigitte Mira war sich sicher, dass sie einen Gönner und Helfer im Reichskulturministerium gehabt hatte. Ein hoher Beamter könnte von ihrem gefährlichen Spiel gewusst und seine Hand schützend über sie gehalten haben. „Er kam aus Sachsen, liebte das Theater, verehrte Schauspieler. Manchmal, wenn ich eine zu kesse Lippe riskierte, riet er mir, den Mund zu halten. […] Derselbe Mann, der mir Warnungen zuspielte, half Brigitte Horney, in die Schweiz zu gelangen, half Erich Kästner, der Arbeitsverbot hatte und in ständiger Gefahr lebte, und er half vielen anderen.“ (Mira, S.79/80).
Auch wenn Mira nie stolz auf ihre Beteiligung in den Propagandafilmen war, fand sie doch einige Genugtuung darin, ausgerechnet die Rolle spielen zu dürfen, die offen gegen alle Konventionen verstieß. Sie genoss es „in den Texten und in der Rolle der Miese alles das vom Herzen reden und spielen zu können, was in den Nazi-Jahren die Volksseele zum Überkochen brachte. So verspritzten York und Luft in den Miese-Dialogen Gift und Galle, und ich war es, die diese Dialoge loslassen musste. Und ich empfand die Miese-Rolle schließlich durchaus als eine Möglichkeit, Kritik in jener Zeit anzubringen, in der Kritik eigentlich total verboten war.“ (Mira, S. 100) Letztlich waren es York, Luft und Mira, die dafür sorgten, dass die Propaganda der Nazis nur fehllaufen konnte.
Kurios. Man wollte aus Propagandagründen eine negative Figur, die vom Ideal der Nazis abweicht, erwischt dabei eine Halbjüdin, die die Rolle, in der sie gegen die Regierung wettern soll, nutzt, um gegen die Regierung zu wettern – und das Publikum identifiziert sich mit ihr, die Nazis setzen die Serie ab.
Und ich habe noch nie zuvor davon gehört.
Wisst Ihr, was das heißt?
Dass ausgerechnet die britischen Sozialisten die gleichen Propagandamethoden nutzen wollen wie die deutschen Nationalsozialisten. Und genauso auf die Schnauze fallen.
Nachtrag: Video auf Youtube