Jeder geht jedem auf den Sack
Die geschundene Gesellschaft.
Es ist mal wieder so, dass ich kaum noch einen Blog-Artikel schreiben kann, an dem nicht irgendwer rummoppert. Irgendeinen Schreibfehler, irgendwelche grammatikalischen Haarspaltereien findet immer irgendwer, und oft ist es blanke Regelsucht. Nicht selten muss ich Leute darauf hinweisen, dass Sprache keine kanonische, keine voll durchdefinierte exakt eindeutige Sache ist, sondern dass die Kunst des Formulierens ja genau darin besteht, nicht exakt vorhersehbar zu schreiben. Immer wieder höre ich Vorträge, in denen Leute präzise vorbereitete Texte ablesen, tadellos, fehlerfrei, in jeder Hinsicht korrekt, und dabei Probleme habe, wach zu bleiben. Die Tage hat einer gemoppert, weil ich das Wort „gucken“ verwendet habe. Wie kann man nur. Wie aber hießen dann die Alternativen zu „Guckloch“, „Ausguck“, „sich in jemanden vergucken“, „Was guckst Du?“. Meine etymologische Nachforschung ergab, dass man „gucken“ eben nur im süddeutschen Raum als Teil der normalen Sprache verwendet. Ich komme aus dem süddeutschen Raum. Der Leser vermutlich nicht.
Davon ganz abgesehen: Es sind Blogartikel. Die sollen weder eine Doktorarbeit sein (obwohl ich für mich in Anspruch nehme, dass viele meiner Blogartikel durchaus besser sind als so manche Doktorarbeit, die ich in den letzten 30 Jahren gesehen habe, inhaltlich wie sprachlich), noch Chancen auf den Literaturnobelpreis eröffnen, sondern schnell und aktuell sein. Sie sollen der Wahrnehmung des Grundrechts der Meinungsfreiheit dienen, und dazu gehört eine gewisse Spontanität. Es gibt aber immer wieder Leute, die den Sinn der Artikel nicht erfassen, und sich dafür am Detail hochziehen. Solche Micromanager, die die Mikroskop-Vergrößerung hochstellen, bis sie etwas auszusetzen finden.
Ich war diese Woche beim Zahnarzt, der zweite kariöse Zahn war dran.
Eigentlich hatte ich vor, die Praxis wie immer zu betreten und wie immer (natürlich an die Uhrzeit angepasst) zu sagen „Guten Abend. Danisch, Termin um 18:30 Uhr.“
Ging nicht.
Die Dame am Empfang war in einem Telefonat, und zu sagen, dass es exotherm war und die Fetzen flogen, wäre eine Untertreibung bis an den Rand der Fake News. Ich weiß nicht mal, ob es ein Patient oder Lieferant war, aber ich hätte keinen Cent darauf gewettet, dass das Telefon das schadlos übersteht. Ich wollte auch gar nicht wissen, worum es ging. Ich habe mich einfach ins Wartezimmer gesetzt und gewartet, bis Ruhe eingekehrt war und der Hörer seine vorläufige Ruhe auf der Gabel gefunden hatte.
„Guten Abend. Danisch, Termin um 18:30 Uhr.“
Wir kamen ins Gespräch, weil sie sich entschuldigte und gleichzeitig ihr Leid klagte. Die Leute könnten sich nicht vorstellen, wie schwer ihr Job da sei. Die sollten sich mal einen Tag an ihre Stelle setzen.
Die Leute würden nur noch stänkern. Das sei kein Einzelfall, den ganzen Tag gehe das so, von morgens bis abends. Die Leute drehten alle durch, keiner könne mehr etwas auf normale Art sagen. Alles immer nur noch in Vorwürfen, Beschuldigungen, Empörungen, Vorwürfen, Beschwerden.
Ja, sagte ich. Solche Effekte beobachte ich auch, und höre das auch aus dem Bekanntenkreis. Das liege nicht an ihr, das sei ein allgemeiner Effekt. Das ist zur allgemeinen Umgangsform geworden. Die Leute stehen unter Stress, weil es ihnen genauso geht, aber sie gewöhnen sich solchen Ton auch einfach an. Irgendwann geht es nur noch so, weil man mit normalem Ton nicht mehr beachtet wird, weil es eben nicht mehr „normal“ ist, normal zu reden.
Ich war heute im Supermarkt. Bisschen was zu futtern einkaufen.
Da flitzte so eine Kleine herum, schwer zu sagen, so vielleicht 6 Jahre, vielleicht drunter, vielleicht drüber. Sprachlich wirkte sie älter als sie aussah. Ich dachte noch, die ist aber hübsch, die Kleine, ein wirklich süßes Mädchen. Sie war eine zwar altersgemäße, aber doch ziemliche Nervensäge. „Mama, bekomme ich das? – Mama, kaufst Du mir das? – Mama, kann ich das mitnehmen?“ Liebe Güte. Sowas höre ich auf Zypern bei Jumbo auch ständig, und es hat dort den Vorteil, das ich mir immer einbilde, ich könnte plötzlich Griechisch, weil ich zwar kein Wort verstehe, aber immer glaube, jedes Wort zu verstehen. Kinder eben. Die arme Mutti.
Wie es der Zufall so wollte, traf ich die wieder. Die standen in der Schlange Richtung Kasse vermeintlich vor mir, gingen aber nicht voran. Mutti telefonierte. Und das sehr laut. Als wäre sie die, die am Dienstag am anderen Ende des Zahnarztpraxistelefonats war. Mutti brüllte. „Du bist so dumm! Du bist so idiotisch!“ Und so weiter und so fort und immer wüster. Schrecklicher Ton. Ich habe es gar nicht so richtig verstanden, hat mich auch nicht interessiert, ich glaube, irgendwas mit Allah kam noch drin vor. Vom Inhalt übel. Vom Ton her übel.
Ich ging dann vorbei und an die Selbstbedienungskasse.
Wie ich so meinen Kram da durchziehe, ging mir durch den Kopf, dass das Mädchen ja die Art des Umgangs mit anderen von ihrer Mutter lernt. Die macht das ja dann genauso. Das war mir ja schon aufgefallen, dass die Kleine versucht, ihre Wünsche und Ziele sprachlich mit den Mitteln der Nörgelei durchzusetzen. Und die wird genau diesen Ton von ihrer Mutter übernehmen, wenn sie merkt, dass man damit zum Ziel kommt.
Doch woher kam das?
Klar, zuerst kam dieser Ton mit Linken und Feministinnen in Umlauf. Jeden als Rassisten, Sexisten, Vergewaltiger beschimpfen, und sich selbst als Opfer hinstellen, bis man bekommt, was man will.
Ist das eine natürliche Eigenschaft des Menschen, so einen Ton zu entwickeln, wenn es sich lohnt?
Ja, schon.
Ich glaube aber, dass die Ursache hier eine andere ist.
Die Ursache ist links. Frankfurter Schule, „Kritische Theorie“. Leute, die sich einbildeten, dass sie ihre Ziele erreichten, indem sie an allem rummotzten, rumnörgeln. Alle beschimpfen. Alles Nazis.
Da werden wir so schnell auch nicht wieder raus kommen.