Ansichten eines Informatikers

Das Zeichen 272

Hadmut
18.1.2026 19:09

Sollte man kennen, beachten und dessen kulturelle Tiefe würdigen.

Viele Leser schrieben mir, dass es das Verbot, No U-Turn, nicht, wie ich geschrieben habe, „nur im Ausland“, sondern auch in Deutschland gebe.

Zeichen 272 – Verbot des Wendens – nach Anlage 2 zu § 41 Absatz 1 StVO: „Ge- oder Verbot: Wer ein Fahrzeug führt, darf hier nicht wenden.“

Mmh, ja, ich erinnere mich an die Fahrschule. Ist ja nicht so, dass ich das Zeichen als solches nicht kenne, nicht verstehe, nicht beachte.

Aber: Ich kann mich nicht erinnern, das Schild in Deutschland schon mal gesehen zu haben. Ich will es nicht ausschließen, aber ich kann mich nicht erinnern. Ich muss mal darauf achten, ob ich so etwas in Berlin sehe.

In Australien, Neuseeland und auf Zypern stehen die dagegen massenhaft rum, an vielen innerstädtischen Kreuzungen hängt so eines. Allein in der Straße, in der der neue große LIDL in Paphos liegt (Λεωφόρος δημοκρατίας, Dimokratias Ave, Boulevard der Demokratie, ist der Name nicht wunderbar?), gibt es vier oder fünf von den Dingern – pro Fahrtrichtung. (Metaphorisch könnte man sagen, dass es auf dem Weg der Demokratie kein Zurück gebe … die Verkehrsschilder erlauben es nicht.)

(Übrigens sieht man in dem Bild auf genau die Stelle, an der ich neulich einen Verkehrsunfall miterlebt habe. Ich stand an der Ampel, auf die man schaut und wo man die Einfahrt-Verboten-Schilder sieht, und zwar auf der inneren Spur mit den Geradeaus-Pfeilen auf dem Boden, während die Frau, der einer hintendrauf gedonnert ist, auf dem Linksabbieger-Streifen stand, wo man u.a. zum Einkaufszentrum mit LIDL kommt, als ihr einer voll hinten drauf gekracht ist. Wenn man mit der Maus im Bild den Blick nach rechts dreht, kommt man auf den Eingang zum Einkaufszentrum und zu LIDL.)

Das hat auch was mit der Art der Ampelschaltungen zu tun. Denn auf Zypern, Australien, Neuseeland (in Australien, Neuseeland und Zypern gibt es allerdings außerhalb der Kernstädte wenige Ampeln, weil die alles mit Kreisverkehr machen) ist das häufig so, dass man gleichzeitig den Geradeausverkehr und (Linksverkehr!) den großen Rechtsabbieger hat, während von rechts der kleine Linksabbieger erlaubt ist. Und dann ist der U-Turn verboten, damit man nicht mit denen kollidiert.

In Deutschland ist das aber nicht so, dass beim großen Abbieger (hier Linksabbieger) in der Gegenrichtung auch gleichzeitig der kleine Abbieger (hier Rechtsabbieger) erlaubt ist.

Frage: Wieviele Ampeln in Deutschland kennt ihr, bei denen der kleine Abbieger (also hier nach rechts) separat vom Geradeausverkehr erlaubt ist, während in der Gegenrichtung gleichzeitig der große Abbieger erlaubt ist? Das machen wir hier eigentlich nicht. Und deshalb gibt es den Bedarf für ein U-Turn-Verbot hier nicht in dieser Weise, weil es diese Art der Kollision ohne diese Ampelschaltung nicht gibt.

Bei uns läuft der kleine Abbieger (hier: nach rechts) fast immer zusammen mit dem Geradeausverkehr, und der große Abbieger (hier: nach links) entweder in eigener Phase nach amerikanisch-abbiegen, oder gleichzeitig/zeitverzögert zum Geradeausverkehr mit Beachtung des Gegenverkehrs.

Andere Gründe

In Australien, Neuseeland und auf Zypern ist in vielen Bereichen ausreichend Platz.

Die Straßen sind breit.

Und zwischen den Fahrspuren sind oft Grünstreifen oder Mauern.

Heißt: Es gibt dort viele Straßen, auf denen man mit einem normalen Auto den U-Turn von der großer-Abbieger-Spur überhaupt schafft.

In Berlin und vielen deutschen Städten sind die Straßen aber so eng, dass man diesen U-Turn gar nicht hinbekäme, ohne von ganz außen nach ganz außen auszuholen.

Frage: Wie oft seht Ihr in Deutschland Leute einen U-Turn fahren?

Das Problem stellt sich hier gar nicht so.

Außerdem möchte ich einen Punkt festhalten, auch wenn man mir das übel nimmt: Man kann über Deutschland vieles sagen, aber die Deutschen sind deutlich bessere Autofahrer als die Australier, die Neuseeländer und die Zyprioten. So chaotisch es hier auch gerade sein mag, und so hoch die Quote der Fahrer in Berlin ohne Führerschein – die Leute sind besser darin, zu erkennen, dass es nicht geht, und lassen das bleiben.

Und: Man hat in Deutschland nur sehr selten den Bedarf, überhaupt einen U-Turn zu fahren, weil man normalerweise, wenn nicht gerade irgendetwas gesperrt ist oder man sich verfahren hat, ohne U-Turn zum Ziel kommt.

In Australien, Neuseeland, Zypern ist aber das Straßennetz etwas simpler gestrickt, und es gibt nicht überall Abbiegemöglichkeiten, weil die versuchen, den Verkehrsfluss seltener zu unterbrechen und die Mittelbebauung seltener zu unterbrechen. Dort muss man gelegentlich einen U-Turn fahren, um zum Ziel zu kommen, weshalb der U-Turn dort zum normalen Autofahren gehört. Selten, aber doch substanziell. Deshalb nehmen die Leute dort den U-Turn als normales Autofahren wahr, und machen den auch öfter.

Das ist übrigens auch einer der Gründe, warum es in Australien, Neuseeland, Zypern so viele Kreisverkehre gibt: Die Straßenführung erzwingt manchmal den U-Turn, und sie haben das zur Unfallvermeidung durch eine 360°-Runde (=180°-Wende) im Kreisverkehr ersetzt.

(Geometrische Denksportaufgabe: Warum fährt man in Kreisverkehr eine 360°-Runde, um eine 180°-Wende zu machen? Der Grund ist verblüffend.)

Deshalb muss man den Autofahrern in diesen Ländern sagen „Deinen geliebten U-Turn in Ehren, aber hier bitte nicht.“