Ansichten eines Informatikers

Chinas Deutschland-Bild

Hadmut
13.1.2026 21:24

Ein mit China und dem Chinesischen vertrauter Leser hat mir geantwortet:

Ich hatte gefragt, ob die Untertitel des Videos stimmen, in dem ein chinesischer Professor sich angeblich über Deutschland und Europa lustig macht.

Die Untertitel stimmen…

… und ich kann bestaetigen, dass sich seit einigen Jahren der Fokus der Gespraeche, die wir in China ([anonymisiert]) fuehren, sowohl im familiaeren als auch im professionellen Rahmen signifikant geaendert hat.

Das, was der Redner von sich gibt, ist keinesfalls eine ueberspitzte Einzelmeinung – das ist voll im Mittelfeld und absolute Breitenmeinung in China.

„Frueher“ [tm]: Bewunderung, ja regelrechte Ehrfurcht – BMW, Mercedes, Trumpf, German precision engineering. Bayern Muenchen. Bier. „Mit wem muss ich schlafen, um nach Deutschland kommen zu duerfen? Kannst Du mir einen deutschen Ehemann vermitteln?“.

Vor einigen Jahren: Fluechtlinge. Atomausstieg. „Ok, ihr seid ja ein reiches Land, wir sind da ja nicht so gut im Thema, aber meint ihr, das geht langfristig gut?“.

Heute:

– Spott darueber, dass die Industrie aus D abwandert, man aber Milliarden fuer Fahrradwege in Peru (ja, die kennen das) ausgibt.

– Spott darueber, dass wir mit unseren Steuern diejenigen durchfuettern, vor denen wir in der S-Bahn Angst haben muessen, und darueber, dass hier Vergewaltigungen teilweise mit kleinen Geld- und lockeren Bewaehrungsstrafen abgetan werden (ja, die hoeren von sowas).

– Spott darueber, dass im kleinen D mehr Leute fuer „regierungskritische“ Posts strafrechtlich belangt werden als in China.

– Spott darueber, dass D weder ein gutes Schulsystem noch Rohstoffe hat noch High Tech kann – nur noch Papier und Regulierung der Dinge, die andere tun.

– Spott darueber, dass unsere „Demokratie“ seit vielen Jahren zunehmend die Duemmsten nach oben spuelt und dass hier Leute ohne Studium ueber komplexe politische und volkswirtschaftliche Fragen entscheiden, und man das Ergebnis ja sehe.

– … Spott, Spott, Spott – und zwar ein wenig Mitleid dafuer, dass die Buerger unter „kurzsichtigen Entscheidungen von Deppen leiden“… „aber letztlich habt ihr die ja gewaehlt.“ > ich muss der Verwandtschaft noch den deutschen Satz „geliefert wie bestellt“ beibringen 😉

Keine Lust mehr nach D zu reisen, weil es da „unsicher ist wie in einem Buergerkriegsland“, aehnlich verslummt, gleichzeitig teuer und arrogant, und „schlechteren Mobilfunk hat als Afrika“. Und ueberhaupt sei es ja viel zu unpraktisch, ein Faxgeraet auf eine Interkontinentalreise mitzunehmen.

Regelmaessige Facetime-Anrufe, wenn wir in D sind, ob es uns auch gut geht, wir noch Arbeit haben, und noch nicht abgestochen wurden. „Wollt ihr nicht lieber hier leben und arbeiten? Hier habt ihr – Sicherheit, Ordnung, wirtschaftliche Zukunft, besseres Internet und koennt euch Wohneigentum noch leisten.“.

Ich war ja vor ca. 15 Jahren mal auf einer Wochen-Exkursion in Peking. Luxus-Hotel.

Weil man da abends dann im Prinzip im Hotel hockte, nach Dunkelheit nicht mehr weg kam, kein Fernsehen bekam, das ich verstehen konnte und es Internet auch nur in Form eines kleinen, abgenudelten und ungesicherten Windowsrechner auf einem Tischchen in Inhaltskontrollsichtweite der Rezeption gab, ich auch bewusst keinen Rechner mitgenommen hatte, war abends – außer beim einem späteren Essen von Peking-Ente – nichts zu tun, und ich nahm stattdessen die verschiedenen – preisgünstigen – Wellnessangebote des Hotels in Anspruch, darunter auch Massagen. Die hatten da einen sehr professionellen Massagesalon (nicht was Ihr denkt), sehr vornehm gemacht, eingerichtet wie Arztpraxis mit Mitarbeiteruniform wie in Arztpraxis, alles einsehbar, wo man sich massieren lassen konnte. Vorher Termin an der Rezeption machen. Ich war da dreimal, bei einer unfassbar hübschen Chinesin, die wäre eigentlich genau mein Fall gewesen. Die war einfach der Brüller, und sehr, sehr sympathisch und angenehm. Problem daran, dass ich nur zwei Worte chinesisch konnte (ni-hao = Guten Tag und chie-chie=Danke) und die kein Wort nicht-chinesisch konnte, ich mit der also nicht ein einziges inhaltliches Wort sprechen konnte und alles per Zeichensprache ging. Aber: Ich habe mich mit der äußerst gut verstanden, die wäre so genau richtig gewesen. Ich habe mich da aber immer extrem brav und perfekt verhalten, weil ich schon fürchtete, dass es da irgendwie versteckte Kameras oder was auch immer gibt, und man da sofort verhaftet wird.

Bei der dritten Massage passierte dann etwas, womit ich nicht gerechnet habe, und was ich nicht einschätzen konnte.

Man bedeutete mir, dass gerade alle Liegen belegt seien und die Massage deshalb in meinem Hotelzimmer stattfinden müsse.

Die kam dann auch, und ich hatte ein großes Doppelbett im Zimmer. Dazu muss man sagen, dass die Sitten dort auch etwas anderes sind, denn dort standen in einem speziellen Halter nicht nur Teebeutel, Zahnbürste, Erfrischungstücher bereit, sondern auch Kondome und Intimreinigungstücher für sie und ihn. Die denken an alles, das stand in jedem Zimmer.

Ich wusste wirklich überhaupt nicht, wie ich das jetzt einschätzen sollte und wie ich da gefahrlos wieder rauskomme. Mir war überhaupt nicht klar, ob die Story wahr war, ob die also einfach gerade keine Liege frei hatten, oder ob das der Versuch war, einen Nebenverdienst zu eröffnen. Ob das eine Stasi-Falle war im Sinne von versteckter Kamera mit Erpressung oder gar Festnahme, keine Ahnung, ob Prostitution dort erlaubt ist, oder ob die wirklich was von mir wollte. Ist auch schwer rauszufinden, wenn man überhaupt nicht mit der sprechen kann und kein Wort versteht.

Ich habe also versucht, mich möglichst seriös zu benehmen, von nichts als der professionellen Massage auszugehen und keinerlei Ansatzpunkt für Missverständnisse, Erpressungen, Festnahmen, kompromittierende Videoaufnahmen zu liefern. Heißt im Klartext, dass ich mich exakt nach deren gestikulierten Anweisungen hingelegt und dann praktisch tot gestellt habe. Ganz normale Massage, alles professionell, aber ich hatte irgendwie den Eindruck, dass die etwas enttäuscht war.

Ich habe lange gegrübelt, wie ich das einschätzen solle. Total schwierig, wenn man das erste Mal in einem völlig fremden Land ist, die Sitten und Gebräuche, auch die Gesetze so überhaupt nicht kennt, und gar nicht weiß, wie man das einzuordnen hat. Es kann alles und nichts gewesen sein.

Aber die hätte mir schon sehr gefallen. Andererseits weiß ich auch nicht, ob die das nur als Zuverdienst zu etwa einem Studium gelernt hatte, oder ob die ihr Leben lang nichts anderes machte als massieren. Oder ob die vielleicht schon verheiratet und einfach nur höflich und nett ist.

Und was, wenn man irgendwas kulturell missversteht? Das landet man ruckzuck in einem chinesischen Knast und vermodert oder wird Tauschware für Spione. Man weiß ja nie, ob die nicht vielleicht vom Geheimdienst ist. Wir waren eine Reisegruppe der Gesellschaft für Informatik auf offiziellem Besuch, könnte ja auch sein, dass das eine Erpressungseinleitung war. Leser haben mir genau so etwas aus der DDR berichtet.

Erst hinterher habe ich erfahren, so wie auch in dieser Zuschrift, dass Chinesinnen früher einmal hinter westlichen Männern her waren. Vielleicht war das ja genau so. Vielleicht war die Story mit dem Zimmer ja nur Masche. Vielleicht wäre das gar nicht so verkehrt gewesen. Ich war an einer Informatik-Fakultät und in einer Universitätsbuchhandlung, Informatiker standen damals dort sehr hoch im Kurs. Wir hatten mit dem Dekan gesprochen, und der hatte gesagt, dass die Leute dort normalerweise innerhalb von ein bis zwei Semestern gut genug Chinesisch lernen, um einer Vorlesung folgen zu können, und sie dort gleichzeitig selbst auch Englisch lernen.

Wie auch immer, diese Zeiten dürften längst vorbei sein.