Damsel in distress
Schnee fällt – Frau bekommt Heulkrampf, geht viral und wird berühmt.
Ist zwar eine blöde Situation – aber kein Grund für einen Heulkrampf, und etwas, worauf man sich einstellen müsste, wenn man da wohnt und die Einfahrt kennt. Generation Vollautomatik und Fahrassistent. Und dann lachen sie, wenn früher in den alten 7.Sinn-Filmen Frauen als autofahrproblematisch dargestellt werden. Dabei haben sich nicht die Zeit und nicht die Frauen, sondern die Autos geändert. Die meisten Feministinnen bekämen ein Auto aus den 70ern auch heute nicht eingeparkt. Obwohl Frauen heute sportlicher sind und damit mehr Kraft haben.
Als wir damals noch Hühner hatten, hatte ich winters immer 50kg Hühnerfutter im Kofferraum, weil das a) die Hinterachse belastet und ich Heckantrieb hatte, b) ein wunderbares und zulässiges Streumittel für unter die Räder ist, wenn sie rutschen, c) hinterher von Tieren weggefressen wird und d) man es nach dem Winter nicht wegräumen und einlagern muss, sondern verfüttert und zum nächsten Winter neues Futter kauft. Und man e) immer eine Futterreserve für die Tiere hat. Wer kein Hühnerfutter hatte, hatte früher einen Beutel Streusalz im Auto dabei. Notfalls eine Hand voll vor jedes Rad, und das Salz war so hart und grobkörnig, dass es schon vor seiner Schmelzwirkung mechanisch beim Anfahren half. Und schräge Einfahrten hat man früher mit Salz gestreut. Ist heute verboten.
Heute hätte ich auch ein Problem, weil ich kein Hühnerfutter mehr mit mir führe, aber bei uns ist die Einfahrt trocken und überdacht. Es gab auch noch Zeiten, als wir noch viel mehr Schnee hatten, als ich immer einen Klappspaten, einen Schneebesen und auch einen große Kiste Werkzeug im Auto hatte. Bei meinen ersten beiden Autos musste man aber auch immer Werkzeug und wichtige Ersatzteile dabei haben. Wir hatten früher noch richtig Zeugs im Auto dabei. Jeder hatte ein Abschleppseil dabei. Bei Mercedes war damals eine Werkzeugtasche – Werkzeug von hoher Qualität – serienmäßig dabei.
Durchaus eine interessante Frage, was man in so einem Fall eigentlich macht. Heulen jedenfalls nicht. Im Artikel wird ja erwähnt, dass ein Mann mit Laubbläser sie errettet hat, der den Schnee weggeblasen hat. Früher hatten wir für so etwas schnöde Besen und Schneeschaufeln. Und eigentlich hatte man früher für solche Fälle auch Schneeketten im Auto. Hatte ich auch mal, habe ich auch schon lange nicht mehr dabei. Es gab auch mal „Anfahrhilfen“, große Klammern, die man über die Räder klemmt, um ein paar Meter aus der Park-Kuhle zu fahren, wenn man nicht rauskommt. Nur für Schrittgeschwindigkeit. Die hätten da auch geholfen, die habe ich aber auch schon lange nicht mehr gesehen.
Im Prinzip muss man schon zugeben, dass so eine rutschige Ausfahrt mit einem gewöhnlichen Stadtauto (und Sommerreifen?) zum unlösbaren Problem werden kann. Vor allem, wenn man eben kein Räumgerät und Streumaterial griffbereit hat, sondern sich auf die Hausverwaltung verlässt und die versagt. Und die nicht wenigstens einen Eimer Streumaterial hinstellt (was auf dickem Schnee allerdings auch nicht viel hilft).
Es ist natürlich ein Problem, wenn man seit 5 Jahren den Führerschein hat und beruflich fährt, aber noch nie auf Schnee gefahren ist.
Und vermutlich Automatik fährt.
Früher konnte man solche Probleme mit Gefühl im Ersten Gang noch zu einem gewissen Grad lösen. Oder im Rückwärtsgang. Was natürlich blöd ist, wenn man nicht mehr zurückkommt, weil das Tor hinter einem zu geht. Automatik kann da ein übles Problem werden. Man kann da den Gang begrenzen, was für Talfahrten, aber nicht für Glatteis reicht. Und es gibt noch den Trick, mit viel Gefühl die Handbremse leicht anzuziehen (manuell, nicht einrasten), damit die Automatik einen Widerstand hat und nicht durchdreht. Oder man kauft ein Auto mit Schlupfkontrolle. Früher waren die Autos im Winter zwar schwerer anzulassen, aber wenn sie mal liefen, besser zu kontrollieren und zu steuern. Heute geht alles automatisch, hat man gar keinen Einfluss mehr. Früher hat das auch mehr Spaß gemacht, die Leute haben sich einfach damit befasst und auseinandergesetzt, wie man ein Auto auf Schnee fährt – und wie es sich fährt. Ich hatte eine Menge Spaß, bei der Bundeswehr im finsteren verschneiten Wald im Iltis durch die Kurven zu driften.
Grundsätzlich aber sollte man sich dann, wenn man im Pflegedienst ist und Leute auf einen warten, auf so eine Situation vorbereiten. Und nicht den Klima-Heinis glauben, dass es nie wieder Schnee geben wird. Oder die Fahrassistenten das regeln würden.
Man sollte allerdings nicht den Fehler machen, das Versagen nur bei der Frau zu suchen. Man sollte auch mal die Architekten befragen, wie sie sich das eigentlich so vorgestellt haben. Das habe ich nämlich auch schon oft erlebt, dass Architekten Dinge bauen, die dann nicht verwendbar sind. Viele Architekten liefern enormen Pfusch ab. Und da würde ich die gerne mal hören, wie man – in Verbindung mit dem Tor, das sich von selbst hinter einem schließt – reagieren soll, wenn man die Ausfahrt wegen Schnee und Eis nicht hochkommt. Wenn man nämlich erst einmal in der Situation dieser Frau ist, unvorbereitet und ohne Hilfsmittel, gibt es ohne fremde Hilfe eigentlich keinen Ausweg mehr.
Fast keinen.
Früher hatten wir in den Autos hässliche, aber robuste Gummifußmatten und nicht die schicken, passgenauen Teppichbodenmatten mit Schaumstoff. Die man abgeschafft hat, weil sich darunter Feuchtigkeit sammeln konnte und die Autos da dann gerostet sind. Heute müssen die schön, weich und feuchtigkeitsdurchlässig sein, damit es nicht gammelt. Wenn gar nichts mehr ging, haben wir diese Fußmatten unter die angetriebenen Räder gelegt. Was bei Hinterradantrieb auch gerne dazu führte, dass die dann in hohem Bogen durch die Luft flogen und dem Hintermann auf der Windschutzscheibe oder im Gesicht landeten. Oder einfach Pappdeckel im Kofferraum. Aber früher hatten wir solche Tricks eben drauf. Ich habe seit Jahrzehnten niemanden mehr gesehen, der seine Fußmatten vor die Räder legte.
In der allergrößten Not hätte ich früher meine Schuhe ausgezogen und unter die Antriebsräder gelegt, wäre über die Schuhe gefahren. Und hätte sie danach wieder angezogen. Handschuhe, Schal, Sitzbezüge. Schlimmstenfalls die Hosen. Wir waren früher viel rustikaler drauf.
Wie dem auch sei:
Auf ein Problem mit einem Tik-Tok-Heulkrampf-Video zu reagieren, ist irgendwie schräg.