Ansichten eines Informatikers

Grammatik

Hadmut
9.1.2026 15:16

Ein Leser meckert an.

deutsche Grammatik

Sehr geehrter Herr Danisch,

Sie zitieren das bekannte Sprichwort:

Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu.

Jetzt mache ich mir schon ein paar Minuten Gedanken darüber, ob es nach dem ersten Komma nicht “dass” heißen müsste, also eine Konjunktion im Sinne eines Objektsatzes und kein Relativpronomen. Ich habe das einmal zerlegt:

1. Füg das bitte keinem andern zu.
2. Du willst ja schließlich nicht, dass man es dir zufügt.

Mit diesem weltbewegenden Problem können Sie sich nun eingehend beschäftigen. Oder Sie können es schlicht ignorieren.

In diesem Sinne

Ein Gutes Neues Jahr!

Ich habe mal darüber nachgedacht.

Der Einwand des Lesers ist berechtigt, aber falsch begründet, denn ein Grammatikfehler ist es nicht, beides ist grammatikalisch möglich.

Oder besser gesagt: „dass man Dir tu“ ist grammatikalisch auch etwas fragwürdig, weil Nebensätze mit „dass“ (im Latein baut man die als ACI, Akkusativus cum Infinitivo) normalerweise als Konsekutiv-, Final-, Modal-, indirekte Fragesätze gebaut sind. Und ein Hauptsatz mit „Was“ leitet eigentlich keinen solchen Satz ein, sondern verlangt eine genauere Beschreibung. Beispiel:

„Was hat er, das ich nicht habe?“

„Was ist es, das Du so begehrst?“

„Was geht es Dich an, was ich mit dem Hans berede?“

„Was andere machen, das musst Du nicht nachmachen!“

„Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“

Ein Nebensatz mit „dass“ nach „was“ ist sprachlich möglich, aber holprig. Man könnte es als Konditionalsatz bauen: „Wenn Du nicht willst, dass man Dir etwas tut, dann füge es auch keinem anderen zu.“

Nun ist aber zu berücksichtigen, dass

  • es altes Deutsch ist,
  • es ein Sprichwort ist, es sich also reimen und in eine Art Versmaß passen muss, und Grammatik nicht ganz so wichtig ist,
  • es da auch regionale Unterschiede gibt.

weshalb ich die Variante mit „dass“ nicht ausschließen will.

Grammatikalisch besser hat das Kant formuliert, der den gleichen Gedankengang konsekutiv formulierte:

„Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“

Konsekutiv, grammatikalisch sauber.

Die Frage ist also eher, was historisch korrekt ist, denn die Grammatik hilft hier nicht unbedingt weiter, zumal es bei Sprichwörtern manchmal gerade der Witz ist, die Grammatik zu verbiegen.

Also habe ich nachgesehen, wie das zitiert wird, bin aber auch nicht viel schlauer geworden, denn die meisten schreiben es mit „das“, und Wikipedia zieht sich ganz aus der Affäre:

„Was du nicht willst, das[s] man dir tu’, das füg auch keinem andern zu.“

gibt als Quelle dazu aber an:

Das Relativpronomen „das“ wird oft auch als Konjunktion „dass“ wiedergegeben und leitet dann einen objektlosen Nebensatz ein, jedoch ohne wesentlichen Bedeutungsunterschied. Siehe Georg Büchmann: Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes. (1882) Unveränderter Nachdruck: Outlook, Frankfurt am Main 2024, ISBN 978-3-385-09212-9, S. 54f.

Generell würde ich aber sagen, dass es ein schlechtes, ungebildetes Deutsch ist, einen Satz, der mit „Was…“ anfängt, mit „dass“ näher zu bezeichnen, zumal es nach dem Nebensatz ja auch mit „das“ weitergeht.

Daher möglicherweise auch das Verständnis des Lesers, der das auf das Verb bezieht wie in „Du willst nicht, dass das passiert“. Da ist aber das, was passiert, im Kontext vorangegangen, und dass dann konsekutiv auf das Verb bezogen ist. Ich hatte das ja mal beschrieben, dass auch im Deutschen die Struktur „Subjekt, Prädikat, Objekt“ vorherrscht, die Struktur sich aber durchaus auf vorangegangene Sätze oder den Kontext verschieben kann, einzelne Sätze deshalb nicht logisch-grammatikalisch vollständig sein müssen, was etwas die sogenannte Ellipse ermöglicht, weil sie zumindest gedanklich vollständig sind.

Das hat man hier aber nicht. Das Sprichwort kommt mit keinem Kontext daher, und der Hauptsatz stellt mit vorangestelltem, aber nur stellvertretend mit „was“ offen gelassenem Akkusativ-Objekt eben jenes in den Mittelpunkt, womit sich der folgende Nebensatz nicht auf das das Verb, sondern auf das Akkusativobjekt bezieht, und damit die ganzen Satzkonstruktionen mit „dass“ wegfallen.

Beispiel:

„Er ruft das Kind, das da steht.“ Hier mit das, weil es eine nähere Beschreibung des Kindes, also des Objektes ist.

„Er ruft das Kind so laut, dass es einen Schreck bekommt.“ Hier bezieht sich dass als nähere Beschreibung des Verbs, des Rufens, nämlich konsekutiv als Folge der Handlung.

Deshalb bin ich der Meinung, dass grammatikalisch ein „das“ richtig wäre.

Es gibt allerdings auch Konstruktionen, bei denen das Objekt durch einen Nebensatz mit dass ersetzt wird: „Er sagt, dass Montag ist.“ Der Unterschied ist aber, dass der Nebensatz dann selbst eine bestimmte, indikative und keine offene Aussage ist. „Du sagst, dass Du das nicht willst.“ im Gegensatz zu „Du sagst, was Du willst.“

Allerdings gebe ich gerne zu, dass [auch so ein Beispielsatz] das alles verfehlt ist, weil es um Redewendungen und Sprichwörter geht, und die nicht sprachlich korrekt sein müssen, sondern eben alt sind und einen gewissen Sprach- und Überlieferungswitz haben müssen, weshalb die ganze Diskussion eigentlich völlig für die Katz’ ist, und sicherlich einfach beides möglich ist, egal ob richtig oder falsch.

Aber: Ich finde, „das“ hört sich etwas schlauer und gebildeter an.

Ich würde das selbst anders formulieren. Aber dann reimt es sich nicht und taugt nicht als Sprichwort.

Und Reimen ist da eben ganz wichtig.

Die Hirn-Reihenfolge

Übrigens folgt das Sprichwort auch einer gewissen Hirn-Reihenfolge, der die meisten Menschen folgen, nämlich dass die Konsequenz nach hinten muss. Viele Leute haben Schwierigkeiten, die Konsequenz an den Anfang des Satzes zu stellen.

Würde ich den Satz als Lehrsatz formulieren, würde ich eher sagen (wenn man auf Reim verzichtet) „Füge keinem anderen zu, was Du nicht für Dich selbst willst!“ Da steht die Konsequenz am Anfang, weil es ein Imperativ ist. Das fällt aber vielen schwer, die Konsequenz vor der Ursache zu nennen.

Beispiel: Ich schreibe doch gerne „Geliefert wie bestellt“. Und werde auch oft dafür zitiert. Hat etwas nachgelassen, noch vor 5 oder 10 Jahren schrieben mir Leute, dass das auf Parties als geflügeltes Wort auftauchte.

Kurioserweise werde ich in den Social Media aber öfter mit „Wie bestellt, so geliefert.“ als korrekt zitiert, obwohl ich das nie gesagt/geschrieben habe und mir sprachlich auch überhaupt nicht gefällt. Die Leute merken sich zwar die Redewendung, stellen sie aber so um, dass sie der Hirnstruktur besser passt, nämlich Ursache -> Konsequenz, und dazu sogar ein Füllwort ergänzt. Und genau so sehe ich das auch bei dieser Regel, diesem Sprichwort. Eigentlich ist der ganze Satz vermurkst. Aber erstes entspricht er dieser Hirnstruktur, zweitens soll er sich reimen, und drittens dürfen Sprichwörter usw. holprig sein, gerade weil man sie sich dann besser merkt.

Will sagen: Es geht beides. Es ist völlig egal. Und die Diskussion darüber ist überflüssig und Zeitverschwendung, weil dabei sowieso weder Ergebnis noch Wirkung herauskommen. Und es könnte auch völlig egal sein, was sprachlich richtig ist, weil es mehr darauf ankommt, was historisch zutreffend ist.