Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Stilldemenz

Hadmut
11.5.2022 22:50

Follow the science.

Ein Leser schreibt:

Sehr geehrter Herr Danisch

Viele Artikel Ihres Blogs beschäftigen sich mit der Amygdala und den daraus resultierenden Auswirkungen auf das Verhalten weiblicher Zeitgenoss*Innen.

Nun scheint sich zusätzlich zu allfällig vorhandenen geschlechtsspezfischen Unterschieden die Gehirnphysiologie von Frauen bei der Mutterschaft tiefgreifend zu verändern. Im Deutschen wird dieser Vorgang mit dem Begriff “Muttertät” umschrieben. z.B hier:
https://www.watson.de/leben/interview/747341761-mutterwerden-zwei-doulas-erklaeren-das-veraendert-sich-bei-einer-frau

Zwei Doulas. Noch nie gehört. Zwei Schwestern haben eine „Doula-Ausbildung“. Ergoogelt:

A doula is a professional labor assistant who provides physical and emotional support to you and your partner during pregnancy, childbirth and the postpartum period.

Eine Schwangerschaftsbegleiterin. Würde mich interessieren, ob die auch bei der Zeugung unterstützend tätig sind, so als Begattungshelferin.

Und die sagen nun:

Wie tiefgehend sind diese Änderungen in der Muttertät denn?

Die Forschung konnte in den letzten sechs Jahren zeigen, dass durch die Veränderungen der Hormone in der Schwangerschaft und Geburt tatsächlich auch das Gehirn verändert wird. Die Struktur der grauen Masse wird verändert, es entstehen neue Verbindungen dadurch, dass die erst erhöhte Hormonkonzentration nach der Geburt so stark und rapide abfällt. Verbindungen, die nicht gebraucht werden, fallen raus und die, die jetzt notwendig sind, werden verstärkt. Und das gibt es sonst im Leben tatsächlich nur in der Pubertät. Diese Veränderung ist so stark, dass sogar Scans von Gehirn erkennen können: Ist sie eine Mutter oder keine Mutter?

Und was dann gebraucht wird und was nicht, das liegt auf der Hand. Mathematik raus, „Eieieieiei, hattu schönes Scheißerchen gemacht“ rein.

Eine beeindruckender Beweis dafür, wie man sich als Mutter verändert. Gibt es noch andere Ebenen der Veränderung?

Man spricht von fünf Ebenen: Da ist die körperliche Ebene, die Veränderung des eigenen Körpers mit Schwangerschaft und Geburt umfasst. Die Beziehungsebene, also die Beziehung zum Partner oder Partnerin, Geschwistern, Eltern, Freunden und die persönliche Ebene, die auch die emotionale Veränderung beinhaltet. Dann gibt es die Persönlichkeitsebene: Man weiß, dass Mütter häufig neu gründen, weil sie auf einmal den Drang verspüren, sich zu verändern oder ihrer Arbeit einen anderen Sinn zu geben oder sie haben plötzlich ganz andere Prioritäten. Die Weltanschauungsebene, also das Umweltbewusstsein, der Glaube oder das politische Wahlverhalten kann sich verändern. Und die fünfte Ebene ist die berufliche, denn man bekommt einen anderen sozialen Status in der Gesellschaft, wenn man Mutter wird. Man weiß also, dass ein Kind auf verschiedenen Ebenen zu einer Neuorientierung führen kann.

Der interessante Punkt ist ja nun, dass sie beschreiben, dass das umso ungenehmer und deutlicher selbst wahrgenommen wird, je mehr man sich dagegen wehrt. Deshalb sei die gesellschaftlich aufgezwungende Doppelrolle Mutter-Angestellte im Ergebnis kontraproduktiv.

Der Leser schreibt weiter:

In diesem Artikel wird auch darauf hingewiesen, dass sich diese Veränderungen im MRT nachweisen liessen. Und tatsächlich liefert google u.a. diese zwei Treffer:

https://www.researchgate.net/publication/326400082_Brain_plasticity_in_pregnancy_and_the_postpartum_period_links_to_maternal_caregiving_and_mental_health/link/5fb92365299bf104cf67017d/download

https://www.researchgate.net/publication/356745205_Less_Can_Be_More_Fine_Tuning_the_Maternal_Brain/link/61dd94cc034dda1b9eeda6d8/download

Möglicherweise liefern diese Art Studien ein taugliches Modell, um beobachtetes Verhalten auf rational wissenschaftlicher Basis zu erklären.

Als ich allerdings in der Zusammenfassung der zweiten Studie gelesen hatte, dass eine Schwangerschaft die andernorts so hoch gepriesene graue Masse schrumpfen lasse, habe ich mich nicht mehr getraut, weiter zu lesen.